Peter Amsler: Darstellung religiöser Minderheiten in iranischen Medien

 

IGFM-Jahresversammlung, Bonn, 19. März 2011

 

 

 

 

 

Peter Amsler, Menschenrechtsreferent des Nationalen Geistigen Rates der Bahá'i 

Die Diskriminierung und Verfolgung religiöser Minderheiten ist eingebettet in eine ohnehin schmerzliche Menschenrechtsbilanz der iranischen Regierung. Die jüngste Hinrichtungswelle politisch Andersdenkender, die Massenverhaftungen und Schauprozesse nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2009, die schwierige Situation von Menschenrechtsverteidigern, die zwangsweise Schließung von Presseorganen und die Blockierungen des Internet, die strukturelle Diskriminierung von Frauen und Mädchen, die sich verschlechternde soziale Lage durch Missmanagament und Korruption und damit verbundene Einschränkungen von wirtschaftlichen und sozialen Rechten belasten alle Iranerinnen und Iraner.

Insofern sind Anhänger religiöser Minderheiten zusätzlichen Unfreiheiten und Gefahren ausgesetzt, was sie doppelt verwundbar macht.

Ihre Verfolgung hängt indes auch mit ihrer wachsenden gesellschaftlichen Relevanz zusammen. Allen staatlichen Repressionen zum Trotz zeigen sich weite Teile der iranischen Bevölkerung gegenüber  dem religösen und kulturellen Erbe ihres Landes aufgeschlossen.

Schließlich ist der Iran reich an religiöser Erfahrung und ethnischer Vielfalt. Es hat eine schiitische Führung und ist das geistige Erbe dreier Religionen, der zoroastrischen, der Babi- und der Bahá'í-Religion. Es ist gesegnet mit einer jüdischen Gemeinde aus babylonischen Zeiten. Seit Jahrhunderten leben hier armenische und assyrisch-chaldäische Christen. Hier haben gelebt und leben Juden, Christen - neue wie alte Konfessionen –, Muslime - Schiiten, Sunniten, Sufis -, Bahá'í, aber auch Hindus, Sikhs und Buddhisten.

Beides - Religion und Ethnie - lässt sich nicht in jedem Fall analytisch voneinander trennen. So sind die meisten Kurden, Balutschen und Turkmenen sunnitische Muslime. Insofern überlagert sich hier die ethnische mit der religiösen Zugehörigkeit. Dies gilt auch für armenische Christen, assyrisch-chaldäische Christen und Juden. Zoroastrier, Bahá'í und protestantische Christen unterscheiden sich jedoch lediglich hinsichtlich ihrer Religionszugehörigkeit von der Mehrheitsgesellschaft. Auch die Azeris sind vorwiegend schiitischen Glaubens.

Indes hat die Vielfalt des religiösen Lebens nie Eingang in die Politik gefunden. Religiöse und ethnische  Minderheiten standen stets periodisch im Fokus öffentlicher Unruhen. Seit der Islamischen Revolution werden indes insbesondere religiöse Minderheiten strukturell diskriminiert und sind im zunehmenden Maße schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt.

Die religiöse und sprachliche Vielfalt Irans ist Ergebnis seiner geographischen Lage an der Schnittstelle verschiedenster Kultursphären: der persischen und indischen, der arabischen und türkischen, der russischen und zentralasiatischen. Auch wenn der Iran nie Kolonialgebiet war, so haben doch stets außeriranische Mächte auf seine innere Beschaffenheit Einfluss genommen. 

Die genauen Angaben über die Verteilung religiöser und ethnischer Minderheiten sind indes schwer zu ermitteln, wie überhaupt die Untersuchung über die Situation der religiösen Minderheiten im Iran erst in ihrer Anfangsphase zu stehen scheint. [vgl. Farshid Delshad, Religiöse Minderheiten im Iran, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 26/2008; http://www.bpb.de/publikationen/JRQ3L5.html]

Zum letzten Mal fand im Jahr 1976, noch unter der Pahlavi-Regierung, ein Zensus statt. [General Census of Population and Households: 1976, Statistical Centre of Iran, 1976, Tehran.] Indes ist hier Vorsicht geboten. Bestrebungen, einen starken zentralistischen Staat zu errichten, gab es im Iran nicht erst unter der Pahlavi-Dynastie. Zu nennen sind hier die Einführung des obligatorischen Schulunterrichts in persischer Sprache sowie der Erlass von 1935, wonach Persien nur noch als "Iran" zu bezeichnen ist - eine Abkürzung des mittelpersischen Eran Schahr/ "Land der Arier" -, verstanden als eine ethnische Selbstbezeichnung, jedoch übetragen auf den ganzen Vielvölkerstaat.

