Nordkorea: Land der Juche – ein Reisebericht
Vorwort
Die Verweigerung unmittelbarer Hilfe nach dem Zugunglück in Nordkorea im April 2004 bestätigt erneut die Abschottung eines Systems, das lieber seine Einwohner sterben läßt, als sich in schwerster Not helfen zu lassen. Daß dieses Land trotz all der bekannten Einschränkungen auch touristisch zu bereisen ist, davon zeugt der Reisebericht von Alexander W. Bauersfeld, Mitglied der IGFM.
Land der Juche-Zeitrechnung

Eine Skulptur des „grossen Führers“ Kim Il Sung am Eingang der Universität von Pjönjang. Foto: Alexander W. Bauersfeld.
Seit 1945 regierte Kim Il Sung Nordkorea mit eiserner Faust. Er rief 1948 die „Koreanische Volksdemokratische Republik Korea“ aus, danach verließ die Rote Armee das Land. Zwei Jahre später glaubte der Diktator stark genug zu sein, um auch Südkorea erobern zu können.
Am 25. Juni 1950 begann der dreijährige Korea-Krieg mit unzähligen Toten, Verletzten und Zerstörungen. In Panmunjom wurde in einer Baracke am 27. Juli 1953 ein bis heute gültiger Waffenstillstand geschlossen.
Diese Kenntnisse muß der Tourist als Basiswissen mitbringen, wenn er ein Land mit einer anderen Zeitrechnung reist, welches sich jetzt im „Juche Jahr 89“ befindet. Jahr Null dieser Zeitrechnung ist die Geburt des „großen Führers“ 1912.
Passend dazu wird man auf dem kleinen Flughafen von Pjönjang mit einem riesigen Kim Il Sung-Bild begrüßt. Dessen unsägliches „Zahnpastareklamegrinsen“, wie einer der Reiseteilnehmer feststellt, wird nun ständig um uns sein. Auf Ansteckern, die jeder erwachsene Nordkoreaner „freiwillig und stolz“ trägt, auf Losungen, Bildern in Wohnungen, Büros, Schulen, Bibliotheken und selbst in den Metro-Wagen, überall grinsen einer oder beide Kims. Nur im besten Hotel von Pjönjang, unverdient mit vier Sternen ausgezeichnet, gibt es in unseren Zimmern keine staatstragenden Fotos. Allerdings erscheinen beide Diktatoren sofort, wenn der Fernsehsender, mit nur einem Programm, eingeschaltet wird.
Martialisch selbst Trickfilme für Kinder, in denen Tiere mit Stahlhelm und Waffen gegeneinander kämpfen und natürlich das gute Tier mit dem roten Stern über das böse mit weißen Streifen am Helm (Erkennungszeichen für US-Soldaten) siegt. Auf meinem mitgebrachten Radio empfange ich auf UKW nur zwei Sender, beide ähnlich marschmusikmäßig stramm ausgerichtet.
Wie großzügig sind die Nordkoreaner mit Touristen! Schon nach wenigen Stunden wird es deutlich: unsere sechsköpfige Gruppe hat zwei „Betreuer“; Herr Kim spricht sein in der DDR gelerntes Deutsch einigermaßen, Herr Li kann nur wenig deutsch, warum ist er dann dabei? Vor einem Besuch im Zirkus gehen wir zu zweit zur breiten leeren Straße um zu fotografieren, sofort kommt Herr Li, zieht uns zurück mit dem Argument: „Wir haben keine Zeit.“ Dies erfahren wir auf dieser Reise immer wieder, wenn wir versuchten, „an den Ketten zu zerren“ und mehr zu erhaschen, als wir sehen sollen.
Blick hinter den Vorhang

Straßenkreuzung in Pjönjang. Foto: Alexander W. Bauersfeld.
Am späten Abend wage ich allein den Gang aus dem Hotel, es liegt auf einer Halbinsel, etwa zwei Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt entfernt. Keiner folgt mir, es ist dunkel, keine Straßenbeleuchtung, nur wenige Autos fahren mit zum Teil defekter Beleuchtung durch die Straßen. In den Neubaublockwohnungen, Marke „Arbeiterregal“, sehe ich die unvermeidlichen Fotos an der Wand, dazu schwache 20-25 Watt-Glühbirnen oder Neonröhren.
