Christliche Flüchtlinge in Asylunterkünften in Deutschland – ein Erfahrungsbericht

Pfarrer Dr. Gottfried Martens bei seinem Vortrag vor der IGFM in Bonn am 8. April 2016.

Pfarrer Dr. Gottfried Martens 
Vortrag auf der Jahresversammlung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)

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Ich danke ganz herzlich für die Einladung zu dieser Vollversammlung. Wir haben von unserer Gemeinde aus auch schon direkte und gemeinsame Erfahrungen mit der IGFM gemacht, haben schon eine ganze Reihe von Mahnwachen mit der IGFM vor der iranischen Botschaft in Berlin durchgeführt, und wenn dann mal wieder Post oder e-mail-Post von der IGFM aus Frankfurt kam, dann haben wir wieder unsere Gemeinde zusammengetrommelt, und das waren dann immer wieder schöne Erfahrungen. Ich versuche jetzt, auf ein einzelnes Feld Ihre Aufmerksamkeit zu lenken, auf Menschen, die in dieser großen Debatte oftmals ein wenig zu kurz kommen, nicht direkt wahrgenommen werden wie die, die aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit im Zentrum der Aufmerksamkeit der Diskussion stehen. Das Thema lautet nicht umsonst Syrien, Irak, auch Türkei. Ich spreche jetzt über Menschen aus dem Iran, Afghanistan, die in dieser Flüchtlingsdiskussion oftmals übersehen werden.


„Unsere Leute (…) warten zu einem guten Teil seit drei Jahren auf die Erstanhörung, ohne dass ihr Asylverfahren überhaupt begonnen hat.“

Das geht bereits los beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Es wird mitunter gesagt: ‚Es ist ja ein Skandal, dass Asylverfahren über ein Jahr dauern.’ Unsere Leute aus Afghanistan warten zu einem guten Teil seit drei Jahren auf die Erstanhörung, ohne dass ihr Asylverfahren überhaupt begonnen hat. Es ist auch gar nicht abzusehen, dass sich vorläufig daran etwas ändert. Es gibt eben bezüglich und auch innerhalb der Flüchtlinge eine ganz eindeutige Priorität. Das geht bis in die Flüchtlingsheime hinein, und dort stehen die, die das mediale Interesse haben, ganz weit oben. Sie werden schnell behandelt, andere werden immer wieder ans Ende der Schlange durchgereicht. Dazu zählen die Flüchtlinge aus dem Iran; dazu zählen jetzt ganz besonders die Flüchtlinge aus Afghanistan, die in letzter Zeit auch auf politischer Ebene in einer Weise diffamiert werden, dass ich selber darüber sehr erschrocken bin, weil ich gerade mit afghanischen Flüchtlingen sehr viel zu tun habe.

Das Thema, was ich hier anspreche, ist ein heißes Eisen. Es ist ein Thema, wenn man näher hinguckt, bei dem viele erst einmal zurückzucken, weil man über dieses Thema eigentlich nicht so gerne sprechen möchte: Es geht um Probleme, die Flüchtlinge haben, die hier nach Deutschland kommen, in der Sehnsucht, Religionsfreiheit hier zu gewinnen. Ich sage es noch einmal ausdrücklich: Was gerade eben Herr Brandt zum Thema Flüchtlinge gesagt hat, unterstreiche ich alles voll und ganz. Wir sind uns da völlig einig. Es wäre absolut falsch, wenn wir versuchen sollten, Flüchtlinge gegeneinander auszu-spielen. Dennoch möchte ich berichten von meinen Erfahrungen, weil ich denke, es ist notwendig, dass man beim Thema Menschenrechte auch auf Deutschland guckt. Wir gucken immer so schnell in andere Länder. Auch hier in Deutschland haben wir beim Thema Menschenrechte mittlerweile echte Probleme. 

