Bedrängte Christen vor der ägyptischen Präsidentenwahl

Kosmetische Gesten – Regierung al-Sisi ignoriert systematische Diskriminierung und Bedrohung durch Islamismus

Viele Kopten in Ägypten fühlen sich an den Rand gedrängt. Islamistische Scharfmacher in der al-Azhar Universität und im Bildungswesen vergiften das gesellschaftliche Klima.

Frankfurt am Main 8. März 2018 – Drei Tage lang, vom 26. bis zum 28. März, werden in Ägypten Präsidentenwahlen stattfinden. Der bisherige und mit größter Wahrscheinlichkeit neue Präsident ist der frühere Geheimdienst- und Militärchef Abd al-Fattah al-Sisi. Als er vor vier Jahren zum Staatschef gewählt wurde, lag das offizielle Ergebnis bei 96,2%. Viele Ägypten hatten große Hoffnung auf ihn gesetzt, nachdem das Militär den zunächst demokratisch gewählten aber dann despotisch regierenden Präsidenten der islamistischen Muslimbrüder, Mohammed Mursi, gewaltsam entmachtet hatte. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) beklagt, dass al-Sisi nicht nur die wirtschaftlichen Hoffnungen tief enttäuscht hat. Das Land sei inzwischen eine Diktatur, die noch willkürlicher und grausamer herrsche, als die des früheren Langzeitdiktators Mubarak, so die IGFM.

In einer besonders prekären Lage sind die Minderheiten. De facto aber sind außer Islam, Christentum und Judentum alle Religion verboten, kritisiert die IGFM. Gleichzeitig wird Atheismus staatlich verfolgt. Die alteingesessene Bahai-Gemeinde ist zwangsweise aufgelöst, ihr Eigentum beschlagnahmt. Bahai werden jegliche Bürgerrechte verweigert. Die seit mehreren Tausend Jahren am Nil lebende und früher blühende jüdische Gemeinde ist praktisch erloschen. Das tägliche Leben der ägyptischen Juden war unerträglich und perspektivlos geworden.  Weniger als zehn von ihnen  leben noch in ihrer Heimat.

Die mit Abstand größte Minderheit sind die christlichen Kopten. Sie sind auch die größte christliche Gruppe im gesamten arabischen Raum. Doch auch sie werden staatlich diskriminiert und gesellschaftlich an den Rand gedrängt. Sie leben in ständiger Sorge vor Übergriffen und Mordanschlägen durch Islamisten. Muslimbrüder hatten im Jahr 2013 über 35 Kirchen niedergebrannt oder schwer beschädigt. Andere Islamisten haben durch Bombenanschläge oder gezielte Attentate Dutzende Christen getötet.

Extremismus selbst in staatlichen Einrichtungen

Präsident al-Sisi, ist seit seiner Machtübernahme im Jahr 2014 durch viel beachtete symbolische Gesten auf die Kopten zugegangen. An den Grundproblemen der christlichen Minderheit hat sich nach Beobachtung der IGFM aber nichts geändert. Im Bildungssystem, im öffentlichen Sektor und in weiten Teilen der Gesellschaft gebe es eine drückende Diskriminierung und viele Vorbehalte. „Selbst in staatlichen Institutionen wie der weltberühmten al-Azhar Universität können Scharfmacher ungehindert Menschenrechtsverletzungen an Andersgläubigen und Frauen propagieren und das gesellschaftliche Klima weiter vergiften“, kritisiert IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin.


Hintergrund

 

Regierung ignoriert Ursachen der Diskriminierung

Die Ursache für die Probleme der Kopten ist nach Auffassung der IGFM ein immer stärker werdender islamischer Fundamentalismus, den die Regierung ignoriere. Das rückwärtsgewandte, extrem konservative islamische Gedankengut sei der Nährboden, auf dem der Extremismus immer stärker werde. Das Regime bekämpfe jedoch ausschließlich die politischen Strömungen des Islamismus, die eine aktuelle Bedrohung der Macht des Militärs darstellen. Das sind vor allem die Muslimbrüder und der ägyptische Ableger des „Islamischen Staates“. Unpolitische aber viel radikalere Gruppen als die Muslimbrüder verbreiten derweil mit Erfolg ihr fundamentalistisches und menschenrechtsfeindliches Weltbild. Sie säen Hass gegen Andersgläubige und alle, die für Demokratie einträten, kritisiert die IGFM.


Die Zivilgesellschaft ist durch das Militär gelähmt

Nach Überzeugung der IGFM treibe die Regierung durch willkürliche Massenverhaftungen und Folter selbst völlig Unbeteiligte in die Arme der Islamisten. Gleichzeitig hat das Militär die  Zivilgesellschaft und Menschenrechtsgruppen mundtot gemacht, die die Extremisten bekämpfen könnten. Denn diese Menschenrechtler und Aktivisten setzten sich generell für Freiheit ein und werden dadurch von Regierung und Militär als Bedrohung ihrer Macht empfunden und verfolgt.

Nach Informationen der IGFM haben seit der Machtübernahme des Militärs am 3. Juli 2013 Polizei, Geheimdienst und Militär Zentausende Ägypter verhaftet und misshandelt. Die Regierung lässt systematisch foltern. Unter dem Feigenblatt der „Terrorismusbekämpfung“ – oder ganz ohne Begründung, werden Muslimbrüder, deren Familienangehörige und vermeintliche Sympathisanten entrechtet, gefoltert oder sie „verschwinden“. Doch von Anfang an gehörten auch Menschenrechtler, Demokratie-Aktivisten und andere Mitglieder der Zivilgesellschaft zu den Opfern, beklagt die IGFM. Die Regierung habe Nichtregierungsorganisationen durch neue Gesetze, durch Willkür und Gewalt gelähmt oder zerschlagen.


Kopten: Stütze des Regimes und Feindbild der Extremisten

Die ägyptischen Christen sitzen zwischen allen Stühlen. Die Islamisten des Landes zeigen seit Jahren, dass sie Andersgläubige und Andersdenkende nicht nur weiter entrechten wollen, sondern auch vor Vertreibung, exzessiver Gewalt und Mord nicht zurückschrecken. Eine demokratische Alternative zum Militär gäbe es aber nicht, weil die Regierung planmäßig jede politische Opposition und die Zivilgesellschaft erdrosselt habe, betont die IGFM. Nach Überzeugung der IGFM versucht die Regierung durch diese selbst herbeigeführte Situation des ausschließlichen „wir oder sie“ ihre Willkür und ihren Machtmissbrauch zu rechtfertigen.

Viele Kopten sehen bei der Alternative zwischen einer Diktatur von Generälen und einer islamistischen Diktatur letztlich im Militär das kleinere Übel. Und das obwohl der heute regierende Ex-Marschall al-Sisi die Hoffnungen der Kopten auf echte Gleichberechtigung ebenso enttäuscht hat wie der der frühere General Mubarak. Trotzdem gilt die koptische Minderheit als Stütze der Regierung von Präsident al-Sisi und gleichzeitig als Vertreterin westlicher Werte. Dies macht sie aus Sicht der Extremisten erst recht zu einem lohnenden Ziel.



Weitere Infos

www.igfm.de/aegypten

 

 

(Credit Bild s. o. : Michał Huniewicz, Flicker  CC BY 2.0./ Ausschnitt aus "Priest with a Cross" Link: www.flickr.com/photos/m1key-me/19408960896/in/photostream/)


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