Am Hauptbahnhof auf der Wiese sitzen und liegen Hunderte von Menschen, über ihnen das riesige beleuchtete Bild Kim Il Sungs. Was machen sie da? Sicher warten sie auf Züge, die nicht kommen, auf Arbeit, auf Lebensmittel, auf andere Menschen und vielleicht auch auf eine andere Zeit. Sie sind wie elektrisiert, wenn ein Lichtschein auf mein Gesicht fällt: ein Ausländer. Bin ich Feind für sie? Niemand reagiert feindselig, fast überall spüre ich eine große Sanftheit bei diesen geschundenen Menschen, deren Schicksal von einer kommunistisch-religiösen Kaste bestimmt wird. Der Besuch des Bahnhofs wird mir von einer uniformierten Frau verwehrt. Sie verlangt meinen Ausweis, ich zeige meine Hotelkarte und darf gehen. Der Ausflug blieb meinen Bewachern sicher verborgen, ich werde darauf nicht angesprochen. Was für Welten liegen zwischen dem Hotel mit geregelter Versorgung, Elektrizität, fließend warmem Wasser, Prostitution, Glücksspiel – und dem Leben der einfachen Menschen!
Wir wollen ein Kaufhaus sehen, dort, wo jeder einkaufen kann, nicht immer nur monumentale Denkmäler. Beide Begleiter beraten, telefonieren, dann erlauben sie es. Mit dem schon recht betagten Bus fahren wir auf einen Hof, auf dem sich aber keine Käufer befinden. Es ist ein „Intershop“, in dem nur mit Dollars bezahlt werden darf. Diese „Feindwährung“ bekommen Nordkoreaner aber nur in seltenen Ausnahmefällen. Wir protestieren und wollen endlich unser Kaufhaus sehen, also zweiter Anlauf. Wieder ein „Intershop“. Ich bin stinksauer und verlasse den Laden, da biegt ein Cadillac STS auf den Hof, immerhin auch in Deutschland nicht unter 40.000 Euro zu haben. Zwei Frauen mit Kind und Kim-Anstecker steigen aus, sie kaufen ein. Die herrschende Klasse: kein Diplomatenfahrzeug, eine nordkoreanische Autonummer, wenige Schritte daneben Menschen in Not.
Land ungeschminkt

Transport landwirtschaftlicher Erzeugnisse per Ochsenkarren. Foto: Alexander W. Bauersfeld.
Auf der „Touristenautobahn“ fahren wir fast völlig allein, nur selten kommt ein Fahrzeug, Richtung Norden. Irgendwann müssen wir abbiegen, weil ein Brückenschaden an der Weiterfahrt hindert. Jetzt wird deutlich, warum die „Touristenautobahn“ ihren Namen trägt: weil sie die wirkliche Welt nicht sehen läßt.
Sofort ist die Straße voller Schlaglöcher, teilweise im ersten Gang geht es vorwärts. Auf den Bahngleisen sitzen Menschen, eine Frau weidet dort ihre Ziege, sicher ist lange kein Zug mehr gekommen. Defekte Fahrzeuge, viele militärfarbene LKW aus nordkoreanischer Produktion, versperren mit offener Motorhaube die Fahrbahn, die eigentlich ein Feldweg ist. Hunderte von Menschen wandern auf der Straße, sitzen und warten, viele von ihnen mit ungesunder bräunlicher Gesichtsfarbe. Unser Winken wird fast immer freundlich erwidert.
Mit dem Fotoapparat hänge ich mich aus dem Busfenster. Herr Li will mich immer wieder am Fotografieren hindern, doch ich drücke immer wieder auf den Auslöser. Dabei schmerzt mein Herz, denn ich kann diesen Menschen in ihrer Situation nicht erklären, warum ich fotografiere: nicht um mich an den Bildern zu delektieren, sondern um das Elend zu dokumentieren, um in der Welt zu zeigen: so sieht die brüchige Welt der Diktatur in Nordkorea aus. Anders als es Luise Rinser in ihrem „Nord-Koreanischen Tagebuch“ darstellte, in dem sie den Diktator Kim Il Sung bat: „Ich flehe Sie an, Ihren Weg nicht zu verlassen.“ Dieser Weg ist mit Toten, mit Verletzten, mit Inhaftierten, mit Verfolgten, mit Gedemütigten und Verhungerten übersät.
Wir sehen hier an der Straße, die wir eigentlich nicht sehen sollten, einen winzigen Ausschnitt dieser nordkoreanischen Wirklichkeit. Dazu gehört auch die permanente Präsenz der Uniformen; auf den Straßen, den Baustellen, den Lastwagen, die Menschen transportieren, dazu auch die wenigen Jeeps mit hochdekorierten Offizieren. Sie halten nicht an, um „das Volk“, für das sie doch da sind, mitzunehmen. Sie „lassen“ den Chauffeur hupen, damit Platz gemacht wird für „die Macht“.
