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Geflohen aus den Händen des IS

Geflohen aus den Händen des IS

Schaha ist schwanger und mit ihrem kleinen Sohn vom Islamischen Staat verschleppt worden. Der Jesidin gelang die Flucht – auch durch die Hilfe einer ihr bis dahin unbekannten sunnitischen Familie in Mossul. Der IGFM berichtet sie über ihre Erlebnisse

Schaha stammt aus einem kleinen Ort aus der Ninive-Ebene im Nordirak, etwa 12 km südlich des Shingal-Gebirges. Sie möchte nicht, dass ihr echter Name veröffentlicht wird. Es fällt ihr sichtlich schwer zu sprechen. Ihre Stimme, ihr Ausdruck und ihre Körpersprache zeigen, wie gegenwärtig ihre Erlebnisse sind. Über einiges davon möchte sie nicht sprechen.

„Die Nachricht, dass die Kämpfer des Islamischen Staates kommen, hat sich rasend schnell verbreitet. Aber Peschmerga hatten uns verboten zu fliehen. Vielleicht glaubten sie, sie hätten alles unter Kontrolle. Das war am 3. August 2014. Aber kurz danach am selben Tag haben sich die Peschmerga selbst abgesetzt. Als wir das erfuhren, sind alle Einwohner aus der Stadt nach Norden geflohen, in Richtung des Shingal-Gebirges. Wer ein Auto hatte, nahm den Wagen. Wir hatten leider keines und mussten zu Fuß fliehen. Deswegen haben uns die Männer vom Islamischen Staat auch erwischt. Sie haben uns mit mehreren Fahrzeugen eingekreist und uns gefangen genommen. Wir waren nur eine kleine Gruppe und hatten keine Waffen. Wie hätten wir uns wehren können?

„Das werde ich nie vergessen.“

Sie haben sofort Männer und Frauen getrennt. Die IS-Kämpfer wollten unsere [jesidischen Männer], zusammen etwa 15, zwingen, ihren Glauben zu verleugnen und zu beleidigen. Sie haben sich alle geweigert und angefangen, nach jesidischer Art zu beten. Das werde ich nie vergessen.

Vor meinen Augen waren mein Mann, mein Schwager und mein Schwiegervater. Alle wurden gezwungen, sich auf den Bauch zu legen. Sie haben alle durchsucht, Handys und Geld abgenommen und dann fingen sie an, unsere Männer mit Kalaschnikows zu erschießen. Als sie damit anfingen, ist einer von ihnen aufgesprungen und auf die IS-Männer zu gelaufen. Er wollte mit ihnen kämpfen, obwohl er unbewaffnet war. Sie haben auf ihn geschossen. Obwohl er mehrmals getroffen war, hat er weiter versucht, die IS-Männer zu erreichen, bis ihn schließlich eine Kugel in den Kopf traf. Dann wurden die übrigen Männer erschossen.

„Ihr seid keine Muslime und ihr habt eine schlechte Religion.“

Uns Frauen und die Kinder haben sie mitgenommen. Ich war damals schwanger und unser kleiner Sohn war gerade ein Jahr und neun Monate alt. Sie brachten uns nach Sibaschechedre, ein Dorf westlich von Tel-Ezer. Wir haben gefragt, was für ein Problem sie mit uns haben. Ein IS-Mann antwortete uns: ‚Ihr seid keine Muslime und ihr habt eine schlechte Religion. ‘

Nach einer Stunde haben sie uns nach Baatsch gefahren, südlich der früheren Grenze zwischen dem IS-Gebiet und dem Kurdengebiet. Diese Grenze hat einen Grenzwall. An diesem Wall sind die jesidischen Kämpfer zurückgeblieben, um den IS aufzuhalten und um ihre Familien zu schützen. Aber das kurdische Militär hat sie allein gelassen. Im Stich gelassen, ausgeliefert, verraten.

An der Straße von Baatsch und nach Mossul haben wir an der früheren Grenze und am Straßenrand viele Tote gesehen. Frauen, Männer und auch viele Kinder. Ich kannte keinen dieser Menschen, aber der Kleidung nach waren es alle Qirani und andere Jesiden. Richtung Mossul haben wir neben toten Jesiden auch tote Schiiten gesehen. [Anmerkung der IGFM: Auch im Irak ist die Bevölkerung stark entlang von Religions- und Clangrenzen geteilt. Einheimische erkennen an Details der Kleidung und des Dialektes, wer zu welcher Gruppe gehört.]

