Juan Adolfo Fernandez Sainz: Mein Dissidentendasein auf Kuba

 

Madrid, 16.09.2010

Juan Adolfo Fernandez Sainz (geb. 30.11.1948), verhaftet 2003, verurteilt zu 15 Jahren Gefängnis, vorzeitig freigelassen und ausgewiesen mit Familie nach Spanien am 20.08.2010.
Juan Adolfo Fernandez Sainz vor seiner Verhaftung 2003. 

Ich war als Übersetzer-Dolmetscher bei der kubanischen Regierung tätig, als die Berliner Mauer fiel. Mein Gehalt betrug damals knapp 300 Pesos. Es war nicht viel, aber ausreichend. In wenigen Monaten war auf dem Schwarzmarkt ein US-Dollar mehr als 100 Pesos wert. Daran sah ich, dass ich weniger als drei US-Dollar im Monat verdiente.

Ich hörte mir alle politischen Reden an und las täglich die offizielle Zeitung, um einen Anhaltspunkt zu finden, dass Kuba dabei war, sich zu ändern. Alle waren sich einig: Kuba braucht eine effizientere Wirtschaft und die politische Macht muss mehr demokratisch sein. Aber Fidel Castro hat dem keine Aufmerksamkeit geschenkt, er verfolgte weiter seinen Kurs, als ob nichts geschehen war. Die Situation war unerträglich, unser Volk litt.

In dieser geistigen Verfassung hörte ich in Radio Marti - ein von der US-Regierung unterstützter Sender für Kuba - kubanische Dissidenten redeten und ich traute meinen Ohren nicht. Ich hörte ihnen zu und fand sie so wahrhaftig und ehrlich und intelligent, dass ich einer von ihnen sein wollte, denn was sie sagten, war genau auch meine Meinung. Sie waren nicht gewalttätig, wollten nur den Übergang zur Demokratie, die Achtung der Menschenrechte und so weiter.

Aber sobald ich einer von ihnen wurde, verlor ich meinen Job. Nun war mein Gehalt gleich Null. Ich arbeitete vierzehn Stunden am Tag, besuchte politische Versammlungen und traf mich mit meinen neuen Freunden. Ich wurde Mitglied einer politischen Organisation, die nach meinem Geschmack war, und war bald auch bei Radio Marti. Da es mehrere Trends innerhalb unserer Organisation - der Partido Solidaridad Democratica - gab, fand ich, dass ich auch immer wieder Zugeständnisse machen musste, damit man einen politischen Konsens erzielen konnte.

Damals hatten einige professionelle Journalisten in der Dissidentenbewegung die geniale Idee, eine unabhängige Presse zu gründen. Da alle Massenmedien in den Händen der Regierung waren, würde eine von der kommunistischen Partei unabhängige Presse ein sehr nützliches Instrument sein, um der Welt den wahren Stand der Dinge in Kuba zu zeigen. Ich schloss mich ihnen an und schrieb Artikel, die meiner Meinung entsprachen. Nun brauchte ich mich nur noch nach meinem Gewissen zu richten und ich konnte mit meinen Artikeln Geld verdienen, indem ich sie auf einer Website - Encuentro - und in einigen ausländischen Zeitungen veröffentlichte. Ich könnte diesen Punkt mit Daten und Informationen weiter ausführen, aber ich weiß nicht, wie ausführlich ich dabei sein sollte.

Etwa fünf Jahre später, im Jahr 1999, hat die Regierung ein Gesetz erlassen, das speziell für unabhängige Journalisten zugeschnitten war. Zusammengefasst hieß das, wenn du über die Lage in Kuba mit einem ausländischen Journalisten sprichst, dann würdest du damit automatisch zum US-Embargo gegen Kuba beitragen, was als schlimmes Vergehen geahndet werde und du würdest zu vielen Jahren Gefängnis verurteilt werden. Und wenn du in einer Gruppe arbeitest, also Mitglied einer Agentur bist und damit Geld verdienst, würde dir das vor Gericht zu einer noch strengeren Strafe beitragen.

Meine ganze Familie war darüber besorgt, aber ich beschloss weiterzumachen, wie praktisch alle von uns weiter machten, und den Konsequenzen entgegenzusehen. Aufzuhören wäre einem Akt von Feigheit gleichgekommen und wir hatten jedes Recht der Welt, unsere Meinung frei zu äußern und die Wahrheit über unser Land zu erzählen. Unser Zeugnis war sehr wertvoll und wenn die Regierung dieses Gesetz erlassen hatte, war das ein Beweis dafür, dass wir sehr wirksam waren. Sie hatte einen politischen Preis dafür bezahlt, dieses Gesetz (Dekret 88) zu verabschieden, aber wir sollten weiter das tun, was wir taten. Ich war damit ganz im Einklang mit meinem Gewissen.

Ich schrieb weiter meine Artikel über die Lage in Kuba, las jeden Tag die offizielle Presse, um zu sehen, was die Regierung und vor allem Fidel Castro sagten, um darauf in irgendeiner Weise zu reagieren. Ich habe versucht, die Regierung sehr respektvoll zu behandeln, um ihr keinen Anlass zu bieten, mir ihren gängigen Hauptvorwurf, den der Respektlosigkeit, vorzuwerfen. Ich war dabei immer ehrlich und wahrhaftig, damit man mir auch nicht vorwerfen konnte, ich hätte falsche Nachrichten gelesen. Deshalb habe ich immer sehr genau meine Quellen geprüft. Und wenn ich Zweifel hatte, dann habe ich eine Veröffentlichung immer vermieden.

In der Vergangenheit hatte die Regierung mehrere unabhängige Journalisten ins Gefängnis geschickt wegen angeblicher "Respektlosigkeit" - Respektlosigkeit gegenüber den nationalen Behörden oder politischen Persönlichkeiten oder auch wegen einer angeblichen "Verbreitung falscher Nachrichten". Wenn beispielsweise ein Gefangener Ihnen berichtet hatte, dass er im Gefängnis von den Wachen misshandelt wurde, hat man ihm  mit der politischen Polizei gedroht hat und er daraufhin das Gesagte geleugnet hätte, wäre das vor Gericht dann gegen Sie verwendet worden. Die Strafen zuvor waren nicht sehr hart, zwei oder drei Jahre Gefängnis, doch jetzt sprechen wir von viel härteren Strafen. Meine Familie wurde nervös und so auch ich.

 

 

Verhaftung

Dann kam das Frühjahr 2003, als wir verhaftet und verurteilt wurden.

Am 19. März kam ich um 18 Uhr nach Hause. Fünf Minuten später klingelte die Polizei bei mir.  Es war wie eine Armee von Sicherheitsbeamten in grüner Uniform. Ihr Anführer zeigte mir sein Abzeichen und sagte, sie würden nun mein Haus durchsuchen. Am Vortag hatte ich schon gehört, dass viele meiner Kameraden festgenommen worden waren, und so erwartete ich das Schlimmste.

Die Hausdurchsuchung und Befragung dauerten bis 2 Uhr früh. Ich, meine Frau und meine Tochter saßen oder gingen rund um unser Haus und warteten ab, was die da machten. Sie haben jedes Stückchen Papier geprüft und alles beschlagnahmt, was ihnen verdächtig erschien. Sie gingen durch all meine Bücher hindurch, meine Notizbücher und alles, was ich veröffentlicht hatte. Grundsätzlich habe ich fast nie etwas vernichtet, das ich mal geschrieben und veröffentlicht hatte, weil ich sehr stolz auf das war, was ich geschaffen hatte.

Sie beschlagnahmten viele meiner Bücher, meine Schreibmaschine, ein kleines Tonbandgerät mit Kassetten und so weiter. Sogar eine Videokamera, die meiner Tochter gehörte, wurde beschlagnahmt. Sie gingen auch ihre Kleidung durch auf der Suche nach irgendetwas Belastendem. Aber sie konnten keine Waffen oder Drogen finden oder sonst etwas Illegales, sie fanden nur das, was ich gelesen und geschrieben hatte. Ich bin sicher, sie hätten uns sogar vergiftet, als ob wir versuchen würden, unser Land zu zerstören. Keiner von ihnen hatte eine Vorstellung davon, wer ich war und was ich wirklich getan habe. Ich saß die ganze Zeit da und beantwortete geduldig und höflich ihre Fragen. Ich erinnere mich, dass sie auch etwas in englischer Sprache fanden und wissen wollten, was es war. Da sagte ich ihnen, dass ich nicht verpflichtet bin, ihre Arbeit zu tun. Ich bin sicher, sie wussten nicht, dass ich Übersetzer war.