Im Berghotel treffe ich einen Beauftragten der Schweizer Regierung; er hilft hier seit zwei Jahren der nordkoreanischen Landwirtschaft. Er erzählt mir von den vielen frischen Hügeln an den Feldern. Es sind die Gräber verhungerter Menschen. Nach internationalen Schätzungen, so erzählt er, sind zwischen zwei und drei Millionen Nordkoreaner in den letzten Jahren verhungert. Später treffe ich auf dem Flug von Pjönjang nach Peking den deutschen Geschäftsträger, der diese Zahlen bestätigt.
Personenkult und Touristenalltag

Nordkoreanische Wohnblöcke. Foto: Alexander W. Bauersfeld.
Noch deprimiert von dieser Fahrt werden wir am nächsten Tag in das Museum mit Politkitsch der beiden Kims geführt. Sie zeigen in einer Anhäufung von Devotionalien aus aller Welt, „die Verehrung der Völker“. Neben den Geschenken von Mao, Ceausescu, Stalin, Honecker, Castro gibt es auch Peinlichkeiten westlicher Firmen. Beispielsweise wünscht die Schweizer Uhrenfirma Omega dem „großen Führer und Präsidenten Kim Il Sung viel Gesundheit und weitere große Erfolge.“ Da bliebt die Frage: wofür?
Ich bin über soviel Anbiederei sauer. Am Ende kommt die religiöse Überhöhung: in einem Raum steht eine lebensgroße Wachsfigur des „immerwährenden Präsidenten“ auf einer grünen Wiese mit blauen Blumen, dazu erklingt eine seichte Musik. Wir sollen uns verneigen. Ich tue es nicht, leider tun es einige der Gruppe.
Fotografieren ist streng verboten, denn dieser Gott soll geschützt werden. Vor wem? Auch der Sohn hat schon so ein Museum, genau gegenüber. Inzwischen hat die Zahl der Geschenke schon fast die Masse seines Vaters erreicht. Auf einer digitalen Anzeige wird jeder Neuzugang den Besuchern kundgetan.
Nur wenige hundert Meter weiter stehen Elendshütten und graue Wohnblöcke. Wieder reiße ich aus, mit der Kamera fotografiere ich die Verteilung von Kartoffeln. Ein Spitzel bemerkt mich, ich verlasse das Gelände. Ich gehe zum Hotel, lasse den Film zurücklaufen, lege einen neuen Film ein und drücke mehrmals auf den Auslöser. Dann werde ich zum „Gespräch gebeten“ und nach den Aufnahmen gefragt. In gespielter Aufregung reiße ich den Film aus der Kamera und werfe ihn auf den Tisch, nun ist er nicht mehr überprüfbar. Herr Kim reagiert erschrocken. Herr Li ist sauer, denn er wollte die beanstandeten Aufnahmen gern haben; sicher für den Staatssicherheitsdienst. Ich habe die Aufnahmen gerettet.
Selbst in den Bergen ist der Wanderer nicht vor Propaganda sicher: in die Felsen eingehauen finden sich Sprüche, die beide Kims verherrlichen. Ab und zu finden sich rote Fahnen, als wir zurückfahren, auf den Baustellen. Ob dort auch Gefangene arbeiten müssen, ist nicht zu erkennen. Immerhin gibt Herr Kim zu, daß es Gefängnisse in Nordkorea gibt. Auf die Frage nach politischen Häftlingen antwortet er selbst unter vier Augen nicht.
Meine Fotoaktion hat noch ein Nachspiel: in Pjonjang im Hotel werde ich erneut zu einem Gespräch gebeten, diesmal mit dem Direktor und Manager des nordkoreanischen Reisebüros, sowie den beiden Reisebegleitern. Auf das „Ausfragen“ nach den Motiven folgt eine „lockere Phase“. Ich soll erzählen, wie ich ihr Land finde. Natürlich erwähnte ich die nicht vorhandene Freizügigkeit, die fehlenden Zeitungen, die nicht eingespeisten ausländischen Fernsehsender. Herr Kim übersetzt. Doch was übersetzt er? Ich kann es nicht überprüfen, hat er überhaupt den Mut, solche brisanten Feststellungen zu vermitteln und was übersetzt er mir?
Schlussbemerkung
Kann man ein Land künstlich auf dem Stand der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts halten, in dem die Künste, Musik, Literatur und Kultur statisch auf dieser Zeit eingefroren sind? Wir sollten uns vor Euphorien hüten, wie sie über angebliche politische Öffnungen in Nordkorea durch die Medien geisterten. Es wird noch ein langer Weg sein, bis die brüchige Diktatur wirklich bricht, und bis dahin sollten wir den Menschen, nicht dem System helfen. Wenn dann die „ewige Juche-Flamme“ nicht mehr über Nordkorea leuchtet, dann werden auch viele Menschen den Weg in dieses schöne Land finden, die jetzt abgeschreckt werden.
Alexander W. Bauersfeld, Juni 2004