FÜR DIE MENSCHENRECHTE – Mitteilungen an Freunde und Förderer, Nr. 8 – September 2025
Kein Lohn, kein Essen – und noch mehr Schulden

In der Regenzeit kämpfen Ziegeleiarbeiter und ihre Familien ums Überleben
„Wenn der Regen begann, dachten wir oft noch, dass er bald vorübergeht. Die Lehmklötze könnten später, wenn die Sonne wieder scheint, schon noch trocknen. Aber es gab immer neue Schauer und alles, was wir am Tag mühsam geschafft hatten, löste sich auf und wurde der Erde gleich, aus der wir die Klötze mühsam geformt hatten.“ Der 58-jährige Mushtaq Masih aus dem Distrikt Kasur in der pakistanischen Provinz Punjab schildert die verzweifelte Lage als Ziegeleiarbeiter in der Monsunzeit. Der christliche Vater von zehn Kindern verbrachte 26 harte Jahre seines Lebens in Schuldknechtschaft in einem Ziegelei-Betrieb. Er dankte kürzlich der IGFM und ihrer Partnerorganisation „Human Friends Organization“ (HFO) für die juristische und finanzielle Unterstützung, mit der es ihm gelang, aus dieser Lage zu entkommen.
Sajid Christopher von der HFO erklärte weiter zum Hintergrund: „Schuldknechtschaft ist eine Form der modernen Sklaverei und zwingt die Betroffenen dazu, unter extremer Ausbeutung zu arbeiten, um Schulden zurückzuzahlen. Sie ist illegal, und auch in Pakistan gesetzlich verboten, aber dennoch weit verbreitet. Um ihre Schulden abzuarbeiten, müssen sich die Arbeiter harten Bedingungen unterwerfen; so dürfen sie sich nicht aus einem engen Umkreis der Brennofen-Anlage entfernen. Häufig geht diese Schuldenlast der Eltern auf ihre Kinder über, die ungeachtet ihres viel zu jungen Alters schwerste körperliche Arbeiten verrichten müssen, selbst wenn sie dadurch gesundheitlich chronisch beeinträchtigt werden.“
Mushtaq Masihs Haut wurde regelrecht unter der brennenden Sonne gegerbt, seine Hände zeigen viele Schwielen und seine Gesundheit ist angeschlagen. Unterstützt durch seine Frau Shamim Bibi und ihre Kinder ertrug er die schwere Last der Arbeit; sie begannen vor Sonnenaufgang und fertigten ihr Baumaterial bis lange nach Einbruch der Dunkelheit. Für die drei jüngsten Kinder im Alter von sieben, neun und 15 Jahren besteht nun aber Grund zur Freude, da für sie endlich demnächst die Schule beginnt. Sie kannten ihr ganzes Leben bislang nur Arbeit: Den Eltern sahen sie beim Schuften zu und mussten selbst bereits im Vorschulkind-Alter mitanpacken. Um durchschnittlich drei Euro Tageslohn bezahlt zu bekommen, musste die gesamte Familie ungefähr 14 Stunden am Tag mithelfen.
Der jeweilige Schuldenberg ist in der Regel unüberwindbar, denn er nimmt nicht allein aufgrund der Wucherzinsen zu, sondern auch durch Aufnahme weiterer Schulden, wenn sich die Arbeiter aufgrund von Verdienstausfällen Geld zur Versorgung ihrer Familien leihen müssen. Das geschieht meistens in der Monsunzeit. So geriet auch Mushtaq Masih und seine Familie in die Abhängigkeit seines Arbeitgebers, der diese Situation ausnutzte und die Arbeitskraft ausbeutete. So wie er keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall erhielt, zahlte ihm der Betrieb auch nichts in der Regenzeit, wenn er wochenlang keine Backsteine herstellen und brennen konnte.
Seit 2024 besteht eine enge Partnerschaft der IGFM mit der „Human Friends Organization“ in Pakistan. Wir bemühen uns gemeinsam, das Schicksal der Ziegeleiarbeiter-Familien zu mildern, die überwiegend religiösen Minderheiten angehören, darunter überproportional viele Christen, die knapp zwei Prozent der Bevölkerung Pakistans ausmachen. Diejenigen, deren Kinder besonders gefährdet sind, befreien wir aus dieser Lage. Im Vorfeld sind dazu Verhandlungen mit dem Management oder den Eigentümern des Betriebs notwendig, die viel Fingerspitzengefühl erfordern und Zeit in Anspruch nehmen. Auf diesem Weg kann nur den dramatischsten Schicksalen abgeholfen werden. Um das Problem gleichsam bei der Wurzel anzupacken, richten sich zugleich Appelle der IGFM an die Regierung in Islamabad, das Gesetz zur Abschaffung der Schuldknechtschaft von 1992 endlich breitenwirksam durchzusetzen. Es gibt aber zudem noch die akute Not zahlreicher anderer Arbeiterfamilien, von der die IGFM durch ihre Partner vor Ort erfährt.
Sajid Christopher von der HFO schrieb uns am 6. August 2025: „Seit diesem Juli haben hier in Pakistan starke Regenfälle eingesetzt. Die Felder der Ziegeleien wurden zu Schlamm-Seen. Die Beschäftigten erhalten seit dieser Zeit keinen Lohn. Ihnen fehlt nun das Nötigste zum Leben und angesichts der Kreditlast verschärft sich ihre Situation. Zur Überbrückung in der Regenzeit bitten wir um finanzielle Unterstützung für Lebensmittel, Medizin und anderen dringenden Bedarf.“ Sajid Christopher kümmert sich mit seinem Team der HFO aktuell um 20 Familien, die unter Schuldknechtschaft leiden. Mit 200 Euro kann einer Familie schon das Überleben in der Regenzeit gesichert werden.
Dieser Artikel wurde publiziert in der September 2025-Ausgabe der Zeitschrift ‚Für die Menschenrechte‘
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