
Litauen: Arūnas Bubnys über Diktaturen und deren Aufarbeitung
Interview mit Dr. Arūnas Bubnys
Im Gespräch mit Michaela Koller resümiert der Direktor des Genozid- und Widerstandsmuseums in Vilnius über die Aufarbeitung der totalitären Diktaturen in seinem Heimatland Litauen.
Können Sie die Entstehung und den Kern der Arbeit Ihres Instituts zunächst schildern?
Unser Institut wurde 1992 für Forschungen sowie für das Gedenken gegründet. So ist auch das KGB-Museum ein Teil unseres Zentrums. Wir beschäftigen uns in dieser Einrichtung mit rund fünfzig Jahren litauischer Geschichte, mit den Besatzungen – der sowjetischen wie auch der nationalsozialistischen – seit 1940, als das Land seine Unabhängigkeit verloren hatte.
Welche Verbrechen stehen im Fokus Ihrer Forschung?
Innerhalb einer Woche nach Ausbruch des Deutsch-Sowjetischen Kriegs am 22. Juni 1941 wurde Litauen durch Deutschland vollständig besetzt. Diese Phase dauerte bis Ende 1944. Die größte Tragödie in dieser Zeit war der Holocaust; fast die gesamte jüdische Gemeinschaft, also etwa 200.000 Menschen wurden ermordet. Fünf Prozent, maximal zehn Prozent überlebten den Holocaust in Litauen.
Danach kehrten die Sowjets wieder zurück. In der Zeit unter Stalin bis 1953 wurden etwa 130.000 Menschen nach Sibirien deportiert und ungefähr 150.000 Menschen wurden in die sowjetischen Straf- und Arbeitslager, bekannt als Gulag, geschickt. Die erste große Deportation fand am 14. Juni 1941 statt; dabei wurden in einer Nacht 17.000 Menschen in Arrest genommen und in Güterwaggons verfrachtet, nach Sibirien und andere sowjetische Gebiete. Nach Ende der deutschen Okkupation versuchten daher etwa 60.000 bis 70.000 Menschen nach Westen zu flüchten. Die meisten von ihnen emigrierten nach Übersee.
Diese zweite Besatzung währte faktisch bis September 1991. Litauen erklärte sich bereits am 11. März 1990 für unabhängig, was aber von der Sowjetunion nicht anerkannt wurde. Jedoch bereits am Ende des darauffolgenden Jahres existierte der sowjetische Staat nicht mehr und daraus entstanden 15 unabhängige Staaten.
Welche Auswirkungen auf die Gegenwart hat die jüngere litauische Vergangenheit?
Die Geschichte spielt immer noch eine große Rolle in der Politik, und die Gesellschaft in Litauen hat ein großes Interesse daran. Wir Historiker haben daher viel zu tun und sprechen daher mit einer gewissen Autorität.
So versucht Putin nun, das frühere Imperium wiederherzustellen. Er nannte den Zerfall die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts". Diese versucht er nun zu neutralisieren und ein russisches Reich mit sowjetischen Elementen zu errichten. Es besteht die große Gefahr, dass er einen Krieg mit der NATO beginnt. Wir befinden uns an der Grenze zu Russland und Belarus und könnten Opfer des Konflikts werden.
Gab es eine Rückwanderung der aus politischen Gründen Emigrierten nach der Unabhängigkeit Litauens 1991?
Nein, im Gegenteil, aufgrund der anfänglichen wirtschaftlichen Probleme versuchten in der ersten Zeit viele Litauer, im Westen Fuß zu fassen. Die meisten emigrierten nach Großbritannien und Irland, vor den USA, Spanien und in den letzten Jahren nach Norwegen. Erst jetzt ist der Prozess der Remigration ganz stark.
Kürzlich benannte eine israelische Diplomatin ausdrücklich die Kollaborateure der Nazi-Täter beim Genozid an den europäischen Juden, darunter auch Litauer. Wie ist denn zunächst die Sowjetunion mit Kollaborateuren in Litauen umgegangen?
In der Stalin-Zeit wurden rund 250 Menschen wegen ihrer Kollaboration mit den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt. Einzelnen gelang die Flucht in den Westen.
Gab es in späterer Zeit, nach der Überwindung von Kommunismus und Sowjetimperialismus noch Prozesse?
Von denen, die im Westen Zuflucht gefunden hatten, kamen einige in den neunziger Jahren zurück nach Litauen, weil sie u.a. aus den USA ausgewiesen wurden. Sie wurden hochbetagt in Litauen vor Gericht gestellt. Einige starben während ihres Prozesses.
Wie ist denn der heutige Stand der Aufarbeitung dieses Geschichtskapitels im litauischen Bildungssystem und den Medien? Das war ja einmal ein heißes Eisen…
In den vergangenen Jahrzehnten haben litauische Historiker sehr viel dazu beigetragen, die Geschichte des Holocausts aufzuarbeiten. Nicht nur viele wissenschaftliche Beiträge, sondern auch Artikel in populären Medien sind dazu erschienen.
