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Mexiko: Grauen ohne Grenzen

Mexiko: Grauen ohne Grenzen

Nie wurden im nordmexikanischen Bundesstaat Chihuahua mehr Frauen ermordet als 2010 – Eine Spurensuche

Am 16. Dezember 2010 wurde die Menschenrechtsaktivistin Marisela Escobedo Ortiz in Chihuahua Stadt ermordet. Der Mord geschah nicht in einer dunklen Ecke sondern in aller Öffentlichkeit – auf einer belebten Straße gegenüber dem Regierungspalast des nordmexikanischen Bundesstaates Chihuahua. Die Überwachungskameras des Gebäudes hielten gegen 20 Uhr Ortseit den Mord fest. Per YouTube verbreiteten sich die grausamen Bilder später bis weit über die Landesgrenzen hinaus. Von weitem ist  Marisela Escobedo auf ihnen zu erkennen, wie sie ein Protestplakat in die Höhe reckt. Plötzlich nähert sich ihr ein Mann in heller Hose und dunklem Pullover. Escobedo versucht, über die Straße in Richtung Haupteingang des Regierungspalastes zu flüchten. Doch ihr wesentlich jüngerer Verfolger ist schneller. Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig hat er sie eingeholt. Er zieht eine Waffe und schießt aus kürzester Distanz auf sie. Während Marisela Escobedo tödlich verletzt auf dem Bürgersteig liegen bleibt, springt ihr Mörder in ein anhaltendes weißes Auto und entkommt.

Marisela Escobedo war nicht zufällig zur Menschenrechtsaktivistin geworden. Der grausame Mord an ihrer 16jährigen Tochter Rubi hatte ihrem Leben eine völlig neue Richtung gegeben.

Rubí Marisol Frayre war im August 2008 von ihrem ehemaligen Partner Sergio Rafael Barraza ermordet worden.  Wie Barraza gegenüber der Polizei erklärte, hatte er sie getötet, weil er sie mit einem anderen Mann erwischt hatte. Gleichzeitig wies er der Polizei den Weg zur Leiche Rubis. Schwer verbrannt fand man Rubi schließlich in einem Müllcontainer der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez.

Der anschließende Prozess gegen den Hauptverdächtigen brachte im April 2010 ein  skandalöses Urteil: Freispruch des Hauptverdächtigen. Das Gericht wollte die wiederholten Geständnisse Barrazas gegenüber der Polizei nicht akzeptieren, da bei ihnen kein Verteidiger anwesend gewesen sei.  Barraza wurde auf der Stelle freigelassen und ist seitdem untergetaucht. Der Mörder von Rubi ist bis heute ein freier Mann, obwohl ein Gericht  nach öffentlichem Aufruhr das Urteil in zweiter Instanz für ungültig erklärte und ihn zu 50 Jahren Haft verurteilte.

Marisela Escobedo bereiste seitdem das Land, um gegen dieses Unrecht zu protestieren. Dazu schloss sie sich der Organisation “Justicia para nuestras hijas” (Gerechtigkeit für unsere Töchter) an. In ihr haben sich Verwandte der Opfer zusammengeschlossen. Auf ihrer Homepage zählt die Organisation jede einzelne ermordete Frau in Chihuahua auf und veröffentlicht Fotos von ihnen. Das Grauen soll so Gesichter erhalten.

Nach Angaben von “Justicia para nuestras hijas” war Marisela Escobedo eine von 446 allein im Jahr 2010 ermordeten Frauen im nur 3,4 Einwohner zählenden Bundesstaat Chihuahua. Dies entspricht einem Frauenmord alle 20 Stunden. Seit Beginn der Aufzeichnungen war 2010 damit das Jahr mit den bei weitem meisten Morden an Frauen überhaupt. 2009 hatte die Organisation “nur” 194 Frauenmorde registriert, 2008 war Rubi eine von 79 weiblichen Mordopfern (siehe Tabelle).

Wie dramatisch hoch diese Zahlen sind, zeigt ein internationaler Vergleich. Der Internetseite “feminicidio.net” zufolge wurden in ganz Peru  im selben Jahr 117 Frauen getötet – bei der fast zehn mal so vielen Einwohnern.

Schauplatz von rund drei Vierteln der tödlichen Delikte im Bundesstaat war – wie im Falle Rubis – die 1,2 Millionen Einwohner zählende Grenzstadt Ciudad Juarez. Mit insgesamt 3.100 Morden 2010 kann sich die Stadt auch allgemein mit dem Titel der gefährlichsten Stadt der Welt “schmücken”. Akademiker sprechen resignierend von einer “mordernen Nekropolis”.

Die Mordfälle von Marisela Escobedo und Rubi sind in vielerlei Hinsicht typisch für die Frauenmorde in Nordmexiko. Sie erhalten viele der Zutaten eines tödlichen Cocktails. Die tief verwurzelte Macho-Kultur, nach der Rubis Mörder den Anblick seiner ehemaligen Freundin mit einem anderem Mann nicht aushalten konnte, das völlige Versagen der Justiz, die einen Mörder trotz erdrückender Beweise erst freisprach, dann verurteilte und seitdem nicht in der Lage ist, ihn dingfest zu machen und schließlich der Mord an Marisela Escobedo als “Strafe” dafür, dass sie auf das Martyrium ihrer Tochter aufmerksam machte.

