/Verbrechen und Terror in Nordkorea

Verbrechen und Terror in Nordkorea

Verbrechen und Terror in Nordkorea

 

Image

Pierre Rigoulot

Vorwort
Einleitung
Vor der Gründung des kommunistischen Staates
Opfer des bewaffneten Kampfes
Kommunistische Opfer der nordkoreanischen Staatspartei
Hinrichtungen
Gefängnisse und Lager
Die Überwachung der Bevölkerung
Versuch eines intellektuellen Genozids?
Eine starre Hierarchie
Flucht
Außerhalb des Regimes, außerhalb der Landesgrenzen
Hunger und Mangel
Fazit
Endnoten

 

Einleitung

von Pierre Rigoulot, 1998

Die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK) wurde am 9. September 1948 in dem nördlich des 38. Breitengrades gelegenen Teil des Landes proklamiert. Nach einem im August 1945 mit den Amerikanern geschlossenen Abkommen war die UdSSR mit der »vorübergehenden« Verwaltung dieses Gebiets beauftragt worden, die Amerikaner verwalteten Südkorea, das Gebiet südlich des 38. Breitengrades.

Kurze Zeit später erwies sich Nordkorea als der am stärksten abgeschirmte kommunistische Staat der Welt. Die Sowjets verwehrten schon bald jedem Vertreter der internationalen Staatengemeinschaft den Zugang in den Norden. Die Abschottung verstärkte sich weiter in den ersten beiden Jahren nach Gründung der DVRK.

Der Krieg, den Nordkorea am 25. Juni 1950 auslöste und der immer noch nicht offiziell beendet ist, da es bis heute nur den am 27. Juli 1953 mit den UNO-Truppen unterzeichneten Waffenstillstandsvertrag gibt, förderte Lügen, Desinformation und Propaganda und die Deklaration immer weiterer Bereiche als »Staatsgeheimnis«.

Allerdings war der Krieg nicht die einzige Ursache: Die Kompromißlosigkeit des kommunistischen Regimes in Nordkorea, das sich selbst innerhalb der kommunistischen Welt abschottete (im chinesisch-sowjetischen Konflikt lavierten die nordkoreanischen Kommunisten und schlugen sich nie ganz oder für längere Zeit auf eine Seite) und die an Albanien oder Kambodscha erinnernde Furcht davor, Einflüsse von außen könnten die »ideologische Einheit des Volkes und der Partei« untergraben, geben denjenigen Recht, die Nordkorea als »Eremitenkönigreich« bezeichnen. Man versuchte sogar eine theoretische Rechtfertigung der Abschottung mit der sogenannten »Juche«-(oder Chuche)-Ideologie, das heißt Eigenständigkeit, Unabhängigkeit bis hin zur Autarkie; auf dem V. Parteitag der »Partei der Arbeit Koreas« im November 1970 wurde dieses Konzept offiziell in den Parteistatuten verankert.

Angesichts dieser Umstände ist es im Falle Nordkorea sehr viel schwieriger als bei den anderen Ländern, umfassende und detaillierte Informationen über die Unterdrückungspraxis des kommunistischen Regimes zusammenzutragen, zumal sich weder innerhalb noch außerhalb des Landes eine aktive Opposition bilden konnte, die wie die Opposition in der UdSSR und in den kommunistischen Staaten Osteuropas Informationen hätte sammeln und verbreiten können. Wir müssen uns deshalb mit der Deutung und Entzifferung offizieller Verlautbarungen zufriedengeben, mit den Aussagen der frü- her seltenen, in letzter Zeit allerdings etwas zahlreicheren Überläufern, sowie mit Daten, welche die Geheimdienste der Nachbarstaaten und insbesondere Südkoreas gesammelt haben. Für all diese Quellen gilt freilich, daß sie mit Vorsicht zu betrachten sind.

 

Vor der Gründung des kommunistischen Staates

Der koreanische Kommunismus wurde nicht von Kim II Sung begründet, auch wenn die Hagiographen dies der nordkoreanischen Bevölkerung von klein auf eintrichtern. Sein Ursprung reicht vielmehr weiter zurück, und bereits 1919 existierten zwei Gruppen, die sich auf den Bolschewismus beriefen. Da Moskau zunächst weder der einen noch der anderen Gruppe seinen Segen gab, bekämpften sie sich erbittert.

Die ersten Opfer des koreanischen Kommunismus waren somit Kommunisten. Anti-japanische Partisanen der »panrussischen koreanischen kommunistischen Partei«, die sogenannte »Gruppe von Irkutsk«, lieferten sich bewaffnete Auseinandersetzungen mit Partisanen einer anderen Gruppe, die im Juni 1921 eine »koreanische kommunistische Partei« gegründet hatte. Dabei verloren mehrere hundert Kämpfer ihr Leben, und die Komintern sah sich schließlich gezwungen, ihr Stillschweigen aufzugeben und zu versuchen, die koreanische kommunistische Bewegung zu einen.

Die koreanischen Kommunisten kämpften vielfach in vorderster Front gegen die Japaner (an dieser Stelle sei daran erinnert, daß Korea seit 1910 japanische Kolonie war), zahlreiche Kommunisten fielen der grausamen Unterdrückung durch die Kolonialmacht zum Opfer. Allerdings muß man den koreanischen Kommunisten eine gewisse Mitschuld daran zusprechen: Ihre im Ausland geschulten Kader kannten das Land schlecht, und vielleicht aus Heldenmut – der allerdings furchtbare Folgen hatte -demonstrierten sie an symbolträchtigen Tagen wie dem 1. Mai.

Weitere Kommnisten starben bei Fraktionskämpfen anläßlich der Teilung des Landes in zwei Zonen nach der Niederlage der Japaner. Kim Il Sung, einfacher Befehlshaber einer antijapanischen Guerillaeinheit an den Grenzen zur Mandschurei, wurde von den Sowjets an die Spitze gehievt, vorbei an den Kommunisten, die schon lange im Land kämpften. Ab September 1945 wurden in Pjongjang etliche kommunistische Funktionäre, die Gegner Kim II Sungs waren, ermordet, darunter Hyon Chun Hyok. Bis heute weiß niemand, wie viele Menschen damals starben, ob es womöglich mehrere hundert waren.

Die Nationalisten, die in jenem Winter 1945/46 in Pjongjang auch noch Heimatrecht hatten, wurden ebenfalls verjagt und festgenommen. Mit ihrem Führer Cho Man Sik an der Spitze kritisierten sie die auf der Moskauer Außenministerkonferenz im Dezember 1945 getroffene Entscheidung, Korea für einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren unter Treuhänderschaft zu stellen. Cho wurde am 5. Januar 1946 festgenommen und mehr als vier Jahre später, im Oktober 1950, hingerichtet als Pjongjang angesichts des Vormarsches der UN-Truppen evakuiert wurde. Es versteht sich von selbst, daß etliche seiner engen politischen Freunde sein Los teilten.

Die Repression traf auch die Bevölkerung. Im Nordteil des Landes formten die Sowjets einen Staat, der bis in die Einzelheiten dem Modell Sowjetunion glich: Durchführung einer Agrarreform als Vorbereitung zur Kollektivierung der Landwirtschaft, Einheitspartei, ideologische Kontrolle der Bevölkerung durch Massenorganisationen usw. Jeder politische Gegner, jeder Landbesitzer, jeder, der sich der Agrarreform widersetzte, jeder Bürger, der im Verdacht stand, mit den Japanern kollaboriert zu haben, wurde verfolgt. Gleichwohl ist es schwierig, die Opfer einer Säuberung, die unter den Nationalisten mit anderen Vorzeichen wohl genauso hart ausgefallen wäre, allein auf das Konto der Kommunisten zu verbuchen.

Im übrigen führte die Etablierung des Regimes zunächst weniger zu blutigen Exzessen als zur Massenflucht in den Süden; zu Hunderttausenden verließen die Angehörigen der genannten sozialen Schichten und alle, die um ihr Leben und ihr Eigentum fürchteten, den Norden. Zwar blieb der Norden schon sehr bald für Vertreter offizieller internationaler Organisationen und Vertreter von Institutionen aus dem Süden verschlossen, doch bis 1948 konnte man mehr oder weniger leicht vom Norden in den Süden gelangen.

 

Opfer des bewaffneten Kampfes

Daß diese Fluchtbewegung möglich war in den ersten drei Jahren der Existenz eines kommunistischen Herrschaftsgebildes, das noch keinen Staat darstellte, bedeutet nicht, daß die kommunistischen Führer das Ziel, kommunistische Strukturen auf der gesamten Halbinsel durchzusetzen, aufgegeben hätten. Sie gingen tatsächlich von der baldigen Vereinigung des Nord- und Südteils zu ihren Bedingungen aus.