Zunächst zu meinem Hintergrund: Ich bin Pfarrer der evangelisch-lutherischen Dreieinigkeitsgemeinde in Berlin-Steglitz. Ich habe schon immer mit Migranten gearbeitet. Ich bin seit Anfang der neunziger Jahre Pfarrer der St. Marien-Gemeinde in Zehlendorf gewesen. Damals kamen die Russlanddeutschen als Migranten zu uns in die Gemeinde. Das war unsere erste große Welle, und dann ab etwa 2011 kamen iranische Christen zu uns, zu uns kamen Menschen, die hier konvertiert waren, aber dann kamen auch Menschen dazu, die schon im Iran Christen geworden waren. Das breitete sich dann so schnell aus im Jahre 2012, dass ich im Jahre 2013 mit ihnen in Steglitz in eine Kirche, die bis dahin nur wenig benutzt wurde, umgezogen bin. Damals waren wir 150, inzwischen habe ich es mit 1100 bis 1200 iranischen und afghanischen Konvertiten allein in meiner Gemeinde zu tun. Wir merken natürlich, dass die Balkanroute jetzt zu ist, und hierzu möchte ich sagen: Wenn wir jetzt über das EU-Türkei-Abkommen sprechen, wird immer nur darüber geredet, dass dann die Möglichkeit besteht, dass Syrer nach Deutschland kommen. Was ist aber mit den iranischen Christen? Die werden jetzt in einem muslimischen Land quasi gefangen gehalten und auch wieder zurückgeschickt, sogar deportiert. Wo gibt es da für iranische Christen, die fliehen mussten oder die schnell fliehen müssen, wenn sie in ihren Haus-gemeinden erwischt werden, überhaupt noch eine Möglichkeit, irgendwie nach Europa zu kommen. Bisher hatten sie diese Möglichkeit, doch jetzt wird sie ihnen verwehrt, und darüber wird im Augenblick viel zu wenig gesprochen: Was machen diese Christen, um überhaupt noch irgendwie in die Freiheit zu kommen? Ähnliches gilt auch für afghanische Christen. Ich weiß nicht, ob Sie es mitbekommen haben, dass jetzt in Afghanistan wieder Christen verhaftet worden sind und dass wegen ihrer Konversion die Todesstrafe für sie gefordert wird. Es gibt in Afghanistan eine christliche Untergrundbewegung, die größer ist, als wir es überhaupt erahnen. Ich habe manches davon in unserer Gemeinde mitbe-kommen und miterlebt. 

Die Menschen, die zu uns kommen, sind zum größten Teil Menschen, die bereits im Iran zum christlichen Glauben konvertiert sind. Die Bewegung hat im Iran Dimensionen, die wir uns hier kaum vorstellen können. Es gibt natürlich keine offiziellen Schätzungen. Vermutet werden 500.000 bis zu einer Million. Die halte ich durchaus für realistisch, wenn ich sehe, wie viele allein in unserer Gemeinde schon angekommen sind und zum Teil schon Hausgemeindeerfahrungen haben. Sie müssen sich dann von doppelter Seite Unterstellungen anhören, sowohl auf Seiten der Politik als auch auf Seiten ihrer eige-nen muslimischen Mitbewohner, dass sie ja angeblich nur aus Asylgründen zum christlichen Glauben konvertieren. Das ist geradezu zynisch, wenn man bedenkt, dass in vielen Fällen gerade die iranischen Christen aus guten wirtschaftlichen Verhältnissen kommen und alles aufgegeben haben, um hierher zu kommen. Wenn jemand eine Villa mit Swimmingpool eintauscht gegen ein 12-Bett-Zimmer in einem Asylbewerberheim und sich dann anhören muss: ‚Du machst das ja nur, damit Du eine bessere Chance im Asylverfahren hast’, dann ist das schon bitter. Unseren Erfahrungen nach bleiben weit über 90% derer, die am Ende anerkannt werden, in der Gemeinde. Es ist also nicht richtig, dass das aus asyltaktischen Gründen geschieht. Es gibt immer einige, die es versuchen, aber dafür haben wir am Ende unserer Taufunterrichte gründliche Prüfungen, und im Einzelfall schauen wir auch einmal genauer hin, ob da möglicherweise solche anderen Motive vorhanden sind. Aber bei der allergrößten Zahl merken wir, dass wir auch hier in Deutschland gesegnet werden als Kirchen mit Menschen, die noch zu schätzen wissen, was es heißt, den christlichen Glauben als großes Geschenk zu erfahren und in die Gemeinden neuer Schwung, neuer Elan hineinkommt. Flüchtlinge sind daher nicht zuerst ein Problem, sondern ein Geschenk.


Nach der Taufe „gleich krankenhausreif geschlagen“

Dieselben Flüchtlinge, die bei uns glücklich in der Gemeinde sind, kommen wegen der Vorfälle, die sie in ihren Heimen erleben, immer wieder ganz verzweifelt und traurig zu uns. Wir hatten in den vergangenen Jahren immer wieder Einzelfälle von Übergriffen auf Christen in den Heimen, weil jemand zu Ostern getauft wurde und mit der Osterkerze nachhause kam und gleich krankenhausreif geschlagen wurde und sofort in ein anderes Heim verlegt werden musste. Und immer wieder wurden Leute von Einzelnen bedroht, und ich musste wieder einmal mit den Heimleitern Kontakt aufnehmen: ‚Hier ist wieder eine Drohung, macht da mal was.’ 

