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Bildung für Mädchen – jetzt erst recht!

Bildung für Mädchen – jetzt erst recht!

Ein Kommentar zu den entführten Chibok-Mädchen in Nigeria von Dr. Emmanuel Franklyn Ogbunwezeh

Der Terror der Boko Haram löste weltweit Proteste aus. Michelle Obama im Weißen Haus. Bild: Screenshot Twitter

Über ein Jahr ist es her, dass am 14. April 2014 über 300 Mädchen aus den Schlafsälen ihrer Schulen entführt wurden – durch Mitglieder der islamischen Terrorgruppe Boko Haram, die den Nordosten Nigerias niederbrannte, ein Kalifat errichtete und seit 2009 über 20.000 Nigerianer ermordet hat. Immer noch ist der Aufenthalt der meisten Mädchen unbekannt; den wenigen, die es geschafft hatten zu entkommen, steht der Schrecken ihrer Gefangenschaft ins Gesicht geschrieben.

Dreihundert Mädchen! Um sie und diejenigen, die sie in Schach halten transportieren zu können, bräuchte man mindestens fünf große Busse. Dass sie entführt und noch immer nicht aufgespürt werden konnten, wäre ohne die Untätigkeit und Gleichgültigkeit der Regierung und der Behörden nicht möglich gewesen. Aber sie alle versagten gemeinsam und zur gleichen Zeit. Auch Stunden nach Bekanntwerden dieses bis dahin unvorstellbaren Verbrechens tat die Regierung nichts zur Rettung der Mädchen. Die Bilder der auf einem Platz vorgeführten, eng zusammenhockenden, angsterfüllten Mädchen, verhüllt in der eintönigen Kleidung strenggläubiger Musliminnen, schockierten die Welt. Wenig später verkündete der Anführer von Boko Haram, Abubakar Shekau, prahlend, einige seiner Opfer in die Sex-Sklaverei verkauft zu haben. Das Leid der Mädchen und der Eltern kann wohl niemand wirklich nachfühlen.

Die dadurch aufgeweckte Regierung begann mit konkreten Schritten, aber zu spät, zu hilflos, zu planlos. Die nigerianische Regierung unter Jonathan Goodwill hat versagt, sie hat ihren Auftrag, die Bürger zu schützen, und erst recht die Kinder zu schützen, nicht erfüllen können.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Regierung Nigerias seine Kinder im Stich gelassen und die Welt über ihre Gleichgültigkeit belogen hat: Im Bundesstaat Akwa Ibom waren Kinder ermordet worden, die zuvor als Hexen angeklagt worden waren. Einheimische Pastoren selbsternannter Kirchen sahen nachts schreiende Kinder als vom Teufel besessen an und hatten sogar die Eltern selbst angestachelt, ihre eigenen Kinder zu töten. Bis heute hat es die nigerianische Regierung nicht geschafft, auch nur einen Einzigen für diese Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.

Die Abwahl der Regierung Jonathan war unter solchen Voraussetzungen keine Frage der Zeit, sondern ein Akt bürgerlicher Vernunft. Der neue Regierungschef steht nun vor einer großen Verantwortung: Aufgrund des Terrors sind rund 1,5 Millionen Nigerianer im eigenen Land auf der Flucht, darunter mindestens 800.000 Kinder. Täglich verübt Boko Haram (auf Deutsch „Westliche Bildung ist Sünde“) neue Verbrechen, vernetzt sich mit anderen Terrorgruppen und präsentiert sich als unüberwindbar.

Längst ist nach dem Verschwinden der Mädchen aus Chibok davon auszugehen, dass die Mädchen nicht mehr die Mädchen sind, die sie vor ihrer Entführung waren. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen Vergewaltigung, Versklavung, Zwangsverheiratung, Gehirnwäsche und Folter angetan wurde, ist groß. Dass sie für Attentate und Selbstmordattentate manipuliert wurden, ist nicht ausgeschlossen, und auch nicht, dass sie die Schuld für ihr Leid auf die Christen schieben, die sie selbst einmal waren. Diese Mädchen, die längst keine Mädchen mehr sind, in die Gesellschaft wieder einzugliedern, wird ein langer Weg sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Boko Haram die Mädchen öffentlich hinrichten lässt, sollten sie irgendwann doch entdeckt werden. Chibok ist ein Kains-Mal in der Geschichte Nigerias.

Die Erinnerung an diese Mädchen wachzuhalten und nach ihnen zu suchen, ist Pflicht jeder nigerianischen Regierung und der internationalen Gemeinschaft. Es ist eine Weltaufgabe, nicht nachzulassen, die Kinder zu finden, die Täter dingfest zu machen und sie vor den Internationalen Strafgerichtshof zu stellen. Diese Verbrecher müssen der nationalen nigerianischen Justiz entzogen werden und durch eine neutrale Staatsanwaltschaft überführt werden. Nicht beeinflussbare Richter müssen das Urteil fällen, damit das Signal ausgeht, dass solche Taten keine Entschuldigung finden. Auch die nigerianische Regierung muss Verantwortung tragen: Sie muss sich international und transparent vernetzen und die Täter verfolgen; sie muss die Familien entschädigen, sie muss für ein landesweites Gedenken sorgen.

Mädchen helfen – Bildung vorantreiben

Die Regierung muss das Schulsystem ausbauen und es schützen. Sie muss dafür Sorge tragen, dass alle nigerianischen Kinder zur Schule gehen und muss da nachsetzen, wo Kinder den Lehren von Boko Haram und andern Extremisten ausgesetzt sind. Durch schulische Erziehung muss dem Terror der Boden unter den Füßen entrissen werden. Die Schule zu besuchen, ist für viele Kinder in Nigeria sehr schwer. Bildung aber ist Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung. Die in Nigeria weit verbreitete Armut begrenzt zwangsläufig die Bildungschancen der Kinder und öffnet die Türen für radikales Gedankengut. Unregelmäßiger Schulbesuch bzw. Schulabbruch aus finanziellen Gründen stellen ein erhebliches Problem dar.

Armut gepaart mit patriarchischen Traditionen führt dazu, dass in vielen Familien die Entscheidung getroffen wird, nur die Jungen die Schule besuchen zu lassen. So gehen viele Talente verloren. Ohne Hilfe von außen bleiben Mädchen ungebildet und laufen Gefahr, Opfer aller Arten von Ausbeutung zu werden. Wenn die Mädchen den traditionellen Schutz der Familie verlassen haben, sind diejenigen, die nicht lesen und schreiben können, besonders gefährdet.

Sie können mithelfen

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) fördert seit vier Jahren die Ausbildung nigerianischer Mädchen in Form von Patenschaften. Jeder kann mit einer Spende oder einer Patenschaft in Höhe von 100 € (oder 8 € monatlich) dazu beitragen, dass Mädchen nicht nur Lesen und Schreiben lernen, sondern ihre Talente entfalten können.

Zum IGFM-Patenschaftsprogramm für nigerianische Mädchen

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