Dokumente in seit kurzem zugänglichen Moskauer Archiven zeigen, daß Kim Il Sung darauf brannte, jene Führung zu stürzen, die er bereits als »Marionetten« der Amerikaner be-zeichnete: Die sogenannten Marionetten hatten eine sehr viel schwächere Armee als der Norden (die Vereinigten Staaten fürchteten, daß der Süder sich aus eigenem Antrieb in ein Abenteuer im Norden stürzen könnte), gegen ihre autoritäre Machtausübung gab es Widerstand in Form von Streiks Attentaten und von Kommunisten geschürten Guerillaaktivitäten in verschiedenen Teilen des Landes; Kim II Sung dachte – oder sagte es zumindest -, daß die Menschen im Süden Vertrauen zu ihm und seiner Armee hätten. Dementsprechend drängte er Stalin, und Ende des Winters 1949/50 gab Stalin dann endlich grünes Licht.

Am 25. Juni 1950 fand der geplante Einmarsch statt: Nordkoreanische Truppen drangen in einem Überraschungsangriff nach Süden vor. Dies war der Beginn eines schrecklichen Krieges, dem mehr als eine halbe Million Menschen beider Landesteile zum Opfer fielen; die Chinesen, die den Nordkoreanern zu Hilfe gekommen waren, als deren totale Vernichtung durch die UNO- Truppen unter General MacArthur drohte, verzeichneten 400.000 Tote und eine etwas höhere Zahl von Verletzten. Mindestens 200.000 nordkoreanische und 50.000 südkoreanische Soldaten starben, außerdem mehr als 50.000 Amerikaner, Millionen heimatloser Flüchtlinge irrten umher. Das französische UNO-Kontingent hatte etwa 300 Tote und 800 Verwundete zu beklagen.

Nur wenige Kriege lassen sich so eindeutig auf kommunistisches Expansionsstreben – selbstverständlich zum Wohle des Volkes zurückführen. Seinerzeit stellten sich etliche französische Intellektuelle – Jean-Paul Sartre beispielsweise – auf die Seite der Kommunisten und brandmarkten Südkorea als Aggressor, der in ein friedliches Land eingedrungen sei. Heute, nachdem viele Archive zugänglich geworden sind, kann es keinen Zweifel mehr geben: Diese und andere Leiden, etwa die Leiden der Kriegsgefangenen (6.000 amerikanische Soldaten und ungefähr ebenso viele aus anderen Ländern, vorwiegend aus Südkorea, starben in Gefangenschaft), das Martyrium der französischen und englischen Botschaftsangehörigen, die in Seoul geblieben waren und von nordkoreanischen Truppen festgenommen und anschließend deportiert wurden, und dasjenige der in Südkorea tätigen Missionare, die ebenfalls deportiert wurden, gehen auf das Konto des Kommunismus.

Bekanntlich wurde nach drei Jahren Krieg im Juli 1953 ein Waffenstillstand unterzeichnet, der die Errichtung einer entmilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südteil des Landes entlang der ursprünglichen Demarkationslinie, dem 38. Breitengrad, vorsah.

Bei etlichen Vorstößen und Angriffen Nordkoreas gegen den Süden starben in der Folgezeit zahlreiche Opfer. Unter den Schlägen, die der Norden dem Süden zufügte und die sich sowohl gegen Militärangehörige wie gegen die Zivilbevölkerung richteten, sind
– der Angriff eines 31 Mann starken Kommandos im Jahr 1968 auf den Präsidentenpalast in Südkorea zu nennen (nur ein Angreifer überlebte),
– der Anschlag im birmanischen Rangun am 9. Oktober 1983 auf Mitglieder Seouler Regierung – 16, Tote, darunter vier südkoreanische Minister und
– die Explosion eines Verkehrsflugzeugs der Korea Air Line am 29. November 1987 in der Luft, bei der 115 Passagiere starben.

Nordkorea ist nicht tatverdächtig – es ist schuldig. Eine in nordkoreanischen Diensten stehende Terroristin sagte nach ihrer Festnahme, bei dem Anschlag 1987 sei es darum gegangen, durch die Demonstration, daß der Süden nicht in der Lage sei, die Sicherheit der Olympischen Spiele zu gewährleisten, die wenige Monate später in Seoul stattfinden sollten, das internationale Ansehen des Landes zu beschädigen.[1]

Fügen wir, da es hier um den Krieg gegen die gesamte kapitalistische Welt geht, noch hinzu, daß Nordkorea in den sechziger und siebziger Jahren unterschiedlichen terroristischen Gruppen Zuflucht gewährte, insbesondere der japanischen Roten Armee, die sich durch Attentate in Israel hervorgetan hatte, palästinensischen Fedajin, philippinischen Guerilleros usw.

 

Kommunistische Opfer der nordkoreanischen Staatspartei

Wie erinnerlich, ging es Chruschtschow in seinem berühmten Bericht in erster Linie darum, die Verbrechen Stalins an Kommunisten aufzudecken. Auch in Nordkorea ist die Liste der Opfer von Säuberungen innerhalb der Partei der Arbeit lang. Man hat nachgerechnet, daß von den 22 Mitgliedern der ersten nordkoreanischen Regierung 17 ermordet, exekutiert oder durch Säuberungen ausgeschaltet wurden![2]

Unmittelbar nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes von Panmunjon fielen eine Reihe hochrangiger Funktionäre einer Säuberung in der nordkoreanischen Partei zum Opfer. Am 3. August 1953 wurde bei einem »großen Prozeß« ein Schlag gegen Kommunisten »aus dem Inneren« geführt, sie wurden verurteilt wegen Spionage für die Amerikaner und Bestrebungen zum Sturz der Regierung.

Tibor Meray, ein ungarischer Journalist und Schriftsteller, wohnte dem Prozeß bei. Er kannte einen der Angeklagten, Sol lang Sik. Dieser war stellvertretender Dolmetscher der nordkoreanischen Delegation bei den Verhandlungen von Kaesong im Juli/August 1951, schrieb Gedichte und hatte Shakespeare ins Koreanische übersetzt.

 

Nummer 14

“Jedem Angeklagten war eine große Nummer auf den Rücken seiner Jacke genäht. Der wichtigste Angeklagte hatte die Nummer 1, ihrer Bedeutung nach waren sie durchnumeriert bis zur Nummer 14. Die Nummer 14 war Sol Jang Sik.

Ich erkannte ihn kaum wieder. Sein schönes, einst so ausdrucksvolles Gesicht war leblos, von Erschöpfung und Resignation gezeichnet. Seine dunklen und nur ein wenig schrägen Augen hatten ihren Glanz verloren. Er bewegte sich wie ein Roboter. Viele Jahre später erfuhr ich, daß die Angeklagten einige Wochen vor ihrem Erscheinen [beim Prozeß] besonders gut verpflegt wurden, damit sie nach dem Leiden und der Folter wieder besser aussahen. Wenn ein Prozeß öffentlich geführt wurde, bemühten sich die Behörden, dem Publikum und vor allem den Vertretern der westlichen Presse den Eindruck zu vermitteIn, daß die Häftlinge bei guter Gesundheit wären, wohlgenährt, körperlich und geistig fit. Diesen Prozeß in Korea verfolgten keine westlichen Korrespondenten, es waren nur Vertreter der Sowjetpresse und anderer kommunistischer Zeitungen zugegen; das einzige Ziel war offensichtlich, ihre Schuld zu demonstrieren, diese Menschen zu demütigen, die einst mehr oder weniger wichtige Persönlichkeiten gewesen und heute nur noch Angeklagte waren.

Abgesehen davon verlief der Prozeß sehr ähnlich wie die verschiedenen politischen Prozesse in Ungarn, der Tschechoslowakei und Bulgarien. Ich war erschüttert, als ich Sol so sah, und es wurde so summarisch übersetzt, daß ich mich kaum an den genauen Inhalt der Anklage erinnern kann (ich hoffte nur, daß Sol mich nicht sehen konnte, und ich denke, daß er es nicht konnte, weil der Saal sehr voll war). Soweit ich mich erinnere, war von Verschwörung gegen die koreanische Volksdemokratie die Rede und von einem Komplott zur Ermordung Kim II Sungs, des vielgeliebten Führers der Nation. Die Angeklagten hätten zur alten feudalen Ordnung zurückkehren wollen.

Zudem hätten sie Nordkorea Syngman Rhee ausliefern wollen, und darüber hinaus hätten sie für die amerikanischen Imperialisten und die von ihnen bezahlten Agenten spioniert”[3]

Unter den Angeklagten waren nicht wenige hochrangige Funktionäre – unter anderen Li Sung Yop, Sekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei, Paik Hyung Bok aus dem Innenministerium, und Cho II Myung, stellvertretender Minister fur Kultur und Propaganda. Sol war in dieser Gruppe eher ein kleiner Fisch. Viele kamen aus dem Süden des Landes.

