Iran: Britisch-iranische Studentin Ghoncheh Ghavami auf Kaution frei

Ghoncheh, Ghavami, IGFM, Iran

Zusammenfassung
Ghoncheh Ghavami hatte an einem friedlichen Protest teilgenommen: Für das Recht von Frauen Sportveranstaltungen ansehen zu dürfen. Bei dem Versuch, ein Länderspiel zwischen dem Iran und Italien anzusehen, wurde sie am 20. Juni 2014 festgenommen und zunächst gegen eine Kaution freigelassen. Zehn Tage später, am 30. Juni 2014, wurde Ghoncheh erneut verhaftet und zuerst im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran gefangen gehalten. Danach wurde Sie nach einem Hungerstreik ins Qarchak Gefängnis in Varamin verlegt. In der Einzelhaft hat sich Ghonchehs zuvor ausgezeichneter gesundheitlicher Zustand drastisch verschlechtert, berichtete die Familie. Am 23. November 2014 wurde sie aufgrund intensiver internationaler Proteste – einen Tag vor ihrem 26ten Geburtstag – gegen eine Kaution von umgerechnet 25.600 Euro freigelassen. Sie darf aber den Iran für zwei Jahre nicht verlassen.

Zur Person
Ghoncheh Ghavami wurde 1989 im Iran geboren. Sie lebt in Großbritannien und hat sowohl die iranische als auch die britische Staatsbürgerschaft. Schon als Jugendliche fiel Ghoncheh im Iran auf, weil sie mit 16 Jahren ein Fußballspiel ansehen wollte und daraufhin in polizeilichen Gewahrsam kam. Im Alter von 21 Jahren begann sie ein Studium der Rechtswissenschaften an der Londoner School of Oriental and African Studies. Nach ihrem ersten Abschluss arbeitete Ghavami bei einer gemeinnützigen Organisation, die sich unter anderem den Schicksalen von Straßenkindern im Iran annimmt. Ghavami will ihr Studium fortsetzen und sich auf die Themen Völker- und Menschenrechte spezialisieren.

Verhaftung und Haft
Am 20. Juni 2014 fand im Azadi Stadion in Teheran das Volleyball-Länderspiel Iran gegen Italien statt. Wie bei jedem Sportereignis, das keine reine Frauensportveranstaltung ist, sollten auch bei diesem Spiel nur Männer zusehen dürfen. Dennoch versuchten einige iranische Frauen mit unter den Zuschauern zu sein. Die Sicherheitskräfte vor Ort gingen gewaltsam gegen die Frauen vor und verhafteten sie. Eine von ihnen ist Ghoncheh Ghavami. Sie war wegen ihrer Arbeit für Straßenkinder im Iran und besuchte außerdem Verwandte. Gegen eine Kaution konnte sie wieder zu ihrer Familie zurückkehren, wurde aber zehn Tage später, am 30. Juni 2014, erneut verhaftet, und ins berüchtigte Teheraner Evin-Gefängnis gebracht.

Am selben Tag drangen Sicherheitskräfte in das Haus ihrer Familie ein und beschlagnahmten ihren Laptop und Computer. Dreieinhalb Monate gab es keine Begründung für die Verhaftung. Mündliche Angaben von offizieller Seite wiesen nur vage auf die „nationale Sicherheit“ hin, die sie mit ihrem Verhalten angeblich gefährdet habe. Ghoncheh wurde mehr als 40 Tage in Einzelhaft gefangen gehalten, bevor sie in eine Zelle mit einer anderen Gefangenen gebracht wurde. In der Einzelhaft hat sich Ghonchehs zuvor ausgezeichneter gesundheitlicher Zustand drastisch verschlechtert, berichtete die Familie, die sie erst nach 41 Tagen wieder sehen durfte. 108 Tage lang, bis zum 12. Oktober 2014, wurde Ghoncheh der rechtliche Beistand durch ihren Anwalt verweigert. Währenddessen trat sie – gefolgt von ihrer Mutter – für zwölf Tage in einen Hungerstreik, um gegen die Verschleppung ihres Verfahrens und die willkürliche Verhaftung zu demonstrieren. Diesen beendete sie erst, als ihr Anwalt sie am 12. Oktober 2014 das erste Mal im Gefängnis besuchen durfte.

Prozess und Urteil
Am 14. Oktober 2014 fand Ghonchehs Verhandlung am Islamischen Revolutionsgericht in Teheran unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Sie dauerte nur 90 Minuten. Selbst ihre Familie und ihr Nahestehende durften der Verhandlung nicht beiwohnen. Ein Urteil ist nicht veröffentlicht oder ausgehändigt worden. Dem Anwalt wurde erneut der Zugang zu seiner Mandantin verweigert. Außerdem erkannten die iranischen Behörden Ghonchehs doppelte Staatsbürgerschaft nicht an und verwehrten den britischen Behörden zu helfen. Am 2. November 2014 wurde ihr Anwalt mündlich informiert, dass sie zu einem Jahr Haft wegen „Propaganda gegen das [islamische] System“ und einem Reiseverbot von weiteren zwei Jahren verurteilt sei. Ob eine Revision möglich gewesen wäre, war unklar, denn dazu benötigte der Anwalt eigentlich in einem Zeitfenster von 20 Tagen nach Verhängung des Urteils das schriftliche Urteil.

Haftbedingungen
Ghoncheh Ghavami war im Evin-Gefängnis im Nordwesten Teherans inhaftiert, das für seine unmenschlichen Haftbedingungen berüchtigt ist. Erniedrigung, Demütigung, Folter, physische und psychische Gewalt sind an der Tagesordnung. Zudem ist das Gefängnis, das ursprünglich für 320 Personen angelegt war, chronisch überbelegt. Im Januar 2012 sollen dort rund 8.000 Häftlinge zusammengepfercht gewesen sein. Während der Zeit in Einzelhaft verhörten die Sicherheitskräfte Ghavami mehrfach unter unerträglichen Bedingungen.

Hintergrund
Das Teilnahmeverbot an sportlichen Veranstaltungen existiert im Iran bereits seit der „Islamischen Revolution“ von 1979. Das Verbot dient nach Aussagen von Behördenvertretern „nur dem Schutz der Frau“, um sie vor „unzüchtigem Verhalten“ zu bewahren. Das Verbot betrifft sogar Journalistinnen. Ausländische Frauen sind davon jedoch nicht betroffen und dürfen teilnehmen, wenn sie ihre Pässe vorzeigen.

Hilfe für den Notfall: Hilfsangebote und Notadressen
Machen Sie mit: Petition für ein Tribunal über den Islamischen Staat (IS)
Scharia, das islamische Recht im Überblick
Die Opfer des Islamischen Staates (IS) brauchen Hilfe. So hilft die IGFM.
Veranstaltungen
China darf Flüchtlinge aus Nordkorea nicht abschieben