Als sie mich wegbrachten, wurde ich mit Handschellen gefesselt und in einen Streifenwagen der Staatssicherheit gesetzt. Ich wurde zur Villa Marista gebracht, den Sitz der kubanischen politischen Polizei. Von mir wurden Fingerabdrücke genommen, mir wurde befohlen, Häftlingskleidung anzuziehen und ich wurde in eine Zelle gesperrt, zusammen mit drei weiteren Personen. Zwei dieser Zelleninsassen kamen wegen Drogenhandels in Haft und warteten auf ihren Prozess, der dritte Mitgefangene hatte ein geringes Kavaliersdelikt begangen. Ich vermutete, er war gezielt von der Polizei eingeschleust worden, aber ich hatte nichts zu verbergen.

 

 

Verhör

Am nächsten Morgen wurde ich zum Verhör gebracht. Ich habe alle Fragen höflich beantwortet und nichts verschwiegen. Nach einer zweistündigen Sitzung wurde mir das Protokoll zur Unterzeichnung vorgelegt. Ich habe es aufmerksam durchgelesen und fand, dass es meine Aussagen sehr entstellt wiedergab. Sagte ich zum Beispiel aus, dass ich über die sehr schwierige Situation geschrieben habe, die Kubaner durchleben, stand im Protokoll, dass ich Radio Marti gehört habe (von dessen Botschaften vergiftet worden bin), was mich dazu veranlasst hätte, gegen die Regierung zu schreiben.

Ich habe dem Beamten gesagt, dass das eine totale Verdrehung meiner Aussage sei und blieb eine lange Zeit still. Der Mann saß da und schaute mich an. Dann sagte er zu mir: "Und worüber sollen wir denn dann reden? Über Joana?" (das ist meine Tochter).

Als ich etwa eine Woche solcher Sitzungen von Befragungen hinter mir und mich an diese neue Realität gewöhnt hatte, brachten sie mir die Anklageschrift. Ich wurde offiziell davon in Kenntnis gesetzt, dass die Anklage für mich fünfzehn Jahre Gefängnis fordert. Ich hatte eine schreckliche Nacht, aber ich habe immer versucht, so gut es ging einen kühlen Kopf zu behalten. Ich wusste, das ist kein Spiel und dass sie es ernst meinen, aber ich fand die Kraft, standhaft zu bleiben. Am nächsten Tag sagte ich zu meinem Vernehmer, dass ich nicht um Gnade bitten werde und das Recht habe, das zu tun, was ich getan habe. Ich danke Gott für diese Stärke.

Es war schrecklich. Ich hatte erwartet, ich weiß nicht, vielleicht vier oder fünf Jahre Gefängnis. Aber es waren fünfzehn. Die Besuche der Staatsanwaltschaft wurden ab jetzt weniger häufig, vielleicht einmal pro Tag und manchmal ganze Tage ohne Befragung.

 

 

Das Gerichtsverfahren

Héctor Palacios Ruíz, Direktor des kubanischen Zentrums für Soziale Studien, Gründer der Partei für Demokratische Solidarität (PSD), unabhängiger Bibliothekar, Vorstandsmitglied des Varela-Projekts: 25 Jahre Haft. Vorzeitig freigelassen im September 2006.

Dann kam das Gerichtsverfahren: Wir wussten den Tag - nicht, weil sie uns im Voraus davon informiert hätten, sondern weil sie uns neue Uniformen und einen Haarschnitt verpassten. Am nächsten Morgen wurden wir vor Gericht gestellt. Ich habe meinen Anwalt dort nicht gesehen. Meine Familie hatte eine Anwältin genommen, die bereits vor fünf Jahren vier Dissidenten verteidigt hatte in den berühmten Verfahren von Martha Beatriz Roque, Felix Bonne, Rene Gomez Manzano und Vladimiro Roca. Ich konnte meine Anwältin im Gerichtssaal nicht sehen. Sie ließ mir durch meine Familie ausrichten, dass ich während des Prozesses nicht sprechen sollte. An diesem Morgen konnte ich aber vor der Verhandlung ungefähr fünf Minuten mit ihr sprechen. Nach fünf Minuten kam ein Beamter ans Fenster und informierte sie, dass das Gerichtsverfahren in ca. fünf Minuten beginnen wird. Da sagte sie zu mir: "Lassen Sie mich noch zu meinen anderen Mandanten gehen (es waren vier), damit ich wenigstens vor Gerichtsbeginn noch ihr Gesicht sehe".

An diesem Morgen standen wir zu sechst vor Gericht, alle waren Dissidenten und unabhängige Journalisten. Das Verfahren dauerte den ganzen Tag. Kurz vor Sonnenuntergang brachte man uns weg.

Ich habe vor Gericht nichts gesagt. Unsere Anwältin erklärte vor Gericht, dass wir überhaupt keine Strafe verdient hätten, dass alle Gesellschaften zu ihrer eigenen Gesundung Kritik bräuchten und dass, selbst wenn wir es wollten, wir nicht die Mittel haben, um unser Ziel zu erreichen.

Wir machten eine Pause für das Mittagessen und am ersten Nachmittag spielten sie uns einen Videofilm über die Geschichte der Staatssicherheit vor. Ein Oberst, denke ich, er war nicht in Uniform, sagte, dass die US-Regierung schon immer zugegeben habe, dass sie mehrere Millionen an Geldzuwendung bereitstellt für Organisationen, die in Kuba die Regierung verändern wollen, was ein Angriff auf unsere Souveränität sei. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, dass nachdem wir den Dokumentarfilm angesehen hatten, ein anderer Rechtsanwalt gesagt hatte: "Das fand ich sehr interessant und denke, wenn ich Zeit finde, ich ihn mir noch einmal ansehen werde. Aber meine Frage ist: Was soll das mit meinen Mandanten zu tun haben? Das sind sehr schwere Vorwürfe gegen die Dissidentenbewegung. Und wir müssen erst noch nachweisen, ob und wie viel Geld mein Mandant bekommen und was er damit gemacht hat."

Nach dem Gerichtsverfahren wurden wir zur Villa Marista zurückgebracht und binnen ein-zwei Wochen in verschiedene Gefängnisse eingewiesen. In der Villa Marista hatten wir mittwochs Familienbesuche. Meine Familie war für mich immer eine Quelle des Trostes und der Stärke. Die Besuche fanden in Anwesenheit eines Beamten statt. Wir sollten nicht über politische Fragen sprechen. Alles was sie mir über die anderen sagen konnten war zum Beispiel: "Wir haben gerade Gisela gesehen, und die lässt dich grüßen." Da wusste ich dann, dass Giselas Mann, Hector Palacios Ruiz, ebenfalls in der Villa Marista war.

Eines Tages wurde uns gesagt, wir sollen unsere Sachen zusammenpacken. Dann wussten wir, dass man uns wegbringen wird.

 

 

Transit per Bus ins Gefängnis

Man brachte uns aus unserer Zelle in einen Raum, wo wir auf die anderen warten mussten. Dort hatte ich dann die Chance, allen für einen kurzen Moment zu begegnen. Dann brachte man uns zu einem Bus. Es war ein Fünf-Sterne-Bus. Das war lächerlich, denn das war ein Bus, der nur für Touristen bestimmt war, und wir waren erstaunt über den Luxus, den man uns bereitet hatte. In diesem Bus saßen etwa vierzig von uns und etwa zwanzig Wachen. Wir wurden königlich behandelt, zumindest für kubanische Verhältnisse. Mittagessen wurde uns serviert, es gab Reis mit Huhn und eingemachte Sojabohnen. Wir waren die ganze Zeit mit Handschellen gefesselt, konnten aber mit unseren unmittelbaren Nachbarn reden. Wenn die Unterhaltung etwas zu kritisch wurde, sagten uns die Wachen, wir sollen den Mund halten. Die Wachen verhielten sich professioneller als normale Polizisten, die wir gewöhnt waren.