Felipe de Jesus Ruiz von der Menschenrechtsorganisation “Comisión de Solidaridad y Defensa de los Derechos Humanos” (Cosyddhac, Kommission für Solidarität und Verteidigung der Menschenrechte) vermag nicht zu erklären, warum die Situation in Chihuahua ausgerechnet 2010 so eskaliert ist. Der einfach gekleidete Mittfünfziger klingt etwas verzweifelt, wenn er von den Gründen erzählt, aus denen Frauen ermordet werden. Wie viele andere Menschenrechtler spricht er von “Feminiziden”. Darunter versteht er Morde, bei denen der “blanke Hass auf das weibliche Geschlecht und die Verachtung von Frauen” ein wichtiges Motiv ist.

Im Gegensatz zu vielen ermordeten Männern hätten Frauen nur selten direkt mit dem organisierten Verbrechen oder dem Drogenhandel zu tun. Meist würden sie wie Rubi Opfer von häuslicher Gewalt, wagten es wie Marisela Escobedo, öffentlich gegen Ungerechtigkeit zu protestieren, oder aber sie würden als Lustobjekte auf dubiosen Feiern von Drogenkartellen missbraucht.

Gerade bei letzteren Fällen gebe es ein gewisses Muster. Die Opfer, so Ruiz, seien meist relative unabhängige Frauen, die in den “Maquiladora”-Fabriken nahe der US-Grenze arbeiten. Viele Opfer stammten aus den südlichen Provinzen und seien -weit von ihren Familien entfernt- auf sich allein gestellt. Oft seien sie alleinerziehende Mütter. Diese Mischung aus Selbstbestimmtheit und Entwurzelung mache sie für die Kriminellen zur leichten Beute. Aufgrund ihrer meist eher liberalen Einstellungen, ließen sie sich leicht auf Partys einladen, die häufig mit sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen endeten. Da in weiten Teilen Chihuahuas der Drogenhandel und das organisierte Verbrechen statt des Staates regierten, sei es für die Täter oft weniger gefährlich, die Frauen zu ermorden, als sie freizulassen. Ruiz berichtet von grausamen Methoden, mit denen die Mörder Spuren verwischten. So sei es gängige Praxis, Frauenleichen in Säure aufzulösen. Als er dies erzählt, hat Ruiz fast Tränen in den Augen.

An Öffentlichkeit in der nationalen und internationalen Presse hat es den ermordeten Frauen von Chihuahua in den vergangenen Jahren nicht gemangelt. Genauso wenig an grosspurig angekündigten staatlichen Initiativen zum Ende der Straflosigkeit und zur Erziehung der Bevölkerung zu einem respektvollen Umgang der Geschlechter miteinander. Die Frage bleibt dennoch, warum all dem zum Trotz die Situation der Frauen in Chihuahua immer schlimmer wird.

Felipe de Jesus Ruiz schiebt die Hauptlast auf die staatlichen Institutionen. Drogenhandel und organisiertes Verbrechen hätten die Regierung des Bundesstaates, die Armee und vor allem die lokale und kommunale Polizei infiltriert. So sei nicht immer klar zu erkennen, wer eigentlich der Aufklärer und wer der Verbrecher sei.

Dazu komme die absolute Autoritätshörigkeit der staatlichen Institutionen. Ein deutliches Beispiel dafür bietet ein Besuch bei der Frauenbehörde des Staates Chihuahua, dem “Instituto Chihuahuense de la Mujer”. Auf das Problem der “feminicidios” angesprochen, wies ein Vertreter der Behörde dem Autor gegenüber überschwänglich darauf hin, dass trotz allem Schrecken der Frauenmorde der neue Gouverneur Cesar Duarte von der langjährigen Staatspartei PRI ein echtes Interesse an einem Wandel dieser Situation habe. Überhaupt sei es ein wahrer Segen für Chihuahua, den großartigen Gouverneur Cesar Duarte zu haben. Auf verschiedene Fragen wusste der junge Mann im Anzug nur die Antwort, Cesar Duarte werde alles zum Besseren wenden.

Offenbar will niemand am gutbezahlten Ast sägen, auf dem er sitzt. Woher das Geld kommt, ist meist nicht genau nachzuvollziehen. Da wundert es nur wenig, da Fortschritte bei der Aufklärung der “feminicidios” auf der Strecke bleiben. Diese sind mehr als nur ein blutiger Fleck auf der Regierungsweste. Die staatlichen Behörden müssen eine Mitschuld an den eklatanten Verletzung des Rechtes auf Leben der Frauen ankreiden lassen. Bisher fehlt es ihnen an Mitteln – und leider oft an politischem Willen, ihrer Schutzpflicht gegenüber den Frauen nachzukommen.

Sowohl der Mörder von Marisela Escobedo als auch der Mörder ihrer Tochter befinden sich weiter auf freiem Fuß. Immerhin aber ist die Gesellschaft aufgewacht. Tausende Menschen gingen mehrfach auf die Straße und forderten ein Ende des Martyriums der Frauen. Die Regionalregierung von Chihuahua reagierte und suspendierte die drei Richter, die Rubis Mörder freigesprochen hatte.

Das Morden auf der Straße geht jedoch weiter. Laut “Justicia para nuestras hijas” sind im Januar 2011 erneut 32 Frauen Opfer von “femicidios” geworden – dies sind sieben mehr als im Januar des “Rekordjahres” 2010.

Sebastian Grundberger (IGFM)
Sebastian Grundberger M.A. studierte Politikwissenschaft und Geschichte Lateinamerikas in Eichstätt und Valparaiso, Chile. Nach beruflichen Stationen u.a. in Spanien und dem Nahen Osten arbeitet er derzeit als freier Journalist und Autor. Im November und Dezember 2010 bereiste er als Mitglied einer IGFM-Delegation Mexiko in Zusammenarbeit mit dem Auslandsbüro Mexiko der Konrad-Adenauer-Stiftung.