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"Von Gleichberechtigung kann keine Rede sein"

Interview mit Prof. Christine Schirrmacher zu Frauenrechten, Islam und Iran

Prof. Dr. Christine Schirrmacher: "Bisher existiert die Liberalisierung oder Aufklärung des Islam aber nur an den Rändern der islamisch geprägten Gesellschaften oder im westlichen Exil ..."
Prof. Dr. Christine Schirrmacher: "Bisher existiert die Liberalisierung oder Aufklärung des Islam aber nur an den Rändern der islamisch geprägten Gesellschaften oder im westlichen Exil ..."

Zur Autorin
Prof. Dr. Christine Schirrmacher ist promovierte Islamwissenschaftlerin, Professorin für Islamkunde an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Leuven/Belgien und wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Islamfragen [www.islaminstitut.de ...]



Frau Professor Schirrmacher, was sind in den heutigen islamischen Gesellschaften Ihrer Meinung nach die schwerwiegendsten menschenrechtlichen Probleme von Frauen? Können Sie uns das an ein paar Beispielen aus dem Iran erläutern?


In allen islamisch geprägten Gesellschaften sind Frauen gesellschaftlich benachteiligt. Für den Iran gilt das ganz besonders, da der Iran die Scharia schon 1979 mit der Iranischen Revolution zur einzigen Gesetzesgrundlage erklärt hat. Dort sind Frauen deshalb auch rechtlich stark benachteiligt. Das wirkt sich besonders im Familien- und im Strafrecht aus:

Über die Verankerung der Scharia in Recht und Gesetz hinaus wird die Gesellschaft von der in der Scharia wurzelnden Theologie geprägt, die über Moscheen, Koranschulen und Medien an die Gesellschaft weitergegeben wird. Etablierte Theologen zementieren damit eine Frauenrolle, die in der Scharia wurzelt und Frauen nur eingeschränkte Rechte zubilligt. Aber selbst dort, wo etwa Familien der Oberschicht im Iran ihren Ehefrauen und Töchtern mehr Entfaltungsmöglichkeiten zugestehen, wird ihr Bewegungsspielraum durch die Gesetze zum Ehe- und Familienrecht eingeschränkt. Wo es rechtliche Regelungen gibt, sind keine individuellen Umgehungen möglich. So gibt es etwa keine Ausnahmen von dem mit dem Islam begründeten Gebot, in der Öffentlichkeit das Kopftuch und einen Mantel zu tragen.

Aber nicht nur im Iran, in allen islamisch geprägten Gesellschaften benachteiligt das Ehe- und Familienrecht die Frauen, in keinem dieser Länder können sie dieselben Rechte in Anspruch nehmen wie Männer, obwohl Länder wie z. B. Marokko in den letzten Jahren große Anstrengungen in Richtung einer rechtlichen Gleichstellung von Frauen und Männern unternommen haben. Grenzen setzen aber auch hier das Schariarecht (so wäre es auch in Marokko derzeit undenkbar, ein Verbot der Vielehe gesetzlich durchzusetzen) und die konservativ geprägte Gesellschaft, die es Frauen schwermacht, ihre Rechte auch in Anspruch zu nehmen. Zudem protestiert bei jeder rechtlichen Besserstellung der Frauen die islamistische Opposition gegen die vermeintliche "Aufweichung" der Scharia und die "Anbiederung" an den Westen. Darüberhinaus machen die desolate wirtschaftliche Lage, das marode Bildungssystem und die täglich erlebte Despotie der Autoritäten in Verwaltung, Rechtswesen und Machtapparat Frauen noch stärker zu Opfern als Männer.

