"Wir redeten von der Revolution, diese Generation redet von Freiheit"

Interview mit Houshang Asadi

Houshang Asadi teilte einst die Zelle mit Ali Khamenei, doch auch die Islamische Republik steckte ihn in den Knast. Wie er die Folterhaft in seinem Buch "Letters to my torturer" verarbeitet - und was er dem "Revolutionsführer" sagen würde.

Houshang Asadi beim IGFM-Workshop "Zero tolerance for new censors", der am 22.06.2011 im Rahmen des Global Media Forums der Deutschen Welle stattfand. Foto: DW, K. Danetzki

Houshang Asadi

arbeitete vor der Islamischen Revolution als stellvertretender Herausgeber der Tageszeitung Kayhan. Im Jahr 1983 setzte ihn die iranische Regierung für sechs Jahre im berüchtigten Moshtarek-Gefängnis fest. Heute lebt Asadi im Exil in Paris und betreibt die persische Website www.roozonline.com. Auf dem »Global Media Forum« der Deutschen Welle in Bonn war Houshang Asadi Gast der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM).

Herr Asadi, Sie haben einen Herzinfarkt erlitten, als Sie "Letters to my torturer" schrieben. Wie haben Sie die Kraft gefunden, dennoch weiterzuschreiben?

Ich sehe es als meine Pflicht aufzuschreiben, was im Gefängnis passiert ist. Auch die neue Generation im Iran soll davon erfahren. Das Schreiben ist mir sehr schwer gefallen. Sechs Monate nachdem ich mit dem Buch begonnen habe, hatte ich einen Herzinfarkt und musste für ein Jahr aussetzen. Es war jene Pflicht, die ich verspüre, die mir die Kraft gegeben hat, weiterzuschreiben - und die Liebe meiner Frau.

Welche Erinnerung war für Sie am schwersten aufzuschreiben?

Die Erinnerung daran, wie ich gezwungen wurde, meine eigenen Fäkalien zu essen. Ich habe einen Satz darüber geschrieben und konnte erst nach zwei Stunden den nächsten zu Papier bringen, zwei Stunden später dann wieder einen, und so fort.

Einer der interessantesten Teile Ihres Buches handelt davon, wie Sie in der Zeit des Schahs drei Monate mit Ali Khamenei in einer Gefängniszelle verbracht haben. Was hat Sie an diesem Mann beeindruckt?

Ich habe damals einen guten Menschen im Gefängnis vorgefunden. Er war 30 Jahre alt. Ich war 26, ein linker Aktivist, und wurde mit einem Geistlichen in die Zelle gesteckt. Ich stellte mich ihm vor: "Ich bin ein Linker, ich glaube nicht an Gott." Ich wollte, dass er über unsere Verschiedenheit Bescheid weiß. Nach wenigen Tagen wurden wir gute Freunde, wir sprachen über Literatur, über Gedichte und machten Witze. Als ich die Zelle verließ, verabschiedeten wir uns wie zwei alte Freunde. Es war Winter und ich merkte, wie Khamenei, ein sehr dünner Mann, fror. Ich gab ihm meine Jacke, die mir meine Frau als Geschenk ins Gefängnis gebracht hatte. Khamenei umarmte mich, fing an zu weinen und flüsterte in mein Ohr: "Houshang, wenn der Islam im Iran an die Macht kommt, wirst du niemals einen Unschuldigen weinen sehen!" Ich habe ihn kürzlich in einem Interview mit Voice of America an diese Worte erinnert.

 

"Als Khamenei Präsident wurde, hat er sich völlig verändert"

Denken Sie, dass Khamenei sich jetzt noch an Sie entsinnt?

Natürlich! Wir haben uns nach unserer gemeinsamen Zeit im Gefängnis immer wieder getroffen. Erst zwei Jahre nach der Revolution, als er Staatspräsident des Iran wurde, hat er sich völlig verändert.

Was hat ihn verändert?

Als erstes die Macht. Als zweites der islamische Fundamentalismus. Die Mischung von Macht und Fundamentalismus hat ihn verändert.

Wie würde ein Treffen zwischen Ihnen jetzt aussehen?