Außenminister Pak Hon Yong, ein Kommunist, der schon vor vielen Jahren im Land gekämpft hatte, wurde am 15. Dezember 1955 als »amerikanischer Geheimagent« zum Tode verurteilt und drei Tage später hingerichtet. Weitere Hinrichtungen folgten 1956, angefangen mit Mu Chong, einem Vertreter der sogenannten »Yenan-Gruppe«, ehemals General der VIII. chinesischen Feldarmee, Befehlshaber der nordkoreanischen Artillerie und später, im Krieg gegen den Süden und die UNO, Stabschef im Generalhauptquar- tier der vereinigten Streitkräfte von China und Nordkorea.

Weitere Säuberungen richteten sich im März 1958 gegen Kader mit Verbindungen zu den Sowjets wie Ho Kai und wiederum gegen Kader der sogenannten Yenan-Fraktion, die mit den Chinesen verbunden waren, wie Kim Du Bong, und, parallel dazu, gegen Funktionäre, die Chruschtschows Reformen aufgeschlossen gegenüberstanden. Neue Säuberungswellen ereigneten sich in den Jahren 1960,1967 (damals kam Kim Kwang Hyup, Sekretär des Parteisekretariats, in ein Lager), 1969 ( das bekannteste Opfer war der mit der Durchführung von Geheimoperationen gegen den Süden beauftragte Hu Hak Bong, aber auch die 80 verschwundenen Studenten vom Revolutionsinstitut für Fremdsprachen in Pjongjang dürfen nicht vergessen werden), 1972 (Pak Kum Chul, ehemaliger stellvertretender Ministerpräsident und Mitglied des Politbüros, wurde in ein Lager eingewiesen), 1977 (Li Yong Mu, ehemals Mitglied des Politbüros, wurde gleichfalls in ein Lager geschickt; auch bei dieser Säuberung verschwanden wieder etliche Studenten, Söhne von Kadern, die in die Schußlinie geraten waren), 1978, 1980 usw…

Tatsächlich sind diese Säuberungen keine in unregelmäßigen Abständen zu beobachtende Ausnahmeerscheinungen, sondern ein strukturelles Phänomen. Noch in allerjüngster Zeit, zu Beginn des Jahres 1997, konnte eine gegen Armeeoffiziere und Parteikader mit reformerischen Anwandlungen, an der Spitze Ministerpräsident Kang Song San, gerichtete Säuberung erfolgen.

Nach Aussagen von Überläufern werden jedesmal, wenn Spannungen auftreten, weil der Bevölkerung weitere materielle Entbehrungen auferlegt werden, einige kommunistische Funktionäre als Sündenböcke ausgewählt, ins Gefängnis geworfen, in ein Lager geschickt oder hingerichtet. Damit soll verhindert werden, daß der Unmut sich gegen die Spitze der Macht richtet.

 

Hinrichtungen

Es gibt keine Angaben über die Zahl der Hinrichtungen, aber ein Blick in das nordkoreanische Strafgesetzbuch liefert immerhin einen Anhaltspunkt: Die Todesstrafe steht auf nicht weniger als 47 Straftaten, die zu folgenden Kategorien zusammengefaßt werden können:
– Verbrechen gegen die staatliche Souveränität;
– Verbrechen gegen die staatliche Verwaltung, Verbrechen gegen Staatseigentum;

Kang Koo Chin, der für die sechziger und siebziger Jahre beste Kenner des nordkoreanischen Rechtssystems, hat eine Schätzung nur im Hinblick auf die Säuberungen innerhalb der Partei für den Zeitraum der besonders brutalen Repression 1958-1960 versucht. Er kommt zu dem Ergebnis, daß etwa 9.000 Personen aus der Partei ausgeschlossen, abgeurteilt und zum Tode verurteilt worden seien! Wenn man diese durchaus ernstzunehmende Schätzung für alle bekannten großen Säuberungen (etwa zehn) hochrechnet, ergibt dies die beachtliche Zahl von 90.000 Exekutionen. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, daß es sich nur um eine Größenordnung handelt: Die Archive in Pjongjang werden später genauer Auskunft geben.

Überläufer berichten von öffentlichen Hinrichtungen von Angehörigen der »Zivil«-Bevölkerung, die Anklagen lauteten auf »Prostitution«, »Verrat«, Mord, Vergewaltigung, »Aufruhr« … Die Zuschauer wurden zur Unterstützung aufgefordert und begleiteten die Vollstreckung des Urteils mit Schreien, Beleidigungen, auch mit Steinwürfen. Manchmal stachelte man die Menge regelrecht zur Lynchjustiz auf, und der Verurteilte wurde zu Tode geprügelt, während die Menschen Parolen riefen.

Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse spielt bei Hinrichtungen eine große Rolle. Zwei Zeugen bestätigten gegenüber Mitarbeitern von Asia Watch, daß Vergewaltigung nur dann mit dem Tode bestraft wird, wenn die Täter den »untersten Kategorien« angehören.

Richter als Befehlsempfänger der Partei – von Anfang an werden sie dazu angehalten, strikt im Einklang mit der marxistisch-leninistischen Rechtsauffassung zu urteilen -, Entscheidungen über Haft und Hinrichtung, die nicht immer in Prozessen fallen -raschere Verfahren werden durchaus praktiziert -, Anwälte als Befehlsempfänger der Partei: all dies vermittelt einen Eindruck von der Natur des nordkoreanischen Justizwesens.

 

Gefängnisse und Lager

Li Sun Ok war Mitglied der Partei der Arbeit, ihr unterstand eine ausschließlich Kadern vorbehaltene Versorgungseinrichtung. Sie fiel einer der ersten regelmäßigen Säuberungen zum Opfer und wurde zusammen mit anderen Genossen verhaftet. Nach schweren Folterungen mit Wasser und Strom, nach Schlägen und Schlafentzug gab sie schließlich alles zu, was man von ihr verlangte, und gestand insbesondere, daß sie Staatseigentum entwendet habe; daraufhin wurde sie zu dreizehn Jahren Gefängnis verurteilt. Und es handelte sich wirklich um eine Gefängnisstrafe, auch wenn der Begriff »Gefängnis« offiziell nicht gebraucht wird.

6.000 Häftlinge, darunter 2.000 Frauen, arbeiteten in der Haftanstalt wie Tiere, von halb sechs Uhr morgens bis Mittemacht, sie stellten Pantoffeln her, Revolvertaschen, Handtaschen, Gürtel, Zünder für Sprengkörper, künstliche Blumen. Schwangere Gefangene wurden zu brutalen Abtreibungen gezwungen. Wenn doch ein Kind im Gefängnis zur Welt kam, wurde es unweigerlich erwürgt oder erdrosselt.[4]

Schon früher hatten Zeugen von außerordentlich harten Haftbedingungen berichtet. Eine einzigartige Schilderung des Lebens hinter nordkoreanischen Gefängnismauern in den sechziger und siebziger Jahren verdanken wir Ali Lameda, einem kommunistischen Dichter aus Venezuela, der dem nordkoreanischen Regime positiv gegenüberstand und ins Land gekommen war, um offizielle Propagandatexte zu übersetzen. Nachdem er vorsichtige Zweifel an der Wirksamkeit der Propaganda angemeldet hatte, wurde er 1967 verhaftet. Lameda selbst wurde zwar während seiner Haft nicht gefol- tert, aber er berichtete, daß er die Schreie von Gefangenen gehört habe, die gefoltert worden seien. Während der Haft verlor er rund 20 Kilogramm Gewicht, und überall auf seinem Körper bildeten sich Geschwülste und Geschwüre.

In einer von amnesty international veröffentlichten Schrift schildert er die Farce der Gerichtsverhandlung, die mit der Verurteilung zu 20 Jahren Zwangsarbeit endete, weil er angeblich versucht hatte, »zu sabotieren, zu spionieren und ausländische Agenten nach Nordkorea einzuschleusen«, die Haftbedingungen[5] und seine Freilassung nach sechs Jahren auf wiederholte Interventionen der venezolanischen Behörden hin.

Andere Zeugen berichten, daß Hunger systematisch als Mittel eingesetzt wurde, um die Häftlinge zu brechen. Nicht nur die Menge des Essens war unzureichend, in der Regel wurde auch alles getan, um es ungenießbar zu machen. Reihenweise erkrankten die Häftlinge: Durchfall, Hauterkrankungen, Lungenentzündung, Hepatitis und Skorbut waren an der Tagesordnung.

