Christliche Konvertiten aus dem Islam: Ägypten als Beispiel

Ein ägyptischer Konvertit hat sich ein Christusbild auf den Rücken tätowieren lassen, um sich und anderen zu zeigen, dass sein Entschluss unumstößlich ist, jetzt Christ und nicht mehr Muslim zu sein. Islamische Extremisten ätzten einem anderen Konvertiten beim Militärdienst eine ähnliche Tätowierung mit Batteriesäure von der Brust. Er überlebte die Misshandlungen schwer gezeichnet.

Zusammenfassung

Dieser Beitrag möchte die konkreten Nöte von christlichen Konvertiten aus dem Islam darstellen, beispielhaft am bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt: Ägypten. Die Lage in anderen islamisch geprägten Ländern ist zum Teil noch schlechter, teils weniger schlecht. Vieles aber ähnelt sich sehr oder ist völlig gleich. Am Ende des Textes finden Sie Möglichkeiten, wie Sie helfen können.

Konvertiten vom Islam zum Christentum, deren Abfall vom Islam entdeckt wird, sind in Ägypten unmittelbar in Gefahr, misshandelt oder sogar umgebracht zu werden - ein Schicksal, das Konvertiten aus dem Islam in vielen muslimisch geprägten Staaten droht. Die genaue Zahl von Konvertiten ist daher unbekannt. Die Schätzungen reichen für Ägypten von über 300 bis zu mehreren Tausend. Die größte Gefahr geht dabei in der Regel von der eigenen Familie und von islamischen Extremisten aus. Staatliche Stellen geben Konvertiten in keiner Weise Schutz. Im Gegenteil, in der Vergangenheit wurden Konvertiten vielfach verhaftet, erniedrigt und gefoltert oder an die eigenen Familienangehörigen oder an islamische Extremisten ausgeliefert. Die Freiheit, seine Religion zu wechseln oder keiner Religion anzugehören, ist ein völkerrechtlich verbrieftes Menschenrecht - in der Mehrheit der islamisch geprägten Länder wird dieses Recht systematisch missachtet und die Menschen, die es wahrnehmen wollen, verfolgt.

Verfolgung durch die eigene Familie

Taufe in der Badewanne weil kein Geistlicher zu einer Taufe bereit ist - und aus der Angst vor Entdeckung, Misshandlung und Mord.

Wenn der Abfall vom Islam entdeckt wird, werden die allermeisten Konvertiten Opfer heftiger körperlicher Gewalt durch Familienangehörige. In Ägypten werden schätzungsweise fünf Prozent der entdeckten Konvertiten darüber hinaus Opfer schwerster Misshandlungen und Folter durch Familienan-gehörige. Dazu gehören Schläge mit Kabeln, Verbrennungen, Verbrühungen, Schnittverletzungen, Elektroschocks mit Stromkabeln aus Steckdosen, Herausreißen der Fingernägel und anderes. Einige Konvertiten wurden über Jahre von ihren Familien eingesperrt. Bei den Tätern handelt es sich keinesfalls nur um religiöse Extremisten, sondern oft um unauffällige, aber fromme und konservative Muslime. Möglicherweise fünf Prozent der entdeckten Konvertiten werden in Ägypten Opfer von "Ehrenmorden". Manche Beobachter nehmen höhere Zahlen an. Darüber hinaus verlieren praktisch alle berufstätigen Konvertiten ihre Arbeit. Auch christliche Arbeitgeber werden massiv unter Druck gesetzt, bis der Konvertit entlassen wird. Fast alle männlichen Konvertiten, deren Abfall vom Islam bekannt wird, sind gezwungen, ihre Wohnung oder Bleibe zu verlassen.

