/Buchrezension

Buchrezension

“Kein Schutz, nirgends”

Gülsen Celebi arbeitet in “Kein Schutz, nirgends” die Ehrenmorde von Erol P., welche 2007 in Mönchengladbach passierten. Foto: Abhi Sharma/Flickr CC 2.0 [Quelle: Wikimedia Commons]

Ehrenmorde in Deutschland

Die Türkin Rukiye P. (geb. 1969) und ihre 18jährige Tochter werden am 9. März 2007 in Mönchengladbach nach einem jahrelangen Martyrium von ihrem Ehemann bzw. Vater vor ihrer Haustür erschossen. Dabei hätte man Erol P. etwa eine Stunde vor dem Mord festnehmen können. Er wurde bereits per Haftbefehl gesucht, saß aber seelenruhig im Wartezimmer des Amtsgerichts Mönchengladbach-Rheydt , obwohl Richter und Staatsanwaltschaft noch vor der Verhandlung von der Anwältin des Opfers darüber informiert wurden.

Die kurdischstämmige Anwältin der Opfer hat die Geschichte Rukiyes detailliert nachgezeichnet, von der Zwangsheirat der Minderjährigen in der Türkei, über das Leben als Importbraut in Deutschland, dem Druck des Clans, bis hin zu den ersten kleinen Ausbruchversuchen der Frau. Die Autorin erläutert an diesem konkreten Fall alle Aspekte der Problematik, von arrangierten Ehen, häuslicher Gewalt, mangelnder Bildung und Integration von Migranten und andere Aspekte der muslimischen Parallelgesellschaft. Das Buch will einen Beitrag dazu leisten, Ehrenmorde in Zukunft zu verhindern, und zwar durch Aufklärung. Denn tatsächlich sind deutschen Sozialarbeitern, Polizisten, Richtern und Staatsanwälten die familiären Strukturen, die kulturell bedingten Verhaltensweisen von Tätern und Opfern so fremd, dass sie die Brisanz der jeweiligen Situation oft überhaupt nicht erfassen.

Unverständliche Parallelgesellschaft

Vieles, was in diesem Buch erzählt wird, ist für Deutsche fast nicht vorstellbar. Umso wichtiger ist es, zu verstehen, wie die Parallelgesellschaft funktioniert – eine Gesellschaft, die mitten in Deutschland nach arachaischen Regeln lebt und seinen Frauen grundlegende Menschenrechte verwehrt. “Diese Regeln stehen für einen traditionellen Türken über jedem Gesetz, erst recht über dem des deutschen Staates.”, so Gülsen Celebi.

Bei den meisten Ehrenmorden ist nur wenig über die Hintergründe zu erfahren. Justiz, Polizei und Presse treffen auf eine Mauer des Schweigens. Denn was in der patriarchalisch-muslimischen Großfamilie passiert, soll auch in der Familie bleiben. Vor Gericht verweigern in der Regel sämtliche Familienmitglieder die Aussage. Leider hat auch in diesem Fall eine Angehörige des Opfers gegen die Veröffentlichung des Buches geklagt. “Kein Schutz, nirgends” ist momentan nur mit Schwärzungen zu erhalten. Weitere Informationen zu dem Titel finden Sie unter www.ehrenmord.de.

Gülsen Celebi und Uta Glaubitz: Kein Schutz, nirgends. Warum die deutsche Justiz den Ehrenmord an Rukiye P. nicht verhindert hat. Verlag: Heyne, ISBN: 978-3-453-64519-6, Einband: Paperback, Preis: 9,95 Eur[D], 256 S., Erschienen: 01.04.2008

Zu der Autorin

Gülsen Celebi ist Rechtsanwältin in Düsseldorf. Viele Ihrer Mandantinnen und Mandanten stammen aus der Türkei. Sie selbst ist deutsche Staatsangehörige mit kurdischen Wurzeln.
“Jeder, der über türkische Frauen schreibt, sieht sich dem Vorwurf der Pauschalisierung ausgesetzt. Oft steckt dahinter schlicht die Weigerung hinzuschauen, wenn Menschenrechte im Migrationsmillieu verletzt werden. Lieber beschimpft man die Überbringerin schlechter Nachrichten, anstatt zu sehen, dass Zwangsheirat, häusliche Gewaltexzesse und Ehrenmord auch hier in Deutschland keine exotischen Einzelfälle sind.”