/Ist der arabische Frühling für die Frauen in Ägypten zur Katastrophe geworden?

Ist der arabische Frühling für die Frauen in Ägypten zur Katastrophe geworden?

Ist der arabische Frühling für die Frauen in Ägypten zur Katastrophe geworden?

Wir haben diese Frage in einem persönlichen Gespräch mit Nihal Nasr El-Din erörtert.

 

Nihal Nasr El-Din ist Politologin und lebt seit August 2013 in Deutschland.

Nihal Nasr El-Din ist Politologin und lebt seit August 2013 in Deutschland.

Nihal Nasr El-Din leitete in Ägypten bis April 2011 das Projekt “Social media as tool for youth empowerment“. Angesichts der postrevolutionären Entwicklungen betrachtet sie ihre intensive Aufbau- und Aufklärungsarbeit für die Rechte der Frauen und die Gleichbehandlung von Mann und Frau in der ägyptischen Gesellschaft als ruiniert.

Nihal Nasr El-Din ist Politologin und lebt seit August 2013 in Deutschland. Sie ist fest entschlossen, hier zu promovieren und durch die Auseinandersetzung mit ihrem Promotionsthema gestärkt in den gesellschaftlichen Diskurs nach Ägypten zurückzukehren.

Bereits bei ihrem Studienbeginn an der Suez Canal University im Jahr 2000 ist sie mit dem Thema Frauenrechte in der ägyptischen Gesellschaft in Berührung gekommen. In Ismailia begann auch ihr selbstbestimmtes Leben. Ihre Mutter hatte sie bei der Suche nach einer kleinen Wohnung unterstützt und ihr damit auch Freiraum zur Gestaltung ihres Lebens mit auf den Weg gegeben – für ägyptische Verhältnisse ein großer Schritt. Noch im gleichen Jahr lud eine Freundin der Mutter sie zu einem gemeinsamen Besuch eines Dokumentarfilmfestivals ein.

 

„Armut ist weiblich“

Unter diesem Festival-Titel offenbarte sich für Nihal eine ihr bis dato unbekannte Welt. Die Erkenntnis, wie viele Frauen in Ägypten vor allem in ländlichen Gebieten in Unfreiheit und Armut leben, berührte sie tief. „Ich konnte nicht glauben, wie schlimm die Situation ist“. Natürlich wusste ich von Ungerechtigkeiten im Zusammenleben der Geschlechter doch ich kannte ihr tatsächliches Ausmaß nicht. Wer wie ich in Kairo behütet aufgewachsen ist und im Hauptstadtklima persönlich gut zurecht kam, hatte nicht oft Kontakt zu Frauenrechtlerinnen. Wir kannten sie aus dem Fernsehen, spektakuläre öffentliche Auftritte und Meinungsäußerungen zur Situation der Frauen in Ägypten gab es selten. Erst mein studentisches Leben in Ismailia bot mir ungeahnte Möglichkeiten zur freien Meinungsbildung.

Während der vorlesungsfreien Zeit nach 14 Uhr hatte ich Gelegenheit, über ein eventuell persönliches Engagement nachzudenken. Durch das Volontariat bei der New Woman Foundation gelang mir dann der tiefere Einstieg. Ich wollte in lokalen Projekten mitwirken und mit Menschen direkt in Kontakt kommen. Nach Vorlesungsschluss besuchte ich zahlreiche Veranstaltungen, um Menschen zu treffen und mehr über ihre Alltagssituation zu erfahren. Langsam fiel auf, dass ich mich frei bewegen konnte. Manche Eltern von Kommilitonen verboten ihnen sogar den Umgang mit mir, da ich offenbar tun und lassen konnte, was mir in den Kopf kam. Also behauptete ich, dass ich mit meiner Großmutter zusammenleben würde, um Erklärungsnotstand zu vermeiden. Und weil ich mich unverschleiert in der Öffentlichkeit bewegte, hielt man mich für eine Christin. Abends besuchte ich Zeichenkurse und spielte Volleyball. Ich nahm praktisch jede Chance wahr, mein soziales Umfeld zu erkunden und durch die vielseitigen Aktivitäten lernte ich täglich neue Menschen kennen. Das Engagement für die Frauenrechte wurde zu meinem Leben.

 

Unterschiedliche Lebenswelten in Ismailia und Kairo

Familienleben in Ismailia stand in einem deutlichen Kontrast zu unserem Leben in Kairo, das ich immer als liberal empfunden habe. Ich liebte Ismailia. Einerseits erschien mir die Stadt gelassener, fester gefügt und familenorientiert, andererseits hält man dort am überlieferten Leitbild für das gesellschaftliche Zusammenleben von Mann und Frau fest, ohne es zu hinterfragen oder an veränderte gesellschaftliche Verhältnisse anzupassen. Hinzu kommt eine in Ägypten unter jungen Frauen gering ausgeprägte Neugier auf Reisen und Erkundungen. Das begünstigt das Festhalten an tradierten Vorbildern. Es existieren also nur wenige bis keine Vergleichsmodelle in den Köpfen der Bevölkerung, die Orientierungshilfe bieten könnten.

