„Ihr habt drei Tage Zeit, Nord-Nigeria zu verlassen!“

Interview mit Dr. Emmanuel Ogbunwezeh zur Lage in Nigeria

Dr. Emmanuel Franklyne Ogbunwezeh kennt Nigeria und die Situation der Christen dort gut. Er stammt aus Nigeria und arbeitet als Referent für Subsahara-Afrika der Internationalen Gesellschaft für Menschenrecht (IGFM) in Frankfurt am Main.

Dr. Emmanuel Franklyne Ogbunwezeh, IGFM-Referent für Subsahara-Afrika


Wie eng stehen Sie im Kontakt mit Menschen in ihrer Heimat?
Jeder Afrikaner, egal wo auf der Welt, trägt seine Heimat im Herzen mit sich. Heimat ist für uns, selbst wenn wir im Ausland leben, immer eine lebendige Präsenz in unserem Bewusstsein. Sie ist das Fundament unserer Existenz. „Ich bin, weil wir sind” – dieses afrikanische Sprichwort beschreibt unsere Lebenseinstellung sehr genau. Auch ich stehe in sehr engem Kontakt zu meiner Familie und Freunden, die in verschiedenen Teilen Nigerias leben. Ich habe viele Kontaktleute in nigerianischen Medien, Politik, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen, im Bildungswesen und in der gesamten Gesellschaft.

Wie hoch ist der Bevölkerungsanteil der Christen in Nigeria?
Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas und ein Koloss mit fast 200 Millionen Einwohnern. Zuverlässige Statistiken sind in solch einem Land schwierig zu erstellen, da Volkszählungen immer auch zu politischen Zwecken benutzt werden. Verschiedene Indikatoren sprechen dafür, dass die Zahl der Christen bei etwas über 50 % liegt. Der Norden Nigerias wird fast nur von Muslimen bewohnt, der Süden überwiegend von Christen. Da der Süden eine größere Bevölkerung aufweist als der Norden, dürfte der Anteil der Christen in der Gesamtbevölkerung etwas höher liegen als jener der Muslime.

Warum werden Christen verfolgt?
Es gibt eine lange Vorgeschichte. Weil ethnische Politik und Religion vermischt wurden, kam es zu Konflikten. Darunter litten früher vor allem Christen im Süden. So war es zum Beispiel während des Biafra-Krieges in den 1960er Jahren. 1999 wurde Nigeria nach langer Militärdiktatur wieder zu einer Demokratie. Zahlreiche nigerianische Muslime kamen zu dem Schluss, sie hätten unter dem damaligen neuen christlichen Präsidenten Olusegun Obasanjo an Macht verloren. Sie starteten ihre terroristischen Angriffe, die sich in erster Linie gegen Christen richten.

Welche Rolle spielt die soziale Situation?
Die Terrororganisation Boko Haram zum Beispiel gründete sich als Reaktion auf Armut und Korruption, die Nigeria lahmlegen. Ihr ehemaliger Führer, Mohammed Yusuf, sah in einer Rückbesinnung auf eine strengere Form des Islam die Antwort auf diese Probleme. Die nigerianische Regierung ließ ihn festnehmen und von der Polizei exekutieren, bevor ihm der Prozess gemacht werden konnte. Seine Anhänger gingen in den Untergrund und begannen eine bewaffnete Kampagne gegen die nigerianische Regierung und die Christen. Einige Politiker nutzten diese Kampagne für ihre eigenen Zwecke und bewaffneten Splittergruppen. Boko Haram wurde dann später eine Art Dachverband für Terrorgruppen ohne eigenes Ziel, eigene Struktur oder eigenes Gesicht. Nur der Hass auf Christen und alle anderen, die zwischen ihnen und ihrer Vision stehen, eint sie. Im Dezember 2012 haben sie Christen, die im Norden Nigerias leben, ein dreitägiges Ultimatum gestellt, den Norden zu verlassen oder „Konsequenzen zu erleiden“. Seitdem ist Nord-Nigeria für Christen einer der gefährlichsten Landstriche der Welt.

Betrifft die Gewalt auch Muslime?
Auch moderate Muslime sind unter den Opfern. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass Christen die weitaus schwereren Verluste erlitten haben, sowohl an Menschenleben als auch an zerstörten Kirchen, Schulen und Geschäften.

