Arzteinsatz für Flüchtlinge in Kurdistan im Irak – ein Erlebnisbericht

Seit November 2014 hilft die IGFM Flüchtlingen im Nordirak – innerhalb der Lager, aber auch denen, die wegen Überfüllung draußen bleiben mussten und in „wilden“ Lagern unter katastrophalen Bedingungen leben. Die IGFM konnte durch Spenden über 500 gebrauchte Rollstühle und Rollatoren an Behinderte und Verletzte übergeben, außerdem über 10.000 Decken, Pflegebetten und vieles mehr. Im Rahmen der IGFM-Hilfe konnten auch mehrmals deutsche Ärzte die wenigen einheimischen Ärzte bei ihren Einsätzen in den Lagern entlasten. Einer dieser Ärzte aus Deutschland ist Dr. med. Martin Klopf. Lesen Sie seine Eindrücke:

„Nun bereits zum vierten Mal begaben wir uns in das geschundene Land Kurdistan im Nordirak, wo die Menschen nach jahrzehntelanger Unterdrückung und Terror - zuletzt durch den IS - eigentlich nur endlich einmal in Frieden leben und ihrer ganz normalen Alltagsarbeit nachgehen wollen.

Die Kurden, die ihren Dienst als Peschmerga-Kämpfer an der Front aus Freiheitsliebe und Liebe zu ihrem Land oftmals unentgeltlich tun, sagen von sich, dass sie kämpfen um zu leben, während die islamistischen Extremisten für ihr perfides Bild vom Islam im Irak oder Syrien kämpfen um zu sterben.

Das Flüchtlingslager Essyan in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak.

Außer, dass die Menschen in den Flüchtlingscamps nach der Flucht vor tausendfacher Ermordung, Folter und Versklavung noch erschöpfter wirken, hat sich seit dem August 2014 nichts geändert. Im Gegenteil scheinen sich viele Menschen mit dem Flüchtlingsdasein zu arrangieren. Was auf den ersten Blick nur allzu menschlich erscheint, wenn um die Flüchtlingszelte neuerdings kleine Gärten entstehen, das eine oder andere Schaf neben den Zelten angepflockt ist und die Kinder nicht mehr in provisorischen Zelten, sondern in festen Containern Unterricht haben, birgt doch die Gefahr, damit zu einem Dauerzustand zu werden.

Und von einer Rückkehr in ihre Heimatdörfer scheinen die Flüchtlinge auch weit entfernt zu sein. Im Gegenteil: Eine Familie, die im Sommer auf eigene Faust für mehrere Wochen in ihr vom IS befreites, aber immer noch zerstörtes Heimatdorf zurückkehrte, kam entmutigt und krank zurück.

Insektenstiche hatten sich bei sämtlichen Kindern ob der schlechten hygienischen Verhältnisse und völlig darniederliegender Infrastruktur zu großen Geschwüren entwickelt, die bisher nicht abheilen wollten. Kein Mensch wird daher bereit sein zurückzukehren, wenn sich nicht grundlegend die Sicherheitslage und die Lebensbedingungen ändern, dass an einen Neuanfang gedacht werden kann.

Glücklicherweise zeigten sich bei unserer Behandlung nur vereinzelt schwerwiegende Erkrankungen bei den Menschen, die dann gezielt einer Krankenhausbehandlung zugeführt werden konnten. Die Zusammenarbeit mit den Ärzten, die, wenn auch in knapper Anzahl und auch nur vormittags, sehr qualifizierte Arbeit auf der Krankenstation dieses mit 15.000 Menschen etwa mittelgroßen Camps leisten, war ausgesprochen gut. Viele Menschen leiden wegen des emotionalen Stresses, der jahrelangen Verurteilung zum Nichtstun und wegen der nur dünnen Matratzen auf dem blanken Betonfußboden in den zum Teil verschimmelten Zelten unter Gelenk- und Rückenschmerzen, Magengeschwüren und allergischen Beschwerden.

Die Flüchtlinge und ihre Kinder freuen sich über die Hilfe. Sie ist auch nach wie vor dringend nötig. Teilweise reichten die ohnehin nur dünnen Decken nicht einmal für jedes Familienmitglied.

