Zwölfjährige ehemalige Sklavin des Islamischen Staates (IS) berichtet

Zurück bei den Überlebenden ihrer Familie in einem Flüchtlingslager im kurdisch regierten Nordirak.

Hassina heißt eigentlich anders, aber sie selbst und ihre Angehörigen möchten nicht, dass ihr richtiger Name veröffentlicht wird. Als Kämpfer des Islamischen Staates (IS) sie im Nordirak gefangen nahmen, war sie zwölf Jahre alt. Sie sprach mit der IGFM im Januar 2015, in einem Flüchtlingslager im kurdischen Nordirak. Einzelheiten darüber, wie sie nach über vier Monaten in die Freiheit und zu ihrer Familie kommen konnte, möchte die IGFM nicht veröffentlichen – denn mehrere Tausend andere Kinder, Mädchen und Frauen werden vom Islamischen Staat und seinen Unterstützern weiterhin als Sklavinnen ausgebeutet. Gemessen an der enormen Zahl der verschleppten Opfer ist die Zahl der Freigekommenen leider nicht groß. Doch im Irak arbeiten Menschen weiter daran, auch den Übrigen einen Weg in die Freiheit zu ermöglichen. Diese Arbeit soll selbstverständlich nicht erschwert werden.


IGFM: Hassina, darf ich dir Fragen stellen zu deiner Zeit als Gefangene des „Islamischen Staates“? Du bist erst 12 Jahre alt und deine ältere Schwester wurde ebenfalls verschleppt, stimmt das?
Ja das stimmt. Am 4. August [2014] wurden wir vom IS gefangen genommen, meine Schwester, meine Tante und ich. Ich war zu dem Zeitpunkt 12 Jahre alt. Frei kam ich nach mehr als vier Monaten, am 18. Dezember.


IGFM: Was ist als erstes passiert, nachdem die Kämpfer des „Islamischen Staates“ euch in ihre Gewalt gebracht haben?
Hassina: Sie haben uns von [der nordirakischen Stadt] Sindschar, wo wir wohnten, nach Tal Afar gebracht [einer Stadt auf dem Weg nach Mossul]. Wir sind in Kleinbussen transportiert worden. In Tal Afar wurden wir sortiert: Jungen und Männer auf die eine, Frauen mit kleinen Kindern und ältere Frauen auf die andere und hübsche und junge Frauen und Mädchen auf eine dritte Seite. Ich kam zu den jungen und hübschen Frauen, weil ich nur 12 Jahre alt war.


IGFM: Warst du die jüngste unter diesen Frauen oder gab es noch jüngere?
Hassina: Wir waren etwa 600 Menschen in der Gruppe, der ich zugeteilt wurde. Viele waren älter, die ältesten vielleicht 30 Jahre. Es gab aber auch einige jüngere Mädchen. Die jüngsten von uns waren zwischen sechs und acht Jahren alt. Wir wurden dann in das ziemlich große Gefängnis Badusch gebracht [wenige Kilometer westlich von Mossul]. Im Gefängnis wurden wir erneut sortiert, dabei wurde meine Schwester von mir getrennt, meine Tante und ich blieben zusammen.


IGFM: Du bist aber nicht lange in Badusch geblieben, richtig?
Hassina: Richtig. Für mich ging es weiter nach Baa’j [eine Stadt nahe der syrischen Grenze]. Das war für mich auch der Moment, in dem ich von meiner Tante getrennt wurde. Die Männer vom IS haben sich immer gezielt die hübschesten oder die jüngsten ausgesucht. Zum Glück bin ich nicht hübsch, sonst hätten sie gleich schlimme Dinge mit mir gemacht. In Baa’j waren wir noch etwa 150 Mädchen, man hatte uns zum Verkauf ausgesucht. Bis dahin hatten uns die Kämpfer kaum angerührt, in Baa’j vergingen sie sich aber viele Male an uns. Ich war eine der wenigen, der auch da nichts passierte. Sie fanden mich einfach nicht hübsch.


