Meriam Ibrahim endlich frei

Meriam Ibrahim mit Kind kommt aus dem Flugzeug

Am Donnerstag, den 24. Juli 2014, konnte Meriam Ibrahim mit ihrer Familie aus dem Sudan nach Italien ausreisen. Begleitet vom stellvertretenden italienischen Außenminister landete sie gegen 9.30 Uhr in Rom. Die italienische Regierung hatte zuvor bei den sudanesischen Behörden eine Ausreisegenehmigung für sie ausgehandelt. In Rom wurde Meriam Ibrahim von Ministerpräsident Matteo Renzi und Außenministerin Federica Mogherini empfangen. Anschließend hatte sie ein halbstündiges Gespräch bei Papst Franziskus. Am 31. Juli konnte Meriam Ibrahim und ihre Familie in die USA weiter reisen.

Die Sudanesin Meriam Yahia Ibrahim Ishag war bereits am 23. Juni 2014 nach intensiven internationalen Protesten von einem Berufungsgericht frei gesprochen worden. Das Gericht lieferte keine Urteilsbegründung. Die damals hochschwangere Christin war am 15. Mai 2014 wegen „Abfall vom Islam“ zum Tod verurteilt worden. Bei dem Versuch, den Sudan zu verlassen, wurde sie mit ihrem Ehemann am 24. Juni auf dem Flughafen von Khartum von der sudanesischen Staatssicherheit jedoch erneut verhaftet, weil sie angeblich ungültige Papiere vorgelegt habe. Nachdem weiterhin international über den Fall berichtet wurde, entließen die sudanesischen Behörden Meriam unter Auflagen aus der Haft. Nach Angaben ihres Anwalts floh sie am 26. Juni nach Todesdrohungen in die Botschaft der USA.

Meriam Ibrahim und ihr Mann Daniel Wani
Daniel Wani mit seiner Tochter Maya
Martin Wani, das erste Kind des Paares

Meriam frei – die Scharia bleibt
Die IGFM begrüßt den Freispruch, kritisiert aber, dass Todesurteile wegen „Abfall vom Islam“ oder „Beleidigung des Islam“ weiterhin jederzeit im Sudan und in Partnerländern des Westens wie z.B. Saudi-Arabien oder Pakistan möglich sind. Das Leben von Meriam Yahia Ibrahim ist gerettet, das Grundproblem wird aber von Europa und den USA willentlich verdrängt.

Das Todesurteil gegen die 27-jährige Sudanesin war nicht das Produkt einer extremistischen Taliban-Ideologie. Es entsprach vielmehr im Detail den Regelungen des klassischen islamischen Strafrechts. Zahlreiche Regierungen brechen mit Verweis auf religiöse Rechtsnormen tagtäglich völkerrechtlich bindende Menschenrechtsverträge. „Solange Europa schweigend hinnimmt, dass Frauen und Minderheiten elementare Rechte verweigert werden, weil die Scharia ihren Rechten und ihrem Leben übergeordnet wird, solange  bleibt der Freispruch von Meriam Yahia Ibrahim die glückliche Wendung eines einzelnen Schicksals in einem Meer aus Unrecht“, erklärt IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin.

Meriam Yahia Ibrahim Ishag (geboren am 3. November 1987) stammt aus einem kleinen Ort im Westen des Sudan. Sie ist die Tochter einer äthiopisch-orthodoxen Mutter und eines sudanesischen Muslim. Ihr Vater verließ die Familie, als sie sechs Jahre alt war. Ihre Mutter erzog sie christlich und zog später in die sudanesische Hauptstadt Khartum, wo sie 2011 verstarb.

Meriam Ibrahim ist seit 2012 mit dem Biochemiker und US-Staatsbürger Daniel Wani verheiratet. Er ist Christ und verließ die Wirren seiner sudanesischen Heimat in den 90er Jahren. Daniel Wani leidet an Muskeldystrophie und ist an den Rollstuhl gefesselt. Das Paar hat zwei Kinder: Einen Sohn (Martin Wani), der bei der Verurteilung der Mutter 20 Monate alt war und mit ihr im Gefängnis festgehalten wurde. Außerdem eine kleine Tochter (Maya), die in den frühen Nachtstunden des 1. Juni 2014 im Gefängnis zur Welt kam. Der Mutter wurden selbst bei der Geburt die Fußketten nicht abgenommen. Die Behörden verweigerten ihr jede medizinische Hilfe.