Warum Verfolgung durch die Familie?
Die Gründe für die durchweg sehr heftigen Reaktionen der Angehörigen sind im Einzelfall sicher vielschichtig. Nach Auffassung der IGFM stehen dabei in der Regel einige wenige Dinge im Vordergrund: Zum einen die nahöstlichen Auffassungen von "Ehre" und "Schande", ein sehr ausgeprägtes Kollektivdenken und zum anderen religiöse Überzeugungen. "Ehre" wird weniger als etwas angesehen, dass man erwerben kann, als vielmehr etwas, dass permanent verteidigt werden muss und dass einen sehr viel größeren Raum einnimmt, als in Mitteleuropa.

Verbreitet ist auch die Angst vor einer Strafe Gottes. Dem vom Islam Abgefallenen drohen nach klassischer Lehrmeinung mit Sicherheit Verdammnis und Folter in der Hölle. Koran und islamische Überlieferung sind bei der Beschreibung der Folter in der Hölle sehr plastisch. Viele Angehörige haben die Furcht, dass sie für ihren Angehörigen mit zur Rechenschaft gezogen und mit bestraft werden könnten. Hinzu kommt ein im Koran und der islamischen Überlieferung prominenter Grundsatz, der sich unter anderem in Sure 3,104 findet: "Aus euch soll eine Gemeinschaft werden, die zum Guten aufrufen, gebieten, was recht ist, und verbieten, was verwerflich ist". Die Familien glauben zu wissen, was das Richtige ist und versuchen dies, wenn nötig mit Gewalt, durchzusetzen.

Frauen, die konvertieren
Ganz besonders hart tritt es Frauen, deren Abkehr vom Islam entdeckt wurde. Lesen Sie mehr dazu:

[Fluchtwohnungen für weibliche Konvertiten ...]

Verfolgung durch islamische Extremisten

Klassische islamische Rechtsauffassung
Nach klassischer islamischer Rechtsauffassung ist jede Person, die als Kind eines islamischen Vaters geboren wurde, juristisch gesehen Muslim. Ein Verlassen des Islam ist nach allen islamischen Rechtsschulen unmöglich und wird als eines der schwersten "Verbrechen" überhaupt angesehen. Alle islamischen Rechtsschulen stimmen überein, dass ein Mann, der vom Islam abgefallen ist (ein "Apostat") getötet werden muss. Dabei ist es gleichgültig, ob der ehemalige Muslim religionslos wird, zu einer "Buchreligion" übertritt oder eine andere Religion annimmt. Drei der vier sunnitischen Rechtsschulen fordern auch die Tötung von Frauen, die vom Islam abgefallen sind. Lediglich im schiitischen Islam und in der in Ägypten wenig vertretenen sunnitischen Rechtsschule der Malikiten muss eine weibliche Apostatin nicht hingerichtet werden. Die Begründung dafür ist wenig schmeichelhaft: Frauen werden wie Kinder und psychisch Kranke als unmündig betrachtet. Frauen sollen nach klassischer malekitischer und schiitischer Auffassung "lediglich" eingesperrt werden bis sie widerrufen und - zumindest nach Auffassung einiger zum Teil sehr bedeutender schiitischer Rechtsgelehrter wie Ayatollah Khomeini - zu den fünf täglichen Gebetszeiten ausgepeitscht werden.

Verfolgung durch islamische Extremisten
Islamische Extremisten haben in sehr vielen Fällen ehemalige Muslime mit dem Tod bedroht. Seit Mitte 2011 treten Muslimbrüder, Salafisten und andere extremistische Muslime immer selbstbewusster und aggressiver auf. Sie sind gegenwärtig (nach der eigenen Familie) die größte Bedrohung für Konvertiten, aber ebenso für Atheisten und andersdenkende Muslime. Die Anzahl muslimischer Extremisten ist deutlich größer als bis zum Sturz Mubaraks angenommen worden war, ebenso ihr Organisationsgrad, z.B. über private Satellitensender.