IGFM: Wie lief der Verkauf ab?
Hassina: Die Käufer kamen über die Grenze aus Syrien. Es waren entweder IS-Kämpfer oder Sympathisanten. Meistens ältere Männer. Der Preis lag meistens bei etwa 150 bis 200 Dollar. Es kam vor, dass Frauen für nur 10 Dollar verkauft wurden, manche wurden auch verschenkt. Es kam immer auf den jeweiligen Anführer an.


IGFM: So wenig? Was meinst Du, warum verkaufen die IS-Kämpfer jesidische Frauen und Mädchen für so wenig Geld?
Hassina: Das haben wir uns auch gefragt. Ich glaube, wir waren eine Art Belohnung für die Männer vom IS. Und Werbung für neue Unterstützer. Ich glaube, die Männer vom IS wollen vor allem eine Frau. Oder mehrere Frauen. Oder jemanden, mit dem sie alles machen können, was sie wollen. In ihren Augen sind wir weniger wert als Tiere, die verkauft man teurer.


IGFM: Wie ist es dir ergangen?
Hassina: Mein Käufer kam aus [der syrischen Stadt] Schaddadia. Er war alt, über 50, und lebte allein. Er hatte nur mich mitgenommen, wir waren allein in der Wohnung. Für drei Tage lang war ich bei ihm, in der Zeit schlug er mich immer wieder. (…) Seitdem bin ich kein Mädchen mehr. Weil ich mich immer wieder geweigert hatte, zu tun was er von mir wollte, brachte er mich nach den drei Tagen zurück zu Kämpfern des IS in Syrien. Dort waren noch fünf andere Mädchen, die vorher an anderen Orten gefangen gehalten worden sind. Einige waren in Turnhallen und sind von dort aus verkauft worden. Der IS hat in manchen Gegenden aber auch große Villen beschlagnahmt und zu Kommandozentralen ausgebaut – mit eigenen Gefängnissen. Wir sechs Mädchen waren dann auch in einem großen Haus eingesperrt, das einmal reichen Leuten gehört haben muss. Es war schlimm. Ständig haben uns die Männer beleidigt, gedemütigt … geschlagen. Nur weil wir Jesiden waren.


IGFM: Haben sie sich auch dort an euch vergangen?
Hassina: (…) Tagsüber war es am schlimmsten. Sie haben uns misshandelt. Wir konnten uns ja nicht gegen sie wehren. Sie haben sich auch oft betrunken. Wenn nachts ihr Anführer da war, ging es besser. Vor dem hatten sie Angst. Sie meinten, dass sie besonders fromm sind, aber sie waren wie Tiere. … Das Haus war wie ein Bordell. Viele von uns hatten Verletzungen von dem, was sie mit uns gemacht haben, aber einen Arzt haben wir nie gesehen. Wir waren für die nur Sachen, wie Gegenstände, die man benutzen kann.

(…) Nach einiger Zeit wurden wir dann wieder nach Sindschar, in den Irak gebracht. Von dort aus kam ich frei. (…) Im Flüchtlingslager waren auch freiwillige Ärzteteams aus Deutschland und Schweden, die haben sich um uns gekümmert.


IGFM: Weißt Du, wer die IS-Männer waren?
Hassina: Ja und nein. Ich kenne keine Namen, aber ich weiß, dass viele von ihnen aus der Region stammen, in der vor kurzem noch wir [Jesiden] gelebt haben. Die meisten waren Araber, einige Kurden, sogar ein Jeside war unter ihnen. Andere kamen aus Syrien und Saudi-Arabien. Die, die früher zu unseren Nachbarn gehörten, waren oft die schlimmsten.