Minorities Rights Group kommentiert dies im Februar 2011 wie folgt: "Das bedeutet, dass der Pahlavi-Staat ein begründetes ideologisches Interesse hatte, das Land weitestgehend als homogenes und im Grunde persiches zu zeichnen. Entsprechend stellte der Staat [in dem Zensus von 1976, pa] fest, dass 51 Prozent persisch seien und 25 Prozent Azeris. Diese Statistik wurde nicht von unabhängigen Stellen überprüft, indes später von vielen unkritisch weiterverteilt." [Übersetzung durch den Autor, vgl. Nazila Ghanea/Binesh Hass: Seeking justice and an end to neglect: Iran’s minorities today. Hrsg. von Minorities Rights Group International. 2011; http://www.minorityrights.org/download.php?id=939]

Lassen Sie mich noch kurz etwas zur Sprachpolitik in Bezug auf ethnische und religiöse Minderheiten sagen. Hier zeigt sich nämlich ein bemerkenswerter Widerspruch. Laut Artikel 15 der Verfassung ist die offizielle Sprache und Schrift des Irans das Persische und alle offiziellen Dokumente, Korrespondenz und Schulbücher haben in persischer Sprache verfasst zu sein. Der zusätzliche Gebrauch regionaler Sprachen ist in den Medien erlaubt sowie im Literaturunterricht in den Schulen. In der Praxis unterbinden indes die Behörden den Gebrauch des Kurdischen in Schulen und limitieren ihn in den Medien. Gleiche Einschränkungen werden von den Azeris berichtet. Der Gebrauch der eigenen Sprache ist ein sensibles Politikum, da separatistische Tendenzen befürchtet werden.

Anders im Bereich des Religiösen. Gottesdienste haben hier in der eigenen, nicht-persischen Sprache zu erfolgen. Berichten nach wurde auch den evangelikalen Protestanten Mitte der 90er Jahre durch die Behörden bedeutet, ihre Gottesdienste in einer anderen Sprache als dem Persischen abzuhalten. [vgl. ausfürlich zur Lage christlicher Minderheiten: Florian Lüthy: Christen und Christinnen im Iran. Themenpapier. Bern 2005; http://www.fluechtlingshilfe.ch/herkunftslaender/arabia/iran/iran-christen-und-christinnen-im-iran/at_download/file] Zu groß ist hier anscheinend die Gefahr der Konversion.

Zu der nationalistischen Dominanz des Persisches ist seit 1979 für einen Teil der religiösen und ethnischen Minderheiten eine erdrückende Dominanz des schiitischen Islams hinzugekommen. Denn mit Artikel 12 der iranischen Verfassung bekennt sich der Iran seit der Revolution offiziell zur Zwölfer Schia: "Die Zwölfer-Schia ist die offizielle Religion Irans, und dieses Prinzip bleibt für immer und ewig unabänderlich. Die anderen islamischen Rechtsschulen (...) genießen die volle Achtung und die Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaften sind bei der Praxis ihrer religiösen Riten entsprechend ihrer Lehre frei. Sie genießen die Anerkennung in Bezug auf ihre religiöse Didaktik und Pädagogik, persönliche Angelegenheiten und deren Rechtsansprüche", heißt es in der Verfassung. Wir werden noch sehen, dass es mit der darin zum Ausdruck kommenden Toleranz gegenüber Sunnis und Sufi nicht weit her ist.

Die Dominanz des schiitischen Islam zeigt sich daran, dass das politische System ganz auf die Herrschaft der schiitischen Rechtsgelehrten aufgebaut ist, die stellvertretend handeln, solange der Mahdi, der in der Zwöfler-Schia verheißene Messias - und laut Verfassung übrigens offizielles Staatsoberhaupt -, noch nicht aus der Verborgenheit erschienen ist. Kein Nicht-Schiit kann infolge zum Beispiel Präsident werden, heißt es beispielsweise in Artikel 115.

Nach Artikel 4 der Verfassung müssen zudem alle "zivilen, strafrechtlichen, finanziellen, ökonomischen, administrativen, kulturellen, militärischen und politischen sowie alle übrigen Gesetze und Vorschriften [...] in Einklang mit den islamischen Maßstäben stehen."

