Von Amina Lawal zu Boko Haram: Ein Jahrzehnt Scharia in Nord-Nigeria (1999–2009)

Einleitung

In einer Reihe von Anschlägen attackierte Ende Juli 2009 eine militante islamische Gruppe mit dem Namen „Boko Haram“, die eine strengere Form der Scharia einführen möchte und westliche Bildung ablehnt, Regierungsgebäude, Polizeistationen, Schulen und Kirchen im Norden von Nigeria. Fünf Tage lang dauerten die Ausschreitungen und Gewaltakte im Namen des Islam. Dabei starben Hunderte und 20 Kirchen wurden dem Erdboden gleich gemacht. Mindestens zwölf der über 800 Todesopfer während der Ausschreitungen im Juli waren Christen, drei davon Pfarrer. Boko Haram bedeutet in Hausa, das im Norden von Nigeria gesprochen wird, soviel wie „(westliche) Bildung ist eine Sünde“. Die Christian Association of Nigeria (CAN) im Norden des Landes berichtete, dass dort schwer bewaffnete Boko Haram-Anhänger unterwegs waren, die im Namen der Scharia Christen in die Enklave ihres Anführers Mohamed Yusuf entführten. Die Angriffe endeten vorerst, als die nigerianische Polizei eingriff und den Anführer Mohamed Yousuf tötete.

Der Aufstand durch die Boko Haram war der letzte in einer bisher ununterbrochenen Spirale der Gewalt, die die muslimisch-christlichen Beziehungen kennzeichnet, seit die Scharia 1999 in zwölf Nord-Nigerianischen Staaten eingeführt wurde. Seit dieser Zeit haben geschätzte 12.000 bis 14.000 Nigerianer ihr Leben gelassen – in den Aufständen und durch sinnlose Gewalt, die als Folge der angespannten Beziehung zwischen Christen und Muslimen seit Einführung der Scharia immer wieder aufflammt.

Die Scharia und ihre Träger

Im Oktober 1999 überraschte Alhaji Ahmed Sani, der Gouverneur des im Nordwesten Nigerias gelegenen Staates Zamfara, die nigerianische Öffentlichkeit, als er die Scharia, das islamische Rechtssystem, als oberstes und übergeordnetes Gesetz in Straf- und Zivilangelegenheiten in Zamfara einführte. Er erließ Verbote nicht nur gegen Prostitution und den Verkauf und den Genuss von Alkohol. Er forderte Männer auf, sich Bärte wachsen zu lassen, und sorgte dafür, dass Männer, die sich einen langen Bart wachsen ließen, bei Regierungsaufträgen bevorzugt werden. Er setzte die Trennung von Männern und Frauen im öffentlichen Verkehr durch und darüber hinaus viele andere weitreichende Veränderungen, die mit der Einführung der Scharia verbunden sind. In einer Welle der Unterstützung folgte ihm ein nördlicher Bundesstaat nach dem anderen und führte die Scharia in seinem Gebiet ein. Seit der Einführung der Scharia ist die Einheit Nigerias ernsthaft bedroht.

Dass Religion als Ursache für gewaltsame Ausbrüche erst an zweiter Stelle steht, nämlich hinter ethnischen Gründen, ist eine wichtige Erkenntnis aus der neueren Geschichte Nigerias und ein Ergebnis der Analyse religiöser Ausschreitungen seit der nigerianischen Unabhängigkeit. Tatsächlich wurden zwischen 1980 und 2000 über 30 religiöse Konflikte zwischen Muslimen und Christen ausgetragen. Demnach ist es nur logisch, dass ein Gesetzeskatalog, durch den die moralischen Vorstellungen einer religiösen Gruppe jeder anderen Gruppe aufgezwungen wird, die Saat für neues Unheil und neue Auseinandersetzungen in Nigeria ist.

Die Einführung der Scharia wurde von vielen Nigerianern als Verstoß gegen wichtige Teile der Verfassung gesehen, hauptsächlich gegen Teil 10 der 1999 erlassenen nigerianischen Verfassung, die vorschreibt, dass Nigeria ein säkularer Staat ist. Außerdem gegen Kapitel 4 Abschnitt 38 (1), welcher besagt, dass „jede Person das Recht auf Gedanken-, Gewissens und Religionsfreiheit besitzt, inklusive der Freiheit, seine Religion und Überzeugung zu ändern (entweder alleine oder in der Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat).