Die ganze Zeit haben sie uns Filme in einem klimatisierten Bus vorgeführt. Auf die gewöhnlichen Fußgänger mussten es wohl wie ein Bus voller Touristen gewirkt haben. In einem Park saßen einige junge Männer. Ich hob meine Hände, damit sie meine Handschellen sahen. Aber sofort sagte mir der Wächter, dass ich das nicht mehr tun solle. Wir wussten nicht, wohin man uns brachte. Die Provinzen Havanna und Matanzas lagen bereits hinter uns.

In Las Villas hielten sie an einem Gefängnis - ich glaube es war La Pendiente - und drei oder vier von uns, darunter Hector Maseda, wurden dort zurückgelassen. Diese Prozedur wiederholte sich mehrere Male: Eine gewisse Strecke Fahrt, ein Stopp vor einem Gefängnis und mehrere von uns wurden aus dem Bus gebracht. Wir stoppten am Gefängnis Camaguey, dort ließen wir Mario Enrique Mayo und Normando Hernandez Gonzalez zurück, wenn ich mich recht entsinne.

Dann setzte sich ein Sicherheitsbeamter neben mich und informierte mich, dass ich nach Holguin komme. Als wir dort ankamen, sah ich auf einem Verkehrsschild, dass wir 777 km von Havanna entfernt waren.

 

 

Im Holguin-Gefängnis

Ivan Hernandez Carrillo, unabhängiger Bibliothekar: 25 Jahren Haft
Angel Juan Moya Acosta, Gründer und Präsident des "Movimiento Libertad y Democracia para Cuba", Mitbegründer des "Consejo Nacionale de Resistencia Civica". Seit 1999 viermal verhaftet, zuletzt im März 2003: 20 Jahren Haft.
Antonio Ramón Díaz Sánchez, Movimiento Cristiano Liberación: 20 Jahre Haft.

Fünf von uns blieben in Holguin, dem Provinzgefängnis - bei den älteren Leuten heißt es nur "Altes Gefängnis". Im Bus blieben noch jene, die weiter transportiert wurden, nach Santiago de Cuba und nach Guantanamo. Ich erinnere mich, unter ihnen befand sich Oscar Espinosa Chepe, der sich gar nicht wohl fühlte, und Jorge Olivera.

Fünf von uns wurden für den Rest der Nacht in eine temporäre Zelle gesperrt. Am nächsten Morgen wurden uns Fingerabdrücke genommen und Fotos gemacht und wir erhielten grundlegende Informationen (*über unseren Gefängnisaufenthalt). Dann teilte man uns der Abteilung Nr. 3 mit 90 gewöhnlichen Häftlingen zu, was ein Gefängnistrakt war. Im Trakt gab es dreißig Zellen mit je drei Insassen. Uns wurden die Betten zugewiesen und wir wurden dem "Verantwortlichen für Disziplin" vorgestellt - einem gewöhnlichen Häftling, der bei der Gefängnisleitung einen besonderen Status inne hatte. Er war sicherlich ein Informant und sollte es Probleme unter den Gefangenen geben, würde er mit Autorität auch auf grausamste Weise seinen Willen durchsetzen.

Während meiner Haftzeit im Provinzgefängnis von Holguin bemerkte ich, dass die Wachen gegenüber den Insassen meistens nicht gewalttätig waren, sie Gewalt anwendeten nur, wenn sie es für notwendig befanden, denn die "Verantwortlichen für Disziplin" haben die schmutzige Arbeit weitestgehend für sie erledigt. Wenn es hart herging, verhielten diese sich wie Könige und zeigten ihre Autorität mit Fäusten.

In weniger als einer Woche stieß auch Ivan Hernandez Carrillo zu uns fünf. Dies geschah im April, denn ich erinnere mich, dass wir einige Tage später die Mai-Parade im Fernsehen gesehen haben. Etwa eine Woche später wurden eines Abends alle neunzig Insassen informiert, dass sie sich für den nächsten Morgen bereithalten sollten, außer denjenigen, die "letzte Woche aus Havanna gekommen sind".

Am nächsten Morgen wurden alle gewöhnlichen Gefangenen abtransportiert, nur wir sechs blieben zurück. Es war der Beginn unserer Einzelhaft. Jeder kam in eine Einzelzelle, die eine Nummer gemäß der Höhe der Gefängnisstrafe erhielt:
Ivan (25 Jahre) kam in die Zelle Nr. 1, die zweite Zelle blieb leer,
in die Zelle Nr. 3 kam Angel Moya Acosta (20 Jahre), Zelle Nr. 4 war wieder leer,
Antonio Ramon Diaz Sanchez (20 Jahre) kam in die Zelle Nr. 5, die Zelle Nr. 6 blieb leer,
dann kam Mario Enrique Mayo (20 Jahre) in Zelle Nr. 7, die Zelle Nr. 8 blieb leer,
Arnaldo Ramos Lauzurique (18 Jahre) kam in Zelle Nr. 9, Zelle Nr. 10 blieb leer
und ich (15 Jahre Gefängnis) kam in die Zelle Nr. 11.

Etwa eine Woche später kam ein weiterer politischer Gefangene an. Es war Alfredo Dominguez Batista, der zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Er kam in Zelle Nr. 13. Wir blieben in Einzelhaft bis Ende November.

In der Einzelhaft war jeder mit sich alleine, wir konnten aber mit lauter Stimme oder durch Rufen miteinander kommunizieren. Zwei Wächter waren bei uns, die meiste Zeit saßen sie am Eingang des Trakts. Vor ihnen lag ein breiter Korridor mit fünfzehn Zellen auf jeder Seite. Wir waren alle auf der linken Seite. Da war noch ein anderer Kerl, ein gewöhnlicher Häftling, sicherlich ein Informant, der sich anbot, uns zu helfen, wenn wir etwas brauchen würden. Er brachte uns unsere Mahlzeiten und führte einfache Arbeiten durch. Die Wachen kamen gewöhnlich morgens, öffneten unsere Türen und führten vier von uns hinaus ins Sonnenlicht. Danach kamen die anderen drei an die Reihe.

Die Fläche mit Sonneneinstrahlung war ein kleiner Hof mit Eisengitter als Decke und Tür. Der Hof war etwa zehn Meter lang und vier Meter breit und in vier oder fünf Käfige unterteilt, in die wir einzeln hineingeschlossen wurden. Nach ungefähr einer Stunde wurden wir wieder in die Zellen geführt und die anderen kamen an die Reihe.

Nachmittags wurden wir auch aus den Zellen gelassen, je einzeln in den Waschraum. Es war ein Raum im hinteren Teil des Gebäudes mit einem großen Wassertank. Wenn man duschen wollte, musste man einen Plastikeimer mit Wasser füllen und das Wasser über sich gießen. Zu dieser Zeit gab es immer genug Wasser. Zwischen fünf und sechs Uhr morgens wurde uns Trinkwasser in die Zelle gebracht. Einer von uns wurde dann aus der Zelle geholt und musste die Flaschen füllen, für alle.

Die Zellen waren nicht sehr klein, da sie ursprünglich für drei Häftlinge gedacht waren. Es gab darin ein dreistöckiges Etagenbett, aber am Tage eins unserer Isolationshaft wurden zwei Etagen abgebaut und weggebracht. Wir schliefen alle auf dem untersten Bett. Es gab ein großes Fenster, mit Eisengitter natürlich, das sich gegenüber der Tür befand. Das Bett war auf der rechten Seite von der Tür aus gesehen. Hinter dem Bett war die Toilette – ein rundes Loch in einem Zementwürfel, der etwa je zwei Fuß hoch, lang und breit war. Von der Tür zum Fenster war die Zelle 3 Meter lang und 1,5 Meter breit. Ich empfand diese Maße recht human, da man sich strecken und bewegen konnte. Auch das Fenster war groß. Erst später erfuhren wir, dass dieses Gefängnis zur Zeit des Batista-Regimes gebaut wurde, also lange vor der Revolution.

Wir hatten keinen Fernseher, der Fernseher wurde beim Abtransport der anderen Häftlinge mitgenommen. Wir erhielten fast täglich die Regierungszeitung Granma, das offizielle Organ der Kommunistischen Partei. Und doch waren wir immer sehr darauf gespannt, was es zu lesen gab, denn es war unsere einzige Nachrichtenquelle. Wir wechselten uns beim Lesen ab und irgendjemand protestierte immer wegen Foulspiels. Wir haben immer laut geredet oder gerufen, von einer Zelle zur anderen, immer mit einer guten Portion Humor. Unsere Beziehung zueinander war sehr gut, obwohl wir verschiedenen politischen Organisationen angehörten und zum Teil völlig verschiedene Ansichten bezüglich unserer nationalen Probleme vertraten. Aber das tat in unserer Situation nichts zur Sache.