Die Situation hat sich seit dem Spätsommer letzten Jahres in den Heimen grundlegend geändert. Wir erleben es in sehr, sehr vielen Heimen – nicht in allen Heimen, aber in sehr vielen Heimen, dass sich dort geschlossene muslimische Communities gebildet haben. Nicht alle Muslime in den Heimen sind aggressiv gegen Christen, das muss man auch immer wieder betonen, aber wir kennen gewisse soziologische Gesetzmäßigkeiten: Es reicht eine Größe von 10 bis 30%, die Druck machen und die anderen 70% fügen sich und lassen es dann geschehen oder machen entsprechend mit. Das heißt, die Christen leben in den Heimen als eine kleine Minderheit – meistens unter 5% und ich kann die Jesiden ebenso nennen, da sind die Parallelen ähnlich.


„Konsequenz: Ein Christ darf nicht in die Küche gehen"

Aber was bedeutet es für die, die in diesen geschlossenen muslimischen Communities leben? Das heißt, das dort ganz selbstverständlich das Leben gestaltet wird, wie man es aus der Heimat kannte; dass der gesamte Gesetzeskatalog eingehalten werden muss, auch die muslimischen Reinheitsvorschriften mit der Konsequenz: Ein Christ darf nicht in die Küche gehen. Er würde ja das Essen verunreinigen. Solche Probleme haben wir immer und immer wieder. Letzten Sonntag saß ganz verzweifelt eine Frau bei mir und sagte: Ich ernähre mich nur auf meinem Zimmer von trocken Brot, weil ich nicht in die Küche gelassen werde. Und das geht dann sogar soweit, dass in der Politik eine Naivität herrscht ohnegleichen: Eine Anfrage im Berliner Abgeordnetenhaus, ob denn für die muslimischen Flüchtlinge alle Reinheitsgebote eingehalten würden, dazu würde auch gehören, dass kein Ungläubiger das Besteck berühren darf, beantworteten tatsächlich die guten Politiker so, als hätten sie nichts Besseres zu tun als zu sagen: ‚Ja natürlich achten wir darauf, dass das ja nicht der Fall ist.’ De facto heißt das also: Wir verbieten den Christen in die Küchen zu gehen. Das läuft tatsächlich so in den offiziellen Antworten des Abgeordnetenhauses so ab. Und dann auch in der Praxis. Wenn es gut läuft, dann heißt es: Die Christen bekommen einen kleinen Teil im Kühlschrank reserviert. Der Rest ist dann für die Muslime bestimmt. In vielen Fällen setzt sich jedoch die nackte Gewalt durch. 

Was Journalisten und ähnliche am meisten interessiert, ist, dass Blut fließt. Ja, es fließt Blut, auch in den Heimen. Vorgestern kam ein Mann mit mehreren tiefen Stichwunden zu uns: Ein Kurde, der Christ geworden war, war von seinen eigenen Landsleuten angegriffen worden. Es sind nicht nur die Stiche, es geht um viel, viel mehr: Es geht darum, dass diese Menschen nachts vor Angst kaum mehr schlafen können, weil sie immer damit rechnen müssen, es könnte etwas passieren. Und so ergeben sich unterschiedliche Varianten: Es gibt diejenigen, die ihren christlichen Glauben ganz und gar verstecken; Christinnen die in den Heimen nur mit Kopftüchern herumlaufen, weil sie genau wissen, sie werden angepackt und alles Mögliche weitere, sobald sie das Kopftuch ablegen. Und die anderen, die es offensiver machen, die damit rechnen müssen, dass am Sonntagmorgen ihre Wohneinheiten in den Lagern verwüstet werden, während sie nicht da sind, dass ihre Bibeln zerrissen werden bis hin zu den ganz offenen Drohungen, bis hin zu Morddrohungen.