Die Gefängnisse und Lager sind Teil eines weit gespannten Netzes von Unterdrückungseinrichtungen. Man kann unterscheiden:

  • Unfallstationen: eine Art von Durchgangsgefängnissen, deren Insassen wegen leichterer politischer Vergehen oder nicht politischer Vergehen und Verbrechen auf ihre Aburteilung warten.
  • Zentren zur Erholung durch Arbeit: Dort sitzen 100.000 bis 200.000 als asozial, untätig, mit anderen Worten faul eingestufte Personen ein. Solche »Zentren« gibt es in nahezu jeder Stadt. Die Insassen bleiben dort zwischen drei Monaten und einem Jahr, häufig ohne Urteil und ohne sogar präzise Anklage.
  • Zwangsarbeitslager: Davon gibt es im gesamten Land ein gutes Dutzend, jedes Lager hat zwischen 500 und 2.500 Insassen. Die Häftlinge sind gewöhnliche Kriminelle, verurteilt etwa wegen Mordversuch oder Vergewaltigung, aber auch Kinder von politischen Häftlingen, Personen, die bei Fluchtversuchen festgenommen wurden, usw.
  • Deportationszonen: Dorthin werden als »unsichere Elemente« eingestufte Personen zwangsumgesiedelt (Familienangehörige von Überläufern, die in den Süden geflohen sind, Familienangehörige von ehemaligen Landbesitzern usw.). Es handelt sich um abgelegene Gebiete, die Zahl der Betroffenen soll sich auf mehrere Zehntausend belaufen.
  • Gebiete unter besonderer diktatorischer Gewalt: Dabei handelt es sich um regelrechte Konzentrationslager, in denen politische Häftlinge interniert sind. Es gibt etwa ein Dutzend davon mit zwischen 150.000 und 200.000 Insassen. Angemerkt sei, daß dies weniger als 1% der Gesamtbevölkerung ist und damit deutlich unter der Zahl der Häftlinge im sowjetischen GULag zu Beginn der fünfziger Jahre liegt. Das darf freilich nicht als Folge besonderer Milde verstanden werden, sondern vielmehr als Indiz für eine außerordentlich perfektionierte Kontrolle und Überwachung der Bevölkerung.

Diese Gebiete unter besonderer diktatorischer Gewalt liegen hauptsächlich im Norden des Landes, in Bergregionen, die oft schwer zugänglich sind. Die Yodok-Zone soll mit 50.000 Personen die größte sein. Sie umfaßt die äußerst isoliert gelegenen Lager Yongpyang und Pyonjon, in denen rund zweit Drittel der Häftlinge der gesamten Zone einsitzen, sowie die Lager Kououp, Ibsok und Daesuk, in denen, allerdings getrennt, die Familien ehemals in Japan ansässiger Koreaner und unverheiratete Personen festgehalten werden. Weitere Zonen unter besonderer diktatorischer Gewalt liegen in Kaechon, Hwasong, Hoiryoung und Chongjin.

Die Lager wurden Ende der fünfziger Jahre eingerichtet für »politische Kriminelle« und Gegner Kim II Sungs innerhalb der Partei. Die Zahl der Lagerinsassen stieg 1980 nach einer großen »Säuberung« stark an, der die unterlegenen Gegner der auf dem VI. Parteitag der Partei der Arbeit beschlossenen Institutionalisierung eines dynastischen Kommunismus zum Opfer fielen.

Einige Lager, so etwa das Lager Nr. 15 in der Yodok-Zone, sind unterteilt in eine »Abteilung für Revolutionarisierung«, deren Insassen darauf hoffen können, eines Tages wieder in die Welt draußen zurückkehren zu können, und einen »Hochsicherheitsbereich«, den niemand lebend verläßt.

In den Abteilungen für Revolutionarisierung sitzen hauptsächlich Häftlinge der politischen Elite oder Rückkehrer aus Japan mit Beziehungen zu den Leitern japanischer Organisationen, die Nordkorea gegenüber positiv eingestellt sind.

Die wenigen Überläufer, die durch solche Lager gegangen sind, geben erschreckende Beschreibungen: hoher Stacheldraht, Schäferhunde, bewaffnete Wärter, ringsherum Minenfelder. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist völlig unzureichend, die Isolierung von der Außenwelt perfekt, die Arbeit hart (zwölf Stunden täglich Einsatz im Bergwerk, im Steinbruch, beim Ausheben von Bewässerungskanälen, bei Holzfällarbeiten, dazu kommen noch zwei Stunden »politische Erziehung«). Der Hunger ist die wohl schlimmste Folter, die Häftlinge fangen und essen Frösche, Ratten, Regenwürmer.

Zu diesem alles in allem klassischen Schreckensbild muß man noch hinzufügen
– den kontinuierlichen physischen Verfall der Häftlinge,
– die Heranziehung von Häftlingen zu »Sonder«-Einsätzen wie dem Ausheben geheimer Tunnel, zu gefährlichen Arbeiten etwa in den Nuklearanlagen und ihre
– Verwendung als lebendige Zielscheiben für die Schießübungen der Wärter.
– Auch Folter und sexuelle Quälereien gehören zum grauenvollen Alltag der nordkoreanischen Gefangenen.

Zu ergänzen ist noch, daß in den Augen des Regimes immer die gesamte Familie schuldig ist: Ganze Familien finden sich im Lager wieder, weil ein Familienmitglied verurteilt wurde. Bei der Säuberung unter den Gegnern Kim II Sungs im Jahr 1958 wurden die Strafen oft auf Angehörige von drei Generationen ausgedehnt, so hart wird heute nicht mehr verfahren. Aber auch in Berichten aus relativ junger Vergangenheit begegnet uns noch dieses eigenartige Rechtsverständnis.

Ein junger Überläufer namens Kang Chul Hwan kam mit neun Jahren ins Lager. Das war im Jahre 1977. Er wurde zusammen mit seinem Vater, einem seiner Brüder und zwei Großelternteilen interniert, nachdem in dem betreffenden Jahr der Großvater, ein ehemaliger Verantwortlicher der Vereinigung der Koreaner im japanischen Kyoto, wegen einiger allzu wohlwollender Bemerkungen über das Leben im Kapitalismus festgenommen worden war.

Bis zum Alter von 15 Jahren erfuhr Kang Chul Hwan im Lager die Kindern vorbehaltene Behandlung: morgens Schule, wo vorzugsweise das Leben des Nationalhelden Kim Il Sung gelehrt wurde, nachmittags Arbeit (Unkrautjäten, Steine aufsammeln usw.). [6]
Sollen wir uns auf die Aussagen der französischen Diplomaten stützen, die im Juli 1950, zu Beginn des Koreakrieges, von den Nordkoreanern festgenommen wurden? Oder auf die amerikanischen Besatzungsmitglieder der Pueblo, eines vor Korea auf hoher See liegenden Aufklärungs-Hilfsschiffs, das 1968 gekapert wurde? Beide Male lagen besondere Umstände vor, aber die einen wie die anderen berichten übereinstimmend von brutalen Verhören, Gleichgültigkeit gegenüber einem Menschenleben, systematisch harten Haftbedingungen. [7]

Im Jahre 1992 brachten zwei Überläufer Informationen über das Leben im größten nordkoreanischen Lager mit, dem Lager von Yodok. Sie bestätigten, daß die Haftbedingungen dort so hart sind, daß trotz der Elektrozäune, trotz der Wachtürme in jeweils einem Kilometer Abstand und der Gewißheit, daß jeder gescheiterte Fluchtversuch mit einem öffentlichen Prozeß und der Hinrichtung unter den Augen der Mitgefangenen endet, jedes Jahr rund 15 Häftlinge zu fliehen versuchen. Sie vergrößern die Blut- schuld der Kommunisten weiter, denn den beiden Überläufern zufolge ist noch nie ein Fluchtversuch gelungen.

Kürzlich hat ein ehemaliger Wärter eines Lagers in der Zone Hoiryong eine sehr eindrucksvolle Schilderung abgegeben. Der Mann namens An Myung Chul, der im Jahre 1994 nach China floh und von dort weiter nach Seoul, hat unser Wissen über die koreanischen Konzentrationslager beträchtlich vergrößert. [8] Er berichtete, wie »schlechte Subjekte« zur Hinrichtung ausgewählt werden: »Ungehorsame, Aufrührer, Mörder, schwangere Frauen (den Häftlingen sind jegliche sexuelle Beziehungen formell untersagt), Menschen, die Vieh getötet haben, und solche, die für die Produktion bestimmtes Material zerstört haben. Im Kerker steckt man ihnen ein großes Holzstück zwischen die nach hinten gefesselten Beine und den Hintern, und dann müssen sie sich hinknien. Das Holzstück hemmt die Blutzirkulation, was bleibende Schäden verursacht, und selbst wenn man sie freiließe, könnten sie nicht mehr laufen und würden innerhalb von Monaten sterben.«

Die Hinrichtungen in den Lagern finden inzwischen nicht mehr öffentlich statt. Von öffentlichen Hinrichtungen ist man abgerückt, weil sie so häufig waren, daß sie nicht mehr abschreckten, sondern die Häftlinge nur zur Rebellion anstachelten. Schwerbewaffnete Wärter mußten den Hinrichtungsort schützen, und seit 1984 werden Hinrichtungen heimlich durchgeführt.