Was für uns wichtig war, war der Umstand, dass wir alle vom Regime aus demselben Grund ins Gefängnis kamen. Das hat uns viel mehr Gemeinsamkeit gegeben, als dass irgendwelche politische Meinungen uns hätte trennen können.

Gewiss, wir konnten uns auch über manche Fragen streiten und hatten verschiedene Standpunkte, aber unsere Konversation war immer höflich und wir respektierten gegenseitig unsere verschiedenen Meinungen. Auch nach einer Auseinandersetzung blieben wir einander stets freundlich zugeneigt. Ich erinnere mich an alle meine Brüder in Gefangenschaft mit großer Zuneigung. Diese sechs Monate in Einzelhaft waren für uns alle eine Stärkung unserer Beziehung. Sie festigten unsere Beziehung, die dann nie mehr brach. Auch unsere Familien freundeten sich an. Sie waren sehr mutig und tapfer und sind sehr gute Freunde geworden.

 

 

Hygienische Bedingungen

Mario Enrique Mayo Hernandez, Leiter der unabhängigen Presseagentur Felix Varela in Camagüey: 20 Jahre Haft.
Arnaldo Ramos Lauzurique, Volkswirt: 18 Jahre Haft.
Alfredo Domínguez Batista, Wirtschafter, unabhängiger Journalist, Mitglied der christlichen Befreiungsbewegung "Movimiento Cristiano Liberación" (MCL), Koordinator der Menschenrechtspartei: 14 Jahre Haft. Freigelassen: 03.09.2010.

Da wir nur sieben Personen in Einzelhaft waren, in unser Abteilung Nr. 1, hatten wir nur einen gewöhnlichen Häftling zu "unseren Diensten". Er kam morgens und blieb dann den Rest des Tages. Er war verantwortlich, den Flur sauber zu halten, brachte uns drei Mahlzeiten und sorgte ganz besonders dafür, dass unser Essgeschirr einigermaßen sauber war. Es gab ja kein Spülmittel oder Seife zum Geschirrspülen, man hatte dafür nur heißes Wasser.

Unser größtes Problem waren die Ratten. Als es noch neunzig Personen in unserer Abteilung gab haben die Geräusche die Ratten sicherlich verscheucht, aber in der Stille unseres fast leeren Trakts wagten sie sich in die leeren Zellen vor uns, in die leeren Zellen neben uns und auch in unsere eigenen Zellen. Man sah ihren Kot überall. Sie krochen durch die Toilettenrohre. Die Ratten hatten einen höheren Status als wir selbst, denn sie konnten jederzeit die Zelle verlassen. Es gab auch viele Kakerlaken und Fliegen. Das Trinkwasser war sehr verschmutzt. Wenn man ein Glas Wasser gegen die Sonne hielt, konnte man Partikel darin herumschwimmen sehen. Wir baten unsere Familien, uns Pillen oder Tropfen zur Klärung des Trinkwassers zu bringen. Unsere Toiletten rochen übel, denn sie waren ja nur ein einfaches offenes Loch.

In dem Gehege bzw. der Frischluftzelle im Gefängnishof stank es nach Urin. Und da niemand da war außer uns und den Wachen, waren wir sicher, dass die Wachen hier urinierten. Sie waren einfach zu faul, die Toilette aufzusuchen. Wir baten sie, nicht am Ort wo wir frische Luft atmen können zu urinieren, aber sie antworteten, dass das wahrscheinlich Katzen waren. Wir entgegneten: In der Tat, Katzen in olivgrünen Uniformen. Und sie haben nie wieder dort uriniert.

Wir haben bald gemerkt, dass die Wachen ein wenig Angst vor uns hatten. Sie mussten alle vorschriftsmäßig mit uns umgehen und sie waren wahrscheinlich auch die besten Wachen im gesamten Gefängnis, die intelligentesten und fähigsten. Gesetzt den Fall, wir hätten gegen etwas protestiert und ihr Vorgesetzter die Proteste angemessen befunden hätte, dann konnten sie versetzt werden, was für sie einer Degradierung oder einer Verletzung der Disziplin gleichgekommen wäre. Außerdem hatten sie es sehr leicht mit uns, denn wir waren nur sieben Häftlinge und vernünftige Leute. Für sie waren wir berüchtigte Intellektuelle, die sich aber besser benahmen als die gewöhnlichen Häftlinge. Und so konnten sie den ganzen Tag lang herumsitzen. Ich bin sicher, dass die den Befehl hatten, keine Gewalt gegen uns anzuwenden. Sie waren alle berüchtigt, sehr brutal mit den Häftlingen umgehen zu können, aber bei uns vermieden sie es, mit uns zu reden und wenn wir mal protestierten, dann haben sie nur still unseren Groll zur Kenntnis genommen und wurden in der Sache nur vermittelnd tätig.

Ich erinnere mich, als einmal ein Wachmann, der uns einzeln zum "Baden" führte, mit seinem Kunststoff- und Metallstab so stark gegen meine Tür schlug, dass es einen fürchterlichen Lärm gab. Er tat es aus Vergnügen. Ich bin sicher, er wollte damit nur seine Wut und Emotionen auslassen. Ich habe mich sofort beschwert und sagte ihm, dass er kein Recht habe, unprovoziert mit so viel Brutalität und Gewalt auf meine Tür zu schlagen. Er hat mir nichts darauf geantwortet, sondern nur seinen Kopf gesenkt und ist einfach still weggegangen. Ich habe ihn daraufhin nie wieder gesehen.

Es war unser großer Vorteil, dass unsere Situation weltbekannt war und es einen internationalen Widerhall gab. Deshalb ging auch die Regierung sehr vorsichtig mit uns um. Das verschaffte uns einen gewissen Spielraum. Ich entschloss mich, sacht und respektvoll mit den Wachleuten umzugehen, damit sie in meiner Gegenwart keinen Stress verspüren. Wenn sie mir aber respektlos begegneten, habe ich hörbar dagegen protestiert. Diese Strategie hat sie auf Distanz gehalten.

Manchmal haben wir sehr laut protestiert. Ich erinnere mich an einen Nachmittag als uns Essen gebracht wurde, das ungenießbar war. Es war ein Fischgericht, das aus lauter Gräten bestand. Das Essen war zwar immer schlecht, aber dieses Mal war es einfach zu viel. Die Essenstabletts flogen aus dem Fenster. Es hatte keine Folgen. Wenn dies aber gewöhnliche Häftlinge getan hätten, hätten sie sicherlich dafür büßen müssen, man hätte sie verprügelt und ihnen Vergünstigungen gestrichen.

In einem anderen Fall sah Ivan, als der für uns zuständige Staatssicherheitsbeamte eintraf. Er sah ihn durchs Fenster ankommen und begann zu rufen "Nieder mit Fidel" und wir haben ihn im Chor unterstützt. Das Ergebnis war: Der Mann hat sich bei uns nicht blicken lassen. Eigentlich hatte er uns in Holguin nie aufgesucht, er empfand wohl dies als Kränkung. Aber eindeutig war, dass man von uns diese Art von Protest duldete. Ich aber beschloss, diese Toleranz nicht in Anspruch zu nehmen, sondern meine Energie für Situationen aufzubewahren, in der ich sie benötigen werde.

 

 

Die Lautsprecher-Episode

Einmal brachte eine Wache nachmittags einen Lautsprecher und richtete ihn in voller Lautstärke auf uns. Es war eigentlich ein Fernsehprogramm, das sie uns zwangen zu hören. Es hieß Mesa Redonda ("Runder Tisch"). Wir protestierten vehement gegen diese Art von Lärmfolter, aber es scheint, sie hatten die Anweisung, dass wir dieses Programm hören mussten. Wissen Sie, wir waren eigentlich an jeder Informationsquelle interessiert und ich habe Ihnen ja schon erwähnt, mit welcher Begierde wir die Zeitung Granma gelesen haben, aber das war doch etwas anderes. Wir saßen hinter Gittern und konnten den Lautsprecher ja nicht ausschalten. Wenn wir in der Lage wären, ihn abzuschalten, wenn wir die Wahl hätten, zuzuhören oder nicht, hätten wir es uns vielleicht auch angehört, um zu sehen, ob es sich lohnte, aber das war nicht zu tolerieren. So ging es mehrere Tage lang.