„Das sind keine Einzelfälle“

Das sind keine Einzelfälle. Wir haben in unserer Gemeinde eine Umfrage auf Farsi gemacht, damit die Leute mal in ihrer Muttersprache berichten konnten. In unserer Gemeinde allein kamen über 170 Berichte zusammen. Es sind also keine Einzelfälle. Das, was ich allein aus unserer Gemeinde berichten kann – und wenn Sie es sich einmal ein bisschen genauer angucken - ob Medienberichte vom Bayerischen Rundfunk bis zum Hamburger Abendblatt - dann sieht man: Das ist nicht nur ein Problem von Berlin und Brandenburg. Das ist in Brandenburg noch einmal insofern in besonderer Weise schlimm, weil da die Heime zum Großteil mitten im Walde liegen. In Berlin können die Menschen wenigstens raus und sich nachts in die Heime schleichen, in Brandenburg ist das nicht möglich, sie sind da gefangen. Und so gibt es nicht wenige, die bei uns im Gemeinderaum wohnen, weil sie, würden sie sich trauen, heimlich zurückzukommen, sofort zusammengeschlagen würden – weil sie Christen sind.

Das ist die Situation, die wir immer und immer wieder erleben. Und es folgt der gute Rat: ‚Dagegen muss man doch was machen’. Die Situation ist sehr viel komplizierter: Wie will man dagegen etwas machen? Ein Fehler ist der fatale Beschluss von November letzten Jahres gewesen, die Zeit in den Lagern auf sechs Monate zu verlängern: Ein Irrsinn, nur für den Stammtisch, der aber bedeutet, dass wir selbst die Leute, die angegriffen oder die bedroht werden und für die wir Wohnungen gefunden haben, nicht aus den Heimen herausnehmen dürfen. Sie müssen für diese sechs Monate in diesem ‚Gefängnis’ bleiben, weil unsere Versuche, sie in Wohnungen zu bringen, scheitern mit der Berufung auf diese Sechs-Monatsfrist, die strikt eingehalten werden muss. Als ob damit jemand am Untertauchen gehindert werden könnte! Das ist eine Schwierigkeit, die wir immer wieder haben, auch in den Heimen in Brandenburg: Die Flüchtlinge müssen in den großen Einrichtungen bleiben, wo es keine Möglichkeit der Integration gibt. Das sind reine Verwahranstalten, diese Erstaufnahmeeinrichtungen! Bei so vielen Leuten und einem Christenanteil von unter 5% können Sie mir nicht sagen, dass da auch nur irgendwie Toleranz eingeübt wird. Nein, da geht es nur darum, dass die kleinen Minderheiten sich verstecken. Mit dem Hintern an der Wand entlang rutschen, sich oft nachts nicht mal mehr auf die Toilette oder unter die Duschen trauen! 


„Wie wollen sie solche Dinge bei solchen Strukturen verfolgen!“ 

Und dann wird dazu geraten: ‚Da sollen sie halt bei der Polizei eine Anzeige machen.’ Wir haben damit angefangen. Jedoch sobald wir eine Anzeige bei der Polizei machen, müssen wir die Leute aus dem Heim herausholen und auch noch im Matratzenlager unserer Gemeinde unterbringen, denn dann sind sie erst recht nicht mehr ihres Lebens sicher. Wenn die Anzeige kommt, dann geht die Polizei rein. Ich habe immer wieder gute Erfahrungen mit der Polizei gemacht, denn sie weiß selber, dass es dann massive Probleme gibt: Wenn sie reinkommt, finden sich sofort 50 Zeugen, die sagen: ‚Dieser Christ hat sich das Taufkreuz selbst vom Hals gerissen, der hat sich die Verletzungen selber zugefügt.’ Aussage gegen Aussage. Und dann können sie noch froh sein, wenn diese Christen, die die Anzeige gemacht haben, nicht 20 Gegenanzeigen von der anderen Seite kriegen und später in ihrem Asylverfahren nicht selber massive Probleme kriegen.

Wir hatten jetzt gerade so einen Fall, wo ein Mann, der eine Anzeige erstattet hatte, von zehn muslimischen Männern beschuldigt wurde, er hätte Frauen sexuell belästigt. Dann stand er da. Das war die Reaktion darauf, dass er gewagt hatte, einen Angriff zu schildern. Das heißt als Konsequenz: Eine Anzeige in solchen Fällen ist einfach nicht zu machen. Ich stehe durchaus auch mit Polizeibeamten vom Staatsschutz in Kontakt, die mir immer wieder gesagt haben: ‚Traut Euch und macht ordentliche Anzeigen.’ Ich habe den einen und anderen davon überzeugt: Es ist für die Christen gefährlich; sie können es schlicht und einfach nicht machen. Wie wollen sie solche Dinge bei solchen Strukturen verfolgen!