In einer Reihe von Fällen sind islamische Extremisten gewaltsam in Wohnungen eingedrungen, haben diese verwüstet und das Mobiliar verbrannt. Mehrere Morde sind mutmaßlich von islamischen Extremisten verübt worden. In einigen Fällen geht die IGFM davon aus, dass Extremisten Hinweise von der ägyptischen Staatssicherheit erhalten haben. In einem Fall wurde ein Wohnhaus, in dem ein Konvertiten-Ehepaar wohnte, von einer Gruppe islamischer Extremisten umstellt. Anwohner riefen daraufhin die Polizei, die vor Ort diese Gruppe zunächst verhaftete. Nach wenigen Minuten wurden alle Festgenommenen noch vor dem Wohnhaus wieder freigelassen und konnten so ungehindert die Wohnung des Ehepaares verwüsten. Zur Rechenschaft gezogen wurde dafür niemand. Seit Ende 2012 macht die Unterscheidung von Gewalt durch islamische Extremisten und durch die Polizei aber immer weniger Sinn: Der staatliche Machtapparat vollstreckt den Willen der Muslimbruderschaft bis zur äußersten Konsequenz und lässt Verbrechen anderer islamischer Extremisten praktisch straffrei.

"Tugendwächter"
Von den Behörden unbehelligt bleiben die Sympathisanten einer "Vereinigung zur Erhaltung der Tugend und Bekämpfung des Lasters". Sie belästigen und bedrohen Musliminnen ohne Kopftuch, aber auch muslimische Männer, die sich in ihren Augen nicht "islamisch" genug verhalten. Am 7. Mai 2012 griffen sie in Suez ein verlobtes (muslimisches) Paar an, weil sie händehaltend spazieren gingen. Die "Tugendwächter" töteten den Mann, in dem sie ihm auf offener Straße die Genitalien abschnitten und ihn verbluten ließen. Anders als diese Barbarei bleibt die Gewalt unsichtbar, wenn sie weniger öffentlich ist oder innerhalb von Familien bleibt.

Neue islamische Auffassungen
Inzwischen gibt es, besonders im schiitischen Islam, erfreulicherweise sehr viel liberalere Auffassungen zum Thema Apostasie. Leider repräsentieren diese neueren Meinungen weltweit gesehen nur eine kleine Gruppe der islamischen Geistlichen und der muslimischen Laien. "Islamische Atheisten", Säkularisten und Liberale lehnen die klassischen Lehrmeinungen ab. Sie stellen in Ägypten aber nur eine Minderheit der Bevölkerung, in manchen islamisch geprägten Gesellschaften auch nur eine hauchdünne Minderheit. Es dominieren traditionelle und konservative Auffassungen. Sehr stark wächst der Einfluss der ultrafundamentalistischen Salafisten, die ihre Deutung des islamischen Rechts rigoros durchsetzen wollen.

Verfolgung durch den Staat

Welche Rechte haben wir eigentlich? Rechtsberatung für Konvertiten durch Konvertiten. Leider brechen in vielen muslimisch geprägten Staaten zahlreiche gesetzliche Regelungen internationale Menschenrechtsverträge. Zusätzlich wird in manchen Staaten - wie Ägypten - nationales Recht durch die eigenen Behörden willkürlich gebrochen.

