Verstümmelt, misshandelt, entrechtet

In Ägypten keine Änderungen an frauenfeindlichen Gesetzen – Repressalien gegen Frauenrechtlerinnen

Freie Meinungsäußerung wie hier im Jahr 2011 ist heute in Ägypten unmöglich. Die Regierung Al-Sisi unterdrückt jede Form von Protest mit brachialer Gewalt. Bild: Wikimedia CC by AL Jazeera English

Frankfurt am Main (7. März 2018) – Seit über einem Jahrhundert dient der Frauentag international dazu, um auf den Kampf für Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen aufmerksam zu machen. Dieser Kampf ist in Ägypten zum Erliegen gekommen, beklagt die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Unter der Präsidentschaft des früheren Geheimdienst- und Militärchefs Al-Sisi sei die Situation der Frauen so desaströs geblieben wie sie war. Zusätzlich habe der frühere Marschall durch drakonische Gesetzesänderungen und Willkür die Frauenrechtsorganisationen des Landes gelähmt oder de facto verboten, kritisiert die IGFM. Gleichheit gebe es nur bei den vom 26. bis 28. März stattfindenden Präsidentenwahlen: Dort hätten weder Frauen noch Männer eine Chance, ihren Staatschef tatsächlich zu wählen.

Im Jahr 2013 hatte eine Studie der britischen Thomson Reuters Stiftung für Aufsehen gesorgt. In einer Umfrage unter über 300 Expertinnen und Experten stellte sich heraus, dass unter 22 arabischen Staaten die Frauenrechtslage in Ägypten am schlechtesten war. Die Situation hat sich seither für die Frauen Ägyptens nicht verbessert, beton die IGFM. Auch wenn in einer heutigen Untersuchung Ägypten wohl noch von den vom Krieg zerrissenen Ländern Syrien und Jemen unterboten werden könnte.

Ein zentraler Faktor ist nach Einschätzung der IGFM das „hochgradig diskriminierende islamische Ehe- und Familienrecht“. In Ägypten sind Eheschließungen und -scheidungen – wie in sehr vielen islamisch geprägten Ländern – nur nach religiösem Recht möglich. Eine entsprechende säkulare Alternative existiert dafür in Ägypten nicht. Nach islamischem Recht hätten Frauen u. a. eine „Pflicht“ zu sexuellem Gehorsam, während Männer sogar ein vermeintliches „Recht“ hätten, ihre Frauen zu schlagen. Gesetze und Traditionen „betoniere Ungleichheit und Abhängigkeit“, so die IGFM.

Starker Widerstand gegen Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung

 
Nach wie vor sind in Ägypten über 90 Prozent aller Mädchen und Frauen an ihren Genitalen verstümmelt. „Das Verbot aus dem Jahr 2008 lässt über die Hintertür angeblich medizinischer Gründe diese archaische Praxis letztlich weiterhin zu. Vor allem aber zeigt die Regierung nicht das geringste Interesse an Frauenrechten“, kritisiert IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin. Unter der kurzen Herrschaft der Muslimbrüder zwischen 2012 und 2013 propagierten Islamisten sogar eine offene Legalisierung dieser „abscheulichen Körperverletzung“.

In der Praxis ignorieren die ägyptischen Behörden das Problem komplett. Jedes Jahr werden zehntausende Mädchen in Privatkliniken verstümmelt. Der Erfolg jahrelanger Arbeit gegen diese Grausamkeit ist in Ägypten bisher marginal. Den Hauptgrund dafür sieht die IGFM darin, dass sich die in Ägypten außerordentlich einflussreichen religiösen Autoritäten nicht dazu durchringen können, die Genitalverstümmelung deutlich zu verurteilen – oder sie im Gegenteil sogar rechtfertigen. Zu den wichtigsten Befürwortern gehören einflussreiche Scheichs der Al-Azhar Universität, die Muslimbruderschaft und salafistische Gruppen.

Appell an Kirche und islamische Autoritäten


Auch das Oberhaupt der Koptisch-Orthodoxen Kirche hat bisher die Genitalverstümmelung nicht öffentlich verurteilt, obwohl mehrere kirchliche Initiativen seit Jahrzehnten versuchen, das Problem zu überwinden. Genitalverstümmelung ist bei christlichen Ägypterinnen fast ebenso weit verbreitet wie bei muslimischen. Die IGFM appelliert an muslimische aber auch an christliche-koptische Autoritäten Ägyptens, die weibliche Genitalverstümmelung endlich deutlich und uneingeschränkt zu verdammen.

Weitere Infos

www.igfm.de/weibliche-genitalverstuemmelung-fgm

 

 


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