Patenschaften für rumänische Jugendliche

Die IGFM-AG Fulda fördert in der rumänischen Region Brăila durch ein Schulpatenprojekt die Bildung Heranwachsender, deren Eltern als Tagelöhner kaum über die Runden kommen. Sie unterstützt dort nicht nur notleidende Familien, sondern auch Menschen mit Behinderungen und alte Menschen. Jedes Jahr reist eine Delegation nach Rumänien, um sich von den Fortschritten zu überzeugen und neuen Bedarf festzustellen. Lesen Sie im Folgenden den Bericht der Arbeitsgruppe über ihren Besuch im Herbst 2024. Foto links: 8. Abschlussklasse der Scoala Primară in Gabrielescu im Kreis Braila/Rumänien. Foto rechts: Zu Besuch bei der Familie von Rodica Ali.
Schulbesuch als Chance fürs Leben
Von Johannes Näder
Durch Patenschaften der IGFM-Arbeitsgruppe Fulda können rumänische Jugendliche die höhere Schule besuchen, statt wie ihre Eltern für Tagelohn aufs Feld zu gehen.
Als wir die achte Klasse der Volksschule im ostrumänischen Dorf Gabrielescu betreten, stehen 21 Mädchen und Jungen auf, treten neben ihre Stühle und begrüßen uns einstimmig. Wir blicken in freundliche, aufmerksame Gesichter. Auf diese 14- oder 15-Jährigen wartet in den nächsten Monaten eine Entscheidung, die ihr Leben prägen wird. Denn nach acht Jahren endet die Volksschule und ihre Zukunft liegt vor ihnen: Wollen sie KFZ-Mechaniker werden, als Hotelfachkraft oder in der Lebensmittelindustrie arbeiten, vielleicht sogar ein Informatik- oder Medizinstudium anstreben?
Wir fragen, wer von ihnen im nächsten Jahr eine der Oberschulen des Landkreises in der fünfzig Kilometer entfernten Großstadt Brăila besuchen will, und es gehen 21 Hände nach oben. All diese Jugendlichen möchten gerne weiter lernen und einen höheren Schulabschluss erwerben. Etwa die Hälfte von ihnen strebt das Abitur an, die anderen träumen von einer Ausbildung an einem Berufskolleg. Während sie uns von ihren Zukunftsplänen berichten, verraten uns ihre Blicke: Sie alle haben eine Vorstellung davon, welche Bedeutung dieser Schritt für ihren weiteren Lebensweg hat.
Ohne weiterführende Schule bleibt nur die Arbeit als Tagelöhner
Doch für einige von ihnen sieht die Lebensentscheidung in Wirklichkeit ganz anders aus, genau wie für viele andere bedürftige Kinder in den Dörfern der kargen Bărăgan-Tiefebene um Brăila, wo wir als IGFM-Arbeitsgruppe seit 25 Jahren Hilfsprojekte durchführen. Können sich diese Mädchen und Jungen den Besuch der Sekundarschule leisten oder müssen sie als Tagelöhner zum Familieneinkommen beitragen? Bis zu 250 Euro verdient eine 15-Jährige im Monatsmittel durch das Hüten und Melken von Ziegen oder Kühen. Kann die Familie dieses zusätzliche Geld entbehren, um der Tochter einen Berufs- oder Schulabschluss zu ermöglichen und dadurch die Chance auf ein besseres Leben? Oder ist die Not der Familie so groß, dass jeder Zuverdienst unbedingt gebraucht wird – für Feuerholz, Strom und Lebensmittel für die jüngeren Geschwister?
Nach dem Besuch in der Klasse lädt uns der junge Schuldirektor Liviu Bucur ein, in seinem Büro Platz zu nehmen. Er hat die Leitung der Schulen in Gabrielescu und den beiden Nachbardörfern erst im vergangenen Jahr übernommen und kennt die Gemeinde gut, denn er ist selbst hier aufgewachsen. Bucur bestätigt eine Situation, die wir aus anderen Dörfern der Region kennen: Auf mehrere der Achtklässler wartet nach dem Schuljahr körperliche Arbeit statt Lernen. Die Gründe sind überall ähnlich: Stark gestiegene Lebensmittel- und Energiepreise, Einkommensausfälle durch Missernten und Wegfall von Arbeitsmöglichkeiten, oft auch Schicksalsschläge wie Krankheit oder Tod eines Elternteils.
