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Islamisten stacheln Muslime gegen Kopten auf

Hetze gegen Christen – Islamisten stacheln Muslime gegen Kopten auf

Der „Islamische Staat Ägypten“ hat am 19. Februar 2017 ein Hetz- und Drohvideo veröffentlicht, in dem er den Christen in Ägypten den Krieg erklärt. Es zeigt geschickt ausgewählte Fernsehmitschnitte, die Abneigung und Zorn von Muslimen gegenüber Christen wecken und anstacheln sollen. Das Video zeigt gleich zu Beginn Demonstrationen von Kopten. Die offensichtlich sehr erregten Christen und Priester skandieren Slogans, die jedem ägyptischen Muslim aufstoßen müssen. Z.B. „vergesst die Kopten, wie sie früher waren – ab morgen schießen wir scharf“ oder „dieses Land gehört uns“, „das Christentum ist die ursprüngliche Religion“ und anderes mehr. Dabei schwenken die aufgebrachten Christen auf der Straße Kreuze.

Die Macher des 20 Minuten langen Videos gehen offensichtlich davon aus, dass es innerhalb der muslimischen Mehrheitsgesellschaft unterschwellig verbreitete Vorbehalte und Klischees gegenüber Christen gibt, die sie mit solchen Szenen anfachen können. Das Video zeigt viele Ausschnitte aus dem Fernsehen von Priestern und Christen, die laut verkünden, sie seien die „eigentlichen“ und „ursprünglichen“ Ägypter. Außerdem zeigt es hohe Vertreter des Staates, die Freundlichkeiten mit Repräsentanten der Kirche austauschen. Zusätzlich zeigt das Video den koptischen Papst Tawadros II. und andere Priester, die die ägyptische Regierung und Präsident Al-Sisi preisen. Al-Sisi wird vom „Islamischen Staat“  als „Tyrann“ bezeichnet – eine Einschätzung, die inzwischen viele Ägypter über den früheren Geheimdienstchef und Feldmarschall teilen.

Das geschickt zusammengestellte Video ähnelt in Vielem antijüdischer Hetze. Die Kopten seien nicht nur die stärksten Unterstützer des Regimes, sondern auch die heimlichen finanziellen Herrscher des Landes, die angeblich mehr als vierzig Prozent der ägyptischen Wirtschaft kontrollierten. Bekannte christliche Geschäftsleute und von Christen geführte Firmenlogos werden gezeigt. In der Tat gibt es in Ägypten einige sehr reiche koptische Familien – doch die christliche Minderheit in ihrer Gesamtheit ist ohne jeden Einfluss und letztendlich völlig vom Wohlwollen der jeweiligen Regierung und der Mehrheit abhängig.

„Ab morgen schießen wir scharf!“ Fernsehmitschnitte aufgebrachter Kopten sollen Stimmung machen und das Klima vergiften. Die Textzeile und sogar der Straßenname sind vom IS unkenntlich gemacht. Ort und Umstände der verschiedenen Demonstrationen sind daher nicht nachvollziehbar.

Am härtesten sind die religiös beladenen Anschuldigungen. Die Kopten seien die größte „Kreuzfahrer“-Minderheit des Nahen Ostens. Sie seien Teil eines Krieges gegen den Islam, der von „Kreuzfahrer“-Ländern unter der Führung der USA unterstützt werde. Die (christlichen) „Ungläubigen“ hätten sich abfällig über den Islam geäußert und in Medien und Satellitenfernsehsendern sogar den islamischen Propheten Mohammed und den Islam beleidigt. Der ägyptische Ableger des „Islamischen Staates“ erklärt daher, dass Christen in Ägypten nicht länger „Schutzbefohlene“ (Dhimmis) seien, sondern „Ungläubige“ (Kufar). Gott habe befohlen, alle Abgefallenen (Murtad) und Ungläubigen (Kufar) zu vernichten und die Erde von ihnen zu säubern. Die Islamisten untermauern ihre Drohung mit zahlreichen Zitaten aus dem Koran, der islamischen Überlieferung (Hadith) und der islamischen Geschichte.

Das Video enthält außerdem schwere Vorwürfe gegen die Regierung unter al-Sisi. Sie würde „das Blut der Muslime“ vergießen, um die eigene Macht zu sichern, während sie gleichzeitig versagt habe, das islamische Rechtssystem (die Scharia) einzuführen. Zu sehen sind tote Kinder und Kleinkinder, die bei Militäreinsätzen der Regierung im Sinai starben.

Die Christen sollen der muslimischen Zielgruppe als feindliche und götzenhafte Gruppe suggeriert werden. In Ägypten ist es völlig unüblich, an Gottesdiensten einer anderen Religion teilzunehmen. Mitra, das ungewohnte Ornat und Weihrauch müssen einem Muslim zwangsläufig fremd vorkommen.

Welle der Gewalt

Die Halbinsel Sinai ist seit langem Schauplatz von heftigen Spannungen zwischen der örtlichen Bevölkerung und der Zentralregierung in Kairo. Die Gewalt eskaliert auf dem Sinai seit Jahren. Die drakonischen Maßnahmen der Regierung verschaffen den Islamisten inzwischen wachsenden Zulauf, während den Behörden die Kontrolle über den Sinai entgleitet.

Bereits im September 2012 vertrieben maskierte Islamisten dutzende koptische Familien aus der Stadt Rafah im Nordsinai. Sie befahlen den koptischen Anwohnern, innerhalb von 48 Stunden die Stadt zu verlassen. Seither hat es mehrere Anschläge gegen Christen auf dem Sinai gegeben, die Anfang 2017 wieder häufiger wurden.

