Pressegespräch: Religionen zwischen Extremismus, Konfliktverstärkung und Friedensstiftung

Von Links nach Rechts: Volker Beck, Uwe Heimowski, Martin Lessenthin, Prof. Dr. Matthias Zimmer, Pascal Kober, Philipp W. Hildmann

Vorstellung der Jahrbücher „Religionsfreiheit 2017“ und „Verfolgung und Diskriminierung von Christen 2017“

Am 8. November 2017 fand in Berlin ein Pressegespräch zum Thema Religionen zwischen Extremismus, Konfliktverstärkung und Friedensstiftung statt. Anlass war die Veröfentlichung der Jahrbücher zur Religionsfreiheit 2017 und zur Christenverfolgung 2017.

Durch blutige Konflikte z. B. zwischen Sunniten und Schiiten oder zwischen Buddhisten und Muslimen werden wir fast täglich schmerzlich daran erinnert, wie gefährdet das Menschenrecht auf Religionsfreiheit ist. Millionen Menschen werden auf Grund ihres Glaubens verfolgt, diskriminiert und sogar getötet. Dabei sollte Religionsfreiheit universell und uneingeschränkt für Angehörige aller Religionen garantiert sein. Die Situation ist vor allem für Minderheiten in vielen Ländern dramatisch schlecht – dennoch gibt es Grund zur Hoffnung. Für die IGFM und die Weltweite Ev. Allianz hat das Engagement für Religionsfreiheit daher Priorität in zusammenarbeit entsanden die Jahrbücher zur Religionsfreiheit und zur Christenverfolgung als Bestandsaufnahme und Denkanstoß.

 

Die Gesprächspartner waren:

 

Prof. Dr. Matthias Zimmer, MdB (CDU), Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses des deutschen Bundestages


Volker Beck, Lehrbeauftragter am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien an der Ruhr-Universität in Bochum


Pascal Kober, MdB (FDP), Theologe und ehemaliger Militärpfarrer


Philipp W. Hildmann, Beauftragter für interkulturellen Dialog der Hanns-Seidel-Stiftung e.V.


Uwe Heimowski, Mitglied und Beauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz e.V. am Sitz des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung


Martin Lessenthin, Sprecher des Vorstands der Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)

Von Links nach Rechts: Volker Beck, Uwe Heimowski, Martin Lessenthin, Prof. Dr. Matthias Zimmer

 

Mit freundlicher Gehnemigung der Tagespost: Ein Beispiel aus der Berichterstatung zum Pressgespräch, veröffentlicht am 10. November 2017.

Christenverfolgung weltweit dokumentiert

Jahrbücher über Verfolgung und Diskriminierung von Christen sowie Religionsfreiheit in Berlin vorgestellt.

Von Michael Leh

Der Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), Martin Lessenthin, hat dafür plädiert, das Amt eines Beauftragten der Bundesregierung für Religionsfreiheit zu schaffen. Auf einer Pressekonferenz in Berlin, bei der das „Jahrbuch Religionsfreiheit 2017“ und das „Jahrbuch Verfolgung und Diskriminierung von Christen 2017“ vorgestellt wurden, sagte Lessenthin, die CDU/CSU habe sich bereits für einen solchen Beauftragten ausgesprochen. Jetzt komme es darauf an, „ob die künftigen Koalitionspartner mitziehen“.


Die Europäische Union habe bereits parteiübergreifend ein solches Amt geschaffen. Schon 2016 habe die EU-Kommission den Slowaken Jan Figel zum Sonderbeauftragten für die Förderung von Religions- und Weltanschauungsfreiheit außerhalb der EU ernannt. Ein Beauftragter der Bundesregierung für Religionsfreiheit könnte zum Beispiel beim Auswärtigen Amt oder dem Bundeskanzleramt angesiedelt sein. „Ein solcher Repräsentant oder eine Repräsentantin sollte die internationalen Aspekte kennen und einen Apparat nutzen können“, so Lessenthin.

Uwe Heimowski von der Evangelischen Allianz in Deutschland unterstützt die Forderung ebenso wie der wieder in den Bundestag gewählte FDP-Politiker Pascal Kober, der als evangelischer Theologe auch Militärpfarrer war. Heimowski erklärte, die Evangelische Allianz sei sehr froh, dass es gelungen sei, das Thema aus einer Nische herauszubekommen.

Matthias Zimmer (CDU), bislang Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses des Bundestages, erklärte, bei dem Amt eines Beauftragten für Religionsfreiheit gehe es vor allem darum, dieser Aufgabe „ein Gesicht zu geben“.

