Eine Jesidin berichtet von ihrem Schicksal: „Eine Rückkehr nach Shingal ist aufgrund der aktuellen Situation kaum vorstellbar“

Pressegespräch anlässlich des dritten Jahrestages des IS-Überfalls auf Shingal, v.l.: Khalil Al-Rasho, Nordirakreferent der IGFM; Ivana Alhamad, geflüchtete Jesidin aus Shingal; Karl Hafen, Betreuer jesidischer Flüchtlinge; Martin Lessenthin, IGFM-Vorstandssprecher

Anlässlich des dritten Jahrestages des IS-Überfalls auf das Shingal-Gebirge im Nordirak veranstaltete die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) am 2. August 2017 in der Geschäftsstelle ein Pressegespräch. Als Rednerin war die 20-Jährige Jesidin Ivana Alhamad, die über das Sonderkontingent des Landes Baden-Württemberg nach Deutschland kam, zu Gast bei der IGFM. 

Nach der Eröffnung durch den Vorstandssprecher der IGFM, Martin Lessenthin, berichtete Karl Hafen, Betreuer jesidischer Flüchtlinge und ehemaliger geschäftsführender Vorsitzender der IGFM, über die Arbeit der IGFM im Nordirak, wie beispielsweise die Begegnungsprojekte, Humanitäre Hilfe, Ärzteeinsätze und die Projekte in Flüchtlingslagern im Nordirak.

[Lesen Sie mehr zur Arbeit der IGFM im Nordirak ...]

Die 20-Jährige Jesidin Ivana Alhamad, die über ein Sonderkontingent nach Baden-Württemberg kam.

Anschließend berichtete die 20-jährige Jesidin Ivana Alhamad von ihren Erlebnissen. Sie lebte mit ihrer Familie südlich des Shingal-Gebirges, als der sogenannte „Islamische Staat“ am 3. August 2014 das Gebiet überfiel. Zusammen mit den anderen Frauen und Kindern aus ihrem Dorf wurde sie vom IS gefangengenommen. Die Männer wurden oft sofort getötet. Da Ivanas Vater auswärts arbeitete, wurde er nicht gefangen genommen. Die Jungen wurden in Lager geschickt, wo sie zum Islam konvertieren mussten als IS-Kämpfer ausgebildet werden sollten. Die Frauen und Mädchen wurden verschleppt, versklavt und verkauft. Auch Ivana wurde versklavt und mehrfach vergewaltigt. Insgesamt wurde sie drei Mal verkauft und einmal von einem IS-Kämpfer an den nächsten verschenkt. Nach etwa einem Jahr gelang es ihr, ihren Vater, der in Freiheit lebte, zu kontaktieren. Seine Nummer hatte Ivana immer in ihrem Kopf. Der Vater organisierte einen Mittelsmann und nach einiger Wartezeit konnte die junge Jesidin für circa 4.000 US-Dollar freigekauft werden.

Nach diesen schlimmen Erlebnissen musste Ivana in dem Flüchtlingslager Qadian im Norden des Iraks unter schlechten hygienischen Bedingungen und mangelnder Versorgung ausharren. Sie lebte auf engstem Raum mit vielen anderen, die geflüchtet waren. Es stand nicht ausreichend psychologische Hilfe zur Verfügung. Doch als sie von dem Sonderkontingent der baden-württembergischen Regierung hörte, bewarb sie sich bei einer Behörde in Dohuk dafür. Nach Voruntersuchungen kam sie am 1. Dezember 2015 nach Deutschland. Ihre Mutter und ihr kleiner Bruder konnten später auch aus der Gefangenschaft frei kommen und ihr nach Deutschland folgen, ihr Vater lebt nach wie vor im Irak.

In Deutschland erhielt Ivana die dringend benötigte psychologische Hilfe und Zukunftsperspektiven. Nach dem Absolvieren des Integrationskurses kann sie nun eine Realschule in der 10. Klasse besuchen. Momentan kann sie nicht in ihre Heimat zurückkehren, da ihr Dorf noch in Trümmern liegt, die Infrastruktur noch nicht wieder aufgebaut wurde und Jesiden immer noch verfolgt werden. Die politische Instabilität erschwert zusätzlich die Lage. Dennoch hat Ivana den Wunsch, irgendwann mit ihrer Familie nach Shingal zurück zu kehren, wenn es die Umstände erlauben.

Um solche Umstände zu schaffen, sei auch der Einsatz und Druck der internationalen Staatengemeinschaft nötig. Sie forderte diese auf, nicht wegzusehen und den Jesiden Gehör zu schenken. Es seien noch tausende Jesiden in Gefangenschaft und die Situation in den Flüchtlingslagern sei nach wie vor katastrophal. Außerdem wünscht sich Ivana, dass andere Länder auch wie Baden-Württemberg Sonderkontingente beschließen oder andere Projekte – beispielsweise zur Familienzusammenführung – entwickeln und fördern.

Die IGFM-Experten Karl Hafen und Martin Lessenthin ergänzten den Zeugenbericht mit Informationen zum 4000 Jahre alten Jesidentum und zur Geschichte der Gemeinschaft, die von Verfolgung geprägt ist. Während die Anhänger der Terrororganisation IS die Christen nicht so stark verfolgt, weil sie einer Buchreligion angehören, werden die Jesiden als „Ungläubige“ und „Teufelsanbeter“ beschimpft. Dies legitimiert in den Augen des IS die Verfolgung und Versklavung des Volkes. Als Lösungsansätze forderten sie erneut die Einrichtung eines UN-Kriegsverbrechertribunals für die Verbrechen des IS. 

[zur Petition ...]

Zudem müsse die Sicherheit und der Schutz von Minderheiten wie den Jesiden durch irakische Gesetze und Polizeipräsens gewährleistet werden. Aufklärung und Aufarbeitung werden benötigt, beispielsweise die Identifikation und ordentliche Bestattung der Leichen aus den Massengräbern. Außerdem müssen auch verlässliche Perspektiven für die wirtschaftliche Entwicklung und den Wiederaufbau sowie für Bildung und Ausbildung der jungen Generation geschaffen werden, so Martin Lessenthin. Erst dann könnten die Jesiden wieder zurückkehren. 

Text von Linda Fiene, 2. August 2017.

Hilfe für den Notfall: Hilfsangebote und Notadressen
Scharia, das islamische Recht im Überblick
Die Opfer des Islamischen Staates (IS) brauchen Hilfe. So hilft die IGFM.
Veranstaltungen
China darf Flüchtlinge aus Nordkorea nicht abschieben