Aufgrund der Kolonialherrschaft und der darauffolgenden Staatenbildung wurde in den meisten Ländern das traditionelle Schariarecht auf das Familienrecht beschränkt. D.h., vor allem im Familienrecht finden sich noch rechtliche Regelungen, die nach schariarechtlichen Vorgaben geregelt sind. Zwar haben viele Länder Familienrechtsreformen zugunsten von mehr Frauenrechten durchgeführt, aber diese Reformen bestimmen den Alltag der Frauen noch viel zu wenig, da sie in der Praxis der Familien und der Gesellschaft oder auch häufig der Richter nicht korrekt zur Anwendung kommen. Andere Länder, wie z. B. der Iran, machen aufgrund der Rückbesinnung auf die Scharia auch Rückschritte bei den Frauenrechten: So soll Männern im Iran unter dem gegenwärtigen Regime die Mehrehe und auch die Zeitehe (eine auf begrenzte Zeit geschlossene Ehe, die meist neben bereits bestehender Ehe(n) ohne Wissen der Ehefrau eingegangen wird) erleichtert statt erschwert werden.


Wie sieht die rechtliche Benachteiligung von Frauen konkret aus?


Konkret bedeutet das: Das klassische Schariarecht sieht die Möglichkeit vor, dass Männer mit bis zu vier Frauen gleichzeitig die Ehe schließen können. In zahlreichen Ländern ist dieses Recht - häufig aufgrund des Drucks muslimischer Frauenrechtsbewegungen - eingeschränkt worden, so dass der Mann entweder Gründe für eine Zweitehe (wie z. B. Kinderlosigkeit) anführen oder zumindest in der Theorie die Erlaubnis seiner Erstfrau einholen (so z. B. in Ägypten) oder ausreichendes Vermögen nachweisen muss, bevor er die Zweitehe eingehen kann. Diese Regelungen könnte man als Versuch sehen, die für Frauen - und im Übrigen auch für die Gesellschaft - negativen Auswirkungen des Schariarechts einzugrenzen. Im Iran gibt es derzeit solche Überlegungen zur Beschränkung der Polygamie nicht.

Andererseits gibt es für die Frau keine legale Möglichkeit (außer in der Türkei und Tunesien, wo die Mehrehe gesetzlich verboten ist), ihrem Mann eine Zweitehe wirkungsvoll zu verbieten oder im Ehevertrag bereits auszuschließen. Das äußerste, was sie erreichen kann, ist die Vereinbarung ihrer Scheidung im Fall einer Zweitehe (eine vertragliche Vereinbarung deshalb, weil eine Zweitehe an sich kein Scheidungsgrund ist); die Kinder muss die Geschiedene, wenn sie keine Kleinkinder mehr sind, in der Regel bei ihrem Mann zurücklassen, Unterhalt erhält sie in der Regel nicht. Da kann natürlich von Gleichberechtigung oder auch freier Wahl keine Rede sein.

Muslimische Frauenrechtlerinnen versuchen z. B., durchzusetzen, dass Frauen nach der Scheidung weiter Zugang zu ihren Kindern haben. Die übliche Regelung der Personensorge ist nämlich eine weitere Ungerechtigkeit, da nach klassischem Schariarecht der Mann nach einer Scheidung automatisch das alleinige Recht auf alle Entscheidungen, den Umgang und das Sorgerecht für die Kinder erhält, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben. Da für Männer die Scheidung nach traditionellem Schariarecht recht einfach durchzusetzen ist, ist das für Frauen sehr bitter. Ich habe Filmaufnahmen von Sorgerechtsstreitigkeiten vor iranischen Gerichten gesehen, in denen Frauen den Richter unter Tränen anflehten, nach der Scheidung ihnen wenigstens ein einziges ihrer Kinder zu lassen, aber der Richter ihnen mitteilte, dass er nach dem geltenden iranischen Recht die Kinder grundsätzlich dem Mann zusprechen müsse.