Verfassung und Rechtspraxis
Ägypten hat seit dem 30. November 2012 eine neue Verfassung: Geschrieben von einer verfassungsgebenden Versammlung, die nach Auffassung des Verfassungsgerichtes so nicht hätte berufen werden dürfen, die von Muslimbrüdern und Salafisten dominiert war und im Eiltempo verabschiedet wurde. Die Volksabstimmung über die Verfassung war von zahlreichen Unregelmäßigkeiten überschattet. Das Ergebnis ist eine Verfassung, die in vielen Punkten weiten Interpretationsspielraum zulässt und in vielem der Bisherigen ähnelt. Bereits die alte Verfassung war in zahlreichen Punkten den Forderungen von Islamisten sehr weit entgegen gekommen. Religionsfreiheit wird zumindest auf dem Papier garantiert [jetzt in Artikel 43]. Doch andere Artikel geben den Rahmen dafür vor, was damit gemeint sein könnte. Artikel 2 stellt fest, dass der Islam Staatsreligion ist und die Prinzipien der Scharia die grundlegende Quelle des Rechtes seien. Was sind diese Prinzipien der Scharia konkret? Mit Blick auf Religionsfreiheit gehört dazu in jedem Fall die Hinrichtung beim Verlassen des Islam und bei offenem Atheismus. Die Deutungshoheit darüber ist de facto dem Verfassungsgericht entzogen und der islamischen Al-Azhar-Universität übertragen worden, der wichtigsten islamischen Lehrstätte des sunnitischen Islam. Vertreter der Al-Azhar haben aber bereits in der Vergangenheit eine sehr unrühmliche Rolle für Konvertiten gespielt, bis hin zur öffentlichen Forderung der Todesstrafe.

Nach Auffassung der islamischen Autoritäten, der Behörden und der ägyptischen Regierung unter Mubarak beinhaltete Religionsfreiheit keinesfalls die Möglichkeit, den Islam zu verlassen und einer anderen Religion anzuhängen oder religionslos zu sein. Unter der Führung von Präsident Mursi und seinen Muslimbrüdern ist eine Liberalisierung sicher nicht zu erwarten.

Der Machtapparat: Stütze der Muslimbrüder
General Mubarak hatte während seiner gesamten Herrschaftszeit mit Hilfe des "Ausnahmezustandes" regiert. Schwerer wiegt heute, dass die ägyptische Polizei, die Militärpolizei und der Geheimdienst weiterhin so handeln, als gelte nach wie vor in ganz Ägypten der Ausnahmezustand. Die Sicherheitsbehörden verhaften ohne Angabe von Gründen und halten Personen auf unbestimmte Zeit fest. Unter der Herrschaft des Militärrates und unter Präsident Mursi haben Polizei und Militär Tausende von Personen verhaftet, misshandelt, gefoltert und in einigen Fällen vergewaltigt. Eine Reform des Sicherheitsapparates hat nicht stattgefunden, die Täter scheinen weitgehend dieselben zu sein. Viele Beobachter sind überzeugt, dass sich Muslimbrüder und Militär informell arrangiert hätten. Polizei und Geheimdienst haben sich offensichtlich auf die Seite der Macht gestellt. Die Diktatur unter General Mubarak und das diktatorische Regime unter Präsident Mursi ähneln sich in vielen Dingen. "Nur haben die Machthaber jetzt Bärte", wie Menschenrechtler vor Ort bitter feststellen.

Bis zum Sturz Mubaraks überwachten staatliche Stellen mit großem Aufwand Angehörige der Untergrundkirche. Der bisher für die Verhaftungen von Konvertiten verantwortliche Inlandsgeheimdienst "Staatssicherheit" (´Amn ad-Dawla) ist im Nachgang der ägyptischen Revolution nach offiziellen Angaben aufgelöst - aber unter dem Namen "Nationale Sicherheit" (´Amn al-Watani) neu gegründet worden, soweit bekannt angeblich vielfach mit demselben Personal. Der Machtapparat scheint sich aber vorwiegend auf Demonstranten, die politische Opposition, Demokratiebewegung und Säkularisten zu konzentrieren.

Verhaftungen und Folter
Vieles deutet darauf hin, dass der Inlandsgeheimdienst zumindest bis zum Sturz Mubaraks sehr gut über die Situation der Untergrundkirche informiert war. Vermutlich ist er es heute genauso wie damals. Bis etwa 2003 musste die Mehrheit der Konvertiten mit Verhaftung und Folter rechnen. Danach schienen die Behörden in Ägypten in den meisten Fällen "nur" noch dann Konvertiten zu verhaften, wenn es Denunziationen gab. Todesfälle von Konvertiten, die mit dem Geheimdienst in Verbindung gebracht wurden, gingen auf wenige einzelne Fälle pro Jahr zurück. Eine Reihe von Konvertiten gaben an, mehrfach verhaftet und gefoltert worden zu sein - und zwar in jedem Fall nach Denunziationen durch andere Christen.