Die Einführung der Scharia in den zwölf nördlichen Staaten wird von Beobachtern als eine provokative politische Aktion der nördlichen Macht-haber gesehen, um den vorwiegend von Christen bewohnten Süden Nigerias politisch zu schwächen, nachdem Nord-Nigeria 1999 die Präsidentschaft an einen Süd-Nigerianer und Christen verloren hatte. Der schon erwähnte Teil 10 der nigerianischen Verfassung verordnet und garantiert die säkulare Natur des nigerianischen Staates und stellt sich gegen jegliche Staatsreligion. Mit dem Einführen eines religiösen Rechtssystems in ihren Gebieten verstoßen die 12 nördlichen Staaten nicht nur gegen verbindliche Regelungen der Verfassung, sie entfremden und kriminalisieren auch auf einen Schlag Millionen Nigerianer, die sich an die nigerianischen Bundesgesetzte halten, in diesem Gebieten leben und arbeiten, aber keine Muslime sind.

Es gab und gibt sogar Versuche von Scharia-Befürwortern, Nigeria in einen islamischen Staat umzuformen, ohne Rücksicht darauf, dass Nicht-Muslime in der nigerianischen Bevölkerung die Mehrheit stellen. 1986 etwa machte die Militärregierung von Ibrahim Babangida Nigeria zu einem Mitglied der Organisation Islamischer Staaten (OIC). Die Proteste von nigerianischen Christen gegen diese Entscheidung wurden ignoriert. Viele sahen diesen Schritt auch als Teil der Umsetzung des Credos von Ahmadou Bellos, der mit den Worten „er würde durch Nigeria von Norden nach Süden hindurch fegen bis er den Koran in den Atlantik eintauchen könne“ zitiert wurde und der es sich als Ziel setzte, Nigeria zu islamisieren. Mit der Einführung der Scharia 1999 rückten diese Ängste wieder in den Vordergrund, da viele darin den nächsten Schritt in der beabsichtigten Islamisierung Nigerias sahen.

Die Scharia-Kontroverse in Nigeria

Um die Scharia-Kontroverse wirklich zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass Nigeria eine multi-kulturelle und multi-religiöse Gesellschaft mit fast 200 Millionen Menschen ist, in etwa zu gleichen Teilen aufgeteilt in Christen und Muslime. Nigeria ist die Heimat von über 350 verschiedenen ethnischen und sprachlichen Gruppen. Christen, die vor allem im Süden anzutreffen sind, machen etwa 45% der Bevölkerung aus, während Muslime, die überwiegend die Savannen im Norden bewohnen, ebenfalls etwa 45% ausmachen. 10 % der Bevölkerung sind Anhänger der traditioneller afrikanischen Religionen. Damit bilden Christen und andere Nicht-Muslime mit 55% der Bevölkerung die Mehrheit in Nigeria.

Der Islam ist die Religion der Mehrheit der Nord-Nigerianer infolge der Eroberung islamischer Truppen, geführt durch den fulbischen Kriegsherrn Uthman Dan Fodio im 19. Jahrhundert. Im Süden bilden Christen die Mehrheit. Demnach sehen viele keinen logischen Grund dafür, dass es möglich wäre, die Scharia im ganzen Land einzuführen ohne die Gefahr, dass es dabei zu großem Blutvergießen und Bürgerkrieg kommt. Es ist ebenfalls wichtig zur Kenntnis zu nehmen, dass Nigeria schon einen Bür-gerkrieg zwischen 1966 und 1970 durchlebt hat; ein Krieg mit dem Ziel, Nigeria zu einen. Viele fürchten, dass das Land keine zwei Bürgerkriege überstehen würde.

Einige Elemente des Rechtssystems der Scharia kommen bereits seit der Unabhängigkeit in Nord-Nigeria zur Anwendung, genauso wie einige Teile des Gewohnheitsrechtes ihren Weg in das geltende Rechtssystem im Süden fanden. Aber diese wurden auf das Zivilrecht beschränkt. Im Jahre 1999 jedoch unternahm der Gouverneur von Zamfara im Norden von Nigeria, Alhaji Ahmed Sanni, massive Anstrengungen, die schließlich zur Einführung der Scharia auch im strafrechtlichen Bereich in diesen Gebieten führte.