Ein anderes Beispiel für die Ungleichbehandlung der Frauen ist das auf Sure 4,34 basierende Züchtigungsrecht des Mannes gegenüber der Frau bei deren Ungehorsam. Sure 4,34 lautet: "Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie (von Natur vor diesen) ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen (als Morgengabe für die Frauen?) gemacht haben. Und die rechtschaffenen Frauen sind (Gott) demütig ergeben und geben acht auf das, was (den Außenstehenden) verborgen ist, weil Gott (darauf) acht gibt (d.h. weil Gott darum besorgt ist, daß es nicht an die Öffentlichkeit kommt). Und wenn ihr furchtet, daß (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch (daraufhin wieder) gehorchen, dann unternehmt (weiter) nichts gegen sie! Gott ist erhaben und groß." (Rudi Paret)

Harte Misshandlungen kann die Frau in vielen Ländern vor Gericht bringen und u. U. eine Scheidung erreichen, wenn sie sich das gesellschaftlich und finanziell leisten kann. In der Praxis ist das allerdings oft schwierig. Zwar existieren Überlieferungen, die die gute Behandlung der Ehefrau anmahnen. Aber da dieser Korantext in der Geschichte und Gegenwart von der Mehrzahl der Theologen als prinzipielle Erlaubnis zur Erziehung und Züchtigung der Ehefrau ausgelegt wurde und bis heute von vielen Gelehrten so verstanden wird, fällt es Frauen schwer, sofern sie einen Ehemann haben, der zu diesem Mittel greift, bei "maßvoller" Züchtigung gerichtlich Beschwerde zu führen oder auch gesellschaftlich Verständnis dafür zu finden, dass ihre Menschenrechte hier grundsätzlich verletzt werden. Zudem ist die Ehefrau nach dem traditionellen Eherecht zum sexuellen Gehorsam grundsätzlich verpflichtet.

Weitere Beispiele der Benachteiligung von Frauen im Schariarecht sind das Erbrecht, nach dem Frauen nur die Hälfte eines männlichen Erbteils erhalten sowie die im Iran heute offensichtlich wieder häufiger praktizierte schiitische Zeitehe, natürlich auch das Unterhaltsrecht, das Frauen nach der Scheidung ohne dauerhaften Unterhalt zurück lässt und sie so, wenn sie nicht von der Familie versorgt werden kann, manchmal zum Betteln, zum Abschluss von Zeitehen oder sogar in die Prostitution zwingt.


Die islamische Revolution und die Machtergreifung schiitischer Geistlicher im Jahr 1979 hat im Iran bei den Frauenrechten zu dramatischen Einschnitten geführt. Wie hat sich denn die Situation der Frauen im Iran in den letzten Jahren entwickelt?


Die Situation der Frauen im Iran ist von Widersprüchen geprägt. Einerseits stellen die Frauen heute schon mindestens 60%-65% der Studentenjahrgänge, sind vielfach gebildet, selbstbewusst und zielstrebig. Bei den Protesten der vergangenen Monate gegen die manipulierten Präsidentschaftswahlen haben sie sich unerschrocken in der Öffentlichkeit gezeigt, den Schlagstöcken der Basidj getrotzt und mutig für vermehrte Rechte demonstriert. Viele wurden verletzt, unter Anwendung von Gewalt festgenommen und im Gefängnis, wie viele Berichte belegen, unter Druck gesetzt, eingeschüchtert, in vielen Fällen misshandelt, ja auch vergewaltigt.

Die junge Generation ist im Iran heute insgesamt wenig religiös. Sie hat die Regierungszeit des Schahs und die Iranische Revolution nicht mehr selbst miterlebt und muss nun mit diesem Regime zurechtkommen, das sie manipuliert, reguliert und ihnen fast alle Freiheiten nimmt. Besonders junge Iraner wünschen sich mehr Entfaltungsmöglichkeiten, möchten reisen, Zugang zu einer freien Presse und zur Welt außerhalb des Iran haben und ihre Freizeit frei gestalten können. Es geht ganz wesentlich um die Möglichkeit, sich ohne staatliche Kontrolle zu bewegen und das eigene Leben beruflich und weltanschaulich selbst gestalten zu können, anstatt von den vielen Zwängen, Regularien und Verboten eingegrenzt zu werden. Sie möchten sich kritisch mit dem Erbe der Revolution auseinandersetzen und diskutieren können, ohne Angst zu haben, dass morgen sie oder ihre ganze Familie deshalb verhaftet werden.

