„So etwas wie eine Untergrundkirche gibt es nach meiner Einschätzung in Nordkorea nicht.“

Kim Young-Il bei einer Mahnwache der IGFM in Frankfurt. Kim ist Gründer und Leiter der NGO “People for Successful Corean Reunification” (PSCORE) in Südkorea, die sich besonders für Flüchtlinge aus dem Norden einsetzt. Kim ist selbst in Nordkorea geboren und aufgewachsen. Als er 18 Jahre alt war, floh seine gesamte Familie nach China und lebte dort fünf Jahre im Untergrund, bis die Weiterflucht nach Südkorea gelang.

Herr Kim, was können Sie uns zur Untergrundkirche in Nordkorea sagen?

Wissen Sie, ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass es in Nordkorea nichts gibt, das den Namen Untergrundkirche verdient. Vor dem Koreakrieg gab es im Norden sehr viele Christen, aber das Christentum und auch alle anderen Religionen wurden vom Regime mit äußerster Härte bekämpft. Alles, was beinhaltet, dass es etwas Höheres als den jeweiligen Führer geben könnte oder was außerhalb der staatlichen Ideologie Sinn stiften könnte, wird rigoros verfolgt und ausgelöscht. Physisch ausgelöscht. 

Der Norden Koreas hat doch eine beachtliche christliche Tradition. Wurde Pjöngjang nicht das „Jerusalem des Ostens“ genannt? 

Der Koreakrieg begann 1950. Ob heute im Norden noch ein einziger Christ aus der Vorkriegszeit lebt? Wie viele mögen es geschafft haben, ihren Glauben an ihre Kinder und Enkel weiter zu geben? Zum Thema Religion gibt es eine sehr feindliche Propaganda des Regimes in den Schulen. Den Kindern werden vor allem Schauergeschichten von niederträchtigen amerikanischen Missionaren erzählt. Und selbst Kinder werden aufgefordert, ihre Angehörigen zu denunzieren. Vielleicht gibt es vereinzelt Christen, die ihren Glauben verheimlicht haben und so dem Straflager entgangen sind. Aber eine Untergrundkirche, also mehrere Menschen, die sich treffen und vielleicht sogar anderen von ihrem Glauben erzählen? Das passt einfach nicht zur Realität in Nordkorea. Das kann ich mir nicht vorstellen.

Aber es gibt Organisationen, die von Zehntausenden, ja bis zu 100.000 Christen in Nordkorea sprechen.

Ich kenne diese Zahlen. Aber ich frage mich: Wie kann irgendjemand das wissen? Die Leute, die diese Zahlen verbreiten, können auch nicht erklären, wie sie zu diesen Zahlen kommen. In Südkorea leben insgesamt knapp 30.000 Flüchtlinge aus dem Norden. Unsere Organisation PSCORE ist von Nordkoreanern aufgebaut worden, um gerade ihnen zu helfen. Ich selbst habe im Laufe der Jahre mit sehr, sehr vielen Nordkoreanern gesprochen. Annähernd alle von ihnen haben entweder in China oder in Südkorea zum ersten Mal Kontakt zum Christentum gehabt. 

Nun gibt es tatsächlich einige wenige nordkoreanische Christen, die von sich sagen, sie hätten zu einer nordkoreanischen Untergrundgemeinde gehört. Wie glaubhaft ist das, was sie erzählen? Einige sagen sogar, sie hätten Bibeln und anderes ins Land geschmuggelt. Wenn man aber mit ihnen persönlich spricht und nachfragt, wie sie es z.B. geschafft haben, sich heimlich zu treffen oder andere anzusprechen, dann löst sich das alles in Nichts auf. 