Eines Tages, frühmorgens, wurde das Trinkwasser gebracht und ich wurde aus der Zelle geholt, um die Flaschen für uns alle zu füllen. Ich tat das wie gewöhnlich, aber dann sah ich den Lautsprecher. Zuvor hatte ich schon in der Zelle mit dem Gedanken gespielt, die Wasserflasche auf den Lautsprecher zu werfen und somit eventuell einen Kurzschluss zu erzeugen, aber ich konnte diesen Plan nie in die Tat umsetzen. Jetzt aber war ich im Flur und der Lautsprecher direkt vor mir. Da schoss mir eine Idee durch den Kopf ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Der Lautsprecher hing an Stangen, an denen vorher der Fernseher hing. Zwei Wachleute saßen recht weit von mir entfernt.

Ich nahm einen Anlauf so schnell ich konnte, sprang hoch und schlug wie ein Basketballspieler mit voller Kraft gegen den Lautsprecher. Das Gerät war sehr leicht, es fiel krachend auf den Boden und ich hatte sogar noch Zeit, es zu greifen und zu zertrümmern. Eine Wache rannte mir entgegen und schrie: Warum hast du das getan? Und ich sagte: Folterinstrumente muss man zerstören. Der Lärm hatte auch alle meine Kameraden aufgeweckt, die alle nun anfingen zu rufen: "Nieder mit Fidel". Ich bat sie, damit aufzuhören. Mein Herz raste, aber innerlich war ich stolz auf mich, weil ich das Richtige getan hatte.

Später kam ein anderer Wachmann in meine Zelle. Dieser Mensch war uns freundlicher gesinnt als die anderen Wachen und machte auch manchmal einen Witz. Sehr ernst sagte er mir, dass dies gegen mich vor Gericht verwendet werde und mir wegen "Zerstörung von Staatseigentum" weitere zehn Jahre Haft einbringen könnte. Ich antwortete ihm, dass ich vor Gericht nichts abstreiten werde, sondern sagen, dass dieser Lautsprecher ein Folterinstrument war, wir wiederholt dagegen protestiert hatten, aber die Wachen uns einfach ignoriert haben. Und deshalb hatte ich auch jedes Recht, dieses Instrument zu zerstören. Er ging weg und die Angelegenheit ist nie wieder erwähnt worden.

 

 

Die Gefängnis-Matratzen

Eine weiteres ernstes Problem waren die Matratzen bzw. das, was man so nennt. Unser Bett war mal ein dreistöckiges Etagenbett. Da die beiden oberen Etagen abmontiert wurden, benutzte ich das Eisengestell als Übungsgerät. Auf der untersten Pritsche, die zurückblieb, lag eine Matratze. Es war ein Plastiksack für Reis oder Weizenmehl, gefüllt mit allerlei Zeugs. Bei unserer Ankunft in Holguin erzählten uns die Insassen, dass diese Säcke mit Müll gefüllt und danach versiegelt wurden. Man konnte darin Lumpen, Papier und wirklichen Müll, Dreck usw. finden. Bei der Temperatur und der Feuchtigkeit des tropischen Sommers war man auf diesen Säcken am nächsten Morgen in Schweiß gebadet. Es wäre sicherlich viel einfacher gewesen, diese Säcke zumindest mit sauberen Lappen von irgendeiner Textilfabrik oder mit Sägespänen zu füllen. Aber selbst solche Abfallmaterialien sind rar in Kuba und es ist kein Benzin für einen LKW vorhanden, um das abzuholen. Also packte man einfach allen möglichen Müll von der nächsten Müllkippe hinein. Wir entschieden uns, lieber auf dem nackten Boden zu schlafen als auf diesen Müllbeuteln. Das war sauberer, gesünder und entsprach mehr unserer Würde als menschliche Wesen.

Eines Morgens warfen wir alle sieben zur gleichen Zeit unsere Müllsäcke aus unseren Zellen hinaus in den Korridor. Die Wachen kamen und sagten etwas, aber wir ignorierten es. Wir baten um Schaumstoffmatratzen, was sie ignorierten. So schliefen wir nun auf dem nackten Brett für den gesamten Rest unserer Einzelhaft.

Nach Haftantritt mussten wir uns jeden Morgen und Nachmittag zum Zählappell vor unseren Zellen aufstellen. Mit Beginn unserer Einzelhaft wurden wir von der Gefängnisleitung aufgefordert, uns zwecks Zählung vor unserem Bett aufzustellen. Wir empfanden es als lächerlich, aufzustehen, wenn man alleine in der Zelle war. Deshalb entschieden wir uns, zur Zählung nicht aufzustehen, sondern taten weiter das, was wir gerade taten und ließen sie uns zählen, wenn sie wollten. Sie sagten, das sei ein Akt von Disziplinlosigkeit, doch wir antworteten, dass wir keine Kadetten einer Militärakademie seien, sondern politische Gefangene, und es doch leicht sei uns zu zählen, da wir ja doch alle einzeln in unserer Zelle sind und uns nie außerhalb der Zelle aufhalten, es sei denn, wir befinden uns gerade in der Frischluftzelle im Hof. Schließlich mussten sie sich damit abfinden, uns so zu zählen wie wir es wollten.

Die Wachen haben stets vermieden, uns als "politische Gefangene" zu bezeichnen, aber da all die anderen Häftlinge uns "POLITICO" nannten, wurde das so üblich und sie konnten nichts dagegen tun. Wenn die Wachen uns meinten, benutzten sie die Abkürzung CR ("Konter-Revolutionäre"). Wenn sie uns angesprochen haben, zogen sie es daher vor, unseren Namen zu nennen.

Alle Wachen im Gefängnis hatten ein sehr niedriges intellektuelles Niveau. Unglaublich, dass man nicht genug Gefängniswärter finden kann, obwohl diese doch - nach kubanischem Standard - hervorragende Gehälter bekommen. Manchmal möchte ein Wachmann seine Stelle verlassen, aber er bekommt keine Erlaubnis und muss gegen seinen Willen im Dienst bleiben. Jene, die uns zugewiesen waren, waren die besten Wachleute im Gefängnis, und doch waren sie sehr unwissend. Sie waren auch sehr gewalttätig, aber nicht gegenüber uns. Wir kannten gewalttätige Gefängniswärter, die sehr brutal mit politischen Gefangenen umgegangen sind, in den ersten Jahren der Revolution. Aber unser Fall stand zu sehr in der Öffentlichkeit, wie ich vorhin schon sagte, und deshalb hatten sie eine Art Respekt vor uns. Ein oder zwei Wachmänner waren sehr streng mit uns, die anderen versahen ihren Dienst etwas entspannter.

 

 

Die Besuchserlaubnis

Die Besuchserlaubnis betrug nach Haftantritt jeden dritten Monat zwei Stunden für die Familie und alle fünf Monate drei Stunden für die Ehefrau. Nach Ablauf von 1,5 oder 2 Jahren Haft durfte man die Familie jeden zweiten Monat und die Ehefrau jeden dritten Monat sehen. Jedes mal werden der Gefangene und seine Familienmitglieder durchsucht.

So durchsuchten die Wachen meine Sachen und tasteten meinen Körper ab, aber ich musste mich nicht nackt ausziehen. Bei meiner Familie haben sie deren Habseligkeiten sehr genau geprüft und einige Male versucht, meine Frau und meine Tochter zu entkleiden, aber beide haben sich dagegen gewehrt und es nicht zugelassen. Ich hatte ihnen im Voraus ausgerichtet, dass sie eine entwürdigende Behandlung keinesfalls zulassen sollen und dürfen, denn am Ende würde sich das gegen sie und auch gegen mich wenden.

Manchmal, wenn die Gefängnisleitung von ihren Informanten eine Warnung erhielt, durchsuchten sie meine Familienangehörigen auch dann, wenn sie das Gefängnis verließen. Man suchte nach Nachrichten, die ich ihnen eventuell hätte mitgeben können, um sie an die Öffentlichkeit zu leiten, aber sie weigerten sich stets, jegliche herabwürdigende Behandlung zuzulassen.