Zudem ist die wirtschaftliche Situation im Iran anhaltend schwierig, sogar Benzin muss in diesem erdölreichen Staat importiert werden, weil der Iran nicht genügend Raffinerien für die Verarbeitung des Rohöls hat. Daher tritt immer wieder Benzinknappheit auf. Das schränkt dann die Bewegungsfreiheit noch mehr ein und die beliebten Wochenendausflüge in die Berge werden unmöglich, wo es keine Kontrollen auf Schritt und Tritt gibt. Viele junge Leute fühlen sich aufgrund der zahlreichen Beschränkungen wie im Gefängnis und wünschen sich verzweifelt mehr Freiheiten, stoßen aber an die Grenzen, die ein repressives Regime in Politik und Gesellschaft aufrichtet.

Für Frauen ist die Situation zusätzlich schwierig, weil sie, verstärkt durch Armut und Traditionen, zum Teil mit althergebrachten Mustern der patriarchalischen Gesellschaft und den schariabegründeten gesetzlichen Bestimmungen kämpfen. Wenn sie dagegen aufbegehren, bekommen sie derzeit in besonderer Weise die Härte des Regimes zu spüren: Da sind die verschärften Kontrollen auf den Straßen wegen der Einhaltung der islamischen Kleidungsvorschriften, und da sind die gerade in den letzten Monaten vermehrten Prozesse gegen Frauen, bei denen Todesurteile auch vollstreckt wurden. Frauen wurden mehrfach öffentlichkeitswirksam wegen angeblicher Vergehen wie Ehebruch oder Mord hingerichtet. Diese Prozesse können als Gegenreaktion und Einschüchterungsversuch des Regimes auf die Proteste gedeutet werden und dies gerade angesichts des in der Öffentlichkeit deutlich wahrnehmbaren Muts und des Widerstandswillens der Frauen.


Ist denn der schiitische Islam rigider als die Rechtsschulen des sunnitische Islams, dem weltweit die große Mehrheit der Muslime angehört?


Der schiitische Islam ist nicht an sich rigider, eigentlich ist der iranisch-schiitische geprägte Islam über die Jahrhunderte eher mystisch, quietistisch, poetisch und auch künstlerisch geprägt gewesen, wie die persische Poesie und die vielen bildlichen Darstellungen - übrigens auch von Muhammad - beweisen. Das rigide Regime seit der Iranischen Revolution ist deshalb nicht als typisch schiitisch oder typisch iranisch zu betrachten, sondern als politisierte Form des Islam, der eine Theokratie mit einer politischen Herrschaftskaste erzkonservativer Geistlicher errichtet hat, die vor allem ihre eigene Macht wahren möchten. Der Iran wird heute außerhalb des Landes als weltweiter Unterstützer von schiitischen Bewegungen wie der Hizbollah betrachtet, die vielfach kämpferisch, revolutionär, terroristisch oder die sunnitischen Regime destabilisierend auftreten.


Im Iran behindern Regierung und muslimische Regierungsmilizen die Arbeit von Frauenrechtlerinnen nachhaltig. Mehrere Frauen - aber auch Männer -, die sich für Frauenrechte engagiert haben, waren oder sind im Iran in Haft. Könnten Sie uns etwas zur Lage von Frauenrechtlerinnen in anderen muslimisch geprägten Staaten sagen?