Weil die abgelegene Gemeinde nicht an das öffentliche Busnetz angeschlossen ist, muss sie Schulbusse anmieten und einen Eigenbeitrag verlangen: Fünfzig Euro kostet die Fahrt zur weit entfernten Oberschule monatlich für jeden Schüler – fast so viel wie das staatliche Kindergeld beträgt. Für Familien mit einem Monatsverdienst von wenigen hundert Euro sind diese Kosten kaum zu stemmen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sichert jedem das Recht auf eine Schulausbildung zu, aber für einige Jugendliche aus Gabrielescu und ähnlich abgelegenen Dörfern dieser Region droht die Einlösung ihres Anspruchs an den Kosten für den Schulbus zu scheitern.
Wir wollen verhindern, dass Zukunftspläne junger Menschen scheitern
Wir treffen Direktor Bucur heute zum ersten Mal und haben sofort den Eindruck, dass er genau weiß, was er für die Mädchen und Jungen seines Heimatortes erreichen möchte, und dass er seine Aufgabe mit Zielstrebigkeit und Zuversicht angeht. Höflich bedankt er sich für die vier Videoprojektoren, die wir aus Fulda mitgebracht haben, denn im neuen, mit EU-Förderung errichteten Schulgebäude fehlt es noch an jeglicher Ausstattung. Aufmerksam macht er sich Notizen, als wir unsere Arbeit und unser Schulpaten-Projekt vorstellen. Damit unterstützen wir Jugendliche, deren Schulbesuch nach der achten Klasse durch die Not ihrer Familie gefährdet ist, mit 60 Euro monatlich. Ganz bewusst ist diese Hilfe nicht an Bestleistungen, sondern an soziale Faktoren gebunden. Wir erwarten nur den regelmäßigen, engagierten Schulbesuch und wünschen uns halbjährliche Schulberichte.
22 Jugendliche unterstützen wir momentan auf ihrem Weg zum Berufsschulabschluss oder Abitur, außerdem zwei Studenten. Schulleiter, Schulsozialarbeiter, Pfarrer und die Leiterin der Brăilaer Stiftung „Lumina“ sind unsere langjährigen Vertrauenspersonen, die die Region gut kennen und uns Kinder aus Familien in besonderen Notlagen vorschlagen. Durch dieses Netzwerk vor Ort können wir junge Menschen in Not vor dem vorzeitigen Ende ihrer Schullaufbahn bewahren.
Auch Direktor Bucur sagt zu, sich bis zum Ende des Schuljahres ein genaues Bild von der wirtschaftlichen Situation seiner Abschlussschüler zu verschaffen und uns einige von ihnen für eine Patenschaft vorzuschlagen. Wir werden dann jeden dieser Jugendlichen und ihre Familien persönlich kennenlernen, um einzuschätzen, ob unsere Hilfe ihnen den Besuch der weiterführenden Schule ermöglichen kann.
Eine Kindheit am Rand der Gesellschaft, ohne Strom- und Wasseranschluss
Durch Pastor Daniel Buzatu kennen wir Familie Dănăilă aus Romanu, deren Sohn Marian seit wenigen Wochen mit unserer Unterstützung die neunte Klasse besucht. Marians Vater findet als Tagelöhner nur im Sommer Arbeit und verdient auch dann nicht mehr als 250 Euro monatlich. Die Familie lebt etwas abseits des Dorfes in bitterer Armut: Um ihre Obdachlosigkeit abzuwenden, hat ihnen der Bürgermeister vor vielen Jahren das renovierungsbedürftige Friedhofshäuschen am Rand des Gottesackers zugewiesen. Wasser- und Stromanschluss gibt es hier nicht. Nur ein einfaches Solarmodul auf dem Dach sorgt dafür, dass es an kalten Herbst- und Winterabenden Licht im einzigen beheizbaren Zimmer gibt, so dass Marian und seine sechsjährige Schwester Daniela ihre Schulaufgaben erledigen können. Kaum eine Behausung, die wir in den letzten Jahren gesehen haben, war ärmlicher als diese. Dass Kinder im Jahr 2024 in einem EU-Mitgliedsland unter solchen Bedingungen aufwachsen müssen, ist kaum zu begreifen.