Die Annahme der Scharia in die Strafgesetze dieser Bundesstaaten erlaubt Amputationen als Bestrafung für Diebstahl; Auspeitschen als Strafe für vorehelichen Geschlechtsverkehr oder Tod durch Steinigung für Ehebruch, obwohl Ehebruch laut nigerianischem Gesetz kein Verbrechen ist. Seit sich Christen gegen diese Art von Bestrafung stellen, gibt es Uneinigkeit zwischen Christen und Muslimen, weil jede Seite versucht, ihre Gesetze geltend zu machen. Mit der Einführung der Scharia wurden getrennte Mädchen- und Jungenschulen in den Staaten des Nordens verpflichtend. Frauenfußball wurde verboten. Das nigerianische Frauenfußballteam hätte mit seiner Leistung internationale Anerkennung errungen, aber durch die Anwendung der Scharia in Nigeria sind Frauen, die kurze Sporthosen tragen und Sport treiben, nicht mit den Vorstellungen der radikalen Islamisten vereinbar.

Ein Jahrzehnt Scharia in Nigeria (1999–2009)

Die Einführung der Scharia führte zu wiederkehrenden gewalttätigen Ausschreitungen. Im Februar 2000 demonstrierten Mitglieder der CAN auf einer friedlichen Demonstration in Kaduna, einem weiteren nördlichen Bundesstaat, der damals erst in Betracht zog auf den Wagen aufzuspringen, den Zamfara durch die Einführung und Durchsetzung der Scharia ins Rollen gebracht hatte. Der Protest führte wiederum zu Ausschreitungen, als Muslime ihrer Aggression freien Lauf ließen und Menschen aus der Menge zu attackieren begannen. Die Ausschreitungen dehnten sich im ganzen Staat aus und führten zur Zerstörung von Kirchen und Moscheen und kosteten insgesamt 2.000 Menschen das Leben. Eine bedeutende Wirtschaftsregion des Staates erlitt große Zerstörungen durch die Übergriffe. Die Ausschreitungen führten zur Massenhinrichtung von Süd-Nigerianern im Norden. Das führte wiederum zu einigen „Vergeltungs“-Maßnahmen gegen Nord-Nigerianer in südlichen Städten.

Im März 2000 wurde Buba Bello Kare Garhie Jangebe in Zamfara zur ersten Person, an der eine Amputationsstrafe nach der Einführung der Scharia im Januar 2000 offiziell vollstreckt wurde. Ein Scharia Gericht verurteilte ihn, weil er eine Kuh gestohlen hatte. Kurz danach wurde ein junges Mädchen mit 100 Peitschenhieben bestraft, weil sie unverheiratet schwanger geworden war – obwohl das Mädchen aussagte, sie sei vergewaltigt worden. Kein Mann ist für die Tat belangt worden. Am 9. Januar 2001 attackierten extremistische Muslime in einigen nördlichen Staaten Christen und Kircheneinrichtungen wegen einer Mondfinsternis. Die aufeinander abgestimmten Angriffe ereigneten sich in Adamawa, Yobe, Sokoto und Borno. Zeugen sagten aus, dass die Extremisten erklärt hätten, die Mondfinsternis sei aufgrund der Sünden der Nicht-Muslime und insbesondere der Christen eingetreten. Am 19. Januar 2001 gab der Gouverneur Ahmed Sanni aus Zamfara Pläne bekannt, nach denen katholische Kirchen mit Gewalt in Islamschulen umgewandelt werden sollten. Er gab die Maßnahme bekannt, nachdem Anhänger von ihm mit Gewalt in die katholische St. Dominic Kirche in Dashi eingebrochen waren.