Die Lage ist von Land zu Land unterschiedlich, Frauenrechtsorganisationen existieren überall. Die Frage ist dabei immer, wie offensiv sie welche gesellschaftlichen Probleme ansprechen. So ist es z. B. meist leichter, über die zumeist mangelhaften Bildungsmöglichkeiten für Frauen zu sprechen, da der Islam Frauen nicht die Bildung verbietet, Frauenrechtlerinnen also damit nicht den Islam oder Koran und die Scharia kritisieren. Zweischneidig ist ein Protest gegen Zwangsehen oder Ehrenmorde. Sicher würden die meisten islamischen Theologen verneinen, dass der Islam Zwangsehen oder Ehrenmorde gestattet. Aber was genau ist eine Zwangsehe in einer Kultur, die die Tochter im Regelfall - auch noch im Erwachsenenalter - auf den Gehorsam gegen die Familie verpflichtet? In einem Land, in dem eine Frau unter Umständen wenige Bildungschancen hat und ihre spätere Berufstätigkeit nicht vorgesehen ist? In einem Land, in dem es schwer ist, sich kennen zu lernen, ohne den guten Ruf der ganzen Familie zu gefährden? Zwar mahnt auch die islamische Überlieferung, Töchter nicht ohne deren Zustimmung zu verheiraten und viele Familien, besonders in den wohlhabenden Schichten, missbilligen Zwangsehen. Aber hat die Tochter die reale Möglichkeit, in einem Umfeld unverheiratet zu bleiben, in dem eine ledige Frau auf Dauer in Erklärungsnot ist, in dem sie nicht alleine in einer Wohnung leben kann und - im ländlichen Bereich - weder Beruf noch Selbständigkeit erreichen kann?

Ebenso gibt es weder im Koran noch in der Überlieferung eine Anweisung oder Erlaubnis des Ehrenmordes. Aber kaum ein Theologe, Imam oder Polizist wird eine offizielle Stellungnahme dagegen in einem von Familien- und Stammesloyalität geprägten Umfeld veröffentlichen, wenn aus der Tradition heraus über Frauen fast wie ein Besitz bestimmt wird und sie zum unbedingten Gehorsam gegen die ganze Familie erzogen werden. Im Iran kann der Ehrenmord nach derzeit geltendem Recht mit Blutgeld abgegolten werden, da der Vater oder Großvater für einen solchen Mord nicht mit dem Tod bestraft werden kann. Bei Verzicht auf das Blutgeld innerhalb der Familie kann der Täter sogar straffrei ausgehen.

Massiv "verärgern" würden Frauenrechtlerinnen jedoch muslimische Theologen, wenn sie z. B. konfrontativ gegen die Gehorsamspflicht der Frau oder die Mehrehe protestieren würden, da die Mehrehe nun einmal von der Scharia her erlaubt ist. Auch werden Frauenhäuser immer wieder bedroht und beschimpft, sie würden sich in innerfamiliäre Konflikte einmischen, die Frauen zur Scheidung drängen und damit die Familien zerstören oder den Ehemännern ihre ihrer Meinung nach im Koran verbrieften Rechte auf Erziehung und Züchtigung streitig machen. Repressionen befürchten Frauenrechtlerinnen daher meist weniger von staatlicher Seite als durch die Gesellschaft oder aber durch Familienangehörige der Frauen, die etwa in Frauenhäusern betreut werden. Massiv verärgern Frauenrechtlerinnen derzeit auch das iranische Regime, wenn sie nach der rechtlichen Gleichstellung von Frauen rufen, da diese Forderung als Frontalangriff auf die Scharia verstanden wird - da sie die Frauen prinzipiell rechtlich benachteiligt - also auf die gesetzliche Grundlage und religiös definierte Identität des iranischen Staates.


Welche Entwicklungen erwarten Sie für die mittlere und fernere Zukunft für die Rolle der Frauen im Iran aber auch allgemein in den muslimischen Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens?


Die Verbesserung der Lage der Frauen hängt von der allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung im Nahen Osten ab, also der Frage, ob die islamisch geprägten Gesellschaften in Zukunft noch stärker von Akteuren des politischen Islam gelenkt werden oder ob sich zumindest Teile der islamischen Gelehrtenwelt einer unpolitischen und zeitgemäßen Betrachtung der Quellen (Koran und Überlieferung) öffnen. Denn nur wenn das aus der Scharia abgeleitete Familienrecht von seinem zeitlos gültigen, religiösen und gesellschaftlichen Anspruch abgekoppelt werden kann, Gottesgesetz zu sein, können Frauen rechtlich wirksam besser gestellt werden. Nur wenn Muhammads Ehen nicht mehr unhinterfragbarer Maßstab für die Moderne sind, kann die Polygamie kritisch hinterfragt werden. Nur wenn die Regelung des halben Erbteils für Frauen oder das Züchtigungsrecht nicht mehr als göttliche Gebote gehandelt werden oder aber durch einen umfassenden Säkularisierungsprozess nachhaltig an gesellschaftlicher Geltung verlieren, haben Frauen Aussicht auf Gleichberechtigung.