Im Rahmen unserer Familienhilfe unterstützen wir die Dănăilăs und viele andere Familien mit einer Familienpatenschaft, Lebensmittelpaketen und im Winter mit Brennholz. Mit Blick auf Marians Wunsch, die Schule fortzusetzen, haben wir der Familie bereits im vergangenen Jahr monatlich ein Unterstützungsgeld in Höhe einer Schulpatenschaft ausgezahlt. Eine solche kontinuierliche Hilfe kommt für uns nur in Frage, wenn Eltern ihren Kindern auch über die achte Klasse hinaus den Schulbesuch ermöglichen wollen. Bei Marian hat das geklappt. Durch seinen Wechsel auf eine Hotelfachschule in Brăila hat er den Grundstein gelegt, um später einmal in einem Hotel oder Restaurant arbeiten zu können. Das sichert ihm den Anspruch auf Mindestlohn, Kranken- und Rentenversicherung, den seinen Eltern fehlt. Wir treffen ihn jetzt in den Räumen der Stiftung Lumina, wo er in Zukunft regelmäßig das Unterstützungsgeld direkt ausgezahlt bekommt. So bleiben wir über die Stiftung mit den Jugendlichen in Kontakt und erfahren schnell, falls Probleme auftauchen, die den Schulbesuch gefährden.
Beim jährlichen Treffen mit unseren Patenschülern in der Stiftung „Lumina“ wollen wir uns ein persönliches Bild von ihrem schulischen Fortschritt und ihren Plänen machen. Auch neu vorgeschlagene Jugendliche und ihre Eltern laden wir dorthin ein. Nicht immer ist die Entscheidung für uns leicht, und manchmal müssen wir sie unter Vorbehalt treffen oder verschieben, weil wir nicht sicher sind, ob ein Jugendlicher den Herausforderungen des weiten Schulweges in die Stadt und des Lernens unter schwierigen familiären Bedingungen gewachsen ist.
So war es letztes Jahr bei Familie Ali aus dem weit in der walachischen Tiefebene liegenden Dorf Râmnicelu, von wo aus es keine verlässliche Busverbindung zur Schule im 35 Kilometer entfernten Brăila gibt. Trotz dieser Widrigkeit versicherte uns der 15-jährige Sohn Andrei Bogdan, nach dem Abschluss der achten Klasse auf die Berufsschule in Brăila wechseln zu wollen wie seine um ein Jahr ältere Schwester Alexandra. Unklar blieb aber, wie beide den Schulbesuch angesichts der Entfernung vom Wohnort dauerhaft gewährleisten wollten. Nachdem es im letzten Jahr nicht gelang, mit der Familie eine tragfähige Lösung zu finden, mussten wir die Entscheidung über Alexandras Aufnahme ins Schulpaten-Programm zunächst verschieben, unterstützten die Familie aber auf anderem Wege.
Auf unsere Frage, was ihnen am meisten fehlt, macht die Mutter Rodica mit einer Geste und wenigen leise gesprochenen Worten klar, dass ihr die hohen Lebensmittelpreise jeden Tag Sorge bereiten – besonders im Winter. Ohne unsere jährlichen Brennholzlieferungen müsste sie entscheiden, ob ihre Kinder frieren oder hungern sollen. Für Tagelöhnerarbeit im Stall stellt ihr ein Bauer aus dem Dorf eine ärmliche Bleibe mit zwei Zimmern und gibt ihr zusätzlich etwa 100 Euro monatlich. Solche Abhängigkeiten und schweren Notlagen erleben wir immer wieder, besonders bei Familien, bei denen ein Elternteil fehlt, sei es durch Tod oder Trennung.
Im harten Alltag der Familie Ali ist es ein Lichtstrahl, dass Andrei Bogdan den Schulwechsel geschafft hat und nun eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker macht. Der junge Mann hat im Moment vor allem eine Sorge: Wie soll er sich den Zirkelkasten leisten, den er für das technische Zeichnen an der Berufsschule braucht? Wir drücken ihm noch vor Ort einen kleinen Schein für Schulmaterialien in die Hand, die er für sich und seine Geschwister kaufen soll.