Die Männer vom IS transportierten uns mit Pickups, pro Wagen etwa zehn Frauen und ihre Kinder noch dazu. Es war unsere Familie und ein paar andere. Bei Checkpoints des IS feuerten die Soldaten vor Freude, dass sie Jesiden gefangen hatten, in die Luft und verteilten Süßigkeiten unter den Kämpfern und Sympathisanten.

In Mossul haben sie uns in eine große Villa gebracht. Am ersten Tag kam ein islamischer Geistlicher zu uns Frauen und hat den Koran verteilt. Die ganze Nacht bis zum Morgen las der Imam aus dem Koran vor. Der Imam beleidigte ständig die jesidische Religion, wir Frauen sollten ihm nachsprechen. Manche weigerten sich, das zu wiederholen. Sie drohten dann unsere Männer zu erschießen, wenn wir nicht mitmachten. Dabei waren unsere Männer schon erschossen. Der Imam dachte, wir wüssten das noch nicht.

„Wenn Du das nicht sagst, dann erschießen wir dich.“

Danach wurden wir zu einer großen Sporthalle gebracht, wo wir 10 Tage blieben. In der Sporthalle waren 2000 Frauen und Kinder. Als erstes haben sie sich ganz freundlich mit uns unterhalten. Sie haben immer versucht uns zum Islam zu bringen, sie wollten uns Koranunterricht geben. Später haben sie unsere Religion beleidigt und wir sollten die Beleidigungen wiederholen. Manche haben das gemacht. Ich hatte mich geweigert. Da kamen zwei Männer, die sagten: ‚Wenn Du das nicht sagst, dann erschießen wir dich. Du musst Deine Religion und Deinen falschen Propheten und Deine Kultur vergessen. Das ist vorbei, das Jesidentum ist Geschichte.‘

Sie haben so viele schwierige Sachen gesagt, z.B. wie genau wir beten sollten. Wir haben alle Bewegungen so gemacht wie sie es verlangt haben. Im Stillen haben wir aber wie wir gebetet. Als sie das mitbekamen, haben sie gesagt, wir müssten immer laut beten. Ständig haben sie uns bedroht.

Als erstes kauften die Männer die sehr hübschen jungen Frauen

Schließlich haben sie uns in Bussen, in die 20 Personen passen, erneut zu einer Villa gebracht. ‚Wenn eine Frau oder ein Mädchen in dieses Haus kommt, so verlässt sie es nicht unverheiratet‘, sagten die Männer. Am Abend kamen Männer, nicht nur aus Syrien und dem Irak, sondern auch aus anderen arabischen Ländern und kauften die Frauen. Als erstes kauften die Männer die sehr hübschen jungen Frauen. Ganz am Anfang wurden 36 sehr hübsche Mädchen ausgesucht und mitgenommen. Diese Mädchen kamen aus Syrien, weil von dort ihre Käufer stammten. Danach kamen ab und zu Käufer, mal nahmen sie 10, mal 20, mal 30 Frauen mit. Zum Schluss nur noch ein oder zwei Frauen.

Die IS-Männer bekamen Geld für uns, das haben wir mit eigenen Augen gesehen. Manche Mädchen haben sich gefügt, manche versuchten, sich zu wehren und wurden mit Gewalt mitgenommen. Manche Frauen wurden schon in der Villa missbraucht, wir haben die Schreie dieser Frauen gehört.

„Einige von ihnen hatten den Verstand verloren.“

Manchmal wurden missbrauchte Mädchen und Frauen auch wieder zurückgebracht. Einige von ihnen hatten den Verstand verloren. Eine Frau hatte erst kürzlich ihren Geliebten geheiratet, sie waren nur vier Monate lang verheiratet, bevor sie verschleppt und missbraucht wurde. Diese Frau ist verrückt geworden. Sie brachten sie zu einem Arzt aber ohne Erfolg. Sie konnte auch nicht mehr in ihrer kurdischen Muttersprache sprechen, nur noch Arabisch.