 

Mit Schaufelhieben

Wer nimmt Hinrichtungen vor? Die Entscheidung bleibt den Agenten der Sicherheit überlassen, die durch Erschießen töten, wenn sie sich die Hände nicht schmutzig machen wollen, und langsam morden, wenn sie den Todeskampf verfolgen wollen. Ich habe gelernt, daß man mit Stockhieben töten kann, durch Steinigung und mit einer Schaufel. Es ist vorgekommen, dan Häftlinge wie zum Spiel getötet wurden, als Schießwettbewerb, bei dem man auf die Augen zielte.

Es ist auch vorgekommen, daß man die Verurteilten gezwungen hat, gegenseitig aufeinander einzuschlagen und sich gegenseitig zu zerfleischen. [ …] Mit eigenen Augen habe ich mehrfach schrecklich zugerichtete Leichen gesehen: Die Frauen sterben selten einen leichten Tod. Ich habe Brüste gesehen, die durch Stiche und Schnitte verstümmelt waren, Genitalien, in die man den Stiel einer Schaufel gerammt hatte, Nacken, die durch Hammerschläge zertrümmert waren. [. ..]

Im Lager ist der Tod etwas sehr Banales. Und die »politischen Kriminellen« kämpfen mit allen Mitteln um ihr Leben. Sie tun alles für ein paar Maiskörner mehr und ein wenig mehr Schweinefett. Dennoch, trotz ihres Kampfes, sterben im Durchschnitt vier oder fünf Häftlinge täglich, an Hunger, durch Unfälle und … durch Hinrichtung.

Flucht ist so gut wie undenkbar. Wenn ein Wärter einen Gefangenen bei einem Fluchtversuch stellt, winken ihm die Aufnahme in die Partei und der Besuch der Universität. Manche Wärter zwingen Häftlinge, über den Stacheldrahtzaun zu klettern. Dann schießen sie und behaupten, sie hätten sie an der Flucht gehindert.

Außer den Wärtern bewachen Hunde die politischen Häftlinge. Man setzt schreckliche, hervorragend zu regelrechten Tötungsmaschinen abgerichtete Tiere ein. Im Juli 1988 wurden im Lager Nr. 13 zwei Häftlinge von Hunden angegriffen. Es blieben nur Knochen von ihnen übrig. Und 1991 wurden zwei 15jährige Jungen von Wachhunden zerrissen.

An berichtet von einem Gespräch zwischen dem Leiter und zwei Angehörigen der Bewachungsmannschaft im Lager Nr. 13. Dabei kamen Methoden zur Sprache, die bislang nur von nationalsozialistischen Konzentrationslagern bekannt waren. »Genosse«, sagte der eine, stellvertretender Befehlshaber eines Trupps, »ich habe gestern Rauch aus dem Kamin des Dritten Büros [9] aufsteigen sehen. Stimmt es, daß man die Leichen erhitzt, um das Fett herauszuziehen?«

Der Leiter der Wachmannschaft erwiderte, er habe einmal den Tunnel des Dritten Büros am Fuß eines Hügels betreten. »Ich habe Blut gerochen und Haare an den Wänden kleben gesehen… In jener Nacht konnte ich nicht einschlafen. Der Rauch, den du gesehen hast, stammt davon, daß sie die Knochen der Verbrecher verbrennen. Aber du darfst nicht darüber sprechen, sonst wirst du es bedauern. Wer weiß, wann du eine schwarze Bohne [eine Kugel] in den Kopf bekommst?«

Andere Wärter berichteten von Experimenten im Lager. Zum Beispiel ließ man Gefangene verhungern, um ihre Widerstandskraft zu studieren: »Diejenigen, die solche Hinrichtungen und Experimente durchführen sollen, trinken Alkohol, bevor sie töten. Inzwischen sind sie regelrechte Experten; manchmal schlagen sie Häftlinge mit einem Hammer hinten auf den Kopf. Die Unglücklichen verlieren das Gedächtnis, und halbtot dienen sie als lebendige Zielscheiben für Schießübungen. Wenn das Dritte Büro Nachschub braucht, kommt ein schwarzer LKW, genannt >der Rabe<, und verbreitet Angst und Schrecken unter den Häftlingen. Der Rabe rollt einmal im Monat ins Lager und fährt mit vierzig oder fünfzig Personen wieder davon, niemand weiß wohin…«

Die Verhaftungen werden stets möglichst unauffällig vorgenommen, ohne juristische Verfahrensregeln, so daß selbst die Eltern und die Nachbarn nichts mitbekommen. Wenn sie bemerken, daß jemand verschwunden ist, wagen sie in der Regel keine Fragen zu stellen aus Angst, sie könnten selbst die nächsten Opfer sein.

Nach diesem Horrorgemälde wagt man kaum zu erwähnen, daß es seit 1967 in Sibirien nordkoreanische Holzfällerlager gibt. Auch dort sind die Arbeitsbedingungen hart, die Essensrationen kärglich, die Wärter bewaffnet, und wer sich einen Verstoß gegen die nordkoreanische Disziplin zuschulden kommen läßt, landet in einem Verlies.

Mehrere Holzfäller, die fliehen konnten, berichteten über die Zustände in den Lagern. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gelang es dank der Bemühungen von Sergej Kowaljow, dem Leiter einer von Boris Jelzin eingesetzten Menschenrechtskommission, für diese speziellen Arbeitskräfte Verbesserungen zu erwirken, und die Lager unterstehen mittlerweile nicht mehr ausschließlich der Kontrolle der nordkoreanischen Behörden.

Halten wir an dieser Stelle einen Augenblick inne. Wie bereits bei den innerparteilichen Säuberungen kann man auch hier die Zahl der Opfer nur mit einer ungefähren Größenordnung beziffern. Nach der Schätzung eines Zeugen saßen im Lager Nr. 2 21.0000 Häftlinge ein, fünf Personen starben pro Tag. Wenn wir davon ausgehen, daß die Zahl der Häftlinge in allen nordkoreanischen Lagern zusammen bei etwa 200.000 liegt [10], ergibt dies 100 Tote pro Tag, 36.500 pro Jahr. Mit 45 multipliziert (für den Zeitraum 1953 -1998) kommen wir auf rund 1,5 Millionen Tote, die direkt auf das Konto des koreanischen Kommunismus gehen.

 

Die Überwachung der Bevölkerung

In den Lagern konzentriert sich der Schrecken. Das heißt aber nicht, daß es außerhalb der Lager Freiheit gäbe.

In Nordkorea wird die individuelle Wahlfreiheit, die Autonomie der Persönlichkeit, negiert. »Die gesamte Gesellschaft muß fest zu einer geeinten politischen Kraft gefonnt werden, die im Einklang atmet und voranschreitet, mit nur einem Gedanken und nur einem Willen, unter der Leitung des obersten Führers«, hieß es in einer Radioansprache vom 3. Januar 1986. Und eine in Nordkorea geläufige Parole befiehlt: »Denkt, sprecht und handelt wie Kim Il Sung und Kim Jong Il…«

Von den obersten bis zu den untersten Stufen der sozialen Leiter kontrollieren der Staat, die Partei, die Massenorganisationen und die Polizei die Bürger im Namen der sogenannten »zehn Prinzipien der Partei zur Verwirklichung der Einheit«. Dieses Dokument und nicht die Verfassung regelt heute das Alltagsleben der Nordkoreaner. Es sei nur Artikel 3 zitiert, um einen Eindruck davon zu vermitteln: » Wir werden die Autorität unseres Führers bedingungslos durchsetzen. «

Seit 1945 gibt es ein Büro für soziale Sicherheit (das für die Überwachung der Bevölkerung im gesellschaftlichen Bereich zuständig ist), seit 1975 einen Nationalen Ausschuß für Zensur (Zensur gab es freilich schon sehr viel früher) und seit 1977 einen »Rechtsausschuß für sozialistisches Leben«. [11]
Aus der politischen Polizei ging 1973 ein »Ministerium für den nationalen politischen Schutz« hervor, heute heißt die Institution »Behörde für nationale Sicherheit« und ist in verschiedene Büros gegliedert (das Büro Nummer 2 ist für Ausländer zuständig, Büro Nummer 3 für den Schutz der Grenzen, Nummer 7 für die Lager usw.).

Einmal pro Woche wird jeder zur ideologischen Unterweisung »gebeten«, und ebenfalls einmal pro Woche zu einer Versammlung zum Zwecke der Kritik und Selbstkritik, die in Nordkorea »Lebensbilanz« heißt. Dort muß man sich mindestens einer politischen Verfehlung beschuldigen und gegen den Nebensitzer mindestens zwei Vorwürfe erheben.

