„Russische Soldaten hielten den mit Brot beladenen Wagen an, warfen das Brot raus und überfuhren es mit ihrem Auto. Damit die Menschen nichts zu essen hatten“

Interview vom 04. Juni 2022

Ein Einwohner aus Cherson erzählt, wie die Stadt in den ersten Tagen der russischen Besatzung lebte.

– Mein Name ist Anton (der Name wurde von der IGFM geändert). Geboren und aufgewachsen bin ich in Cherson. Bis 2014 hatte ich Eltern, ich hatte alles. Aber 2014 erlitt ich innerhalb eines Monats vier Verluste: meine Frau, mein Kind, meine Mutter und meine Großmutter starben. Ich wurde allein gelassen. Vor dieser Situation (dem Krieg) habe ich in Cherson gelebt und gearbeitet.

– Wie war der erste Tag des Krieges in Cherson?

– Am 24. Februar (2022) geschah in Cherson noch nichts… Fast niemand wusste etwas. Nur das Fernsehen berichtete, dass zwei Raketen in Odessa eingeschlagen sind… Also waren alle noch ruhig. Aber dann ging es los… Wir hatten einen Flughafen in Tschornobaiwka. Die Kämpfe begannen dort. Und als sie anfingen zu schießen, wurde den Leuten klar, dass es wirklich ein Krieg war. Denn vor diesen Ereignissen wollte niemand glauben, dass Russland uns angegriffen hat.

Genau als die Kämpfe in der Nähe von Tschornobaiwka begannen, spürten alle Menschen und ich persönlich, dass der Krieg begonnen hatte. Ich wohnte in einem Privathaus. Nebenan wohnte ein älteres Ehepaar, um das ich mich kümmerte. Am ersten Tag des Krieges, als die Invasion begann, bin ich als Erstes zu ihnen gelaufen und habe sie gewarnt, dass sie ihre Lebensmittel aufbewahren und, wenn möglich, in den Keller gehen sollten, dass der Krieg tatsächlich begonnen hatte. Sie glaubten es nicht und sagten zu mir: „Hör zu, mein Sohn, was sagst du da? Wie kann das möglich sein?“ Aber als die Schießerei begann, erst da glaubten sie mir.

Es gab mehrere Augenblicke am Tag, in denen Raketen in Gebäude einschlugen und wir bombardiert wurden. Aber es war mehr oder weniger ruhig. Ab 21 Uhr jedoch, als sie (die russischen Truppen) in die Stadt eindrangen… fingen sie an, uns auszurauben, in Häuser einzubrechen. Da wurde den Menschen alles klar…

– Wie war das Leben der Zivilisten unter der Besatzung?

– Als die russischen Soldaten in die Stadt kamen, waren sie so erbärmlich gekleidet, wirklich wie Obdachlose. Ich meine, ihre Schuhe waren mit Klebeband überklebt! Sie trugen zu große Mäntel! Aber sie hatten Gewehre – und sie waren alle betrunken, nun ja, wirklich betrunken – ich kann sagen, total betrunken.

Sie kamen in die Häuser, zogen den Riegel vor und sagten zu den Bewohnern: „Das war’s, wir werden euch umbringen, gebt uns das Gold!“ Sie haben auch Autos gestohlen. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.

Sie plünderten fürchterlich. Auch alte Menschen wurden verspottet. Eine alte Frau, die ein paar Häuser weiter wohnte, sagte zu ihnen: „Söhne, was macht ihr da?“ Und sie antworteten: „Wie zur Hölle nennst du uns? Söhne? Wir töten dich jetzt und das war’s“. Also, so war das…

Sie nahmen alles, was sie sahen aus der Garage mit, weil der Besitzer des Hauses einen Jeep dort stehen hatte. Und die erste Frage, die der Mann an sie stellte, war: „Wer seid ihr?“ Sie schlugen mit dem Gewehrschaft auf ihn ein, brachten ihn hinaus, zwangen ihn auf die Knie und sagten: „Du wirst hier sterben“. Und sie fingen an, Fernseher aus dem Haus zu tragen, verschiedene Werkzeuge aus der Garage und andere Dinge mitzunehmen. Aber vor allem klauten sie Kleidung: Turnschuhe, Trainingsanzüge usw. Sie zogen sich gleich dort um, denn ihre Uniform war, ich wiederhole mich nochmal, furchtbar, ihre Ärmel waren so lang. Sie waren schmutzig, stanken und waren unrasiert. Und sie waren alle betrunken.

