FÜR DIE MENSCHENRECHTE – Mitteilungen an Freunde und Förderer, Nr. 9 – Oktober - 2026

Belarus/Litauen: Von Minsk nach Vilnius – der Fall Maksim

Maxim um drei Uhr morgens im Büro von Olga Karatch: zermürbt, verzweifelt – Hilfe suchend

Die IGFM unterstützt seit 2020 die belarusische Menschenrechtsorganisation „Nash Dom“ („Unser Haus“) im litauischen Exil, die sich nicht nur um die Belange geflüchteter bzw. ausgewiesener ehemaliger politischen Gefangenen aus Belarus kümmert, sondern die Schicksale der in Belarus inhaftierten politischen Gefangenen dokumentiert und ihnen bis in die Gefängnisse hinein über ein Untergrundnetzwerk hilft. In diesen Mitteilungen stellen wir Ihnen Maksim vor, der nach internationalen Bemühungen freigelassen wurde und nun nochmals unsere Hilfe benötigt. Am 26. August 2026 berichtete uns Olga Karatch, Leiterin von „Nash Dom“, vom fast gescheiterten Versuch Maksims, nach fünfjähriger politischer Haft in Belarus in Litauen in ein friedliches Leben zurückzukehren: 

„Geboren in Grodno, der mit rund 350.000 Einwohnern viertgrößten Stadt von Belarus, arbeitete Maksim viele Jahre als Elektriker. Er engagierte sich nicht politisch, gehörte weder einer Partei noch einer gesellschaftlichen Vereinigung an und stand nicht in der Öffentlichkeit. Sein Leben unterschied sich nicht vom Leben Tausender anderer Belarusen. Das änderte sich nach der Präsidentschaftswahl 2020. Wie Hunderttausende andere Bürgerinnen und Bürger von Belarus nahm Maksim an friedlichen Protesten teil. Er war weder Organisator der Protestbewegung noch hatte er eine Führungsfunktion inne. Allein für die bloße Teilnahme an friedlichen Demonstrationen wurde Maksim in einem politisch motivierten Verfahren zu fünf Jahren Haft verurteilt. 

Fünf Jahre in einer Strafkolonie bedeuten nicht nur Zeitverlust hinter Gittern. In einem solchen Zeitraum verliert ein Mensch weit mehr als seine Bewegungsfreiheit. Selbst wenn wir Folter und Misshandlung außer Acht lassen, büßt ein politischer Gefangener nach und nach seine sozialen Bindungen ein und wird der Möglichkeit beraubt, selbstständig Entscheidungen zu treffen und Pläne zu schmieden, er verliert auf diese Weise Alltagskompetenzen. Im Dezember 2025 wurde Maksim im Zuge internationaler Bemühungen aus einer belarusischen Strafkolonie entlassen und nach Litauen gebracht. Die Möglichkeit, sich zum Beispiel in Polen – ein Land, mit dem ihn seine polnische Herkunft verbindet – ein neues Leben aufzubauen, wurde noch nicht einmal mit ihm erörtert. Man brachte ihn einfach nach Litauen, als wäre er irgendein Gegenstand. Nach Belarus konnte er wegen der realen Gefahr einer erneuten strafrechtlichen Verfolgung nicht zurückkehren. 

Plötzlich befand er sich in einem ihm unbekannten Land – ohne Unterkunft, Eigentum, Ersparnisse oder sein vertrautes soziales Umfeld. Er musste sich nicht nur anpassen, sondern praktisch von Neuem lernen, in Freiheit zu leben. Trotz alledem verlangte Maksim keine Sonderbehandlung und erwartete keinerlei Privilegien. Er wollte Arbeit finden, selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen. Und tatsächlich, Maksim fand wieder Arbeit in seinem erlernten Beruf, und seine Fähigkeiten waren in Litauen sehr gefragt. Nach und nach kaufte er die Werkzeuge und Geräte mit dem Ziel, sich selbstständig zu machen. Er wollte auch den Status „ehemaliger politischer Gefangener“ so schnell wie möglich hinter sich lassen und in ein gewöhnliches Leben zurückkehren. 

Doch der Neustart war mit hohen Hürden verbunden. Schon kurz nach seiner Freilassung betrogen ihn falsche Freunde um 4.500 Euro – seine gesamten Ersparnisse. Das von ihm angestrengte Strafverfahren wurde eingestellt mit der Begründung, dass die Täter nicht zu ermitteln waren. Im Juli 2026 wurden ihm in der Unterkunft, die von einer gemeinnützigen Stiftung betrieben wurde und in der so wie er nur ehemalige politische Gefangene aus Belarus wohnten, alle seine Arbeitswerkzeuge gestohlen. Der ermittelte Täter gab auch zu, die Werkzeuge mitgenommen zu haben, doch er sagte, dass jemand ihm erlaubt habe, sie mitzunehmen. Sein Versprechen, den Schaden zu ersetzen, blieb er schuldig. Nachdem die Anzeige gegen den Täter erfolglos blieb, weil die Polizei ihm den Diebstahl nicht nachweisen konnte, forderten Mitarbeiter der Stiftung Maksim auf, die Unterkunft zu verlassen. Und so fand er sich auf der Straße wieder, obdachlos und ohne Geld. Bittend wandte er sich wieder an die Stiftung, doch vergeblich. Psychisch am Ende, suchte er in seiner Not Hilfe bei einem Facharzt für Psychiatrie, der ihm am 23. Juli 2026 eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostizierte und eine medikamentöse Behandlung verordnete. Doch wovon die Behandlung bezahlen? Obdachlos, verzweifelt, ohne Geld und ohne seine Werkzeuge wollte er sich das Leben nehmen. „Andere ehemalige politische Gefangene führten ihn an der Hand zu uns.“ 

Maksims Geschichte ist nicht nur als persönliche Tragödie von Bedeutung. Sie zeigt, wie notwendig es ist, die Situation ehemaliger politischer Gefangener nach ihrer Freilassung sorgfältig zu untersuchen, zu dokumentieren und zu bewerten, inwieweit die bestehenden humanitären Mechanismen ihnen tatsächlich Schutz bieten. Laut Olga Karatch sind nicht nur die ehemaligen Gefangenen traumatisiert und benötigen psychologische Hilfe, sondern auch deren Kinder, ganze Familien. Sie brauchen eine Begegnungsstätte, in der sie sich nicht nur ihr Leid von der Seele reden können, sondern unter Begleitung von Experten ihr Schicksal für spätere Zeugenaussagen dokumentieren. Olga Karatch sieht entscheidende Unterschiede bei Frauen und Männern: Während Frauen durch banale Routinen wie Kleidung sortieren oder Pakete vorbereiten schnell zurück in die Normalität finden, leiden viele Männer, die das Gros ehemaliger politischer Gefangener stellen, unter extremer Instabilität. Für sie wäre ein Raum wichtig, in dem síe etwas reparieren, handwerkeln und miteinander reden können. Für die Installation eines solchen Hilfsangebots rechnet Olga Karatch für die nächsten sechs Monate mit Kosten von monatlich 3.500 bis 3.800 Euro. Die IGFM wird sie dabei unterstützen. Wir hoffen dabei auf Ihre großzügige Mithilfe. 

Dieser Artikel wurde publiziert in der Oktober - 2026-Ausgabe der Zeitschrift ‚Für die Menschenrechte‘

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