Artikel 1 hält unmissverständlich fest: "Der iranische Staat ist eine Islamische Republik, für deren Errichtung das iranische Volk aufgrund seiner lang gehegten Überzeugung von der Geltung der Wahrheit und Gerechtigkeit des Qur'an nach dem Aufbruch seiner siegreichen Islamischen Revolution [...] gestimmt hat."

 

 

Rechtliche Konsequenzen für religiöse Minderheiten aus dem schiitischen Herrschaftsanspruch


Lassen Sie mich vorweg kurz erläutern: Der schiitische Islam hat anders als der sunnitische Islam strengere Regeln für den Umgang mit Andersgläubigen. Der schiitische Theologe Mohammad Bagher Madjlesi (1616-1699), der höchstrangige Religionsgelehrte und Richter seiner Zeit, stellte Richtlinien für Muslime im Umgang mit religiösen Minderheiten auf, wonach Schiiten Juden, Christen, Zoroastrier, Heiden, aber auch Spieler, Musiker und Homosexuelle nicht grüßen durften. Schiiten sollten den körperlichen Kontakt mit Nichtmuslimen völlig vermeiden, da sie rituell "unrein" seien.

Religiöse Vorbehalte dieser Art spiegeln sich in vielfältiger Weise in der iranischen Verfassung wieder. So besagen zwar Artikel 19 und 20 der Verfassung: "Iranische Bürger genießen unabhängig von ihrem Volksstamm und ihrer Zugehörigkeit gleiche Rechte." (Artikel 19). Die nachfolgende Nicht-Diskriminierungsklausel erwähnt hingegen nicht die religiöse Zugehörigkeit: "Niemand soll wegen seiner Hautfarbe, Sprache und ähnlicher Merkmale bevorzugt werden."

Und in Artikel 20 heißt es: "Jedes Mitglied des Volkes, ungeachtet ob Frau oder Mann, genießt gleichermaßen den Schutz des Gesetzes und, unter Berücksichtigung islamischer Prinzipien, alle menschlichen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte."

Artikel 14 gibt einen Hinweis auf diese "islamischen Prinzipien": "Die Regierung der Islamischen Republik Iran und die Muslime sind [...] verpflichtet, gegenüber Nichtmuslimen nach bester Sitte, mit Anstand und unter Wahrung islamischer Gerechtigkeit zu handeln und ihre Menschenrechte zu achten." Wogegen der letzte Satz des Artikels erneut eine Einschränkung enthält: "Dieser Artikel gilt nicht gegenüber denen, die sich gegen den Islam und die Islamische Republik Iran verschwören und engagieren."

Die Einschränkung islamischer Gerechtigkeit setzt sich in Artikel 13 fort, der die schützenswerten religiösen Minderheiten auflistet: "Und auch Iranische Bürger des zaroastrischen,  jüdischen und  christlichen  Glaubens sind als offizielle religiöse Minderheiten anerkannt, die vollständig frei ihre religiösen Pflichten im Rahmen des Gesetzes ausüben können. Die Personenstandsangelegenheiten und die religiöse Erziehung erfolgen nach der entsprechenden eigenen Religion."

Iranischer Nationalismus, die bei den Iranern so beliebten Verschwörungstheorien sowie die religiös-fundamentalistische Staatsdoktrin fordern bei den Minderheiten in der Praxis regelmäßige Loyalitätsbekundungen heraus. Jeder iranischer Staatsbürger, der eine Anstellung oder studieren möchte, muss sich beispielsweise einem Untersuchungsverfahren unterziehen, das als gozinesh bekannt ist. Hier müssen die Anwärter ihre Loyalität und Verpflichtung auf die Islamische Republik abgelegen. Ein sunnitischer Geistlicher aus Sistan-Baluchistan erklärte hierzu:

"If a Baluchi wants to open a shop, he must first go to the government and get his political beliefs thoroughly examined by the [Revolutionary Guards] and intelligence services. They ask: have you done anything for the Islamic Republic? Did you fight in the Iran–Iraq War? Do you believe in the velayat-e faqih [i.e. the doctrine in Iran that places the Islamic jurist at the apex of the country’s political power]? Sunnis don't believe in [this doctrine] – it is against our beliefs, and because we don’t believe in [lying], we must answer the truth. The result is that Sunnis don’t get the permit to open the shop, they don't get jobs, they don't get places in university – unless they agree to become informers for the intelligence services […] They treat us like the Untouchables of India […] We are Iranians by passport and by nation, and so we want our rights as Iranians." [vgl. Amnesty International USA: Iran: Human Rights Abuses against the Baluchi Minority; http://web.amnesty.org/library/pdf/MDE131042007PERSIAN/$File/MDE1310407.pdf]