IGFM: Was ist mit den anderen passiert? Den Jungen und Männern und mit deiner Schwester?
Hassina: Meine Schwester ist noch immer im Gefängnis. Wir hatten Kontakt zu ihr, weil es ihr heimlich möglich war, ein Telefon zu benutzen. Hätten die Männer vom IS das gemerkt, wäre sie nicht mehr am Leben. Sie würden auch mich umbringen, wenn sie herausbekommen, wer ich bin und dass ich mit dir rede.

Meine Tante konnte fliehen. Sie wurde gar nicht weit von Sindschar gefangen gehalten. Sie kannte die Gegend und als sich eine Gelegenheit ergab, ist sie weggelaufen und hat es in die Berge geschafft.

Die Männer, die nicht zum [sunnitischen] Islam übergetreten sind, wurden erschossen. Nicht nur bei uns Jesiden, sondern auch Christen und Schiiten. Die, die Sunniten geworden sind, mussten dann lernen, wie die Sunniten beten. Später mussten sie dann für den IS arbeiten. Ich weiß von einem, der als LKW-Fahrer bei den IS-Kämpfern war. Andere sollen angeblich an verschiedenen Stellen an die Front gebracht worden sein. Was sie da machen mussten, weiß ich nicht.

Den Müttern wurden die Kinder weggenommen. Wenn Sie älter als sechs, manchmal auch fünf Jahre alt waren, wurden sie verkauft. Die kleineren Kinder sind dann in Koran-Schulen gebracht worden. Es heißt, dass es Saudis gibt, die das Geld dafür bezahlen. Ob das stimmt, weiß ich natürlich nicht.

Manchmal sind den Müttern die ganz kleinen Kinder auch nicht weggenommen worden. Die IS-Männer haben den Kindern vor den Augen der Mütter zum Beispiel spitze Sachen in den Mund gesteckt und damit gedroht, was sie mit ihnen alles machen werden. Sie wollten damit die Mütter erpressen und gefügig machen.


IGFM: Danke Hassina, dass du mit uns gesprochen hast.

Hundertausende Menschen konnten durch die Flucht in die von Kurden gehaltenen Bergregionen im Nordirak, ihr Leben retten. Doch diese Massenflucht übersteigt alle Möglichkeiten der kurdischen Behörden. Sie übersteigt sogar die Möglichkeiten der großen Hilfsinstitutionen, die in ausgedehnten Flüchtlingslagern hunderttausende Menschen mit dem Nötigsten versorgen.

Bisher hat die IGFM vier Hilfstransporte und einen Rettungswagen in den Nordirak geschickt. Empfänger waren vor allem Christen und Jesiden aus dem Irak und Syrien. Weitere Transporte sind in Vorbereitung. Viele Dinge fehlen nach wie vor – unter anderem Waschmaschinen! Kälte, Feuchtigkeit, Schimmel und Schlamm sind eine erhebliche Gefahr für die Gesundheit der Flüchtlinge. Hinzu kommt die Enge, in der viele Menschen leben müssen und durch die sich Krankheiten rasend schnell ausbreiten können. Waschmaschinen sind ebenso wichtig wie Medikamente. Die Flüchtlingslager, die von der IGFM beliefert werden sollen, haben Stromanschlüsse. Die nötigen Einrichtungen für Wassertanks, Anschlüsse und Abwasser werden vorbereitet, ebenso Personen vor Ort, die die Waschmaschinen betreuen sollen.

Alle Fahrer und Helfer der IGFM arbeiten völlig ehrenamtlich. Dennoch belaufen sich die Transportkosten pro Sattelschlepper von Deutschland in den Nordirak auf rund 5.000 Euro. Ohne Ihre finanzielle Unterstützung, kann kein Transport auf die Reise gehen. Ihre Hilfe zählt – Vielen Dank.

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Spendenkonto: Bank für Sozialwirtschaft, Konto-Nr. 1403601, BLZ: 550 205 00,
IBAN: DE04 5502 0500 0001 4036 01, BIC: BFSWDE33MNZ
Kennwort: Flüchtlinge im Irak


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