Die nordkoreanischen Kader sind, was die Versorgung mit Nahrungsmitteln und anderen Dingen angeht, ohne Zweifel privilegiert, aber sie werden genauso streng überwacht wie die übrige Bevölkerung: Sie wohnen in einem speziellen Viertel, ihre Telefongespräche und sonstigen Unterredungen werden abgehört, Audio- und Videokassetten in ihrem Besitz werden kontrolliert unter dem Vorwand, sie müßten »repariert« oder in der Wohnung müsse eine »Überprüfung wegen Entweichen von Gas« durchgeführt werden. Die Radio- und Fernsehgeräte aller Nordkoreaner sind durch die Blockierung bestimmter Knöpfe so eingerichtet, daß nur die staatlichen Sender empfan- gen werden können; Umzüge müssen von den örtlichen Behörden und den Arbeitsbrigaden genehmigt werden; der Zuzug nach Pjongjang, Hauptstadt des Landes und Schaufenster des nordkoreanischen Sozialismus, wird wie in vielen anderen kommunistischen Ländern strikt kontrolliert.

 

Versuch eines intellektuellen Genozids?

Repression und Terror bedeuten nicht nur Angriff auf und Zwang gegen den Körper, sondern auch gegen den Geist. Ein Mensch kann auch geistig eingesperrt sein, und das ist keineswegs weniger schlimm. Zu Beginn des vorliegenden Überblicks wurde auf die methodischen Probleme hingewiesen, die sich aus der Abschottung des Landes ergeben: Es war nicht möglich, für Nordkorea zu so detaillierten und verläßlichen Daten zu gelangen, wie wir es gewünscht hätten. Die Abschottung von der AußenweIt und die permanente ideologische Beschallung, die in ihrer Intensität einzigartig ist, sind unbestreitbar bei den Verbrechen des nordkoreanischen Kommunismus mit zu veranschlagen. Gewiß legen die Überläufer, denen es gelungen ist, durch die Maschen des Netzes zu schlüpfen, Zeugnis für die außerordentliche Widerstandskraft des Menschen ab. Darauf beziehen sich die Gegner des Totalitarismus-Konzepts, wenn sie argumentieren, daß es immer einen gewissen »Spielraum« gibt, Raum für Widerstand, und daß die vom Big Brother angestrebte »totale Erfassung« niemals erreicht werden kann.

In Nordkorea geht die Propaganda in zwei Richtungen. Die eine ist die klassische marxistisch-leninistische Linie: Der revolutionäre sozialistische Staat bietet seinen glückseligen Bürgern die beste nur erdenkliche Lebensweise. Allerdings darf man in der Wachsamkeit gegenüber dem imperialistischen Feind niemals nachlassen (dies um so mehr, so können wir heute hinzufügen, als viele »Genossen« draußen vor eben diesem Feind kapituliert haben).

Die andere ist eine nationalistische, archaische Linie: Weit entfernt vom dialektischen Materialismus propagieren die nordkoreanischen Machthaber eine Mythologie um die Kim-Dynastie, die ihre Untertanen glauben machen soll, der Himmel und die Erde stünden in innigem Einvernehmen mit ihren politischen Herrn. So meldete die offizielle nordkoreanische Nachrichtenagentur, daß am 24. November 1996 (und dies ist nur ein Beispiel unter tausend) bei einem Inspektionsbesuch Kim Jong Ils bei Einheiten der nordkoreanischen Armee in Panmunjon [12] auf einmal ebenso dichter wie unerwarteter Nebel das gesamte Gebiet eingehüllt habe. Der Nummer eins des Staates sei es auf diese Weise möglich gewesen, sich nach Belieben überallhin zu begeben und sich über die »feindlichen Stellungen« zu informieren, ohne selbst bemerkt zu werden. Auf geheimnisvolle Weise lichtete sich der Nebel und klarte der Himmel ausgerechnet in dem Augenblick auf, als Kim Jong II mit einer Gruppe Soldaten für ein Foto posierte… Ein ähnliches Phänomen konnte man auf einer Insel im Gelben Meer beobachten: Kim Jong II machte sich gerade daran, auf einem vorgeschobenen Beobachtungsposten eine Karte zu studieren, auf der alle Operationen verzeichnet waren, als der Regen aufhörte und der Wind sich legte, die Wolken verschwanden und die Sonne erstrahlte… In Mitteilungen derselben offiziellen Presseagentur war weiterhin die Rede von »einer Reihe geheimnisvoller – Phänomene, die sich an verschiedenen Orten im Land zutrugen, als der dritte Jahrestag des Todes des Großen Führers herannahte. […] Im Bezirk Kumchon leuchtete der bis dahin düstere Himmel auf einmal […] und drei Gruppen roter Wolken zogen in Richtung Pjongjang … Gegen 20 Uhr 10 am 4. Juli hörte der Regen auf, der seit dem Morgen fiel, und ein doppelter Regenbogen entfaltete sich über der Statue des Präsidenten […], dann funkelte ein sehr heller Stern über der Statue« usw![13]

 

Eine starre Hierarchie

In diesem Staat, der das Etikett »sozialistisch« für sich in Anspruch nimmt, wird die Bevölkerung nicht nur überwacht und kontrolliert, sondern auch nach verschiedenen Kriterien registriert wie soziale und geographische (stammt die Familie aus dem Süden oder aus dem Norden?) Herkunft, politisches Vorleben, jüngste Bekundungen der Treue zum Regime.

Auf diese Weise wurde in den fünfziger Jahre eine »wissenschaftliche« AufschlüsseIung der gesamten Bevölkerung vorgenommen. Mit reichlich Bürokratie erstellte man nicht weniger als 51 Kategorien, und die Kategorisierung hatte weitreichenden Einfluß auf die materiellen, sozialen und politischen Möglichkeiten eines jeden einzelnen.

Dieses System wurde, vermutlich weil es zu schwerfällig war, in den fünfziger Jahren vereinfacht, statt 51 gab es künftig nur noch drei soziale Kategorien. Allerdings werden weiterhin detaillierte Akten geführt, denn über die »Klassifizierung« hinaus überwacht der Geheimdienst bestimmte »Kategorien« innerhalb der einzelnen Klassen besonders, vor allem all diejenigen, die aus dem Ausland kommen, gleichgültig ob sie dort gewohnt oder sich nur besuchsweise aufgehalten haben.

Unterschieden werden eine »zentrale« Klasse oder der »Kern« der Gesellschaft, eine »unentschiedene« Klasse und eine »feindliche« Klasse, letztere umfaßt rund ein Viertel der nordkoreanischen Bevölkerung. Mit dieser Unterscheidung rechtfertigt das nordkoreanische kommunistische System eine Art von Apartheid: Ein junger Mann mit »guter Herkunft«, zum Beispiel aus einer Familie ehemaliger antijapanischer Partisanenkämpfer, darf kein junges Mädchen mit »schlechter Herkunft«, etwa die Tochter einer Familie aus dem Süden, heiraten. Koh Young Hwan, ein ehemaliger nordkoreanischer Diplomat, der in den achtziger Jahren erster Sekretär an der nordkoreanischen Botschaft in Zaire war, bestätigt dies: »Das nordkoreanische System ist strenger als das Kastensystem.« [14]

Mag diese Art der Diskriminierung nach der Herkunft vielleicht aus der Sicht der marxistisch-leninistischen Theorie noch einen Sinn ergeben, so ist die biologische Diskriminierung aus dieser Sicht nicht zu rechtfertigen. Doch die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache: Behinderte sind in Nordkorea Aussätzige. Es ist ausgeschlossen, daß sie in der Hauptstadt Pjongjang bleiben. Noch vor wenigen Jahren wurden sie nur in die Außenbezirke verbannt, sodaß die nicht behinderten Familienmitglieder sie besuchen konnten. Heute werden Behinderte an abgelegene Orte deportiert, ins Gebirge oder auf Inseln im Gelben Meer. Zwei Orte wurden mit Sicherheit als Verbannungsstätten identifiziert: Boujull und Uiju im Norden des Landes, unweit der Grenze zu China. Die Diskriminierung von Behinderten hat sich weiter zugespitzt mit der Übertragung dieser Regelung auf andere große Städte neben Pjongjang wie Nampo, Kaesong und Chongjin.

Wie die Behinderten werden Zwergwüchsige systematisch aufgespürt, festgenommen und in Lager eingewiesen. Sie werden isoliert und daran gehindert, Kinder zu bekommen. »Die Rasse der Zwerge muß verschwinden«, hat Kim Jong II höchstpersönlich angeordnet. [15]

 

Flucht

Trotz der Überwachung durch Grenzwächter ist einigen Nordkoreanern die Flucht gelungen; seit dem Krieg sind rund 700 Personen nach Südkorea gekommen, man nimmt an, daß mehrere Tausend die Grenze nach China überwunden haben.