Nach Verhaftungen wurden praktisch alle Konvertiten Opfer von Folter. Dazu zählen in Ägypten völliges Entkleiden, exzessives Schlagen und Treten, Elektroschocks, Schlafentzug, Verbrennungen. Mehrfach wurden Konvertiten in Haft von Offizieren vergewaltigt. Es gibt Fälle von "Verschwinden" oder Todesfälle, bei denen es sich mutmaßlich um extralegale Hinrichtungen handelt. Beim Wehrdienst werden entdeckte Konvertiten Opfer grausamer Schikanen, Misshandlungen und in einigen Fällen Folter. Dazu zählen sogar Verätzungen und in Einzelfällen sehr wahrscheinlich auch Mord oder erzwungener Selbstmord.

Nach Einschätzung der IGFM war das Verhalten der ägyptischen Sicherheitsbehörden unter der Herrschaft von General Mubarak primär darauf ausgerichtet, Proteste, Unruhen und öffentliche Kritik zu vermeiden oder zu beenden. Dazu gehörte, Unmut und Unruhen durch Islamisten soweit wie möglich vorzubeugen. Der wichtigste Gegenspieler des Militärs um die Macht waren in Ägypten - dem Ursprungsland der Muslimbrüder - seit der Mitte des letzten Jahrhunderts immer die ägyptischen Islamisten. Die Regierungen und Sicherheitskräfte reagierten darauf einerseits mit willkürlichen Verhaftungen von Islamisten, andererseits mit politischen Zugeständnissen in vielen gesellschaftlichen Bereichen.

Für Konvertiten bedeutete dies, dass die Sicherheitskräfte missionarisch aktive, aber auch andere erkannte Konvertiten festnahmen, sie folterten und sie anschließend vielfach ihren Familien auslieferten. Insbesondere bei weiblichen Konvertiten fehlt nach solchen Übergaben an Familienangehörige anschließend jedes Lebenszeichen. Die IGFM vermutet, dass die Sicherheitskräfte in diesen Fällen bewusst und billigend die Ermordung durch Familienangehörige in Kauf genommen und begünstigt haben.

Heute sind Polizei und Geheimdienst genausowenig darauf ausgerichtet, die bestehenden Gesetze und die Rechte der ägyptischen Bürger zu schützen wie früher. Sie schützen vielmehr den Machtanspruch der herrschenden Muslimbrüder und ihre eigenen Privilegien. Sie vollstrecken den politischen Willen Mursis und der Muslimbrüder. Nach dem Sturz Mubaraks gab es durch die mangelnde staatliche Autorität  und Handlungsfähigkeit ein Zeitfenster mit relativ vielen Freiheiten. Diese Zeit ist mit der gelungenen Machtergreifung der Islamisten zu Ende gegangen.

Hilfe für Konvertiten

Ein ehemaliger Muslim hat sich ein Kreuz auf die Hand tätowieren lassen, wie es für koptische Christen üblich ist. Auf diese Weise kann er christliche Gottesdienste besuchen, ohne von anderen Christen Ausgrenzung und unangenehme Fragen fürchten zu müssen.