Vom Bibelschmuggel hört man immer wieder…

Es gibt schon eine Art heimlichen Grenzverkehr. In der Regel werden Menschen, Lebensmittel oder Wertsachen geschmuggelt. Wer dabei erwischt wird und glaubhaft machen kann, dass es nur der Hunger war, der ihn trieb, der kann mit Lagerhaft davonkommen. Das ist furchtbar genug. Aber Schmuggel von feindlicher Propaganda? Auch die korrupten Grenzsoldaten riskieren ihr Leben. In Nordkorea gibt es nur staatliche Literatur. Auch wer keine Ahnung hat, was eine Bibel ist, sieht sofort, dass es nicht vom Staat herausgegeben wurde. Dann müsste man es ja auch nicht schmuggeln. Bei solchen Delikten werden die Leute einfach erschossen. Es gibt einen Schmuggel von „staatsfeindlicher Propaganda“, nämlich von koreanischen Fernsehserien. Aber diese Art Schmuggel läuft ganz anders. 

Und was ist mit den Kirchen in der Hauptstadt?

Die Vorzeige-Kirchen gibt es nur in Pjöngjang, sonst nirgends. Es ist völlig durchsichtig, dass das Schauveranstaltungen der Regierung mit Leuten von der Staatssicherheit sind. Das gilt auch für die buddhistischen Tempel. Ein Nordkoreaner erkennt so offensichtliche Aktionen der Staatssicherheit auch ohne Namensschild und will damit natürlich nichts zu tun haben. Na ja, und so etwas wie eine Untergrundkirche gibt es nach meiner Einschätzung in Nordkorea eben auch nicht. 

Dafür gibt es aber viele christliche Organisationen in China, die missionarisch aktiv sind.

Ja in der Tat. Ziemlich viele. Sie versuchen Flüchtlinge aus Nordkorea zu erreichen. Aber mit einem Nordkoreaner über Glauben zu sprechen, ist gar nicht so einfach. Woher soll ein Nordkoreaner auch eine Idee davon haben, was mit „Gott“ gemeint sein soll? Aber diese Menschen brauchen dringend Hilfe. Sie wollen am Leben bleiben und auf gar keinen Fall zurück nach Nordkorea abgeschoben werden. Sie wissen, dass Lager und noch viel größeres Elend auf sie warten. Sehr viele Frauen werden in China sexuell ausgebeutet. Warum nehmen sie es auf sich, in Bordellen jeden Tag aufs Neue missbraucht zu werden? Warum gehen sie nicht zur chinesischen Polizei? Weil die chinesischen Behörden sie nicht nach Südkorea, sondern in den Norden abschieben. Und weil dort die Aussicht auf Lagerhaft noch schrecklicher ist, als all das Furchtbare, was sie in China durchleiden. Christliche Organisationen bieten den Flüchtlingen Hilfe an. Hilfe im Augenblick zu überleben und Hilfe, in die Freiheit nach Südkorea zu kommen. Was würden Sie denn da tun? 

Ich habe Flüchtlinge aus dem Norden getroffen, die von kirchlichen Organisationen für ihr Fundraising benutzt wurden. Sie erzählten, dass sie Kassetten mit Bibelversen bekommen hätten, die sie auswendig lernen sollten. Und das ihnen gesagt wurde, wie sie Zeugnis ablegen sollen. Nun, die die ich treffen konnte, haben es schließlich nach Südkorea geschafft. Sie sind am Leben und in Freiheit. Allerdings geht niemand von ihnen mehr in die Kirche. 

Die IGFM sprach mit Kim Young-Il am 23. März 2016 in Frankfurt. Kim und andere Mitarbeiter von PSCORE nahmen dort an einer Mahnwache, einer Pressekonferenz und einem Seminar teil, mit denen die IGFM auf das Elend von Nordkoreanern aufmerksam machte.

Hilfe für Flüchtlinge aus Nordkorea

In Nordkorea werden über 150.000 Menschen in Lagern willkürlich als Arbeitssklaven gefangen gehalten. Flüchtlinge berichten von Folter, Vergewaltigungen und öffentlichen Hinrichtungen. Die meisten der Gefangenen sterben bereits bevor sie das 50ste Lebensjahr erreicht haben an den Folgen von chronischem Hunger und Überarbeitung. Tausende Nordkoreaner wagen jedes Jahr die Flucht in das benachbarte China, um Not und Verfolgung zu entkommen. Doch die Volksrepublik liefert alle aufgegriffenen Flüchtlinge aus – obwohl das demokratische Südkorea bereit ist, jeden Flüchtling aufzunehmen. In Nordkorea erwarten sie Folter und Tod.

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