Auch Alexandra hat das Jahr gemeistert: Als wir sie am nächsten Tag vor der Stiftung „Lumina“ wiedersehen, kommt sie gerade von der Nachmittagsschule – eine selbstbewusste junge Frau, die von ihren Mitschülern kürzlich zur Klassensprecherin gewählt wurde. Wir sind erleichtert, dass die Familie eine Lösung für den Schulweg finden konnte: Für Alexandra, deren Unterricht jeden Tag bis zum späten Nachmittag dauert, hat die Mutter ein WG-Zimmer in Brăila angemietet, in dem bei Schwierigkeiten mit der Busverbindung auch Andrei Bogdan übernachten kann. Da wir beide Geschwister nun dauerhaft in das Patenschaftsprogramm aufnehmen, erhalten sie zusammen 90 Euro monatlich und können so die Miete stemmen. Auch ein gebrauchtes Notebook stellen wir den beiden gemeinsam zum Lernen zur Verfügung, so wie den meisten Schulpatenkindern.
Ein Arbeitslaptop, eine monatliche Unterstützung für den Schulbesuch und die Sicherheit, dass unsere Hilfe auch im nächsten Jahr kommen wird – manchmal braucht es nicht viel, damit sich jungen Menschen aus bitterarmen Verhältnissen die Perspektive auf eine bessere Zukunft eröffnet.
Ein Beitrag für ein Leben in Würde
Auch in diesem Jahr besuchen wir fast zwei Dutzend Not leidende Familien aus Brăila und Umgebung. Einige von ihnen kennen wir schon seit langem, andere stellt uns Pastor Buzatu vor, weil sie gerade vor einer existenziellen Herausforderung stehen. Die Menschen, denen wir begegnen, gewähren uns oft Einblick in ihre erschütternden Wohnverhältnisse und erzählen uns in wenigen Sätzen von ihrer Lage.
Wie schmal der Grat zwischen Armut und dem Absturz einer ganzen Familie in die Katastrophe ist, steht uns vor Augen, als wir das Haus der Familie Dumitru in Cotu Lung sehen. Kurz nach dem Tod der kranken Großmutter haben Regenfälle dazu geführt, dass eine der Lehmwände nachgegeben hat – in der Wand klafft jetzt ein türgroßes Loch, und die Zimmerdecke hängt schräg im einzigen Wohnraum. Die Familie musste das einstürzende Haus zehn Tage vor unserem Besuch fluchtartig verlassen, Kinderkleidung auf der Wäscheleine und zurückgelassenes Spielzeug zeugen davon.
Wir treffen die junge Mutter Daniela dreißig Kilometer von Brăila im Dorf Gulianca, zusammen mit einem der drei Kinder und einer ihrer beiden Schwestern, die aufgrund einer geistigen Beeinträchtigung im Alltag auf Hilfe angewiesen sind. Die Familie ist dort bei zwei betagten Frauen untergekommen, die sie für umgerechnet 140 Euro monatlich auf ihrem Grundstück wohnen lassen, zumindest über den Winter. Wohnen ist auch in Rumänien teuer geworden, selbst 40 Kilometer von der Stadt entfernt, und fast unerschwinglich für Eltern, die als Schafhirten von der Hand in den Mund leben.
Auch wenn die Familie für den Augenblick ein Dach über dem Kopf hat: Ihre Lage bleibt zutiefst prekär. Wie lange Familie Dumitru die hohe Miete aufbringen kann, wie lange die alten Frauen die sieben Personen bei sich dulden, wie es für sie im nächsten Jahr weitergeht – all das ist ungewiss. Wir unterstützen die Familie daher im Rahmen einer Familienpatenschaft mit den von Fuldaer Familienpaten liebevoll gepackten Hilfspaketen.
Für die vierzig ärmsten Familien, darunter auch die von Daniela Dumitru, wollen wir zudem im Dezember wieder einhundert Raummeter Brennholz durch die beiden Pastoren ausfahren lassen. Angesichts der Energiepreise ist das eine wichtige Entlastung in besonderen Notlagen, gerade auch für alleinstehende Senioren, deren schmale Rente nicht für Lebensmittel, Strom und Heizkosten reicht. Wir wollen verhindern, dass die von uns unterstützten Menschen dem rumänischen Winter mit seinen oft zweistelligen Minusgraden mittellos ausgesetzt sind. Bei jedem unserer Familienbesuche wird uns aufs Neue bewusst: Die Hilfe unserer osthessischen Familien- und Brennholzpaten ist ein wichtiger Beitrag, damit bedürftige Familien und alte Menschen in einer der ärmsten Regionen Europas in Würde leben können.
Bericht vom 03.12.2024