In der zweiten und dritten Woche der Besatzung waren die Geschäfte geschlossen. Es gab Leute, die von irgendwoher Brot bekamen. Sie versuchten, es den Menschen zu bringen. Russische Soldaten hielten den Wagen mit Brot an, warfen das Brot raus und überfuhren es mit ihrem Auto. Damit die Menschen nichts zu essen hatten.

Sie taten dasselbe mit Frauen… Ich habe es selbst nicht mit meinen eigenen Augen gesehen, aber Frauen wurden vergewaltigt.

– Haben Sie andere kriminelle Handlungen gegen Zivilisten beobachtet?

– Nun, ich hatte eine solche Situation: ich bin morgens rausgegangen, um irgendwo zu essen, also habe ich das Haus verlassen. Als ich zurückkam, stand das Haus nicht mehr da, weil es eine Rakete getroffen hatte. Das geschah am 18. März, es war ein Privathaus. Das Haus war alt, ich hatte es von meinen Eltern bekommen. Es war aus Lehm gebaut, aber es war trotzdem gut, es war mein Zuhause. Ich kam also zurück und anstatt meines Hauses gab es nur noch Ruinen…

Dann sah ich andere Situationen. Ein Auto hielt an, die getönte Fensterscheibe ging runter. Wissen Sie, fast jeder dort (in Cherson) war russischsprachig. Und jemand aus dem Auto fragte: „Für wen bist Du? Für die Ukraine oder für Russland?“ Natürlich sagten die meisten Leute „für die Ukraine“. Und sie packten die Leute von der Straße und zwangen sie in das Auto! Sie (die russischen Truppen) öffneten also den Kofferraum und warfen die Menschen hinein. Und sie verschleppten sie an einen unbekannten Ort. Sie schlugen auch Menschen nieder, es war beängstigend, durch die Straßen zu gehen. Sie verbrannten auch Autos.

Es gab einen Militärbezirk, ein Sektor mit Privathäusern. Es gibt dort nur noch wenige unbeschädigte Häuser. Weil die Häuser reich aussahen, kann es passieren, dass sie (die russischen Truppen) tatsächlich in ein Haus kommen, sich in die Mitte eines Zimmers setzen und dort defäkieren, entschuldigen Sie meine Sprache. Das war die Hölle, was diese Russen dort gemacht haben, wirklich.

Und es gab noch eine weitere Situation. Alle Geschäfte und Märkte waren geschlossen. In Cherson gab es eine Bar – „The Black Cat“. Der Besitzer der Bar verteilte dort kostenloses Mittagessen an die älteren Menschen. An einem Tag war alles in Ordnung, aber am zweiten Tag, als sich mehr Leute versammelt hatten und Essen verteilt wurde, hielt ein Jeep dort an. Diese Russen stiegen aus dem Auto – sie zerschlugen alles und schossen in die Luft. Sie sagten: „Wollt ihr etwas essen? Scheiß auf euch, ihr bekommt nichts zu essen! Geht zu Banderas und bittet sie um Essen!“

– Was erzählen Ihre Freunde, die in Cherson geblieben sind?

– Viele von ihnen sind immer noch dort. Sie melden sich manchmal. Sie sagen: es war der Horror. Deshalb kamen die Leute zur Stadtverwaltung, auf den Platz. Da alle Geschäfte geschlossen waren, wollten die Leute einfach nur essen.

Sie nahmen ukrainische Flaggen mit und gingen zur Demonstration auf die Straße. Die Russen kamen also auf den Platz und begannen, in die Menge zu schießen.

Gerade jetzt, vor zwei Wochen, habe ich einen Freund angerufen, sein Name ist Maxim. Er hat eine Frau und zwei Kinder. Er sagt, es ist schrecklich, was da passiert. Zum Beispiel die Lebensmittel: ein Laib Brot kostet 150 UAH (ca. 3,75 Euro)…

– Wie haben Sie es geschafft, die besetzten Gebiete zu verlassen?