Die Berichte über Gewaltakte übertreffen sich gegenseitig in der Zahl der Toten und Verletzten. Wie verlässlich sind solche Angaben?
Es stimmt: Manche Menschen wollen Geld für ihre eigene Interessengruppe sammeln, indem sie die Opferzahlen überhöht darstellen, um den Konflikt für ihre eigenen, egoistischen Ziele auszunutzen.
Ausländische christliche Organisationen veröffentlichen zum Teil stark irreführende, viel zu hohe Opferzahlen. Andere Gruppen rechnen die Anzahl der Opfer herunter. Das sieht man sogar in einander widersprechenden Berichten nigerianischer Regierungsstellen. Dieser Konflikt ist ein Krieg. In einem Krieg wird die Wahrheit immer zum allerersten Opfer. Deswegen untersucht die IGFM alle Meldungen sorgfältig und sucht Beweise für Opferzahlen, bevor wir irgendetwas veröffentlichen. Wann immer wir uns der Zahlen nicht sicher sind, verschieben wir die Veröffentlichung.

Wie sieht die Situation in den anderen Landesteilen aus?
Der Süden Nigerias ist relativ friedlich, zumindest was religiöse Konflikte angeht. Aber viele Christen haben große Probleme, sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Erschwerend hinzu kommt der Exodus von Christen aus Nord-Nigeria. Die meisten von ihnen haben ihre ganze Habe verloren. Davon werden Sie in den Nachrichten nichts lesen, denn die meisten dieser Flüchtlinge werden von ihren Verwandten im Süden aufgenommen. Die Regierung tut nichts, weil sie die Situation nicht offiziell zur Kenntnis nehmen will.
Die IGFM hat zusammen mit dem Katholischen Institut für Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden der Diözese Enugu - im Südosten Nigerias - für diese Flüchtlinge Hilfe geleistet. Gerne würden wir wieder helfen, wenn wir es schaffen, Menschen zu finden, die ein derartiges Projekt unterstützen.

Wie könnte die Situation verbessert werden?
Wir müssen zunächst erkennen, dass Nigeria ein sehr komplexes Land ist, das aus über 250 ethnischen Gruppen besteht, jede mit eigener Kultur und Sprache. Um Boko Haram und anderen extremistischen Gruppen den Wind aus den Segeln zu nehmen, muss die Regierung soziale Programme ins Leben rufen, die sich gegen die allgegenwärtige Armut und die Hoffnungslosigkeit der nigerianischen Jugend richten. Armut ist in Nigeria nicht nur ein lebensbedrohlicher Zustand, sondern auch eine Brutstätte für unterdrückten Zorn in der Bevölkerung. Der wiederum macht sie zu perfekten Opfern für extremistische Demagogen, die ihnen Gewalt als einzigen Weg aus der Armut präsentieren. 85% der nigerianischen Bevölkerung leben von einem US-Dollar (umgerechnet ca. 74 Euro-Cent) am Tag oder weniger, während 1% der Bevölkerung 80% allen Reichtums besitzt. Ein solches System skandalöser Ungleichheit bringt automatisch Konflikte hervor.

Was können Menschen in Deutschland für die Vertriebenen aus dem Norden Nigerias tun?
Sehr viel. Wir können mit Spenden helfen, den Flüchtlingen aus dem Norden im Süden Hilfe für einen neuen Start zu geben, so dass sie wieder auf eigenen Füßen stehen können. Jeder, der hierfür spenden möchte, kann sich mit der IGFM in Verbindung setzen. Wir haben zu diesem Zweck einen Fonds aufgestellt, in den jeder einzahlen kann. Der Erlös wird benutzt, um Flüchtlingen aus dem Norden zu ermöglichen, ihren Beruf und ihr Leben neu zu beginnen.



Fond für Flüchtlinge in Nigeria
Stichwort: Fond für Flüchtlinge in Nigeria
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)
Konto-Nr. 140 360 1,  Bank für Sozialwirtschaft, BLZ: 550 205 00
IBAN: DE04 5502 0500 0001 4036 01, BIC: BFSWDE33MNZ
oder: [zur online-Spende …]


Dr. Emmanuel Franklyne Ogbunwezeh ist Referent für Subsahara-Afrika der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main. Geboren und aufgewachsen in Nigeria, studierte er in Enugu/Nigeria Jura und Philosophie und erhielt seinen Bachelor an der Pontificial Urban Universität in Rom. Es folgte die Promotion in Sozialethik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Für diese Arbeit erhielt er den Konrad-Adenauer-Preis. Seit 2009 leitet der katholische Christ die Afrika-Abteilung der IGFM und kümmert sich um Menschenrechtsverletzungen in Afrika südlich der Sahara.

Frankfurt am Main, November 2013

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