Carlos Julio Rojas

Der 41-jährige venezolanische Journalist wurde nach 21 Monaten Haftstrafe freigelassen, allerdings endete seine politische Verfolgung mit dem Verlassen des Gefängnisses nicht.
Aus dem Gefängnis, aber noch nicht frei
Nach fast 21 Monaten Haft im El Helicoide, eine der wichtigsten Haftanstalten des venezolanischen Geheimdienstes SEBIN in Caracas, kann sich der venezolanische Journalist und Bürgerrechtsaktivist Carlos Julio Rojas wieder außerhalb der Gefängnismauern bewegen. Internationale Organisationen haben im Zusammenhang mit El Helicoide wiederholt Vorwürfe von Folter und anderen Misshandlungen dokumentiert. Zwar hat Rojas seine physische Freiheit zurückerlangt – seine Rechte sind jedoch bis heute nicht vollständig wiederhergestel
Carlos Julio Rojas (41) ist venezolanischer Journalist, Bürgerrechtsaktivist und Menschenrechtsverteidiger. Seit Jahren unterstützt er die Bewohner des Stadtteils La Candelaria und anderer Gemeinden in Caracas dabei, auf alltägliche Probleme aufmerksam zu machen. Diese sind unter anderem: die Unterbrechungen der Wasser- und Stromversorgung, eine unzureichende Müllentsorgung, der Verfall der städtischen Infrastruktur sowie weitere Missstände, die die Lebensbedingungen und die Rechte der Bürger beeinträchtigen.
Wiederholte Festnahmen und Haft
Schon im Juli 2017 wurde Rojas während Protesten gegen die Regierung erstmals festgenommen. Obwohl er Zivilist ist, musste er sich vor einem Militärgericht verantworten – ein Vorgehen, das von internationalen Menschenrechtsorganisationen seit Langem kritisiert wird. Rojas verbrachte 49 Tage im Militärgefängnis Ramo Verde nahe Caracas und wurde anschließend unter Auflagen freigelassen. Dazu gehörten regelmäßige Meldungen bei Gericht, ein Ausreiseverbot sowie Einschränkungen hinsichtlich öffentlicher Äußerungen und bestimmter politischer Treffen. Am 15. April 2024 wurde Rojas erneut in Caracas festgenommen und nach El Helicoide gebracht, einem der Hauptsitze des venezolanischen Geheimdienstes SEBIN, der zugleich als Gefängnis dient und in dem unter anderem Oppositionelle, Journalisten, Aktivisten und Menschenrechtsverteidiger festgehalten werden.
Schwere Vorwürfe und Verletzung von Verfahrensrechten
Rojas wurde einem für Terrorismusdelikte zuständigen Gericht vorgeführt. Ihm wurden unter anderem Terrorismus, Verschwörung, die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung sowie eine Beteiligung an einem versuchten Attentat auf Nicolás Maduro vorgeworfen. Während seiner Haft von April 2024 bis Januar 2026 dokumentierten seine Anwälte und internationale Menschenrechtsorganisationen erhebliche Verletzungen seiner Verfahrensrechte. So wurden ihm die Gerichtsakten vorenthalten und sein Recht eingeschränkt, einen eigenen Verteidiger zu wählen; stattdessen wurde ihm ein staatlich bestellter Pflichtverteidiger zugeordnet. Mehrfach wurde ihm zudem der Kontakt zu seiner Familie verweigert. Die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen zu Venezuela dokumentierte Verletzungen seines Rechts auf Verteidigung und sah klare Gründe für die Annahme, dass seine Inhaftierung willkürlich war. Internationale Menschenrechtsorganisationen erkannten Rojas als gewaltlosen politischen Gefangenen („Prisoner of Conscience“) an; die Interamerikanische Menschenrechtskommission gewährte ihm Schutzmaßnahmen aufgrund der bestehenden Gefährdung und Verletzung seiner Rechte.
Freilassung aber keine vollständige Freiheit
Am 14. Januar 2026 wurde Rojas nach fast 21 Monaten Haft freigelassen. Mit dem Verlassen von El Helicoide endete seine juristische Verfolgung jedoch nicht: Das Strafverfahren gegen ihn ist weiterhin anhängig. Im April 2026 berichtete Rojas zudem, dass ein für Terrorismusdelikte zuständiges Gericht seinen Antrag auf Amnestie abgelehnt habe. Sein Fall verdeutlicht damit, dass eine Haftentlassung nicht automatisch die vollständige Wiederherstellung der Freiheit bedeutet. Nach den Erdbeben, die Caracas im Juni 2026 erschütterten, nahm Rojas seine journalistische und gesellschaftliche Arbeit wieder auf. Obwohl auch seine eigene Wohnung betroffen war, dokumentierte er Schäden in verschiedenen Gemeinden, forderte Unterstützung für betroffene Familien und setzte sich dafür ein, gefährdete Wohnhäuser auf ihre Sicherheit überprüfen zu lassen.
Erneute Einschüchterung und anhaltende Verfolgung
Im Juli 2026 wurde Rojas erneut öffentlich von Diosdado Cabello angegriffen, Venezuelas Minister für Inneres, Justiz und Frieden und eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des venezolanischen Machtapparats. Im Zusammenhang mit Rojas’ Berichterstattung und Kritik an den Folgen der Erdbeben vom 24. Juni 2026 bezeichnete Cabello ihn öffentlich als „verantwortungslos“ und „bösartig“. Der Fall von Carlos Julio Rojas steht damit exemplarisch für die Verfolgung und Kriminalisierung von Journalisten, Aktivisten, Menschenrechtsverteidigern und anderen kritischen Stimmen in Venezuela. Nach den Standards der IGFM kann eine Haftentlassung erst dann als wirkliche Freiheit gelten, wenn willkürliche Einschränkungen aufgehoben und grundlegende rechtsstaatliche Garantien gewährleistet sind – darunter das Recht auf einen selbst gewählten Rechtsbeistand, Zugang zu den Gerichtsakten, eine klare Information über die Vorwürfe, eine wirksame Möglichkeit zur Verteidigung und der Zugang zu einem zuständigen und unabhängigen Gericht.
Stand: September 2026