– Ich hatte einen Nachbarn… Wir haben gerade noch so Benzin gefunden. Er arbeitete als Fahrer in einem Gemüselager… Wir haben ein Gemüselager in der Perekopska-Straße. Irgendwie schaffte er es, dort mehrere Liter Benzin zu besorgen. Zuerst fuhren wir anderthalb Tage nach Mykolajiw, und dann – von Mykolajiw nach Odesa.

Es gab Kontrollpunkte und es ist furchtbar, was sie (die russischen Truppen) an den Kontrollpunkten taten: sie durchsuchten Autos, nahmen den Menschen Lebensmittel, Geld, Telefone, alles. Sie nahmen alles weg.

Vielleicht passierten wir sie so schnell, weil mein Nachbar Verwandte in Russland hatte. Zudem hatte er eine Aufenthaltsgenehmigung – sie (die russischen Truppen) waren uns gegenüber mehr oder weniger tolerant. Danach nahm ich einen Evakuierungszug und kam in Odesa an.

Aus einem anderen Interview noch der folgende Auszug:

– Hat sich Ihre Einstellung zu den Russen geändert?

– Ja, natürlich! Sie hat sich nach den Folgen der sogenannten russischen „Befreiung“ sehr zum Negativen verändert. Wir haben nicht um Befreiung gebeten! Mein Vater ist ein ehemaliger Soldat, er ist bereits Rentner. Ich bin in der Sowjetzeit zur Schule gegangen, ich war auch Pionierin. Wegen des militärischen Hintergrunds meines Vaters bin ich auf eine russischsprachige Schule gegangen. In den ersten fünf Schuljahren habe ich überhaupt kein Ukrainisch gelernt. Denn wir wussten nicht, wo mein Vater eingesetzt werden würde. Damals konnte er überall in der Sowjetunion eingesetzt werden. In den letzten Schuljahren habe ich nur noch Ukrainisch gelernt und gesprochen. Das war sehr schwierig, weil ich mich erst an die ukrainische Sprache gewöhnen musste. Ich war in vielen Ländern, wo wir und die Russen als „Brüder“ angesehen wurden (gemeint sind die ehemaligen Sowjetrepubliken). Wir kommunizierten miteinander, und selbst als die Krim 2014 annektiert wurde, telefonierten und sprachen wir mit unseren Freunden auf der Krim. Ich hatte Freunde in Saky (eine Stadt auf der Krim).

Zehn Jahre lang habe ich mit meinem Kind auf der Krim Urlaub gemacht. Vor 2014 und auch danach habe ich mit meinen Freunden aus der Krim kommuniziert. Nach dem 24. Februar habe ich versucht, auf die Menschen von der Krim zuzugehen. Ich habe ihnen gesagt: „Versteht, was ihr macht! Macht das nicht! Wir fühlen uns wohl in unserem Land. Ja, wir wollen der Europäischen Union beitreten. Vielleicht will das jemand, vielleicht auch nicht, aber wir müssen nicht von euch (den Russen) befreit werden! Bombardiert nicht unsere Städte und Dörfer! Zerstört nicht unsere Infrastruktur!“

Warum machen sie das? Ehrlich gesagt verstehe ich immer noch nicht, von wem sie uns befreien wollen. Ich will nicht mehr mit diesen Leuten kommunizieren, und ich kommuniziere auch jetzt nicht mit ihnen. … Was hätte ich ihnen sagen sollen, als sie mir sagten, dass ich selbst schuld sei, dass ich mein eigenes Haus zerstört habe. Wer war das? War ich es? Oder hat die ukrainische Armee eine Bombe auf mein Haus geworfen? Mit diesen Leuten will ich nicht reden… Ich glaube, diese große Lücke zwischen uns (Ukrainern und Russen) wird noch Jahre, wenn nicht Generationen bestehen bleiben.

Mein Name ist Taras Sosulinskij, ich bin Journalist aus Lwiw, und wir setzen unseren Kampf fort.


Das Interview wurde von der Charkiwer Menschenrechtsgruppe vorbereitet und von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte übersetzt.

Teilen Sie diesen Beitrag!

Nach oben