FÜR DIE MENSCHENRECHTE – Mitteilungen an Freunde und Förderer, Nr. 10 – November 2025

Russland – Junge politische Gefangene brauchen Hilfe

Fingiertes Strafverfahren gegen Verlobten der Kriegsgegnerin Daria Kosyrewa

„Gestern Abend schickte mir Denis aus Sankt Petersburg die Nachricht, dass gegen ihn ein Strafverfahren wegen Wehrdienstverweigerung eröffnet wurde. Denis ist der Verlobte von Daria Kosyrewa, die wegen des Überfalls Russlands auf die Ukraine den russischen Präsidenten Putin heftig kritisiert und „wegen Diskreditierung der Armee“ (§ 280.3 StGB der Russischen Föderation) zu zwei Jahren und acht Monaten Haft und zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Nun rächt sich das Putin-Regime auch an ihrem Freund“, so meldet IGFM-Informant A.P. am 6. Oktober 2025.

Um sich und Daria (20 Jahre alt) nicht zu gefährden, verhielt sich Denis unauffällig, wenn er Lebensmittel und Medikamente zu Daria in die Haftanstalt brachte. Obwohl die Berufung gegen ihre Haftstrafe abgelehnt worden war, stand noch das Berufungsverfahren gegen die Geldstrafe in Höhe von 40.000 Rubel (ca. 400 Euro) aus. Mehrfach verschoben fand die Berufungsverhandlung schließlich am 1. Oktober 2025 statt. Daria konnte zwar bei der Video-Schaltung Richter und Anwälte hören, aber aufgrund eines technischen Defekts blieb ihr Mikrofon stumm. Als Darias Anwalt die Richterin N. Ochotskaja darauf aufmerksam machte, erklärte diese die Video-Schaltung für beendet und die Berufung als abgelehnt. Denis war am 1. Oktober im Gerichtssaal anwesend. Als der Staatsanwalt Daria öffentlich beleidigte und erniedrigte, konnte sich Denis nicht zurückhalten und wies den Staatsanwalt im Gerichtssaal zurecht.

„Innerhalb von zwei Tagen wurde auf Anordnung des Staatsanwalts gegen Denis ein Strafverfahren eingeleitet, aber nicht wegen seiner Kritik im Gerichtssaal, sondern weil er der Aufforderung, sich beim Mobilisierungszentrum zur Einberufung zu melden, nicht folgte. Er weigerte sich zu Recht, denn nach bestehendem russischem Gesetz dürfen junge Männer, die aktiv studieren, nicht zum Militär eingezogen werden. Das eingeleitete Strafverfahren ist eine offenkundige Rache des Staatsanwalts für Denis aktives Eintreten für Daria während des Berufungsverfahrens“, so bewertet dies der IGFM-Informant. Denis ist in Not: Er soll den Anwalt, der Daria vertreten hat, bezahlen, denn dieser war dreimal mit Denis zu Befragungen gegangen. Sein Honorar ist im Gegensatz zu anderen Anwälten mit umgerechnet 220 Euro gering; aber Denis hat dieses Geld nicht. Die IGFM hat bereits Hilfe zugesagt.

Junger politischer Gefangener durch Haftumstände zunehmend kränker

Jegor Balaseikin aus der Nähe von Sankt Petersburg war 16 Jahre alt, als er im November 2024 zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Jegor, der aus einer eher Putin-freundlichen Familie stammt und dem wegen herausragender schulischer Leistungen alle Türen offenstanden, hatte zunächst keine Einwände gegen den Einmarsch Russlands in die Ukraine, entwickelte sich aber dann zum entschiedenen Gegner. Am 28. Februar 2024 wurde er festgenommen, weil er einen selbstgebastelten Molotowcocktail gegen ein Einberufungsgebäude geworfen hatte. Der Molotowcocktail zündete nicht, niemand kam zu Schaden. Gegenüber seiner Mutter begründete er die Tat damit, dass er nicht damit leben könne, „wenn ich sehe, wie viele Menschen sterben.“ Zunächst wurde Jegor wegen versuchter Brandstiftung angeklagt, dann aber wegen versuchten Terroranschlags. Nachdem seinen Eltern und seinem Anwalt untersagt wurde, Unterlagen seines Falles an Dritte weiterzugeben, sind seine Eltern davon überzeugt, dass die Sicherheitskräfte das Leben des Jungen ruinieren wollen.

Seit seiner Kindheit leidet Jegor unter der schweren Krankheit Autoimmunhepatitis. Im Gefängnis arbeitet er in der Textilproduktion und näht reflektierende Armbinden für Schulen. Aufgrund mangelnder Bewegung hat er ständig Rückenschmerzen, denn trotz Aufwärmübungen schreitet die Verkrümmung seiner Wirbelsäule voran. Aufgrund mangelnder Hygiene – es gibt keine Dusche und kein funktionierendes Abwassersystem – leidet er jetzt zusätzlich unter Hautausschlägen bis zur Blasenbildung.

Die jungen politischen Häftlinge – die IGFM weiß von 130 politischen Gefangenen im Alter zwischen 14 und 23 Jahren – brauchen unsere Unterstützung: finanzielle Hilfe für die Tätigkeit ihrer Anwälte, für die Reisekosten der Eltern, um ihre Kinder in entfernten Haftanstalten besuchen zu können, für gesunde Lebensmittel, Medikamente und Hygieneartikel und auch für die Öffentlichkeitsarbeit, damit sie früher freikommen und nicht in Vergessenheit geraten.

Dieser Artikel wurde publiziert in der  November 2025-Ausgabe der Zeitschrift ‚Für die Menschenrechte‘

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