 

Lokales Engagement in der Suez Region

Wir haben in Zusammenkünften mit jungen Frauen, jungen Müttern und Vätern viel Zeit darauf verwandt, über neue Formen des Zusammenlebens und die gemeinsame Wahrnehmung der Verantwortung für die Kinder zu diskutieren. Damit junge Frauen auch ein gesellschaftliches Engagement übernehmen können, brauchen sie partnerschaftliche Beziehungen. Wie man das praktisch im Alltag angeht, wie man Ehe, Kinder und berufliche Entfaltung unter einen Hut bringt, haben wir zum Thema gemacht; Unterstützung, Räume für Kinderbetreuung und gemeinschaftliche Unternehmungen organisiert. Das funktionierte nur in kleinen Schritten, nur allmählich offenbarten sich zarte Fortschritte. Auch eine neue Rechtsform für „Junge Frauen“ schwebte uns vor, verbindliche, zivilrechtlich wirksame Regeln für die Zeit zwischen Verlobung und Ehe, um Frauen in dieser Lebensphase ein selbstbestimmtes Leben zu sichern. Noch immer erdulden viele Frauen zwischen Verlobung und Eheschließung eine Zeit der Entmündigung, sind angehalten zu dienen und zu gehorchen.

In Ismāilia, Port Suez oder Sinai gehören Belästigungen am Arbeitsplatz zum beruflichen Alltag. Diese Tatsache ist weithin bekannt. Wir hatten uns deshalb auch vorgenommen, einen zentralen Lebensbereich wie den Arbeitsplatz für Frauen besser zu schützen. Doch wir sind mit unserem Projekt nicht nennenswert vorangekommen.

Noch in den frühen 2000ern dauerte ein Genehmigungsverfahren für die Neugründung einer NGO etwa vier Jahre. Um unsere Ziele weiter zu verfolgen und Frauenrechte einzufordern, haben wir uns von dieser administrativen Hürde nicht abschrecken lassen. Wir nutzten stattdessen die Zeit von 2003 bis 2007 für Aufklärungs- und Aufbauarbeit, auch um unseren Bekanntheitsgrad zu erhöhen, Vertrauen zu bilden und Frauenrechtsthemen zu adressieren. Kampagnen wie „I am a woman, I have rights“ oder „I am here“ haben Aufmerksamkeit geweckt und sensibilisiert. Doch es hätte weiterer, kontinuierlicher Arbeit bedurft, um die Vorstellungen in den Köpfen der Bevölkerung in eine positive Haltung zu Frauenrechten umzuwandeln.

 

Hoffnungsvoller Aufbruch

Mit der Arabischen Revolution kam die Wende, wir sind voller Hoffnung in die neue Zeit gegangen und bitter enttäuscht worden. Während der heftigsten Auseinandersetzungen und Straßenkämpfe habe ich in einer Koordinationsstelle für Hilfsangebote gearbeitet und schnelle ärztliche Behandlung für Verwundete organisiert. In dieser furchtbaren Zeit und unter dem schrecklichen Eindruck der Ereignisse gab es Tage, an denen ich mich kraftlos und unfähig fühlte, meine Arbeit zu tun und Tage, an denen mir klar wurde, wie weit die Frage der ägyptischen Frauenrechte in den Hintergrund getreten ist. Die wirtschaftliche Erneuerung des Landes wird sich rasch vollziehen doch es wird lange dauern, bis sich Ägypten von dieser zivilen Katastrophe erholt. Wahrscheinlich fließen Jahre in die gesellschaftliche Neuordnung, die mehr und mehr zu einem Generationenprojekt heranwächst.

 

Ein neues Ägypten mit verbrieften Frauenrechten?

„Sexueller Terrorismus“ in der Öffentlichkeit ist jetzt an der Tagesordnung. Frauen aller Altersgruppen erleiden sexuelle Übergriffe. Die jüngste Geschichte Ägyptens zeigt unzählige Beispiele auf. Es braucht einen wahrhaft starken politischen Willen, um die rechtlose Situation der Frauen in Ägypten zu korrigieren und die Gleichstellung von Mann und Frau im gesellschaftlichen Leben zu verankern.

 

Mit Nihal Nasr El-Din sprach Brigitte Dill-Dufner im Dezember 2013.

 


(Credit Vorschaubild: Al Jazeera English, Wikipedia Commons CC BY 2.0./ Link: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:International_Women%27s_Day_in_Egypt_-_Flickr_-_Al_Jazeera_English_(106).jpg)