Bisher existiert die Liberalisierung oder Aufklärung des Islam aber nur an den Rändern der islamisch geprägten Gesellschaften oder im westlichen Exil; frei, öffentlich und ohne Sorge um ihre Zukunft für ihre Auffassungen werben dürfen Liberale oder kritisch denkende Intellektuelle in keinem islamisch geprägten Land.


Die Verfassung der Islamischen Republik Iran ist durch und durch auf den dschaffaritisch-schiitischen Islam und die Herrschaft seiner Geistlichen ausgerichtet. Gleichberechtigung von Frauen und Männern erscheint daher kaum möglich. Wenn aber eine iranische Regierung den Willen zur Verbesserung der Lage der Frauen hätte - was denken Sie, wären die vordringlichsten Reformen?


Die vordringlichste Reform überhaupt wäre vielleicht die Abschaffung der Zeitehe, weil diese Eheform den Frauen auch noch die Rechte nimmt, die die Scharia ihnen lässt. Dann aber auch die Abschaffung der rechtlichen und gesellschaftlichen Akzeptanz des Züchtigungsrechtes, sowie die Schaffung eines gleichberechtigten Scheidungs- und Kindschaftssorgerechts. Zugleich müssten die Aussagen von Frauen vor Gericht denen von Männern gleichgestellt werden (statt wie derzeit nur mit der Hälfte der Aussagekraft bewertet werden) sowie den nicht erwerbstätigen Frauen das Recht auf Unterhalt zubilligen, um sie nicht in die Zeitehe, wirtschaftliche Verelendung oder Prostitution zu treiben. Das gleichberechtigte Miteinander in einer Gesellschaft fällt nicht einfach vom Himmel: es muss rechtlich ermöglicht, weltanschaulich begründet und gesellschaftlich umgesetzt werden.


In Europa und Nordamerika leben Millionen von Migranten und Bürgern, die ihre Wurzeln in muslimischen Ländern haben. Haben Sie den Eindruck, dass diese Muslime einen Einfluss auf die Länder ihrer Vorfahren ausüben, was Gleichberechtigung und Frauenrechte angeht?


Sie haben in dem Maße Einfluss, in dem sie sich von den Einflüssen der Gelehrten aus den Herkunftsländern lösen. Auf privater Ebene ist das sicher oft der Fall. Auf internationaler Ebene ist die Situation jedoch leider so, dass heute über Internet und TV der Einfluss vor allem in die andere Richtung geht und hier ein massiver Transfer sehr konservativer bis politischer Theologie und Ideologie in die westlichen Länder und die dort lebende muslimische Minderheit in der Diaspora geschieht. Von daher ist der Einfluss von West nach Ost gering und wird auch gering bleiben, so lange die islamische Theologie nicht von innen heraus selbst Reformkonzepte entwickelt, die islamisch begründet werden - auch wenn natürlich Menschen, die die Freiheiten im Westen kennengelernt haben, einen gewissen Einfluss auf ihre Herkunftsländer ausüben.


Was können die europäischen Staaten tun, um die Frauenrechtssituation im Iran zu verbessern?


Vor allem können sie auf die Lage der Frauen im Iran hinweisen, über Einzelschicksale berichten, Politik und Gesellschaft auf das dortige Unrecht und Ungleichgewicht hinweisen und Frauen- und Menschenrechtsverletzungen nicht schweigend hinnehmen. Bei Frauen, die in Europa Zuflucht vor Gewalt und Misshandlung gefunden haben, sollte vor diesem Hintergrund geschlechtsspezifische Verfolgungsgründe anerkannt und ihnen eine Plattform geboten werden, von der aus sie ihre Aufklärungs-, Menschen- und Frauenrechtsarbeit wirksam fortführen können.


Januar 2011

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