Bezüglich der "Schutzbefohlenen" nach Artikel 13 der Verfassung, der autothonen christlichen Minderheiten, der Juden und Zoroastrier, fasst Farshid Delshad [a.a.O.] die Bewältungsstrategie wie folgt zusammen:
"Im kollektiven Bewusstsein der iranischen Nichtmuslime spielt die Widerstandsfähigkeit gegen die sozialen und politischen Veränderungen und die Anpassung eine bedeutende Rolle. Jede nichtmuslimische Gemeinschaft verfügt über ihre eigenen Ausfluchts- und Kollaborationsfähigkeiten. Sie verhalten sich nach der klassischen, traditionellen Auffassung des Dhimmi-Status geduldig, flexibel und kooperativ. Der Konservatismus dient den religiösen Minderheiten Irans als Strategie, die das Zusammenleben mit ihren muslimischen Landsleuten bis zu einem gewissen Grad ermöglicht."

Dies gilt sicherlich für die alteingessenen Minderheiten. So haben sie entsprechend noch 1995 die Initiative ergriffe, dem damaligen UN-Sonderberichterstatter zum Recht auf Glaubens- und Religionsfreiheit mitzuteilen, dass sie nicht wünschten, dass ihre Situation auf internationaler Ebene Erwähnung findet. Während des UPR-Verfahrens des UN-Menschenrechtsrats in Genf am 15. Februar 2010 war gar ein Mitglied der religiösen Minderheiten Mitglied der iranischen Delegation.

 

 

 

Desinformation und Diffamierung neuerer Religionsgründungen


Aber wie verhält es sich mit neueren Religionsgründungen wie den Babi im 19. Jahrhundert und den Bahai? Wie mit den protestantischen Christen und Derwischen? 

In der Praxis bedeutet dies zum Beispiel für die über 300.000 Bahá'í, dass sie nicht in einen religiösen Kontext gestellt werden, denn Religionen sind ja lediglich Islam, Christentum, Judentum und die zoroastrische Religion. Als nachislamische Offenbarungsreligion werden sie zwar erbittert als "Fleisch vom Fleische" bekämpft, und Bahá'í - selbst wenn sie zuvor Juden, Christen und Zoroastrier waren - werden immer wieder unter Folter vor die Wahl gestellt, "zurück" in die Gemeinschaft der Muslime zu kommen, um am Leben zu bleiben, regierungsoffiziell stehen sie jedoch in einem politischen Kontext, sie gelten als "perverse politische Sekte", als Zionisten, Spione, Destabilisierer der islamischen Ordnung. Es kann eben nicht sein, was nicht sein darf.

Und wie schlägt sich dies in den Medien wieder? Es ist offensichtlich, dass in einem Land, in dem es keine Pressefreiheit gibt, sich die Staatsdoktrin gegenüber religiösen Minderheiten eins zu eins in den Medien niederschlägt.

Im Juni 2009 greift beispielsweise Fars News einen Beitrag aus der Zeitung Javan auf, einer der Pasdaran nahestehenden Zeitung. Es wird geschrieben, dass während der Proteste im Zuge der umstrittenen Präsidentschaftswahlen auf Seiten des Mousavilager Koranausgaben geschändet worden seien, "wie es unter Bahá'í üblich" sei. Fars News schreibt: "Der Bahaismus steht unter Führung des Zionsimus hinter der jüngsten Krise und Unruhen“. http://www.farsnews.com/newstext.php?nn=8810071122 [vgl. Dr. Wahied Wahdat-Hagh]

Die ultrakonsverative Zeitung Keyhan, deren  Chefredakteur Hosein Schariatmadari vom obersten religiösen Führer ernannt wurde, berichtet regelmäßig diffamierend über die Bahá'í.  Allein vom Ende Oktober bis Ende November 2005 erschienen Dutzende von Artikeln, die den Bahá’í-Glauben verleumden und bei den Lesern Gefühle von Argwohn, Misstrauen und Hass gegenüber der Bahá'í-Gemeinde hervorrufen sollen.