Wir wurden darüber informiert, dass jede Familie maximal 30 Pfund Essen mitbringen darf. Ich erinnere mich, dass man einmal eine Waage heranschleppte und begann, unser Essen abzuwiegen. Der diensthabende Offizier war auch der Erziehungsbeamte gewesen und hegte Groll uns gegenüber, wahrscheinlich aus ideologischen Gründen. Meine Familie hatte mir wie vorgeschrieben dreißig Pfund Nahrungsmittel mitgebracht und viele Bücher, da ich ein begeisterter Leser bin. Der Offizier bestand darauf, dass die Bücher in diese dreißig Pfund einberechnet werden, so unlogisch das auch klingen mag. Ich meinerseits wollte ihm nicht das Vergnügen bereiten, nach meinem eigenen Essen zu betteln. Meine Tochter nahm die Bücher und wollte sie hinausbringen, aber ich bat sie, die Bücher hier zu lassen. So sehr ich das Essen auch benötigte, aber mein Geist war auch hungrig nach neuen Gedanken und ich empfand es in Gegenwart dieses Inquisitors für würdiger, die Bücher den Nahrungsmitteln vorzuziehen.

Als ich in meine Zelle zurückkehrte, erzählte ich meinen Mitgefangenen, wie dieser Beamte sich verhalten hatte, damit sie vor solcher Überraschung verschont blieben. Als Antonio Diaz etwa eine Woche später ebenfalls Besuch bekam, versuchte der Beamte - ich weiß nicht, ob es der gleiche war wie bei mir - den gleichen Trick. Antonio reagierte darauf, indem er sich weigerte, Nahrungsmittel überhaupt in Empfang zu nehmen, was ein sehr schmerzhaftes Opfer in unserer Situation war. Die Gefängnisleitung wollte ihn zwingen, die Nahrungsmittel anzunehmen, aber er blieb standhaft. Dann forderte man die Familienmitglieder auf, die Nahrungsmittel wieder an sich zu nehmen, aber auch sie lehnten es ab. Man drohte ihnen, dass dies ein ernster Verstoß und ein Akt von Disziplinlosigkeit wäre, aber sie antworteten darauf, wenn der Gefangene, also derjenige, der diese Nahrungsmittel wirklich benötigt, sie nicht annimmt, dann könnten sie die Nahrungsmittel ebenfalls nicht annehmen. Schließlich wurden die Nahrungsmittel vom Boden aufgehoben und (angeblich) zu einer Mülltonne gebracht. Danach hatten wir nie mehr ein Problem dieser Art. Antonio hatte ihnen eine gute Lektion erteilt. Sie mussten wahrscheinlich ihren Vorgesetzten darüber berichten, denn eine solche Angelegenheit - ein Eimer voller appetitlicher und verlockender Lebensmitteln - war sehr schwer zu verbergen, was kein gutes Licht auf sie warf. Viele Häftlinge haben es gesehen und daraus gelernt, auch diejenigen, die diese Nahrungsmittel (angeblich) hinaus zur Mülltonne brachten.

Ich habe Ihnen das alles so ausführlich erzählt, weil bei jedem Ereignis, bei dem es uns gelang, aus einer Konfrontation mit den Behörden würdevoll herauszukommen, egal um welchen Preis, zogen sie sich zurück und räumten aus dem Weg, was zum Zusammenstoß geführt hatte. Wir waren überzeugt, dass es die ganze Zeit ein ideologischer Kampf war - sie hatten die Macht, wir aber blieben unbeugsam. Und dieser Tatsache haben sie große Bedeutung zugemessen. Das war zumindest meine persönliche Erfahrung. Wenn unsere Peiniger den Sieg für sich behaupten hätten können, dann wäre das für uns schrecklich gewesen.

 

 

Die Gefängnismahlzeiten

Das Essen in kubanischen Gefängnissen ist extrem schlecht, es gibt nur minimale Unterschiede von Gefängnis zu Gefängnis. Das schlimmste ist das Provinzgefängnis von Holguin. Holguin ist eine sehr arme Provinz und als ich dort war, herrschte eine schlimme Trockenheit. Wir sahen fast nie Gemüse oder Obst, Eier, Fleisch oder Milch.

Wir bekamen zwei Mal im Monat Huhn als "besonderes Abendessen". Manchmal wurde auch Fisch serviert, aber es war immer sehr schlechter Fisch aus dem Fluss und nie aus dem Meer. Es gibt Fischarten wie TILAPIA, die in Afrika in sehr tiefen Seen leben, sich in mitteltiefem Gewässer ernähren und sehr gut schmecken. In Kuba aber lebt diese Fischart in Deichen, die nicht tief sind, und holt ihre Nahrung aus dem Schlamm. Wenn man sie isst, schmeckt es nach Schlamm. Wenn man sie zuhause zubereitet, kann man den Schlammgeschmack mit Gewürzen überdecken, aber hier im Gefängnis ... .

Die Esstabletts sind meistens fettig, da es kein Spülmittel gibt, man sie nur mit heißem Wasser reinigt und wenn man sie nicht pfleglich behandelt, bekommen sie an Ecken schwarze Flecken. Es gibt kaum Gewürze, in der Regel nur Salz, deshalb schmeckt das Essen selten nach etwas. Ich frage mich, warum die Gefängnisleitung nicht die Gefangenen anregt, Gewürze im Gefängnisgarten zu pflanzen, um diese dann in der Gefängnisküche zu verwenden. Das Essen besteht zumeist aus einer kleinen Menge Reis, Suppe, dem Hauptgericht und Dessert. Der Reis kann auch durch Maismehl oder Nudeln ersetzt werden. Die Suppe ist meist eine geschmacklose Brühe ohne Substanz mit ein paar Nudeln. Wenn es Gemüse gibt, dann meistens gekochter unreifer Wegerich. Das Hauptgericht kann ein gekochtes Ei sein (was sehr selten vorkam), aber meistens sind es ein paar Nudeln mit etwas Soja oder ein Eintopf mit nicht erkennbaren Kuh- oder Schweineteilen - es könnten Magen, Nieren oder Füße sein. Der beste Teil ist gewöhnlich das Dessert, weil es wenigstens Zucker enthält und daher etwas schmackhafter ist. Aber ich bin mir sicher, wenn die Gefängnisleitung ihren Vorgesetzten Bericht erstattet, dann als Angabe: "Reis, Suppe, Gemüse, Schwein oder Fisch und Dessert".

Im Canaleta-Gefängnis von Ciego de Avila ist die Situation im Grunde die gleiche, doch weniger schlecht. Ciego de Avila ist eine viel reichere Provinz mit einer größeren Landwirtschaft. Deshalb gibt es dort mehr Gemüse, Eier, Brot und nicht nur zum Frühstück, wie in Holguin. Ein weiteres Problem sind die vielen Fliegen, die deine Mahlzeiten umkreisen.

Im Gefängnis-1580, in dem ich zuletzt aber nur zwei Monate lang war, sind die Mahlzeiten immer die gleichen ohne jegliche Abwechslung und bestehen aus Reis, Erbsen, dem Hauptgericht und Dessert. Das Hauptgericht kann sein: Spam, Soja, Nudeln.

 

 

Korruption

In allen drei Gefängnissen, in denen ich war, gab es Korruption. Das Gefängnis bekommt Materialien und Nahrungsmittel für einen Monat oder eine Woche, ich weiß es nicht. Davon nehmen die Wachen den größten Teil an sich. Speiseöl ist besonders begehrt. Die Gefängnismahlzeiten enthalten kaum Öl, weil es ein knappes Gut ist und die Wachen den größten Teil sich sichern. Sie entwenden auch Reis, Nudeln, Soja – alles, was sie für ihre Familien oder zum Füttern ihrer Schweine brauchen. Schweine sind ein wichtiges Kapitel bei der Gefängniskorruption.

Dann entwenden auch Gefängnisinsassen, die in der Küche arbeiten, ihren Teil für sich und ihre Freunde. Oft ist das Missverhältnis bei der Verteilung der Mahlzeiten skandalös, aber die Gefängnisleitung stört sich nicht daran, denn das ist ein Problem der Häftlinge.

