Mehr Angst vor Deportation nach Russland als vor dem Tod„

Interview vom 08.08.2024

Serhij Okunew

Der 88-jährige Bewohner von Tscheretyn, Iwan Jakowytsch Wiwsjanyk, floh zu Fuß aus der von den russischen Truppen besetzten Region, nachdem man versucht hatte, ihn nach Russland zu deportieren. 

Іван Якович Вівсяник, © Сергій Окунєв / ХПГ

Iwan Jakowytsch Wiwsjanyk

Tscheretyn wurde im Frühjahr 2024 zu einem der schlimmsten Kriegsschauplätze. Nachdem die russischen Truppen nach großen Verlusten die Stadt Awdiijiwka zerstört und besetzt hatten, gelang es ihnen, tief ins Donbass-Gebiet vorzudringen. Schnell erreichten sie auch die Stadt Tscheretyn .

Vor dem Krieg hatte das Dorf etwa 3500 Einwohner – einer davon war Iwan Jakowytsch Wiwsjanyk, der 1993 aus Donezk dorthin gezogen war. Er scherzt, dass er wie Robinson Crusoe lebte, nie die Nachrichten verfolgte und vom Kriegsausbruch 2022 erst durch die ersten Beschüsse des Dorfes erfuhr.

Im Frühjahr 2024 wurde Wiwsjanyk in der Ukraine bekannt, weil er zu Fuß aus dem besetzten Dorf in das von der Regierung kontrollierte Gebiet floh. Hier seine Geschichte.

Das Dorf verwandelte sich langsam in einen Friedhof 

Iwan Jakowytsch erinnert sich, dass sein Wohnort von Anfang an gefährlich wurde. Schon vor dem großen Angriff auf Awdiijiwka beschossen die Besatzer regelmäßig Tscheretyn,

hauptsächlich zivile Ziele. Am 10. Oktober 2023 wurde der Bahnhof zerstört, als die Besatzer das Raketenwerfersystem „Uragan“ einsetzten. Verschiedene Granaten und Raketen trafen regelmäßig auch Wohnhäuser, darunter das von Wiwsjanyk.

„Zuerst versuchte ich noch, etwas zu reparieren. Es gab ständig Löcher im Dach, Fenster flogen nach den Beschüssen raus. Aber eines Tages traf eine Granate das Haus komplett, ich war damals nicht zu Hause, hatte Glück. Ich sammelte, was übrig war, und zog in die Sommerküche um. Eigentlich war es keine Wohnzone, aber dort verbrachte ich den ganzen Winter und wärmte mich am Feuer“, erinnert sich Wiwsjanyk.

Strom- und Wasserversorgung gab es im Dorf fast ein Jahr lang nicht, Heizungen waren ebenfalls über ein Jahr lang nicht funktionstüchtig. Die meisten Bewohner hatten das Dorf schon in den ersten Monaten des Krieges verlassen. Nach dem Angriff auf Awdiijiwka blieben nur noch wenige Menschen im Dorf, hauptsächlich alte und kranke Personen, die sich weigerte zu fliehen. Iwan Jakowytsch sagt, dass er keine feste Meinung zur Evakuierung hatte, aber unter den zerstörten Häusern, ohne Strom und jegliche Kommunikation, konnte er nicht abschätzen, wie nah die feindlichen Truppen bereits kamen.

Am 24. April 2024 erklärte der Vorsitzende der örtlichen Zivil-Administrationsbehörde, Mykola Kowalenko, dass nur noch etwa 500 Menschen in Tscheretyn lebten.

„Alle Ortschaften der Tscheretyn-Gemeinde sind ständig unter Beschuss der russischen Armee. Die Leute gehen nicht aus den Kellern. Nichts funktioniert hier“, beschrieb der Leiter der Verwaltung die Situation.

Anfang Mai 2024 veröffentlichte The Associated Press Fotos vom zerstörten Dorf. Laut Schätzungen der Journalisten war zu diesem Zeitpunkt kein einziges Gebäude mehr intakt, und der Block von Mehrfamilienhäusern war bis auf die Fundamente zerstört.

Pass abgenommen und versprochen, nach Russland zu bringen 

Ende April und Anfang Mai 2024 verschlechterte sich die Situation in Tscheretyn täglich. Doch Iwan Wiwsjanyk erinnert sich, dass er von der Besatzung fast plötzlich erfuhr. Er war auf der Suche nach Holz zum Kochen, als er plötzlich Soldaten auf der Straße sah.

„Zuerst wusste ich nicht, was passiert. Soldaten sahen wir ja oft. Ich dachte, es seien unsere. Einer kam zu mir und fragte, ob ich einen Pass habe, angeblich eine Passkontrolle. Ich sagte, der Pass sei zu Hause. Er zwang mich, ihn zu holen. Ich zeigte ihm den Pass, aber er nahm ihn und sagte plötzlich, dass sie mich bald nach Russland bringen würden, wo mir ein russischer Pass ausgestellt werden würde“, erinnert sich Wiwsjanyk.

Er war von dieser Aussage schockiert und wusste zunächst nicht, was er tun sollte. Als er später erfuhr, wo das temporäre Hauptquartier der Besatzer war, entschloss er sich, seinen Pass zurückzuholen. Doch anstatt den Pass zurückzubekommen, beleidigten und bedrohten ihn die Soldaten.