Im Mai 2001 forderte ein islamisches Gericht in Katsina das linke Auge von Ahmed Tijani, der beschuldigt wurde, einen Freund während eines Streites im Gesicht so stark verletzt zu haben, dass dieser sein Augenlicht verlor. Zwei Monate später, im Juli 2001, forderte ein anderes Scharia Gericht in Birnin-Kebbi die Hand eines 15jährigen Jungen. Sie wurde dem Jungen Abubakar Aliyu amputiert, weil er Gegenstände im Wert von 300 Dollar gestohlen hatte.

Im März 2002 verurteilte ein Scharia Gericht in Bakori im Bundesstaat Katsina Amina Lawal zum Tod durch Steinigung, weil sie ein außereheliches Kind hatte. Das Urteil zog eine international noch nie dagewesene Empörung nach sich, was dazu führte, dass das Urteil zurückgezogen wurde. Diesem Fall folgte der Fall von Safiya Husseini, die ein Scharia Gericht für schuldig befand, Ehebruch begangen zu haben obwohl sie geschieden war und sie dafür zum Tod durch Steinigung verurteilte. Erst internationaler Druck führte auch hier zu einer Aufhebung des Urteils.

Am 1. Mai 2004 ordnete Alhaji Ahmed Sanni, der Gouverneur von Zamfara, den Abriss aller Kirchen und Gebetsräume von „Ungläubigen“ in seinem Bundesstaat an. Seiner Ansicht nach handelte er im Einklang mit dem islamischen Gebot, die Ungläubigen allen Orts zu bekämpfen. Damit läutete er die zweite Phase seines Scharia-Projektes ein. Dazu hielt er eine Rede in der er aufzeigte, dass die Zeit reif sei für die uneingeschränkte Einführung der Scharia, wie im Koran gefordert. Diese Aussage war höchst provokativ, weil sie in die umgekehrte Richtung zu den Vorgaben der nigerianischen Verfassung lief, welche in Kapitel 4, Abschnitt 38 (1) fordert, dass „jede Person das Recht auf Freiheit der Gedanken, des Gewissens und der Religion hat, inklusive der Freiheit seine Religion, seine Überzeugung und seine Freiheit (entweder alleine oder in Gemeinschaft mit Anderen, in der Öffentlichkeit oder privat) zu ändern, seine Religion oder seinen Glauben in Anbetung, Lehre und Riten bekannt zu machen und zu propagieren“.

Die Auswirkungen der Einführung der Scharia auf die Religionsfreiheiten von Christen und Nicht-Muslimen in Nigeria

Der Report 2002 des Freedom House Index für religiöse Freiheiten wurde mit „Die Talibanisierung Nigerias: Scharia-Recht und Religionsfreiheit“ betitelt und dokumentiert Belege für die brutalen und destabilisierenden Effekte der an Einfluss gewinnenden, extremistischen Scharia und der islamischen Gesetze in Nigeria. Der Report berichtete, dass es schwer-wiegende Verletzungen der Menschenrechte und Religionsfreiheiten gäbe, welche dazu führen könnten, Nigerias demokratischen Prozess zu erodieren. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Einführung der Scharia das Leben der Christen in vielen nördlichen Staaten extrem erschwert hat. Die anhaltende Gewalt, mit der fanatische Muslime Christen bedrohen und sie teilweise töten, geht mit einem Rückgang christlicher Aktivitäten im Norden einher. Christen dort behaupten, dass sie im Norden Nigerias in den Status von Bürgern zweiter Klasse zurückgefallen sind.

In Zamfara beispielsweise ist es Christen weder erlaubt, sich an einer Regierung zu beteiligen, noch in Schulen als Lehrer zu unterrichten. Auch dürfen Christen nicht im Radio auftreten und werden aktiv von der Scharia-Polizei diskriminiert. Weil praktisch kein Christ sich jenen Bart wachsen lässt, den man braucht, um von der Regierung des Bundesstaates Aufträge zu bekommen, lässt sich sagen, dass Christen faktisch von einem fairen Wettbewerb ausgeschlossen werden. Zusätzlich ist es Christen, die ein Restaurant, eine Bar, ein Hotel oder eine andere Art von Bewirtung betreiben, verboten, Alkohol zu verkaufen, sogar an ihre nicht¬muslimischen Kunden. Außerdem macht die „Hizbah“, die freiwillige islamische Polizei, willkürlich Jagd auf Christen, denen vorgeworfen wird, die Scharia Gesetze gebrochen zu haben und die deshalb entweder sofort inhaftiert oder vor einen islamischen Richter gebracht werden. Bestraft werden beispielsweise Frauen, die alleine im Taxi fahren oder zusammen mit Männern, die nicht mit ihr verwandt sind. Auch eine Verletzung der Kleiderordnung oder das Infragestellen islamischer Lehren wird als „unislamische Aktivität“ angesehen und hart bestraft. Christen sehen sich selbst als die Gruppe, auf welche die genannten Maßnahmen abzielen. Viele Christen sehen sich verzweifelt gezwungen, Zamfara zu verlassen. Für die Zurückgebliebenen kommt hinzu, dass sie zerstörte Kirchen nicht wieder aufbauen dürfen und christlicher Religionsunterricht an Schulen verboten ist.