Und deshalb sind die Mahlzeiten in kubanischen Gefängnissen normalerweise fade, enthalten wenig Öl und sind in besonderem Maße von Bestechung und Korruption betroffen. Die Behörden wissen das sehr wohl, aber sie kümmern sich wenig darum, um die Korruption zu stoppen. Manchmal ziehen es Häftlinge, die in der Gefängnisküche arbeiten, vor, ihr Essen mit in die Zelle zu nehmen, in ihren eigenen Töpfen, die sie viel sorgfältiger spülen. Dort können sie Öl und Gewürze hinzufügen und ihre Mahlzeiten nach eigenem Ermessen verfeinern.

Aber in vielen Fällen, insbesondere im Gefängnis-1580, ist das nicht erlaubt. Dort bestehen die Wachen darauf, dass die Mahlzeiten im Speisesaal eingenommen werden, denn dort kommen die Speisereste in einen Tankbehälter, aus dem sie von Beamten mit Eimern nach Hause als Schweinefutter mitgenommen werden. Im Gefängnis-1580 ist diese Art von Korruption bereits institutionalisiert und wirkt sich direkt auf die Häftlinge aus, weil das Küchenpersonal die Anweisung hat, die Portionen klein zu halten. Korruption herrscht in allen kubanischen Gefängnissen, weil die Gehälter nicht ausreichend sind, aber am schlimmsten erlebte ich sie im Gefängnis-1580. Die Regierung kann wenig dagegen tun, weil es zunehmend schwieriger für sie ist, Leute zu finden, die bereit wären, mit Gefangenen zu arbeiten, auch wenn die Gehälter für kubanische Verhältnisse verhältnismäßig hoch sind und die geduldete Korruption eine der Vorteile ist, die die Regierung anbieten kann.

Die Häftlinge erhalten im wechselnden Turnus ihre monatliche Zuteilung von hygienischen Mitteln, wie Seife, Toilettenpapier, Zahnpasta.

In kubanischen Gefängnissen wird immer etwas gebaut. Ich glaube, die Gefängnisleitung nutzt dies zu ihrem eigenen Vorteil, weil sie Baumaterialien zu ihrem eigenen Nutzen verwenden kann. Hohe Offiziere nutzen gewöhnlich Häftlingsinsassen dazu aus, als Maurer oder Zimmermann in ihren eigenen Häusern arbeiten zu lassen, auch Mechaniker für ihre Autos, ohne Bezahlung.

Diesel und Benzin sind bei den hohen Offizieren ebenfalls sehr begehrt, entweder zum Verkauf auf dem Schwarzmarkt oder fürs eigene Auto.

 

 

Medizinische Betreuung

Ein gewöhnliches Krankenhaus für Kubaner. Wie mag wohl eine Krankenstation im Gefängnis aussehen?

Ich werde jetzt auf die medizinische Betreuung in kubanischen Gefängnissen eingehen. Es gibt einen bemerkenswerten Unterschied in der ärztlichen Behandlung von gewöhnlichen Häftlingen und politischen Gefangenen, besonders jener der "Gruppe der 75", die 2003 inhaftiert wurden. Auch das ist von Gefängnis zu Gefängnis verschieden. Da unsere Angelegenheit internationales Aufsehen erregte, wurde die "Gruppe der 75" mit besonderer Sorgfalt behandelt. Im Provinzgefängnis von Holguin sagte uns die medizinische Leiterin, wenn wir irgendwelche Probleme hätten, könnten wir jederzeit zu ihr kommen. In der Zeit unserer Einzelhaft wurden wir jedoch von einem Arzt versorgt, der eher nachlässig war. Wir mussten sogar zu Hungerstreiks greifen, um auf ein medizinisches Problem aufmerksam zu machen, aber dazu werde ich später etwas sagen.

Als wir einmal in verschiedene Abteilungen der Haftanstalten zu den gewöhnlichen Häftlingen verlegt wurden, wurde ich hin und wieder zu einem Arzt bestellt und wenn ich einen Arzt wünschte, musste ich es nur anmelden. Ich habe nie eine Krankheit simuliert, etwa um aus meiner überfüllten Abteilung herauszukommen, weil ich mich verpflichtet fühlte, ehrlich zu bleiben. Ich hätte nie gelogen, um einen persönlichen Vorteil zu erlangen. Ich wollte, dass dies die Gefängnisleitung versteht und ich glaube, sie hatte es verstanden. Und das wurde von ihr berücksichtigt, wenn sie sich mit mir befasste.

Allerdings haben gewöhnliche Häftlinge oft die Erfahrung machen müssen, wenn sie die Wachen um das Aufsuchen eines Arztes baten, dass es ihnen verweigert bzw. ein Arztbesuch hinausgezögert wurde oder sie beschimpft wurden. Die instinktive Reaktion der Wachen wie auch des medizinischen Personals war immer die gleiche – die Vermutung, der Insasse simuliere, würde sich langweilen oder durchlebe eine schwierige Zeit oder wolle nur die Krankenschwestern sehen.

Es gab einen extremen Fall: Ein Häftling bekam mitten in der Nacht schreckliche Zahnschmerzen und rief die beiden Wachen auf dem Flur. Diese waren wahrscheinlich eingeschlafen gewesen, da sie sehr erbost reagierten. Da aber der junge Mann mit seiner Forderung nicht nachließ, holten sie ihn aus der Zelle und schlugen ihn so brutal zusammen, dass er eine geraume Zeit auf der Krankenstation verbringen musste. Er fand einen Weg, seine Angehörigen zu kontaktieren, und diese kamen ins Gefängnis und verlangten, ihn zu sehen. Er hatte blaue und schwarze Flecken am ganzen Körper. Mir wurde berichtet, dass die Familie darüber sehr verärgert war und die beiden Wächter vor Gericht bringen wollte, sie hat auch die Spuren der Misshandlung fotografiert. Alle Gefangenen berichteten, dass dieser arme Kerl schrecklich misshandelt wurde, nur weil er darum gebeten hatte, zur Krankenstation gebracht zu werden, um ein Schmerzmittel oder eine Injektion zu bekommen. Ein paar Tage später wurde er in unsere Abteilung Nr. 6 zurückgebracht, aber kurz darauf kündigte sich eine wichtige Behördeninspektion an. Daraufhin verlegte die Gefängnisleitung den misshandelten Insassen woanders hin, wo die Inspektoren ihn nicht sehen konnten. Er aber fand einen Weg, in eine der Frischluftzellen im Gefängnishof gebracht zu werden. Als die Inspektoren dort vorbeikamen, sprach er sie an, zeigte ihnen seine Wunden und schilderte ihnen, was mit ihm geschehen war. Ich konnte von meiner Abteilung aus sehen, wie er mit den Inspektoren sprach. Die Zeit verging, gegen die zwei Täter wurden keine Disziplinarmaßnahmen eingeleitet und, soweit ich weiß, ist in dieser Angelegenheit nichts mehr geschehen.

Ähnliche Begebenheiten werden von den Häftlingen oft erlebt, die aber reagieren darauf meistens zynisch und sagen, dass es nutzlos sei, Vergehen bei den Behörden anzuzeigen, weil die ja alle zur gleichen Mafia gehören, die nur haben will, dass wir schweigen und gehorsam sind usw.

 

 

Im Canaleta-Gefängnis

Raul Rivero, Dichter und unabhängiger Journalist, verhaftet 2003, verurteilt zu 20 Jahren Haft, vorzeitig freigelassen Ende November 2004

Im Canaleta-Gefängnis von Ciego de Avila war die Situation für uns besser. Wir, Angehörige der "Gruppe der 75", wurden einmal pro Woche zum Arzt gebracht, egal ob wir uns gesund oder krank gefühlt haben. Die Ärzte dort waren alle immer sehr nett und freundlich und taten ihr Bestes. Wir spürten, dass sie unter Behördendruck standen, uns gut zu behandeln, und sich sogar bedroht fühlten, sollte uns irgendwas passieren. Wenn wir einen Arzttermin nicht wahrnahmen, suchten die Ärzte uns auf und fragten, ob etwas nicht in Ordnung sei. Sie betonten, unser Bestes zu wollen, fragten, ob sie vielleicht etwas falsch gemacht hätten. Sie waren sehr besorgt, dass wir uns über ihren ärztlichen Dienst hätten beschweren können.