Flucht und Asyl?
Manche Konvertiten können ihren neuen Glauben erfolgreich vor ihren Familien verbergen und müssen nicht fliehen. Manche Konvertiten sind entdeckt, leiden teilweise schrecklich, wollen aber nicht fliehen. Manche Konvertiten mussten vor ihren Familien fliehen, haben danach zum Teil Schreckliches durchlitten, konnten aber irgendwann ihre Existenz sichern und wollen in ihrer Heimat bleiben. Andere Konvertiten haben untereinander in der Moschee geheiratet und leben nach außen als Muslime. Wieder andere sind in lebensbedrohlichen Situationen und wollen ins "christliche" Ausland. Das aber ist in der Praxis für die meisten Ägypter sehr schwer. Wer es z.B. nach Deutschland geschafft hat, hat die Chance auf ein Asylverfahren, mit allen Risiken, die dieses Verfahren birgt. Falls Sie einen Flüchtling kennen sollten, der Asyl beantragen will oder es schon beantragt hat, dann beherzigen Sie bitte die folgenden Empfehlungen:

[Sie wollen einem Flüchtling im Asylverfahren helfen? Was können Sie tun ...]


"Japaner" oder doch "Chinese"?

Im Asylverfahren stellt sich die entscheidende Frage, ob eine Person tatsächlich ein Konvertit ist. Diese Frage stellt sich auch im Herkunftsland. In vermutlich allen islamisch geprägten Staaten existieren internationale Gemeinden, zu denen Europäer und Nordamerikaner gehören. Zu solchen Gemeinden kommen auch Einheimische, die angeben, sie interessierten sich für den christlichen Glauben oder seien Christen geworden. Leiter von einheimischen Konvertitengemeinden sind oft der Auffassung, dass viele dieser Personen sich vor allem für ein Visum interessieren. Im Einzelfall ist das sicher genauso schwer zu beurteilen wie in Deutschland. Manche Menschen geben fälschlich an, sie seien konvertiert - in der (irrigen!) Annahme, sie würden dadurch sicher Asyl erhalten.

Im Herkunftsland stellt sich diese Frage für andere Konvertiten und für Christen auf ganz andere Art. Konvertiten fürchten, oder wissen aus schlechter Erfahrung, dass der Geheimdienst oder islamische Extremisten versuchen, Spitzel in Hauskreise und Gemeinden einzuschleusen. Die Furcht davor ist sehr begründet. Die Konvertitengemeinden haben durch bittere Erfahrung Wege gefunden, um zu beurteilen, ob es sich um einen echten Konvertiten handelt (intern "Japaner" genannt) oder um einen "Nachgemachten" (intern "Chinesen" genannt). Aber auch Islamisten und Geheimdienst haben ihre Strategien immer wieder angepasst, um Spitzel möglichst authentisch und überzeugend erscheinen zu lassen, z.B. indem Spitzel vor ihrem eigentlichen Einsatz erst in anderen, entfernten Gemeinden "üben" und sich auf das "richtige" Verhalten, die Denkweise und Sprache in christlichen Gemeinden einstellen. Kennen Sie Konvertiten oder haben mit ihnen zu tun? Lassen sie Vorsicht walten und geben Sie selbst in Deutschland Informationen ausschließlich mit Zustimmung und Wissen der Betroffenen weiter.

Kein Schutz durch kirchliche Einrichtungen
Einrichtungen der Kirchen nehmen in Ägypten Konvertiten praktisch nie auf, auch wenn sie vermuten, dass es sich um ehrliche und ernsthafte Interessenten handelt. Würden Konvertiten dort entdeckt, hätte das mit großer Wahrscheinlichkeit sehr ernste Konsequenzen zur Folge. In der Vergangenheit waren das vor allem längere Schließungen der gesamten Einrichtung oder massive Gewalt, zum Teil mit Todesopfern. Vor diesem Hintergrund sind die Entscheidungsträger in den Kirchen zu einer Abwägung und zu dieser Entscheidung praktisch gezwungen.