„Sie fragten zwar, aber eher beschuldigten sie mich, ein ‚Bandera-Anhänger‘ zu sein. Naja, eigentlich fragten sie, warum ich nicht froh darüber war, dass ich nach Russland fahren würde. Ob ich kein ‚Bandera-Anhänger‘ sei, nur weil ich nicht jubelte. Dann begannen sie zu drohen, mich zu erschießen, wenn ich weiter Fragen stellte.“

Wiwsjanyk konnte die russischen Soldaten beruhigen und sich unter dem Vorwand, dass er mit der Reise nach Russland einverstanden sei, nach Hause entschuldigen. Noch am selben Tag entschloss er sich, aus dem Dorf zu fliehen, das nun an der Frontlinie lag.

Іван Якович Вівсяник, © Сергій Окунєв / ХПГ

Iwan Jakowytsch Wiwsjanyk

„Sterben war nicht so schlimm wie nach Russland zu kommen“ 

Wiwsjanyk gibt zu, dass er zunächst dachte, seine Flucht sei nur vorübergehend, und dass er schnell in sein befreites Dorf zurückkehren könne. Aus diesem Grund nahm er nicht einmal wichtige Dokumente mit. Der Stress der Situation machte sich auch bemerkbar – er dachte, dass er nur in den ersten Tagen nach der Besetzung des Dorfes die Gelegenheit zur Flucht hätte.

„Ich ging um drei Uhr nachts los. Nun, sie müssen ja irgendwann auch schlafen. Außerdem gab es keine Beleuchtung, natürlich. Es war dunkel. Ich nutzte die Tatsache, dass ich das Dorf gut kannte. Ich ging nicht die Straßen entlang, sondern durch den Bahnübergang. Dort begann der Beschuss, Granaten explodierten direkt über meinem Kopf. Es gab ein kleines verlassenes Gebäude, fast wie eine Hütte. Ich versteckte mich dort und wartete, bis die Explosionen aufhörten. Dann merkte ich, dass es noch lange dauern könnte, also musste ich einfach weitergehen“, sagt er.

Wiwsjanyk hatte das Glück, dass die russischen Truppen zu diesem Zeitpunkt noch keine üblichen Sicherheitsvorkehrungen und Kontrollen wie Blockposten und Patrouillen eingerichtet hatten, da sie sich auf den Vormarsch konzentrierten. So gelang es ihm, nach und nach auf eine der Straßen in der „grauen Zone“ zu gelangen. Später sah er vereinzelt Autos mit Soldaten der ukrainischen Armee, die schnell in Richtung Front fuhren. Niemand achtete auf ihn. Auf diese Weise gelang es ihm, etwa 15 Kilometer zu überwinden.

„Irgendwann merkte ich, dass ich nicht weiter kam. Ich setzte mich hin und wartete, dass jemand vorbeifuhr, hoffte, dass es hier sicherer war, und die Fahrzeuge anhalten würden“, erinnert sich Wiwsjanyk.

Nach einiger Zeit bemerkte ein lokaler Fahrer ihn und nahm ihn mit. Dieser brachte ihn nach Pokrowsk.

Als man ihn fragte, ob er Angst gehabt habe, eine solche Flucht zu wagen, antwortete Wiwsjanyk offen, dass er viel mehr Angst davor hatte, nach Russland deportiert zu werden, als zu sterben oder den Besatzern zu begegnen. In einem Gespräch mit dem Journalisten erzählte er von seiner Familie, die Opfer des Holodomor war, von seiner Einberufung in die sowjetische Armee, obwohl er der einzige Mann in seiner Familie war, und von der nationalen Identität, die sich in den 1980er Jahren herausbildete.

„Ich bin wieder Ukrainer!“ 

Die ersten Stunden in Pokrowsk waren für Wiwsjanyk seltsam. Niemand wusste so recht, was mit ihm zu tun war, und er wurde von einer Behörde zur nächsten geschickt. Im Laufe der Zeit konnte er sich schließlich offiziell registrieren und Informationen über ein Hilfszentrum und Unterbringungsmöglichkeiten in Dnipro erhalten. Einfühlsame Einwohner von Pokrowsk halfen ihm, einen Zug zu bekommen, und in Dnipro übernahm er die Hilfe von Freiwilligen und der Wohltätigkeitsorganisation „Skhid-SOS“.

Trotz der Tatsache, dass er überlebte und sogar unversehrt blieb, war Wiwsjanyk noch immer verunsichert – er war sehr besorgt über das Schicksal seines Passes. Es wurde ihm immer wieder erklärt, dass der Verlust des Passes nicht den Verlust der Staatsbürgerschaft bedeute, aber er sagte, er fühle sich, als sei ihm das Recht genommen worden, sich als Ukrainer zu bezeichnen.

Dank der Hilfe von Anwälten und Freiwilligen wurde ihm Anfang Juni schließlich ein Termin bei der staatlichen Migrationsbehörde in Dnipro gegeben. Da seine Geschichte bereits in den Medien bekannt war, wurde ihm der Pass fast feierlich überreicht.

Das Interview wurde von der Charkiwer Menschenrechtsgruppe vorbereitet und von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte übersetzt.

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