Da die Nordkoreaner keine Vorstellung von dem Leben außerhalb ihres Landes haben und da die Überwachung der Bevölkerung sehr engmaschig ist, ist die Zahl der Flüchtlinge, die heimlich die Grenze passieren, noch gering. Schätzungen zufolge haben im Jahre 1997 rund 100 Überläufer den Süden erreicht, ein deutlicher Anstieg gegenüber den achtziger Jahren und vor allem gegenüber früheren Jahrzehnten. Die Zahl der jährlichen Grenzübertritte hat sich seit 1993 verfünffacht und ist weiter im Anstieg begriffen.

Im allgemeinen fliehen die Flüchtlinge vor einer drohenden Strafe, oder es handelt sich um Personen, die Gelegenheit zu einer Auslandsreise hatten. Darum sind unter den Flüchtlingen immer auch Diplomaten und hochrangige Funktionäre.

Im Februar 1997 flüchtete der Chefideologe der Partei, Hwang Jang Yop, in die Botschaft Südkoreas in Peking und gelangte von dort weiter nach Seoul. Der nordkoreanische Botschafter in Ägypten, der Ende August 1997 in die Vereinigten Staaten kam, hatte Grund, um sein politisches Schicksal zu fürchten: Im Jahr zuvor war sein eigener Sohn »verschwunden«. Koh Young Hwan, der bereits erwähnte Diplomat an der nordkoreanischen Botschaft in Zaire, rechnete mit seiner bevorstehenden Verhaftung: Er hatte unvorsichtigerweise nach einer Fernsehsendung über den Prozeß gegen das Ehepaar Ceausescu gesagt, er »hoffe, daß in seinem Land nichts ähnliches geschehen« werde – ein eklatanter Beweis für seinen Mangel an Vertrauen in die Führung. Er floh, nachdem er einige Tage nach dieser Äußerung erfahren hatte, daß Agenten der Staatssicherheit in der Botschaft eingetroffen waren. Wie er sagte, führt jeder Fluchtversuch, der vorzeitig entdeckt wird, unweigerlich zur Festnahme und ins Lager. Schlimmer noch: Im jordanischen Amman erlebte er mit, wie ein Diplomat, der seine Flucht plante, »neutralisiert« wurde – er wurde von Kopf bis Fuß eingegipst und auf der Stelle nach Pjongjang zurückgebracht. Am Flughafen ist in solchen Fällen von einem Autounfall oder sonstigen Unfall die Rede!

Einfachen Bürgern ergeht es nach einem gescheiterten Fluchtversuch nicht besser. Wie die französische Presse vor kurzem berichtete [16], werden die Flüchtlinge aller Wahrscheinlichkeit nach auf besonders demütigende Weise gebrandmarkt und exekutiert:

»Entlang des Flusses [des Yalu] berichteten die Menschen alle das gleiche. Wenn Polizisten Flüchtlinge aufgreifen, ziehen sie ihnen einen Draht durch die Wangen oder durch die Nase und zeigen damit, daß sie Verräter an ihrem Land sind, daß sie gewagt haben, ihr Vaterland aufzugeben. Dann werden sie zurückgebracht und hingerichtet. Ihre Familien kommen in Arbeitslager.«

 

Außerhalb des Regimes, außerhalb der Landesgrenzen

Die nordkoreanische Führung läßt es nicht damit bewenden, jeden Fluchtversuch brutal zu vereiteln, sie schickt ihre Agenten auch ins Ausland, damit sie dort gegen Staatsfeinde vorgehen. So wurde beispielsweise im September 1996 der südkoreanische Kulturattache in Wladiwostok/Russland ermordet.

Japan verdächtigt die Nordkoreaner, etwa 20 japanische Frauen verschleppt und gezwungen zu haben, an der Ausbildung zu Agenten und Terroristen mitzuwirken. Japan und Nordkorea streiten weiterhin über den Verbleib von Hunderten japanischer Frauen, die seit 1959 als Ehefrauen koreanischer Männer nach Nordkorea gekommen sind. Ungeachtet der seinerzeit abgegebenen Versprechen der nordkoreanischen Regierung konnte keine dieser Frauen jemals nach Japan zurückkehren, auch nicht für einen Besuch. Durch Aussagen der wenigen Überläufer wissen wir, daß etliche Frauen festgesetzt wurden und daß die Sterblichkeit bei ihnen sehr hoch ist.

Von 14 Japanerinnen, die Ende der siebziger Jahre im Lager Yodok festgehalten wurden, waren 15 Jahre später nur noch zwei am Leben. Die nordkoreanische Regierung bedient sich der Frauen als Tauschobjekte und verspricht ihre Freilassung als Gegenleistung für japanische Nahrungsmittelhilfen. In den Agenturmeldungen ist nichts darüber zu lesen, wie viele Kilo Reis in den Augen der nordkoreanischen Führung die Freiheit einer japanischen Frau wert ist. Neben anderen Organisationen haben sich amnesty international und die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte dieser Fälle angenommen. Außer den Frauen hält Nordkorea auch südkoreanische Fischer fest.

In den vierzig Jahren von 1955 bis 1995 ist es immer wieder zu derartigen Zwischenfällen gekommen. Nach Angaben der südkoreanischen Regierung werden mehr als 400 Fischer vermißt. Ferner sind etliche Passagiere und Besatzungsmitglieder eines 1969 entführten Flugzeugs nie mehr nach Südkorea zurückgekehrt, ein im April 1979 in Norwegen entführter südkoreanischer Diplomat und der im Juli 1995 in China gekidnappte und nach Nordkorea verschleppte Pastor Ahn Sung Un liefern weitere Beispiele, wie südkoreanische Staatsbürger im Ausland Opfer nordkoreanischer Übergriffe wurden.

 

Hunger und Mangel

In jüngster Zeit ist das nordkoreanische Regime aus einem anderen schwerwiegenden Grund in Bedrängnis geraten: Die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung ist prekär. Die Versorgungslage war schon seit langem nicht gut, doch in den letzten Jahren hat sich die Situation so zugespitzt, daß die nordkoreanischen Behörden trotz des sakrosankten Grundsatzes der Selbstversorgung in jüngster Zeit um internationale Hilfe gebeten haben. Die Getreideernte im Jahre 1996 belief sich auf 3,7 Millionen Tonnen, drei Millionen weniger als zu Anfang der neunziger Jahre. 1997 wird die Ernte nicht wesentlich anders ausfallen. Nordkorea verweist gegenüber dem Welternährungsprogramm der UNO, auch gegenüber den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft auf mehrere Naturkatastrophen (Überschwemmungen in den Jahren 1994 und 1995,Trockenheit und Flutwelle 1997).

Tatsächlich hängen die Ursachen der Lebensmittelknappheit mit den strukturellen Schwierigkeiten jeder sozialistischen, nach dem Prinzip der Zentralverwaltungswirtschaft organisierten Landwirtschaft zusammen. Grobe Fehler wie massive Abholzung in den Hügelregionen und die hastige Anlage von Terrassenkulturen durch mehr oder weniger fähige Arbeitstrupps auf Anordnung der Parteispitze trugen ihren Teil dazu bei, daß die Überschwemmungen so schlimm wurden. Die Auflösung des sowjetischen Kommunismus und der neue Kurs Chinas hatten zur Folge, daß die Hilfslieferungen dieser beiden Länder an Nordkorea deutlich zurückgingen. Rußland und China wollen mittlerweile nach Weltmarktgesetzen Handel treiben. Der Mangel an harter Währung ist darum eine schwere Belastung für die nordkoreanische Regierung, der Erwerb von Landmaschinen, Düngemitteln und Treibstoff stellt sie vor immer größere Schwierigkeiten.

Aber wie gravierend ist die Ernährungssituation tatsächlich? Trotz der Katastrophenmeldungen von humanitären Organisationen wie World Vision – das zwei Millionen Hungertote für möglich hält – oder dem deutschen Roten Kreuz – das davon spricht, pro Monat würden 10.000 Kinder verhungern [17] -sind genaue Aussagen nicht möglich. Zwar gibt es klare Anhaltspunkte für erhebliche Schwierigkeiten: UN-Experten berichten davon, daß entsprechende Gerüchte unter der chinesischen Bevölkerung in den Grenzgebieten im Umlauf seien; ohne Zweifel sind Nahrungsmittel generell knapp, und mancherorts herrscht Hunger. Doch die Präsentation wohlmeinender Besucher, die bereitwillig »Millionen von Toten« prophezeien, wenn keine Hilfe kommt, die Verbreitung von Bildern ausgezehrter Kinder im Ausland und die Videoaufzeichnungen von Fernsehsendungen, in denen den Menschen Ratschläge für die Zubereitung von Wildkräutern gegeben werden, deuten auf ein höchst planvolles Unternehmen hin zu dem Zweck, ein alles andere als rosiges Bild gezielt noch mehr einzutrüben.