‚Für Euch Christen tun wir gar nichts.’

Früher gab es Einzelfälle, in denen einer damit gedroht hat: Ich stech’ Dich ab. Wir haben gerade in Tempelhof ein Beispiel: In diesem riesigen Lager saßen sechs Christen zusammen und lasen die Bibel, und dann merkten sie, dass sich eine größere Gruppe zusammenrottete, um jetzt und hier ein Pogrom zu planen. Einer der Christen rannte noch zum Wachschutz hin und sagte noch: ‚Achtung, wir werden gleich angegriffen.’ Die Wachschützer antworteten: ‚Für Euch Christen tun wir gar nichts.’ Es stürzten sich die zig Leute auf die sechs, und nachher hat die Polizei durch den Einsatz von Polizeihunden, die sie losgelassen hatten, die sechs aus dem Zimmer befreit. Die wären sonst gelyncht worden. Was wollen Sie da noch ermitteln bei mindestens 70, die angegriffen haben? Das ist überhaupt nicht möglich. Die Heimleitung hat das Problem dann sehr gut und schnell gelöst: Sie hat die sechs Christen vor die Tür gesetzt mit der Begründung: Unruhestifter!

Das ist die Realität: Christen werden vor die Tür gesetzt und stehen am Ende auf der Straße. Vor einiger Zeit gab es einen Bericht in den Tagesthemen zu diesem Thema; einige Tage später hatte man die Christen, die es gewagt hatten, darüber zu berichten, aus dem Heim geworfen. Christen werden als Unruhestifter hingestellt, weil sie den allgemeinen religiösen Frieden durch ihre Anwesenheit stören. 

Ich habe das Problem der Wachschützer angesprochen, das ist ein spezielles Problem in Berlin: Naiv und gutgläubig und zunächst auch zu Recht hat man gesagt: ‚Wir müssen hier Leute mit entsprechenden arabischen Sprachkenntnissen als Wachschützer einstellen’ und sprach dann von interkultureller Kompetenz. Diese interkulturelle Kompetenz bestand in den Sprachkenntnissen mit einem gewissen Bizepsumfang; und mittlerweile sagt das auch die Polizei ganz offen, sind arabische Clans die Herren über nicht wenige Asylbewerberheime. In der Zwischenzeit teilen sie mit: ‚Ihr seid jetzt unsere Untergebenen und Ihr habt hier zu tun, was wir sagen.’ Und so ist es dann so, dass Wachschützer Christen angreifen, wenn sie in der Bibel lesen. Wir haben immer noch die besondere Zuspitzung, dass unsere Leute Konvertiten sind. Bei Konvertiten ist bei ganz, ganz vielen Muslimen die Toleranzschwelle überschritten. Während sie einheimische orientalische Christen noch irgendwie ertragen können, ist bei Konvertiten die Toleranzschwelle überschritten. Wenn jemand vom Islam abfällt, dann begeht er ein todeswürdiges Verbrechen, und das wird ihnen in deutlicher Weise nahegebracht. Was unsere Leute immer wieder sagen ist, dass sie das von ihrem früheren Glauben her kennen, dass es eine religiöse Pflicht ist, den irrenden Bruder zur Wahrheit zurückzuholen. Und wenn der irrende Bruder nicht will, dann muss man mit dem Rückrufen etwas massiver arbeiten. Es geht dann eben so, dass Lautsprecher vor die Tür gestellt werden, und die Leute von morgens früh bis spät in die Nacht mit Koranversen beschallt werden in der Hoffnung, dass man sie auf diese Weise zum richtigen Glauben zurückführen kann.

Ein großes Thema – ich habe den Wachschutz schon erwähnt – ist nicht allein, dass sie sich religiös ganz auf die Seite ihrer Glaubensgenossen stellen, sondern dass sich auch die sprachliche Deutungshoheit haben. Das bedeutet, dass in fast allen Fällen, wo Übergriffe gegen Christen – und entsprechend Jesiden – stattfinden, nachher gesagt wird, es gab Streit ums Essen. Als die 70 die sechs angegriffen haben, es war zwar nachts um 23 Uhr, steht im Polizeiprotokoll: Es gab Streit ums Essen. Das heißt, wenn von politischer Seite versucht wird, den Gründen nachzugehen, wird man in den Polizeiunterlagen nie etwas über religiöse Konflikte finden mit der abschließenden Feststellung: ‚Es gibt diese Konflikte nicht.’