Viele Kirchen und kirchliche Einrichtungen werden in Ägypten von der Polizei geschützt. Unter der Herrschaft Mubaraks hat die Polizei in einigen Fällen Kirchen wirkungsvoll vor gewalttätigen Islamisten geschützt - in vielen Fällen aber nicht erfolgreich oder gar nicht. Da inzwischen die Polizei effektiv von der Muslimbruderschaft kontrolliert wird und islamistisch motivierte Gewalt im Regelfall offenbar nicht mehr verfolgt wird, ist das Vertrauen in die ägyptische Polizei denkbar gering. Schon früher berichteten Konvertiten, dass Verhaftungen auf Beschwerden und Denunziationen von Christen zurückgingen, die von sich aus die Staatssicherheit auf Konvertiten in ihren Gemeinden aufmerksam machten. Die Sorge vor Provokationen, Spitzeln oder wie auch immer gearteten "Schwierigkeiten" ist so groß, dass Konvertiten zum Teil nach jahrelanger Suche feststellen, dass sie in Ägypten keinen christlichen Geistlichen finden, der bereit wäre, sie heimlich zu taufen. Eine offizielle Taufe eines Muslims ist in Ägypten völlig ausgeschlossen. Die heimliche Taufe durch andere Konvertiten ist daher verbreitet.

Es ist unwahrscheinlich, dass Sie als Europäer in Ägypten oder einem ähnlichen Land einen (echten) Konvertiten kennen lernen. Konvertiten haben ein sehr großes Sicherheitsbedürfnis, denn die Entdeckung, vom Islam abgefallen zu sein, könnte sie im physischen Sinn den Kopf kosten. Wenn Sie jemand vor Ort um Hilfe bitten sollte, wäre das sehr ungewöhnlich: Geben Sie kein Geld, sondern überlegen Sie sorgfältig, mit wem sie die hilfesuchende Person bekannt machen könnten. Bedenken Sie, dass Sie sowohl dem (möglichen) Konvertiten als auch der Gemeinde erheblichen Schaden zufügen können, wenn Sie unbedacht darüber sprechen.


Fluchtwohnungen
Katastrophal ist die Lage für viele Frauen und Mädchen, deren Konversion zum Christentum entdeckt wurde. Ein Leben als alleinstehende Frau auf der Flucht vor der Familie ist in Ägypten (fast) ausgeschlossen. Die IGFM unterstützt daher weibliche Konvertiten, die vor ihrem Ehemann oder ihrer Familie fliehen müssen, um nicht umgebracht zu werden.

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Appellaktionen und grundsätzlicher Wandel

Die IGFM versucht Menschen zu helfen, die unmittelbar in Not sind und die unsere Hilfe dringend brauchen. Damit nicht dauerhaft immer neue Menschen verhaftet, gefoltert oder aus Gründen der angeblichen "Ehre" ermordet werden, ist aber langfristig ein rechtlicher und gesellschaftlicher Wandel notwendig. Die IGFM arbeitet mit daran, dass dieser Wandel an Fahrt gewinnt. Zum einen unterstützt die IGFM Menschenrechtsaktivisten und Anwälte in Ägypten und anderen Ländern vor Ort. Zum anderen macht die IGFM international auf das Problem aufmerksam, spricht mit Politikern, Vertretern der Europäischen Union, der Vereinten Nationen und mit Vertretern der betroffenen Staaten. Das Recht auf die freie Wahl der Religion ist von Ägypten und den allermeisten islamisch geprägten Staaten völkerrechtlich vertraglich anerkannt. Die meisten der betroffenen Regierungen weigern sich aber, diese vertraglichen Verpflichtungen im nationalen Recht zu garantieren oder effektiv zu schützen. Das Beispiel Iran zeigt, dass der Weg zu einem Umdenken in weiten Teilen der Gesellschaft sogar schneller erreicht sein kann als das Umdenken einer Regierung. Obwohl das Ziel noch weit ist, müssen wir doch unseren Beitrag dazu leisten, damit es letztlich verwirklicht wird. Bitte helfen Sie mit!

[Spenden für die IGFM ...]
[Unterschriften-Aktion: Freie Religionswahl ...]

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