„Ich glaube, dass bei uns die Frage der Religionsfreiheit gesellschaftlich unterschätzt ist“, sagte der frühere Bundestagsabgeordnete der Grünen, Volker Beck, der jetzt einen Lehrauftrag am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien an der Ruhr-Universität Bochum wahrnimmt. Die Chancen, die sich aus der Thematik für den Menschenrechtsdialog „zwischen den Staaten und den verschiedenen kulturellen Räumen bieten“, würden dadurch auch „nicht hinreichend wahrgenommen“, so Beck. Er sagte auch, man dürfe sich bei der Diskussion „nicht in eine falsche Opferkonkurrenz“ begeben. „Ich höre immer wieder“, erklärte er, „die Christen sind die größte verfolgte Minderheit. Wir sind aber auch die größte religiöse Gruppe auf diesem Planeten. Die größte Gruppe kann natürlich auch mehr Verfolgte stellen. Eine kleine Weltreligion wie die Baha?i mit sechs bis zehn Millionen Anhängern kann sicher nie – selbst wenn sie alle verfolgt werden – damit mithalten.“ Vom prozentualen Anteil verfolgter Glaubensangehöriger zur Gesamtgruppe seien die Baha?i wahrscheinlich eine Gruppe mit dem höchsten Anteil.

2016 gab die Bundesregierung erstmals einen Bericht zur Lage der Religionsfreiheit heraus. Ein solcher Bericht müsse regelmäßig erscheinen, forderten die Teilnehmer der Pressekonferenz einhellig. Ein Mangel der letztjährigen Publikation war, dass sie keine Länderberichte enthielt. Ein solcher Bericht müsse „länderscharf“ erfolgen, forderte Beck, so dass sich daraus auch „politisch etwas ableiten“ lasse. Oft sei es ein „Indikator für bald heiße Konflikte, wenn sich Regionalkonflikte innerhalb eines Landes oder einer Region auf einmal religiös-argumentativ überwölben“. Beck erklärte, „in der politischen Linken – und da würde ich auch Teile meiner Provenienz dazu nehmen – gibt es etwas Vorbehalte gegenüber der Diskussion über Religionsfreiheit, weil man denkt, das wird für andere Zwecke innenpolitisch instrumentalisiert und deshalb will man die Debatte nicht so groß machen“. Er, Beck, halte das im Hinblick auf die Menschenrechte „für den falschen Ansatz, das versuche ich meinen linken Freunden auch immer zu sagen“.

Und wie sieht die Situation in Deutschland aus? Uwe Heimowski erläuterte die Situation der christlichen Flüchtlinge: Er könne dazu zwar keine neuen präzisen Zahlen nennen, aber ihm werde aus den Gemeinden „wirklich ganz regelmäßig“ von Diskriminierungen berichtet. Zur Religionsfreiheit gehöre auch die Möglichkeit, für die eigene Religion zu werben und die Möglichkeit des Übertritts. „Für die Evangelische Allianz ist es ein Kernthema, auch missionarisch tätig zu sein“, sagte Heimowski. Christliche Konvertiten jedoch, besonders wenn sie „islamischen Hintergrund“ hätten, müssten in Flüchtlingsunterkünften damit rechnen, „aus dem Zimmer zu fliegen, nicht mehr an gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen zu können, dass sie deutliche Benachteiligungen erfahren“. Der Begriff Mobbing sei dafür „zu schwach“.

Philipp W. Hildmann von der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) erklärte gegenüber dieser Zeitung, die HSS habe 2017 für eine Studie 800 Flüchtlinge in Bayern befragt. „Obwohl wir nicht gezielt nach konfessionellen oder religiösen Konflikten fragten, fiel uns bei der Auswertung massiv auf, wie das unterschwellig mitschwingt“, sagte Hildmann. In Großunterkünften habe es etwa massive Konflikte gegeben. Je weniger Menschen länger in Großunterkünften untergebracht würden, desto geringer sei das Problem akuter Übergriffe. „Die Mentalität verlagert sich dann trotzdem in die kleineren Einheiten“, sagte er. „Vielleicht noch eine Fußnote“, fügte Hildmann hinzu, „die eine große Massenunterkunft gab es kurz nach der Befragung nicht mehr, weil sunnitische Afghanen und orthodoxe Eritreer gegeneinander zu Felde zogen und diese Traglufthalle abgebrannt ist aufgrund des Konflikts“. Letzterer sei dabei nie als „religiös artikuliert“ worden, habe aber auch „religiöse Komponenten“ enthalten, „wenn man etwas näher hinschaute“.

Die beiden Jahrbücher sind als Wendebuch erschienen. Sie erhalten Beiträge über einzelne Länder, Völker, Kirchen, Denominationen, Hintergrundberichte, Kommentare und Interviews. Auch ein sehr lesenswerter Vortrag von Erzbischof Georg Gänswein im Kloster Einsiedeln über „Christen in Bedrängnis“ in Europa ist zum Beispiel abgedruckt.

 

Hilfe für den Notfall: Hilfsangebote und Notadressen
Scharia, das islamische Recht im Überblick
Die Opfer des Islamischen Staates (IS) brauchen Hilfe. So hilft die IGFM.
Veranstaltungen
China darf Flüchtlinge aus Nordkorea nicht abschieben