Es geht heute nicht darum, wie seinerzeit dem Präsidenten Herriot mitzuteilen, daß in der Ukraine alles gut stehe, während dort in Wahrheit eine schreckliche Hungersnot herrschte, vielmehr lautet jetzt die Botschaft, daß Nordkorea vor einer schrecklichen Hungersnot steht und daß die Unterbrechung der Hilfslieferungen zu unbesonnenen Aktionen führen könnte, welche die Stabilität der Halbinsel und den Frieden im Femen Osten gefährden könnten. Die Soldaten der riesigen nordkoreanischen Armee sind weiterhin gut genährt, und auch der Bau immer besserer Raketen geht unverändert weiter.

Wir haben so gut wie keine Angaben über die Zahl der Opfer jener Lebensmittelknappheit, nur einige Informationen von den Nordkoreanern selbst über die nicht unbeträchtliche Zahl von Kindern, die Anzeichen von Unterernährung aufweisen: Die Ernährungsspezialisten des Welternährungsprogramms konnten beispielsweise eine Untersuchung an einer Gruppe von 4.200 nordkoreanischen Kindern durchführen, die allein von der nordkoreanischen Regierung ausgesucht worden waren. Nach dieser Untersuchung litten 17% der Kinder an Unternährung [18], ein Ergebnis, das für einen allgemeinen Mangelzustand und die Existenz lokaler und regionaler Hungergebiete spricht. Der Mangel und der Hunger, zum größten Teil verursacht durch die politischen Entscheidungen des nordkoreanischen Regimes, werden jedoch begrenzt und bekämpft dank der Anstrengungen der »imperialistischen« Welt, die Millionen Tonnen von Getreide ins Land bringt. Wenn die nordkoreanische Bevölkerung ausschließlich dem kommunistischen Regime ausgeliefert wäre, müßte sie in der Tat eine wirkliche Hungersnot mit schrecklichen Folgen durchleiden. Festzuhalten ist ferner, daß die Nahrungsmittelknappheit zwar durchaus Opfer fordert, daß ihre Auswirkungen sich aber in erster Linie indirekt bemerkbar machen etWa durch eine verstärkte Anfälligkeit für unterschiedliche Erkrankungen.

Zusammenfassend können wir sagen, daß die Zahl der direkten und indirekten Opfer der Nahrungsmittelknappheit auf mehrere Hunderttausend zu veranschlagen ist, daß aber das Bestreben der nordkoreanischen Regierung mit bedacht werden muß, die Situation mit allen Mitteln zusätzlich »schwarz zu malen«, wie es die Sowjets taten, als sie 1921 einen »Hilfsausschuß für die Hungernden« einrichteten und um die Hilfe der Menschen guten Willens in der kapitalistischen Welt baten.

 

Fazit

Das durch den Kommunismus verursachte Leid läßt sich für Nordkorea schwieriger als für andere Länder in Zahlen fassen. Die Statistiken sind unzureichend, Nachforschungen vor Ort können nicht durchgeführt werden, Archive sind nicht zugänglich. All dies hat auch mit der Abschottung des Landes zu tun. Und wie soll man die Wirkung einer ebenso permanenten wie dummen Propaganda messen? Wie ist das Fehlen jeglicher Freiheitsrechte (Vereinigungsfreiheit, Meinungsfreiheit, Freizügigkeit usw.) zu veranschlagen? Wie geht das zerstörte Leben eines Kindes in die Bilanz ein, das in einem Lager aufwächst, weil sein Großvater verurteilt wurde, oder das Leben einer Frau, die gezwungen wurde, unter entsetzlichen Umständen abzutreiben? Welchen Wert in der Statistik erhält die Tatsache, daß so viele Menschen ein kümmerliches Leben ohne ausreichend Nahrungsmittel, Brennstoff, ohne bequeme oder gar elegante Kleidung usw. fristen? Wieviel wiegt demgegenüber die »Amerikanisierung« der südkoreanischen Gesellschaft, auf die unsere ultra-liberalen Zeitgenossen verweisen, wenn sie die offenkundig unvollkommene Demokratie im Süden und den organisierten Alptraum im Norden in einen Topf werfen?

Man könnte einwenden, daß der nordkoreanische Kommunismus genauso eine Karikatur des Kommunismus ist, wie sie die Herrschaft der Roten Khmer war, eine ur-stalinistische Ausnahme. Das mag zwar sein, doch ist dieser Kommunismus aus dem Museum, dieses asiatische Wachsfigurenkabinett, noch höchst lebendig…

Mit all diesen Einschränkungen können wir von 100.000 Toten infolge Säuberungen innerhalb der Partei ausgehen, von 1,5 Millionen Toten, die in Lagern und Gefängnissen starben, und von 1,3 Millionen Toten, die Opfer des von den Kommunisten gewollten, geplanten und ausgelösten Krieges wurden – eines Krieges, der immer noch nicht zu Ende ist und durch gezielte, tödliche Einzelaktionen (Angriffe nordkoreanischer Kommandos gegen den Süden, terroristische Anschläge usw.) die Liste der Opfer immer weiter verlängert. Hinzuzufügen sind die direkten und indirekten Opfer der Unterernährung.

Genaue Daten dazu vermissen wir heute ganz besonders; die Situation spitzt sich zu, und es könnte sein, daß die Angaben für die Zahl der Opfer in allernächster Zukunft dramatisch in die Höhe korrigiert werden müssen. Selbst wenn wir für die Zeit seit 1953 nur 500.000 zusätzliche Sterbefälle ansetzen, die indirekt durch die Anfälligkeit infolge unzureichender Ernährung oder direkt durch Hunger verursacht wurden (zur Zeit gibt es sogar Gerüchte über Kannibalismus, die selbstverständlich nicht nachprüfbar sind), kommen wir für ein Land mit insgesamt 23 Millionen Einwohnern nach fünfzig Jahren kommunistischer Herrschaft auf eine Gesamtzahl von mehr als drei Millionen Toten.


Endnoten

[1] Kim Hyun Hee, Dans la fosse aux tigres, Paris 1994, sowie Gespräch mit dem Autor (Februar 1997).
[2] Asia Watch Human rights in the Democratic People’s Republic of Korea, Washington 1988.
[3] Tibor Meray, » Wilfred Burchett en Corée«, in: Les Cahiers d?histoire sociale, Nr. 7, Herbst/Winter 1996, S. 87.
[4] Gespräch mit dem Autor in Seoul, Februar 1997.
[5] Es wurde noch ein weiterer Ausländer festgenommen, ein Franzose namens Jacques Sédillot. Er arbeitete auch im Institut für fremdsprachige Veröffentlichungen in Pjongjang und wurde als »Agent des französischen Imperialismus« ebenfalls zu 20 Jahren Haft verurteilt. Im Jahre 1975 kam er frei, allerdings war sein Gesundheitszustand so zerrüttet, daß er nicht mehr nach Frankreich zurückkehren konnte und wenige Monate nach seiner Freilassung starb.
[6] Gespräch mit dem Autor in Seoul, Februar 1997.
[7] Les Cahiers d’histoire sociale, Nr. 3, a.a.0., für den Fall der Franzosen; Human Rights in the Democratic People’s Republic of Korea, a.a.O., den Fall der Amerikaner.
[8] Lange Auszüge aus seiner Schilderung sind abgedruckt in: Coreana (Mitteilungsblatt der Gesellschaft für Korea-Studien), Nr. 1, März 1995.[
[9] Eine Unterabteilung der »Behörde für nationale Sicherheit«, die zuständig ist für die Grenzregionen. Das Lager liegt in unmittelbarer Nähe der Grenze zu China.
[10] Eine vorsichtige Schätzung: Die Angaben reichen von 150.000 bis 400.000 Häftlinge.
[11] Jean-Pierre Brulé, La Corée du Nord de Kim Il Sung, Paris 1982.
[12] Dieses Dorf, in dem die Waffenstillstandsverhandlungen geführt wurden, ist der einzige Ort, an dem die Armee von Nordkorea direkten Kontakt mit den Streitkräften von Südkorea und der Vereinigten Staaten hat.
[13] Die Meldungen sind abgedruckt in: La Lettre de Corée, Nr. 4 und Nr. 5, Juni und August 1997.
[14] Le Figaro Magazine, 8. März 1997
[15] Ebd.
[16] Marc Epstein in: L?Express. 14, August 1997
[17] Le Monde, 10. Oktober 1997
[18] Interview mit Catherine Bertini, La Croix, 8. Oktober 1997. Eine Anfang der neunziger Jahre von derselben Organisation durchgeführte Untersuchung ergab im Kontrast dazu, dass 43% der Kinder in Indien an Unterernährung litten.

2018-12-06T12:19:10+00:00Samstag, Dezember 1, 2018|