Ende Januar wurde der koptische Händler Wael Youssef auf einem gut besuchten Marktplatz der Stadt al-Arisch erschossen. Am 12. Februar wurde der Tierarzt Baghat Zakher mit einem Kopfschuss tot vor seiner Apotheke in der Stadt al-Arisch aufgefunden. Adel Shawky, ebenfalls Angehöriger der koptischen Minderheit, wurde am selben Tag im Stadtteil Samaran der Stadt al-Arisch ermordet. Am 16. Februar schoss ein Attentäter den Lehrer Gamal Tawfik am helllichten Tag auf einem Markt in al-Arisch nieder. Wenige Tage zuvor, am 13. Februar, verteilten IS-Anhänger Flugblätter in al-Arisch, die den „Islamischen Staat“ als „Teil des Volkes“ von al-Arisch bezeichnen.

Massenflucht von Christen aus dem Sinai

Vom 23. bis zum 26. Februar 2017 flohen hunderte Kopten aus dem Sinai über den Suezkanal, vor allem in die Stadt Ismailia, die direkt auf der Westseite des Kanals liegt. Etwa 300 Menschen kamen vorläufig auf einem kirchlichen Gelände und in einer Jugendherberge unter. Präsident al-Sisi ordnete Unterstützung für die Flüchtlinge und Hilfe bei der Umsiedlung an. Schon zuvor hatte eine unbekannte Zahl von Christen aus Angst um ihr Leben den Norden des Sinai verlassen. Viele waren aber geblieben, weil sie nicht wussten, wohin sie fliehen könnten.

Der Auslöser für die Massenflucht waren weitere Morde des „Islamischen Staates“ am 23. Februar 2017. Einem 50 und einem 65 Jahre alten Kopten schossen Islamisten vor den Augen ihrer Angehörigen in den Kopf. Einen 45-jährigen Christen entführte der „Islamische Staat“ und verbrannte ihn lebendig.

100-jähriger Sufi-Scheich enthauptet

Der Hass islamischer Extremisten richtet sich nicht nur gegen Christen und „Ungläubige“, sondern auch gegen andersdenkende Muslime. Vor allem gegen Schiiten, aber auch gegen Sufis. Am 19. November 2016 veröffentlichte eine dem „Islamischen Staat“ nahestehende Islamistengruppe Bilder von der Enthauptung des 100 Jahre alten im Sinai hoch geachteten Sufi-Scheich Sulaiman Abu Haraz. Er war einer der bedeutendsten Leiter der Sufi-Gemeinde auf dem Sinai. Salafisten hatten ihn zwei Wochen zuvor mit Waffengewalt aus seiner Heimatstadt al-Arisch verschleppt und ihn wegen „Hexerei“ zum Tod verurteilt. Kurz darauf veröffentlichten sie eine Drohung gegen alle Sufis in Ägypten: Sie müssten dem Sufi-Islam abschwören oder sie würden getötet. Anfeindungen gegen schiitische und Sufi-Muslime gibt es in Ägypten seit langem. Der bisherige Tiefpunkt war ein Pogrom gegen Schiiten im Süden Kairos am 23. Juni 2013, an dem sich tausende sunnitische Islamisten beteiligt hatten.

Die Folgen?

In der ägyptischen Gesellschaft finden die latent vorhandenen Vorbehalte zusehends mehr Raum – und zwar sowohl bei Christen als auch bei Muslimen. Es gibt eine schleichende Entwicklung, dass Christen und Muslime mehr und mehr unter sich bleiben. Ehen zwischen beiden Gruppen sind ohnehin unmöglich: Die Möglichkeit, nichtreligiöse, zivile Ehen zu schließen existiert nicht. Das islamische Eherecht verbietet muslimischen Frauen, nichtmuslimische Männer zu heiraten, und unter Kopten ist die Heirat einer Christin mit einem Muslim gesellschaftlich geächtet. Die Bedeutung der Religion hat in den letzten Jahrzehnten in Ägypten stark zugenommen. Eine Tendenz hin zu einem liberaleren Mainstream der religiösen Institutionen ist nicht erkennbar und die säkularen Strömungen sind extrem schwach. Viele Christen und Muslime leben mehr nebeneinander als miteinander. Es bleibt zu hoffen, dass der Boden für die Hetze der Islamisten nicht so fruchtbar ist wie der „Islamische Staat“ es erhofft, und dass letztlich der säkulare, patriotische Zusammenhalt stärker ist.

Sufi-Muslime werden von Islamisten ebenfalls mit dem Tod bedroht. Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus einem Video des „Islamischen Staates“. Darin wird der 100-jährige Sufi-Scheich Sulaiman Abu Haraz im ägyptischen Sinai wegen angeblicher „Hexerei“ enthauptet – in einem orangefarbenen Overall wie die Häftlinge in der US-amerikanischen Marinebasis Guantanamo Bay.

Kopten werden als christliche Minderheit in der islamischen Mehrheitsgesellschaft der Arabischen Republik Ägypten systematisch diskriminiert. Sie sind juristisch und gesellschaftlich ausgegrenzt. Bei Verbrechen gegen Kopten findet oft nur schleppende oder auch gar keine Strafverfolgung statt. Bitte beteiligen Sie sich an unserer Appell- und Unterschriftenaktion für die Minderheiten in Ägypten.

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Die IGFM setzt sich für Gleichberechtigung, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in Ägypten ein. Diese Arbeit kostet nicht nur viel Zeit – sie kostet auch Geld. Die IGFM ist dabei auf Spenden angewiesen. Bitte helfen Sie mit einer Spende!

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2019-01-08T16:30:20+00:00Mittwoch, Dezember 5, 2018|