Der Beitrag "Der Báb unter der Vormundschaft der Juden" [ 29. Oktober 2005] verleumdet beispielsweise die Persönlichkeit des Báb und versucht unzweideutig, antisemitische Gefühle zu schüren. Unter den gegen den Báb aufgeführten Behauptungen heißt es, er habe enge Verbindungen mit der jüdischen Gemeinde im Iran gehabt; gerade diese Verbindung sei "die eigentliche Grundlage Seines Anspruchs‚ das Tor zum Verheißenen zu sein." Als Quelle dieser Behauptung wird auf  die so genannten Memoiren des russischen Prinzen Dolgorouki verwiesen, ein Dokument, das von ernsthaften Historikern als völlig absurd bezeichnet worden ist. Einen Tag später heißt es unter "Dolgoroukis Einfluss auf den Báb" [30. Oktober 2005] der Glaube des Báb sei eine Schöpfung des russischen Imperialismus gewesen sei. Später wurde die Serie, die noch viele Monate weiter ging, als Buch veröffentlicht.

Diffarmierung und Desinformation machen selbst vor Schulbüchern nicht halt, wie das Buch "Babak" bezeugt. Babak ist ein persischer Name, der einen Hinweis gibt auf die historische Figur des Báb (Sayyid Ali Muhammad, 1819-1850), des Stifters der Bábi-Religion und Vorläufers der Bahá'í-Religion. Es ist auch der Titel eines Kinderbuches, das gegenwärtig in iranischen Schulen unentgeltlich verbreitet wird, um gegen die Bahá'í zu hetzen.

Hier gebe ich eine Übersetzung des Inhalts wider:
S.2: Es gab vor Jahren ein fauler Junge. Er war unerzogen und hieß Babak.
S.3: Er wollte nicht zur Schule gehen, weil er sehr bequem war
S.4: Babak war nicht besonders intelligent. Er schwänzte immer die Schule.
S.5 Mit Hilfe eines Onkels betrieb Babak ein Geschäft.
S.6. Babak haute ab und klaute die Kleidung eines Geistlichen
S. 7 Er nannte sich dann Scheich Babak. Mit Hilfe von Russen und ausländischen Feinden behauptete er, er sei ein Bote des 12. Imam.
S.8 Er wurde zum Richter gebracht, aber da er feige war, fing er an zu heulen.
S.9 Babak floh aus Schiras. Aber er wurde von Isfahan vertrieben, weil alle ihn als Lügner erkannten.
S.10: Die Russen verlangten von Babak, dass er zwischen Iranern und Russen intrigiere.
S.11. Babak wurde dann auf Befehl des Ministerpräsidenten Amir Kabir erschossen.
S.12: Babak war nämlich verrückt geworden und behauptete Gott zu sein.
S.13: [...] Die Welt wurde also vor einem Lügner gerettet.

Ein weiteres Beispiel stellen die Derwische dar: Laut Tabnak hat der Kleriker Hojatoleslam Ranjbaran, ein Vertreter des Revolutionsführers Ali Khamenei, vor dem Anwachsen des Einflusses der Derwische auch unter den Professoren iranischer Universitäten gewarnt. Zwar sei die iranische Jugend gegenüber dem "System und dem Führer" sehr loyal und pflichtbewusst, aber es gäbe einen negativen Einfluss von "devianten Gnostikern". Ranjbaran ist der Meinung, dass "wenn Moral und Sittlichkeit nicht im Dienst der Gesellschaft und des politischen Systems der Islamischen Republik stehen, dann ist eine solche Moral nicht edel.“ [http://www.tabnak.ir/fa/pages/?cid=85411; vgl. Dr. Wahied Wahdat-Hagh]

Am 9. Februar 2010 zitierte die iranische Nachrichtenagentur Aftab den Leiter der Kulturabteilung des iranischen Ministeriums für Wissenschaft, der ebenfalls vor dem negativen Einfluss von neu aufkommenden mystischen Bewegungen warnte. Eine neu aufkommende Gnostiker-Bewegung würde den Studenten ein "falsches" Verständnis vom Islam beibringen und ihnen ein Gefühl von „extremen“ Vorstellungen der "Nachsicht" und "Verzeihung" vermitteln. Er erinnerte daran, dass die Mystiker das islamische Gesetz nicht mehr ernst nehmen würden. Sie würden sogar propagieren, dass die Beziehung zwischen Mensch und Gott durch das Herz ginge. Er warnte vor Vorstellungen, die aus "Leichtsinn" heraus den Islam säkularisieren wollten. [http://www.aftabir.com/news/view/2010/feb/09/c7c1265722381_religion_philosophic_university.php/; vgl. Dr. Wahied Wahdat-Hagh].