Ein IS-Kämpfer hat gesagt, er braucht mich, obwohl ich schwanger war und ein Kind hatte. Das war ganz am Schluss, ich war eine der letzten in dem Haus. Ich war so traurig, man hatte meine Freunde und Verwandten mitgenommen. Der IS-Kämpfer hat gesagt, wenn ich nicht seine Frau werde, verkauft er mich nach Syrien an einen Fremden. Ich habe gesagt, ich würde niemals seine Frau werden. Der Kämpfer rief einen Käufer in Syrien an, der sollte am nächsten Tag kommen und mich mitnehmen.

In der Nacht desselben Tages habe ich es geschafft, die Tür meines Zimmers zu öffnen. Die IS-Männer dachten nicht, dass eine Frau es schaffen könnte zu fliehen und schliefen. Wenn die Kämpfer es gemerkt hätten, hätte ich gesagt, dass ich Wasser für mein Kind hole. Die Männer haben so tief geschlafen, dass sie nichts gemerkt haben. Ich nahm Wasser und bin dann mit meinem Sohn geflohen.

„Ich kannte diese Familie vorher nicht. Bei dieser Familie ging es mir so gut!“

Vier bis fünf Stunden lang bin ich nur durch Mossul gelaufen. Ich war sehr müde, ich war ja schwanger und musste meinen Kleinen tragen. Ich lief in den Osten Mossuls. Ich kannte die Stadt nicht, bin aber einfach weitergelaufen. Dann sah ich am Stadtrand einen IS-Kontrollpunkt. Zwischen den Peschmerga-Kämpfern und mir lag nur die IS-Kontrolle. Aber wie sollte ich da durch? Sie durften mich nicht entdecken. Ich habe an eine Wohnungstür geklopft. Ich bat die Bewohner des Hauses mir zu helfen. Ich sagte, dass ich eine jesidische Frau bin, ein Kind habe und schwanger bin. Die Familie war sehr freundlich und hilfsbereit. Es war eine arabische, muslimisch-sunnitische Familie. Sie sagten ‚weil du missbrauchst wurdest und als Jesidin verfolgt wirst, bist du wie unsere Schwester. Wir helfen dir gerne.‘ Ich kannte diese Familie vorher nicht. Bei dieser Familie ging es mir so gut! Sie nahmen auch Kontakt zu meinem Bruder auf. Ich habe mich sicher gefühlt. Als ich zu dieser Familie kam, hatte ich volles Vertrauen zu ihnen.

Nach drei Tagen habe ich einen Ausweis von einer Muslima aus dieser Familie bekommen, zudem ihre Kleidung. Vor Erbil [im kurdischen Nordirak] lag dieser Kontrollposten des IS. Mein Sohn war krank. Ich erzählte den IS-Männern, dass ich deswegen dringend ins Krankenhaus von Erbil müsste, weil dort eine besondere Behandlung möglich sei. Sie ließen uns [sie selbst und ihren kleinen Sohn] nicht durch. Erst beim zweiten Versuch klappte es.

Beim Checkpoint der Peschmerga riefen wir wieder meinen Bruder an und sagten ihm, dass er uns abholen soll. Bevor mein Bruder kam und mich abholte, sagte der Peschmerga-Kämpfer, ich solle bei der Peschmerga bleiben, weil die Jesiden mich vielleicht nicht mehr bei sich akzeptieren würden, da ich beim IS war. Er wollte, dass ich die Peschmerga unterstütze. Er hat mir seine Telefonnummer gegeben, damit ich ihn anrufen kann, wenn ich bei den Jesiden Probleme habe. Er nannte mich seine Schwester. Sie fragten mich, ob ich meiner Religionsgemeinschaft und meinem Volk vertraue, dass sie auch keine Probleme machen würden. Wenn ich wollte, könnte man mich zu Peschmerga nach Hause bringen und ich hätte dort für immer bleiben können. Ich sagte, dass ich meinen [jesidischen] Angehörigen voll vertraue und gerne zu ihnen zurückgehe. ihre Erlebnisse.

2018-12-15T18:02:34+00:00Donnerstag, November 8, 2018|