/Nasrin Sotoudeh schreibt aus dem Gefängnis an ihren Sohn

Nasrin Sotoudeh schreibt aus dem Gefängnis an ihren Sohn

Die Menschenrechtsverteidigerin Nasrin Sotoudeh (rechts) vor der erneuten Inhaftierung mit ihrem Sohn Nima und Tochter Mehrave.

Nasrin Sotoudeh schreibt aus dem Gefängnis an ihren Sohn

Die Rechtsanwältin Nasrin Sotoudeh ist die bekannteste Menschenrechtsaktivistin im Iran. Sie ist Trägerin des Sacharows-Preises des Europäischen Parlaments für die geistige Freiheit und Mitglied im Kuratorium der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte. Am 13. Juni 2018 wurde die Mutter von zwei Kindern verhaftet und in das berüchtigte Evin-Gefängnis in Teheran eingeliefert.

In ihrer Abwesenheit, ohne ihr Wissen und ohne Möglichkeit zur Verteidigung ist sie zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Anklage ist nicht bekannt. Sicherheitskräfte und Justiz weigern sich, Urteil und Urteilsbegründung auszuhändigen oder konkrete Vorwürfe gegen sie zu benennen. Ihr Ehemann, der Menschenrechtler Resa Khandan, wurde am 4. September 2018 verhaftete und ist dort ebenfalls inhaftiert. Die IGFM setzt sich für die sofortige Freilassung von Nasrin Sotoudeh und Resa Khandan ein. Nachstehend veröffentlichen wir einen Brief, den Nasrin Sotoudeh an ihren Sohn gerichtet hat. Weitere Informationen zum Leben und Wirken der Menschenrechtsanwältin finden Sie hier.

Martin Lessenthin

Mein geliebter Sohn Nima,

Ich weiß nicht, wie ich den Brief beginnen soll? Kann ich den Beginn Deiner Schule ignorieren und Dir sagen, lieber Nima, ohne mich und Deinen Vater, es ist nichts Schlimmes geschehen und dieses Jahr ist auch wie alle anderen Jahre? Und bitte lerne fleißig, erledige Deine Aufgaben, sei ein guter Junge bis wir wieder aus dem Gefängnis sind?
Aber mein lieber Nima, ich hasse es als Mutter Dir all das zu erzählen. Mit welchem Recht will ich Dich dazu bringen, zu denken, es wäre Dir lieber gewesen, überhaupt keine Mutter zu haben. Du hast in Deinem kurzen Leben bis jetzt einiges wegen uns mitgemacht, Deine Ängste und Sorgen über Ungerechtigkeiten des Seins, Unsicherheiten, ob Du mich besuchen darfst. Wenn es so wäre, hätte ich als Mutter die Freiheit, mich für den Kampf um Menschenrechte und Gerechtigkeit zu kümmern. Aber ich schäme mich dafür, dass ich so etwas denke und all das schreibe ich Dir als Mutter.
Aber mein Nima, wie könnte ich die Hinrichtungen der Jugendlichen in meinem Land sehen und schweigen? Wie könnte ich den Kindermissbrauch und die Kindermisshandlungen in unserem Land sehen, dabei meine Augen schließen und neben Dir mit gutem Gewissen schlafen? Damit ich Dir Deinen Schulranzen geben und Dich mit Deinem Vater bis zur Schule begleiten? Mein Sohn, ich könnte es nicht und das ist meine Schuld!
Hier gibt es kein Recht oder Gerechtigkeit und mein Beruf als Rechtsanwältin ist verhasst. Die Rechtsanwälte sitzen im Gefängnis. Und in diesen Tagen denke ich im Gefängnis an Dich, Deine Einsamkeit und an Deine Schwester Mehrave, die uns so viel Glück und Erfolg gebracht hat und jetzt unsere Rolle, die Rolle von Vater und Mutter, die im Gefängnis sitzen, übernimmt und Dich beschützt!
Ich schenke Dir meine liebenden Tränen aus dem Gefängnis, damit die enorme Last der Ungerechtigkeit dieser schrecklichen Zeit, etwas erträglicher für Dich wird.
Tausend Küsse, da ich Dich lange nicht gesehen habe!

Teheran, Evin Gefängnis, Mamma

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