Unbegreiflich die Schicksale vieler Flüchtlinge, die uns oftmals sprachlos machen, wenn uns beispielsweise eine junge Frau berichtet, dass sie als einzige von 14 Familienmitgliedern den IS-Terror überlebte, oder den drei Tanten einer weiteren Frau, die den Angriff durch die Extremisten im Shingalgebirge überlebt hatten, aber sich dort nachts in der sommerlichen Dürre kurz vor dem Verhungern an ein Lagerfeuer trauten, um nach Essbarem zu suchen, und dort erschossen wurden. Das menschliche Leid in den Flüchtlingslagern scheint schier endlos.

Umso erfreulicher wieder einmal, wie wissbegierig und fleißig sämtliche Schüler trotz der enormen Klassengröße in Erscheinung traten. Dankend nahmen sie unsere mitgebrachten Schulhefte und mit Stiften, Linealen und Radiergummis gefüllten Federtaschen an. Wir können ihnen nur wünschen, dass sie ihre Zukunftspläne hoffentlich bald wieder in ihren Heimatorten verwirklichen werden können.

Im Flüchtlingslager Essyan gibt es eine Schule in Containern. Das ist einerseits sehr gut, andererseits wird das Flüchtlingsdasein für viele Menschen zum Dauerzustand.

Es tut weh, wenn Menschen, denen man zu Ostern noch persönlich begegnet war, plötzlich dem IS-Terror zum Opfer fallen und hinterrücks ermordet werden, nur weil sie mangels besserer Ausbildung und unter Einsatz ihres Lebens oftmals mit den bloßen Händen oder nur mit einer Kneifzange ausgerüstet Tag für Tag Minen und Sprengfallen entschärfen. 1000 Mal geht es gut, aber einmal missglückt es doch mit dann fatalen Folgen.

Neu waren für uns frisch errichtete Flüchtlingscamps für seit vier Tagen aus den umkämpften Gebieten rund um Mossul geflohene Familien einer islamischen Minderheit, den Schabak. Da sie die letzten Jahre unter dem Einfluss des IS standen - die Kinder berichteten uns, zwei Jahre keine Schule besucht zu haben, um sich dem ausschließlich salafistischen Unterricht zu entziehen, Frauen durften nur vollverschleiert die Straßen betreten - sind sie zunächst auf kurdischem Territorium regelrecht interniert, bevor feststeht, wie ihr Verhältnis zu den Islamisten gewesen war. Denn nach wie vor geht eine enorme Gefahr von Islamisten aus, die sich unerkannt unter die vielen Flüchtlinge mischen könnten.

Die Menschen erduldeten dieses Schicksal ohne Widerstand, es war ihnen einfach nur wichtig, vor den Bombardierungen fliehen zu können und ihr nacktes Leben gerettet zu haben. Teilweise reichten die ohnehin nur dünnen Decken nicht einmal für jedes Familienmitglied. Die Solidarität der kurdischen Bevölkerung und der Behörden ist da. Es wird versucht, den Flüchtlingen ein normales - wenn auch provisorisches - Leben zu ermöglichen.

Es gibt schon Schulen und eine erste Krankenstation. Auf unsere Frage hin stellen sie sich auf ein Leben im Lager von vielleicht einem Jahr ein. Die Jesiden, Christen und anderen Flüchtlinge leben bereits zweieinhalb Jahre in den Camps…

Die vielen positiven, persönlichen Begegnungen geben uns Hoffnung, dass, wenn auch nicht sofort, aber doch nach und nach, eine normales Leben an diesem wunderschönen Fleckchen Erde möglich ist. Um den Menschen Mut zu geben, auch den Weg der Versöhnung zu gehen, und an einen Neuanfang zu glauben, wollen wir zu Weihnachten gemeinsam mit den geflohenen Christen des christlichen Dorfes Telskuff in der dortigen, vom IS verwüsteten, aber jetzt von den kurdischen Peschmerga befreiten St.Georgs-Kirche Weihnachten feiern.

1.000 aus Spenden zusammengestellte Weihnachtspakete sind schon auf dem Weg dorthin. Wir möchten den Menschen zeigen, dass sie nicht vergessen sind und hoffen wirklich auf ihre Zukunft in diesem ihnen ureigenen Gebiet. Andernfalls hätte der IS doch sein Ziel erreicht.“

von Dr. med. Martin Klopf
Dezember 2016

Durch ihren ehrenamtlichen Einsatz haben Sie vielen Flüchtlingen helfen können: Ioana (Mitte) und Dr. Martin Klopf (rechts).

Bitte unterstützen Sie diese Arbeit!

Spendenkonto: IBAN: DE04 5502 0500 0001 4036 01, BIC: BFSWDE33MNZ

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