Seit der Unabhängigkeit sind die litauischen Regierungen sehr empathisch damit umgegangen. Es gibt seit 1991 ein Denkmal und eine Ausstellung für die ermordeten Juden (in der Nähe des Geländes der Massenvernichtung bei der Ortschaft Paneriai) und den Tag des 23. September (Tag der Liquidierung des Ghettos von Vilnius) in Erinnerung an die Ermordung der litauischen Juden mit einem staatlichen Gedenken. Bis zum Zweiten Weltkrieg war Vilnius eine polnisch-jüdische Stadt mit einem Anteil der jüdischen Bevölkerung von fast einem Drittel der Einwohner.
Aber in der breiten Öffentlichkeit dominiert immer noch die Erinnerung an die sowjetische Besatzungszeit, weil sie beinahe fünfzig Jahre andauerte. Seit langer Zeit bereits wird das Thema aber in den Schulen behandelt und die jüngeren Generationen sind daher empathischer.
IGFM-Delegation mit Arūnas Bubnys in Vilnius, Juli 2024
Die Beschäftigung mit diesem Kapitel bietet zugleich die Gelegenheit, nicht nur von den Kollaborateuren, sondern auch von Helden zu berichten, die Juden gerettet haben. Wie groß war denn deren Zahl?
Fast eintausend Litauer sind von Israels nationaler Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern anerkannt worden. Das ist viel für unser kleines Land: Die Bevölkerungszahl betrug damals auch rund drei Millionen Einwohner. Die Gesellschaft war in jener Zeit polarisiert.
Wie sah das unter sowjetischer Herrschaft aus?
Während der Stalin-Ära gab es den sehr starken Widerstand der Waldbrüder. Dieser Partisanenkrieg begann schon im Juli 1944 und dauerte bis Stalins Tod. Sie wurden aber geschlagen: Ungefähr 20.000 Partisanen wurden festgenommen, verurteilt und kamen in den Gulag.
Welche Lehren können in Europa aus der Geschichte der Besetzung Litauens und seiner baltischen Nachbarn gezogen werden?
Sehr wichtig ist jetzt die Solidarität der NATO mit der Ukraine, sonst kann es zu einer Abspaltung der von Russland besetzten Gebiete kommen. Die Gefahr ist sehr groß, dass US-Präsident Donald Trump Russland zur Teilung der Ukraine seine Zustimmung erteilt. Das Münchner Abkommen von 1938 lehrte uns aber, dass solche Verträge nicht lange halten und solche Machthaber sich nie zufriedengeben und ihrem Land immer noch mehr Gebiete einverleiben wollen. Die Geschichte kann sich leider wiederholen.
Welche Rolle spielt der Widerstand – die Waldbrüder – und ihr heldenhafter Mut im nationalen Gedenken?
Das Narrativ vom Partisanenkampf ist jetzt in Litauen wieder sehr populär geworden, weil wir die Gefahr durch Russland sehen. Wir verstehen, dass wir uns auf eine mögliche Auseinandersetzung und Verteidigung unseres Landes vorbereiten müssen, nicht nur militärisch, sondern auch geistig. Das Beispiel dieser 20.000 Menschen damals wirkt nun sehr stark als Impuls dazu.
Litauen hat 2012 begonnen, KGB-Akten sowie insbesondere auch Listen von Agenten mit Deck- und Klarnamen ins Internet zu stellen. Wie finden Sie diese Entscheidung rückblickend? War es ein Erfolg?
Ich glaube, dass die Entscheidung, KGB-Agenten mit Deck- und Klarnamen öffentlich zu nennen, richtig war. So wurden die Namen der Agenten bekannt, die vor der Lustrationskommission (Kommission zur Ermittlung und Entfernung von politisch belasteten Staatsdienern; Anm. d. Red.) nicht gestanden. Ob das ein Erfolg war, ist schwer zu sagen. In der Öffentlichkeit wurde diese Maßnahme kontrovers bewertet.
Gab es in Litauen einmal jemanden, der die Zusammenarbeit mit den sowjetischen Besatzern, insbesondere mit dem KGB, öffentlich bereut hat?
Dies waren in Litauen sehr wenige Personen, die die Zusammenarbeit mit dem KGB öffentlich bereut haben. Ich erinnere mich nur an zwei, drei Fälle.
Was können Sie dazu zusammenfassend sagen: Wie weit ist die Aufarbeitung der Geschichte nun 30 Jahre, nachdem Sowjet-Imperialismus und Kommunismus überwunden waren, inzwischen gediehen?
Nachdem der Sowjet-Imperialismus und der Kommunismus abgeschüttelt wurden, ist sehr viel zur Aufarbeitung der Geschichte in Litauen geleistet worden. Es sind Tausende von wissenschaftlichen Arbeiten und Bücher für ein breites Publikum über das Sowjetregime und den Terror gegen die litauische Bevölkerung, auch über den antisowjetischen Widerstand, erschienen, spezielle Museen und Forschungseinrichtungen entstanden, verschiedene Denkmäler und Erinnerungsorte errichtet wurden.
Das Interview führte IGFM-Referentin Michaela Koller im August 2025.