Ich nahm regelmäßig den wöchentlichen Arzttermin wegen der Kontrolle meines hohen Blutdrucks wahr, die anderen weigerten sich aber manchmal, zum Arzt gebracht zu werden, weil sie sich gesund fühlten. Im Provinzgefängnis von Holguin haben wir nie diese Art von Aufmerksamkeit erlebt. Ich glaube, der Direktor des Canaleta-Gefängnisses verstand es viel besser, wie wichtig wir politische Gefangene waren. Ich denke auch, dass meiner Meinung nach der wichtigste Gefangene unter uns, der Dichter und Journalist Raul Rivero, wesentlich dazu beigetragen hatte, dass er und wir alle gut behandelt wurden. Andere politische Gefangene, die später, nach Raul Rivero, ins Canaleta-Gefängnis kamen, haben irgendwie dieses Verhalten der Behörden geerbt.

Ich wurde regelmäßig in die Stadt Ciego de Avila zu Ultraschalluntersuchung gebracht, wurde von Spezialisten untersucht und so weiter, im Provinzgefängnis von Holguin geschah so etwas nie. Allerdings war die Behandlung für die gewöhnlichen Häftlinge völlig anders. Ihre Anträge wurden meistens ignoriert, manchmal wurden sie wegen Kopfschmerzen auf die Krankenstation gebracht, wo sie eine Injektion bekamen, aber in den meisten Fällen wurde ihnen wohl nur Wasser gespritzt. Es gab auch Fälle, wo Gefängnisinsassen von Wachen geschlagen wurden, weil diese zu sehr darauf bestanden, zur Krankenstation gebracht zu werden. Es gab auch Fälle, wo sich Insassen bewusst Verletzungen zugefügt haben, mit einer Rasierklinge zum Beispiel, damit Vorgesetzte auf höheren Ebene es erfahren, weil Blut geflossen war und die Wache dafür einen Rüffel bekam. Dies war eine eigentümliche Art von Rache gegenüber Wachposten, die dem Insassen das Aufsuchen der Krankenstation verweigerten. Solche Dinge passierten im Canaleta-Gefängnis ständig. Es war oft der Fall, dass Häftlinge aggressiv gegen sich selbst waren.

Die gängige Antwort jeder Wache gegenüber einem Häftling, der um medizinische Versorgung bat, war: "Ich kann es nicht tun, wie du es willst, weil ich meinen Posten nicht verlassen kann, denn wenn etwas passiert und ich mich nicht auf meinem Posten befinde, würde ich dafür verantwortlich gemacht werden. Ich werde dafür bezahlt, dass ich hier auf meinem Posten bin und nicht dafür, dass ich dich zum Arzt bringe. Also musst du warten, bis dein Erziehungsoffizier kommt und dich dorthin bringt." Dieser Erziehungsbeamte ist angeblich verantwortlich für uns alle. Meistens ist er aber nicht da und der Insasse hat dann geduldig auf ihn zu warten. Wenn aber die Schmerzen echt und stark sind, wird er wahrscheinlich protestieren und im Extremfall zu extremen Maßnahmen greifen, etwa zur Selbstverstümmelung, oder Lärm machen, so dass der Wachmann sein Verhalten nicht mehr verheimlichen kann, weil andere Wachposten es bemerken. Und manchmal bezahlen die Insassen einen hohen Preis für diese Art von Protest: Sie können zum Beispiel verprügelt werden oder kommen für einige Wochen in Einzelhaft. Diese Art von Protest wird immer als ein Akt von Disziplinlosigkeit gewertet.

In skandalösesten Fällen protestierten wir, politische Gefangene, dass wir routinemäßig zum Arzt gebracht wurden, ohne dass wir ihn benötigen, für die gewöhnlichen Häftlinge aber dies ein Luxus oder Privileg war. Generell war die medizinische Versorgung sehr schlecht und zwar in allen Gefängnissen, in denen ich war.

 

 

Ein Persönliches Erlebnis

Canaleta-Gefängnis von Ciego de Avila

Hier etwas, was mir persönlich passiert ist: Eines Tages Ende August 2005 wurde ich aufgefordert, mich für einen Arzttermin fertig zu machen. Die Ärztin, die mich untersuchte, war mir neu. Sie fragte mich nach meinem Verdauungsproblem, das ich vorher dem Gefängnisarzt geschildert hatte. Dann sagte sie, ich soll meine Sachen packen und zum Krankenhaus zu einer gründlichen ärztlichen Untersuchung gebracht werden zwecks Feststellung, was mit meiner Verdauung und mit den anderen Gesundheitsproblemen los war. Ich tat wie befohlen und man brachte mich ins Provinzkrankenhaus von Ciego de Avila, wo es eine kleine Station für Gefangene gibt.

Während wir die Überweisungsformulare in das Krankenhaus ausfüllten sagte ich, dass ich am 5. September Besuch von meiner Familie erwarte und fragte, ob diese ärztliche Untersuchung sehr lange dauern würde. Die Wache, die mich zum Krankenhaus begleitete, antwortete, dass ich etwa zwei Wochen lang im Krankenhaus verbringen werde und meinen Besuch auf später verlegen solle. Darüber ärgerte ich mich und protestierte sehr energisch. Meine Frau hatte nämlich schon Busplätze und bei der katholischen Kirche eine Übernachtung reserviert, um mich am 5. September besuchen zu können. Deshalb könne ich auf keinen Fall den Besuchstermin verlegen. Weil ich nicht sicher war, ob man wirklich verstanden hat, wie ernst es mir war, habe ich weiter protestiert.

Später wurde ich von einer Dermatologin untersucht, die mich schon im Gefängnis behandelt hatte. Ich weiß, dass sie mit einem Beamten der Staatsicherheit verheiratet ist, und so nahm ich sie sozusagen in Anspruch als Emissär und erklärte ihr unmissverständlich, dass, wenn ich nicht meinen Besuch am 5. September haben kann, einen solchen Krach machen würde, dass man mich knebeln müsse. Sie sagte, ich soll mich beruhigen. Später erhielt ich einen Anruf von der Staatssicherheit. Sie sagten mir, ich sollte mir überlegen, meinen Besuch auf ein anderes Datum zu verlegen. Nichts zu machen. Dann erlaubten sie mir, mit meiner Frau in Havanna zu telefonieren und sie zu fragen, ob sie mit einem anderen Besuchstermin einverstanden wäre. Sie antwortete, dass alle Vorkehrungen für den 5. September bereits getroffen worden sind. Dann machte man mir einen anderen Vorschlag: Wenn ich einen anderen Termin für den Familienbesuch annehmen würde, würden sie mir einen intimen Besuch mit meiner Frau gewähren. Ich wunderte mich, wie nachdrücklich sie auf eine intime Zweisamkeit mit meiner Frau bestanden und lehnte den Vorschlag ab. Erst dann akzeptierten sie, dass der Besuch am 5. September stattfinden kann.

Während meines Krankenhausaufenthalts wurde ich von meiner früheren zivilen Ärztin besucht. Sie sagte mir, sie wisse nicht, wann ich ins Krankenhaus gekommen war, ihr wurde davon nichts gesagt und auch meine ärztlichen Begleitpapiere waren nicht zusammen mit mir im Krankenhaus eingetroffen. Ich wurde auch von meinem Erziehungsoffizier aufgesucht und auch er sagte, dass er überrascht gewesen war, dass ich ins Krankenhaus gebracht wurde.

Ich zermarterte mir mein Hirn, um dieses Rätsel zu lösen. Mitte September war in Havanna ein Gipfeltreffen der Nicht-Alliierten Staaten ("Non Aligned Movement"), zu dem viele Staatsoberhäupter und hohe Regierungsbeamte eingetroffen waren. Die einzige Antwort, die ich auf das bizarre Verhalten der Staatssicherheit fand, war, dass sie vermeiden wollte, dass meine Frau während dieses Gipfeltreffens in Havanna war. Die "Damas de Blanco" ("Damen in Weiß") waren damals noch nicht so gewichtig als sie es später geworden sind. Meine Frau war nur eine einfache Hausfrau, sie hätte nie daran gedacht, irgendeine Persönlichkeit dieses Gipfeltreffens anzusprechen. So hatte mich die Staatssicherheit hintergangen und mich in ein Krankenhaus einliefern lassen und eine ärztliche Untersuchung als Vorwand für ihre absurden "Präventivmaßnahmen" missbraucht, die ich immer nicht noch verstehen kann. Und sie behaupten immer noch, dass sie uns respektieren und sich um unsere Gesundheit sorgen. Alles Quatsch!



Übersetzung aus dem Englischen: IGFM-Arbeitsgruppe München (WHL)

 

 

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