‚Nicht sein kann, was nicht sein darf‘

Aber man muss auch sagen: ‚Nicht sein kann, was nicht sein darf‘. Es ist schlicht ein ganz heißes Eisen, und das merkt man bis in den kirchlichen Bereich hinein. Es ist gerade in der evangelischen Kirche so, dass schlicht und einfach geblockt wird, wenn dieses Thema angesprochen wird und es klingt die Befürchtung durch: ‚Wenn Sie dieses Thema ansprechen, dann pushen Sie rechte Gruppierungen’, was mir absolut ferne liegt. Deswegen wird das Thema von vornherein verdrängt, schön geredet und dann kommt die übliche Feststellung: ‚Ihr habt ja keinerlei Beweise dafür.’ Selbst wenn man 170 Berichte vorlegt, heißt es: ‚Man weiß ja nicht, ob das alles stimmt.’ Ich versuche, soweit ich es kann, immer wieder in der Öffentlichkeit über diese Nöte zu berichten, und ich tue dies nicht, weil ich gegen Flüchtlingszustrom bin, im Gegenteil. Wir müssen die Herausforderungen, in der wir auch in der Zukunft stehen, offen und ehrlich ansprechen. Wenn wir das nicht machen, fliegen uns die Dinge irgendwann auch um die Ohren. Und gerade darum, weil ich sehr, sehr dafür bin, dass wir mit offenen Armen Flüchtlinge willkommen heißen, nicht zuletzt auch aus Afghanistan sage ich ganz bewusst: Gerade wenn wir das weiter wollen, dann müssen wir auch von vornherein bereit sein, die Probleme wahrzunehmen und ganz direkt anzugehen.


Kurzfristig sehe ich keinen anderen Weg, als Schutzräume für nicht muslimische Minderheiten zu schaffen.

Ich habe keine Patentlösung. Ich sage schon: Kurzfristig sehe ich keinen anderen Weg, als Schutzräume für nicht muslimische Minderheiten zu schaffen. Das ist das Allermindeste, das man erwarten kann, dass diejenigen, die bedroht sind, die Möglichkeit haben, irgendwohin zu fliehen und ihnen nicht sagen: Ihr müsst bleiben, wo ihr seid. Es geht nicht darum, dass von vornherein selektiert wird, aber dass zumindest die Möglichkeit der Reaktion besteht. Ich fände es auch gar nicht falsch, wenn es die Möglichkeit gäbe, Heime zu schaffen, mit 50% Muslimen und 50% Christen und genügend Sozialarbeitern, damit man da richtig religiöse Toleranz miteinander einübt. Aber nicht 98% zu 2%, und jetzt üben wir mal religiöse Toleranz! So wird es nicht funktionieren. Wir werden das Einüben religiöser Toleranz nicht lösen können, indem man irgendwelche Grundgesetze in Arabisch verteilt oder die Leute irgendwelche Zettel unterschreiben lässt. Es ist so etwas von naiv. Man unterschätzt die Prägekraft der Religion. Wir gehen ja immer wieder von unserem westeuropäischen Religionsverständnis aus, als wenn Religion so eine Art von Hobby ist, das man nebenbei betreiben kann. Aber damit kann man einen Muslim aus Syrien in der Regel überhaupt nicht verstehen. Wir können durchaus auch etwas von denen lernen, dass man Religion ernster nimmt als nur als Hobby. Für sie hat es eine gesellschaftsprägende Kraft und daran zu arbeiten, bedeutet viel mehr Schweiß der Edlen als die Information: ‚Übrigens, bei uns ist das anders.’ Und da freue ich mich darüber, dass auch solch ein Thema der Menschenrechte in Deutschland hier auf dieser Tagung behandelt wird. Ich höre immer wieder von unseren Leuten: Wir sind nach Deutschland gekommen, weil wir dachten: Hier haben wir Religionsfreiheit, aber wir merken: wir leben in den Heimen wieder wie im Iran oder in Afghanistan. Dann hätten wir auch dableiben können. Und gerade noch hatte ich mit einem zu tun gehabt, der hat drei Jahre im Iran im Gefängnis gesessen, im Evin, das sagt Ihnen vielleicht etwas. Der geht wieder zurück, weil er sagt: In meinem Heim ist es schlimmer als im Evin. Der fährt wieder zurück. Ich schäme mich, in diesem Land zu leben, in dem so etwas passiert. 

Danke.

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