Dankesrede von Narges Mohammadi – aus dem Evin-Gefängnis in Teheran

Narges Mohammadi ist eine der bedeutendsten Menschenrechtlerinnen des Iran. Hierfür wurde ihr der Menschenrechtspreis der Stadt Weimar 2016 verliehen.

zur Verleihung des Menschenrechtspreises der Stadt Weimar am Tag der Menschenrechte, dem 10. Dezember 2016

 

An die IGFM in Frankfurt und den Rat der Stadt Weimar

Guten Tag!

Zuerst erlaube ich mir, an dieser Stelle den Führungspersonen der „Grünen Bewegung" im Iran, Frau Rahnaward und die Herren Karrubi und Moussawi zu gedenken; außerdem meinem ehrenwerten Kollegen Herrn Abdolfattah Soltani, den zum Tod verurteilten Dissidenten und politischen Gefangenen. Darüber hinaus möchte ich, wie die anderen engagierten politischen und gesellschaftlichen Aktivisten, meine Besorgnis über das sehr ungerechte und harte Urteil gegen Ahmad Montazeri zum Ausdruck bringen. Der Hintergrund ist die Veröffentlichung von Tonbandaufnahmen von Massenhinrichtungen politischer Gefangener in den 80er Jahren im Iran.

Im Augenblick verbüße ich eine mehrjährige Haftstrafe. Erst vor drei Monaten bin ich im Berufungsverfahren zu 16 Jahren Haft verurteilt worden. Ich bin im Gefängnis wegen meines Einsatzes für die Zivilgesellschaft und Aktivitäten bei Nichtregierungsorganisationen wie dem „Zentrum für Menschenrechtler/innen", „Feministische Frauen" und der „Kampagne gegen die Todesstrafe". Diese nicht-gesetzliche Verurteilung zielt nicht nur auf die Beendigung meiner gesellschaftlichen Aktivitäten ab, sondern ist auch ein Mittel zur Unterdrückung anderer politischer und sozialer Aktivisten. Aber glücklicherweise werden solche Verurteilungen nicht von der Öffentlichkeit in der Gesellschaft meiner Heimat und von internationalen Organisationen akzeptiert; dagegen wurde protestiert. Diese gesetzeswidrigen Verurteilungen haben nicht den geringsten Einfluss auf unsere Willensstärke zur Verwirklichung einer Zivilgesellschaft, der Demokratie und der Menschenrechte.

Verehrte Damen und Herren, in solch einer Situation in meinem Land bevorzuge ich, eine friedliche Bürgerin, Sozialaktivistin und Menschenrechtlerin im Gefängnis zu sein, anstatt eine gleichgültige und passive Bürgerin, die angeblich frei ist. Für die Errichtung eines Rechtsstaats und die Gleichberechtigung der Geschlechter bleibe ich lieber eine von der Familie, Arbeit und Freiheit fortgerissene Feministin, als eine unterworfene und unterdrückte Frau mit Scheinfreiheiten.

Es gibt aber auch nicht wenige Frauen und Männer, die sich bewusst für so ein Leben entschieden haben, enorme Kosten auf sich nahmen und noch entschlossener und stärker auf ihren Überzeugungen und Forderungen bestehen.

Ich schätze Ihre Mitwirkung und Ihren Einsatz - meine Verehrten - für diese mutigen Frauen und Männer sowie Ihre Aufmerksamkeit für meinen eigenen Zustand. Ich bedanke mich herzlichst bei Ihnen und drücke Ihre liebevollen Hände.

Narges Mohammadi

 

28. November 2016, Evin-Gefängnis, Teheran, Islamische Republik Iran

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