Es gibt Berichte aus Nigeria die darauf hinweisen, dass die Verfolgungen von Christen im Norden zunehmen und sich intensivieren. Im Bundesstaat Sokoto wurden 2001 muslimische Extremisten der versuchten Vergewaltigung an einer christlichen Frau beschuldigt. Es gab Körperverletzungen und Einschüchterungen von Pastoren in Sokoto Stadt, teilweise wurden Christen aus ihren Häusern vertrieben. Andere Berichte wiesen darauf hin, dass die örtliche Stadtplanungsbehörde von Sokoto Kircheneigentum zerstörte. Regierungsbeamte wurden beschuldigt, Kirchen in Mabera, Mujaya und einem Bezirk, der als „alter Flughafen“ bekannt ist, zerstört und abgerissen zu haben mit dem Ziel, Christen einzuschüchtern und entweder zur Konversion zum Islam zu bewegen oder dazu, Sokoto zu verlassen. Über das Genannte hinaus, untergräbt die Scharia fundamentale Menschenrechte. Die Scharia gilt für alle Muslime, auch wenn sie sich entscheiden, ein Zivilgericht anzurufen. Die Scharia rechtfertigt das Töten von Muslimen, die sich entschlossen haben, ihr grundlegendes Menschenrecht in Anspruch zu nehmen, das ihnen erlaubt, ihre Religion zu wechseln. Die Scharia befürwortet körperliche Bestrafung wie Auspeitschungen, Amputationen und Steinigungen, die international als Folter geächtet sind. Teilweise werden „Delikte“ bestraft, die nach internationalen Rechtsmaßstäben gar keine Straftaten sind. Des Weiteren sind Nicht-Muslime bei Scharia-Gerichten als Richter, Staatsanwälte, Verteidiger oder Kläger gegen Muslime nicht zugelassen. Sie werden lediglich als Beschuldigte von Scharia-Gerichten abgeurteilt.

Die Auswirkungen der Scharia für Nigerias Zukunft

Es gibt überall Anzeichen dafür, dass eine weitere Ausbreitung der Scharia interreligiöse Konflikte auslösen würde, die zu einem Bürgerkrieg und einem Zerbrechen Nigerias führen könnten. Trends zeigen an, dass der entstandene Extremismus, gekoppelt mit der massiven Armut der jungen Bevölkerung im Norden, dazu fähig ist, Nigeria in einen „Hexenkessel des islamischen Extremismus“ zu verwandeln. Anzeichen dafür waren jüngste Ausschreitungen von Gruppen wie „Boko Haram“ und den nigerianischen „Taliban“. Einige Mitglieder beider Gruppen gaben an, in Afghanistan für den Dschihad in Afrika ausgebildet worden zu sein.

Die Durchsetzung der Scharia verstößt gegen elementare Teile der All-gemeinen Erklärung der Menschenrechte und des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte, den Nigeria ratifiziert hat. Die drastischen Einschränkungen der Religionsfreiheit sind nur ein Teil davon. Die weitere Ausbreitung der Scharia im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas würde Nigeria noch weiter destabilisieren und schwerwiegende soziale und auch ökonomische Auswirkungen für ganz West-Afrika nach sich ziehen.

 

Dr. Emmanuel Franklyne Ogbunwezeh, 2009

Dr. E. F. Ogbunwezeh arbeitet im Afrika Referat der Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM).

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