So lange er ein Diktator ist, möchte ich ihn nicht treffen. Wenn er eines Tages seine Macht aufgibt, werde ich ihn genau das fragen: "Wie ist es geschehen, dass du dich so verändern konntest?"

Seit den Protesten von 2009 haben Foltergefängnisse wie das Evin-Gefängnis in Teheran eine traurige Renaissance erfahren. Was hat sich seit Ihrer Inhaftierung in den Achtzigern am Umgang des Regimes verändert?

Die Methoden haben sich verändert. Damals wurden wir eher physischer Folter ausgesetzt. Doch heutzutage können die Gefangenen nach ihrer Entlassung leichter publik machen, was mit ihnen passiert ist. Es gibt jetzt eine neue Foltermethode, wir nennen es "weiße Folter". Du wirst als Isolationshäftling in einen komplett weißen Raum mit weißem Licht eingesperrt. Nach wenigen Tagen drehst du durch. Oder sie suchen sich zum Beispiel jemanden aus, der religiös ist und sagen zu ihm - entschuldigen Sie die Ausdrucksweise: "Letzte Nacht habe ich Ihre Frau von hinten genommen." Für einen Gläubigen ist das das Schlimmste.

Was ist der Unterschied zwischen Ihrer Generation und den jungen Iranern von heute?

Meine Generation war von Ideologie geprägt. Wir waren voll von Idealismus und glaubten an die Kraft der Gemeinschaft, nicht an die Menschenrechte. Die neue Generation glaubt an die Menschenrechte, an das Stimmrecht, an Freiheitsrechte. Wir redeten von der Revolution, diese Generation redet von Freiheit. Warten Sie ab, es wird im Iran bald zu einer Veränderung kommen.

"Wenn ich meinem Folterer im Gerichtssaal begegne, werde ich ihm vergeben"

Einige kritisieren, dass der Westen Iran einseitig betrachtet - im Lichte des Atomstreits und der Menschenrechtsverletzungen. Was denken Sie darüber?

Es gibt nichts Positives an der jetzigen Regierung. Aber der Westen sollte sein Augenmerk vom Atomstreit noch mehr auf die Menschenrechtsverletzungen lenken.

Denken Sie, das Konzept von Menschenrechten und Freiheit im Iran gleicht dem Verständnis, das wir darüber im Westen haben?

Ja, der Iran ist das am stärksten verwestlichte Land im Mittleren Osten. Junge Leute im Iran haben die gleichen Interessen wie junge Leute in Europa. Sie kennen die Bedeutung von Menschenrechten.

Im Buch geben Sie Ihrem Folterer den Namen »Bruder Hamid«. Sie haben herausgefunden, dass er mittlerweile zum iranischen Botschafter in Tadschikistan geworden war. Nach der Veröffentlichung von »Letters to my torturer« hat er seinen Posten verloren. Worin sehen sie den Grund dafür?

Als die Folterungen bekannt wurden, hatten sie Angst. Schließlich ist so ein Mann Repräsentant des Landes, also haben Sie ihn entlassen. Ich habe neulich gehört, dass er jetzt ein großes iranisch-chinesisches Handelsunternehmen leitet.

Weiß "Bruder Hamid" von Ihrem Buch?

Sicherlich. Vor einiger Zeit wurde mein Buch von ihm in einer Zeitung angegriffen und alles, was ich geschrieben habe, als Lüge abgetan. Die Regierung hat also auf mein Buch reagiert und scheint es gefährlich zu finden. Ich möchte das Buch dennoch als PDF-Version auf Persisch im Iran in Umlauf bringen. Ich wünsche meinem Folterer nicht die Todesstrafe. Er muss vor ein ordentliches Gericht gestellt und für seine Verbrechen gegen die Menschenrechte geahndet werden. Aber wenn wir einmal zusammen in einem Gerichtssaal sitzen, werde ich ihm vergeben. 

Hilfe für den Notfall: Hilfsangebote und Notadressen
Scharia, das islamische Recht im Überblick
Die Opfer des Islamischen Staates (IS) brauchen Hilfe. So hilft die IGFM.
Veranstaltungen
China darf Flüchtlinge aus Nordkorea nicht abschieben