 

 

Religiöse Minderheiten haben die Vorherrschaft des schiitisch dominierten Herrschaftssystems anzuerkennen


Wenn ich jetzt ein Fazit ziehen, dann muss ich sagen: Die Darstellung der religiösen Minderheiten in den iranischen Medien entspinnt sich an der Konfliktlinie zwischen den beiden unterschiedlichen Bewältigungsstrategien, die Minderheiten der gewaltsam durchgesetzten schiitischen Dominanz entgegenbringen.

Erkennen religiöse Minderheiten die Vorherrschaft des schiitisch dominierten Herrschaftssystems an, erfahren sie in den Medien offiziell Anerkennung. Jahrhundertalte Stätten werden restauriert, gar ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. Sogar im Parlament haben sie Sitz und Stimme. Die iranische Regierung weist damit auf internationaler Ebene ihre Minderheitenpolitik wortreich als beispielhaft auch für westliche Staaten aus.

Alle andere Minderheiten, jene die nicht in die Staatsdoktrin einer "islamischen Gerechtigkeit" passen, weil sie gemäß der internationalen Bestimmungen auf ihr religiöses Selbstbestimmungsrecht pochen - und sich eben Sicherheit nicht durch wohlfeiles Verhalten, sondern durch Respektierung ihrer Rechte erwarten - werden gerade deswegen als fünfte Kolonne des Westens und Staatsfeinde diffamiert und blutig bekämpft. Entsprechend berichten die staatlich gelenkten Medien.

 

 

Frage der Minderheiten mit der Frage nach Demokratie und Menschenrechte verknüpft


Zum Schluss möchte ich aber einen hoffnungsvollen Ausblick geben. Zwar ist allen Auguren zum Trotz nicht abzusehen, wann sich die Lage religiöser Minderheiten grundlegend verbessern wird. Menschenrechtliche Standards und Empfehlungen im Rahmen der Vereinten Nationen, mit denen der Iran vorgibt, zusammenzuarbeiten, werden stets ignoriert. Jedoch hat sich der gesellschaftliche Diskurs über die Emanzipation der religiösen Minderheiten insbesondere mit der Fatwa von Groß-Ayatollah Hossein-Ali Montazeri im Jahr 2008 sichtbar geöffnet.

Zum ersten Mal in der iranischen Geschichte hat sich eine höchst verehrte schiitische Autorität und politische Figur für die Gewährung der Menschenrechte an den Bahá'í ausgesprochen, ungeachtet dessen, dass diese Autorität den Glaubenskern der Bahá'í nicht teilt. Da die Bahá'í als nachislamische Offenbarungsreligion der Lackmus-Test sind für die Beachtung internationaler Standards, hat diese Fatwa auch Auswirkungen auf alle anderen religiösen Minderheiten.

Dies wird deutlich an den Protesten im Juni 2009. Das Video, das ich Ihnen hier zeige, zeigt einen Protestmarsch, der Rechte für alle Iraner einfordert, inklusive den Derwischen, Kurden und Bahá'í. Karrubi selbst sagte während des Wahlkampfes, er wolle Präsident aller Iraner sein, auch der Bahá'í.
Wie auch immer man dies bewertet, nicht zu verkennen ist, dass seitdem es im Internt, unter Akademikern im In- und Ausland eine Debatte losgetreten wurde. Zum ersten Mal ist die Frage der Minderheiten verknüpft mit der Frage nach Demokratie und Menschenrechte! Es wird von Rechten gesprochen und nicht mehr von Gnadenakten und religiös verbrämter Gerechtigkeit, die weder Anerkennung noch Emanzipation bedeutet.

Die doppelten Standards der iranischen Gesellschaft liegen nun offen. Religiöse Minderheiten mit ihren verbindlichen Grundsätzen und Handlungen dienen vor diesem Hintergrund als Rollenmodelle für eine zukünftige Gesellschaftsordnung. Nicht zuletzt deswegen sind sie zunehmend attraktiv für eine moralisch erschöpfte Bevölkerung.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 

 

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