100 Peitschenhiebe und Hinrichtung
Nach der im Sudan geltenden Scharia - dem islamischen Rechtssystem - wird jede Person als Muslim betrachtet, sobald ein Elternteil muslimisch ist. Die eigene Überzeugung gilt dabei als irrelevant. Muslimischen Frauen ist es außerdem verboten, ihren Ehepartner frei zu wählen: Ihr Mann muss Muslim sein.

Meriam Ibrahim wurde am 17. Februar 2014 verhaftet, nachdem angeblich ein Verwandter ihre Ehe mit einem Christen anzeigt hatte. Die Ehe wird von den Behörden als nichtig betrachtet. Meriam wurde umgehend wegen “außerehelichem Verkehr” nach Art. 146 und “Apostasie” (Abfall vom Islam) nach Art. 126 des sudanesischen Strafgesetzbuchs angeklagt. Die Behörden zogen den Pass ihres Mannes ein und verweigerten ihm, seine Frau zu sehen.

Abbas al Khalifa, Richter am Gericht von El Haj Yousif, Khartum, gab ihr am 12. Mai 2014 eine dreitägige Frist zur “Reue”, um sich dem Islam zuzuwenden. Mehrere islamische Geistliche drängten sie zu diesem Schritt. Am 15. Mai erklärte Meriam Ibrahim im Gericht: “Ich bin eine Christin und habe niemals Apostasie begangen”. Das Gericht verurteilte sie daraufhin zum Tod durch den Strang. Die Vollstreckung war aufgeschoben, bis zwei Jahre nach der Geburt ihres zweiten Kindes (dem Ende der Stillzeit). Sie war außerdem wegen “außerehelichem Verkehr” zu 100 Peitschenhieben verurteilt worden.

Gefangenschaft
Meriam Ibrahim wurde mit ihren beiden kleinen Kindern im Frauengefängnis von Omdurman (im Großraum Khartum) gefangen gehalten. Ihr Ehemann durfte sich nicht um die Kinder kümmern, da er Christ ist und die Behörden die Kinder als Muslime betrachten. Meriam Ibrahim ist während der Haft körperlich und psychisch misshandelt worden. Medizinische Versorgung wurde ihr verweigert. Sie musste permanent eiserne Fußketten tragen, die ihr starke Schmerzen verursachten.

Am 30. Mai 2014 hatten Nachrichtenagenturen und Medien unter Berufung auf das sudanesische Außenministerium berichtet, Meriam Ibrahim werde in Kürze aus dem Gefängnis freikommen. Das sudanesische Außenministerium dementierte dies am 1. Juni 2014 in Khartum: Über ihre Haftentlassung könne nur ein Berufungsgericht entscheiden. Meriam Ibrahims Anwalt Elshareef Ali befürchtete, dass die sudanesische Regierung Gerüchte über eine Freilassung einsetzen könnte, um das internationale Interesse am Schicksal seiner Mandantin zu zerstreuen. Der Anwalt selbst war von Unbekannten mit dem Tod bedroht worden, falls er sein Mandat nicht niederlegen sollte.

Abkehr vom Islam? Nach klassischer islamischer Rechtsauffassung ist das nicht nur unmöglich, sondern ein „Verbrechen“, das mit dem Tod bestraft wird. Bekennen sich ehemalige Muslime zu ihrem neuen Glauben oder Überzeugung, drohen ihnen schwere Sanktionen, Gewalt durch islamische Extremisten und in manchen Ländern sogar die Hinrichtung.

[mehr zu Apostasie - Abfall vom Islam ...]

Die IGFM hat am Freitag, dem 4. Juli 2014 weitere Petitionen für die sudanesische Christin Meriam Yahia Ibrahim Ishag an die sudanesische Botschaft in Berlin übergeben.

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