FÜR DIE MENSCHENRECHTE – Mitteilungen an Freunde und Förderer, Nr. 04 – Mai 2026

Russland: Kevin Lick – ehemaliger politischer Gefangener

Kevin Lick, 20 Jahre alt – ehemaliger politischer Gefangener 

Arsenij Turbin, Jegor Balaseikin und andere junge Häftlinge benötigen weiter unseren Beistand 

„Hier wird es für Dich nicht einfach sein!“ So begrüßte der Direktor des Straflagers Welsk im Nordwesten Russlands Kevin Lick, als er am 23. Juni 2023 seine Haftstrafe antrat. Am 11. April 2026 berichtete er vor der IGFM-Jahresversammlung als Zeuge schwerer Menschenrechtsverletzungen und appellierte, die vielen anderen jungen politischen Gefangenen in Russland nicht zu vergessen. 

Kevin Lick, geboren in Montabaur/Westerwald, zog mit seiner alleinstehenden russischen Mutter im Alter von 12 Jahren in ihre Heimat nach Maykob in Südrussland in der Nähe des Schwarzen Meeres und wohnte dort in einer Hochhaussiedlung mit unmittelbarem Blick auf einen Militärstützpunkt. Die ein- und ausfahrenden Militärfahrzeuge interessierten ihn, und er fotografierte sie. Als 2021 Gerüchte aufkamen, dass Russland die Ukraine angreifen könnte, teilte er die Fotos im Internet. Es meldete sich bei ihm ein Mann, der sich als Mitarbeiter der deutschen Botschaft vorstellte und ihn aufforderte, die Fotos mit ihm zu teilen. Kevin erkannte nicht, dass dieser Mann in Wirklichkeit ein Mitarbeiter des russischen Inlandgeheimdienstes FSB war und ihn in eine Falle gelockt hatte. Seine Mutter, Krankenschwester mit Physio-Ausbildung, wollte wieder zurück nach Deutschland, weil sie wegen ihres deutschen Sohns im Krankenhaus gemobbt wurde und bei einem Lohn von umgerechnet 150 Euro keine Aufstiegs- und Entwicklungschancen sah. Am Tag der geplanten Ausreise wurden Kevin und seine Mutter auf dem Weg zum Flughafen in Sotschi von Beamten des FSB angehalten. Kevins Mutter wurde für zehn Tage eingesperrt, und diese Zeit nutzte der Inlandsgeheimdienst FSB zur Beweissicherung und beschlagnahmte um die 700 Aufnahmen von dem Militärgelände. Gegen Kevin wurde Anklage wegen Landesverrats erhoben und damit begründet, dass er Fotos einer Militäreinheit an eine fremde Macht weitergeben wollte. Sein „Fall“ erregte große Aufmerksamkeit, war er doch mit 17 Jahren minderjährig und der Jüngste, der je in Russland mit einer solchen Anzeige verfolgt wurde.  

Weil die Gefängnisverwaltung keine Erfahrung im Umgang mit einem Minderjährigen hatte, zumal noch mit deutschem Pass, musste er die ersten zwei Monate seiner  Untersuchungshaft in Einzelhaft unter unhygienischsten Bedingungen erleiden. Er wurde danach mehrfach in andere Zellen verlegt und dort durch Mitgefangene bedroht. Zwei russische Ex-Soldaten, die in der Ukraine gekämpft hatten und von der Anklage erfuhren, wiegelten andere Gefangene auf, Kevin zu bestrafen. Er wurde mehrere Tage verprügelt, sogar brennende Zigaretten wurden auf seiner Hand ausgedrückt. Nach monatelangen Ermittlungen fällte das Gericht am 27. Dezember 2022 das Urteil: vier Jahre Straflager, zu verbüßen im Lagerkomplex Welsk 2.500 Kilometer entfernt vom Wohnort seiner Mutter im Nordwesten Russlands. Während des Transports dorthin über einen Zeitraum von mehr als einem Monat mit Zwischenstatíonen in diversen Gefängnissen, lernte er das brutale Kastensystem kennen, das die Beziehungen zwischen den kriminellen Gefangenen regelt mit einer Kaste der Unberührbaren – die meisten wegen Kindesmissbrauch und anderer Sexualverbrechen verurteilt – , einer Kaste von Handlangern und der „Männerkaste“, die bestimmen und Gefängnisbeamte korrumpieren. Der Alltag im Straflagerkomplex Welsk war unter anderem von einem internen „Katalog der 500 Regeln“ bestimmt, dessen Missachtung selbst kleinster Delikte wie das unvorschriftsmäßige Grüßen eines Wärters mit Karzer bestraft wurde. Es handelte sich um ein Zwangsarbeitslager und Kevin wurde der Näherei zugeordnet. Wegen Rohstoffmangels gab es allerdings nicht viel zu tun, also wurden die Insassen beschäftigungslos weggesperrt, was Kevin dazu nutzte, Schulbücher zu lesen, die ihm seine Mutter geschickt hatte. Die Mahlzeiten waren eintönig: morgens, mittags, abends Griesbrei auf Wasserbasis, dazu Brot – und mittags im Brei eingerührten, zumeist rohen Fisch mit Innereien. Weil bei Kevin Unterernährung festgestellt worden war, hatte er Anspruch auf eine tägliche Zusatzration von 20 Gramm Fleisch, die es in der Regel nicht gab. 

Kevin konnte im Zuge eines internationalen Gefangenenaustauschs nach einer Gesamthaftzeit von 17 Monaten am 27. Juli 2024 das Straflager verlassen. Am 1. August kam er in Haftkleidung und mit geschorenen Haaren in Deutschland an. Er geht inzwischen in die 12. Klasse eines Gymnasiums, ist ein sehr guter Schüler und wird nächstes Jahr Abitur machen. 

Auf diese Weise freizukommen, darauf können die etwa 130 minderjährigen politischen Gefangenen, die der IGFM bekannt sind, in Russland nicht hoffen. Dazu fehlen ihnen die Voraussetzungen wie eine doppelte Staatsangehörigkeit und das damit verbundene internationale Interesse. Wir können ihr Leben in der Haft erleichtern helfen, indem wir ihnen schreiben und ihnen Mut machen, wir ihren Eltern helfen, damit sie ihre Kinder in den entfernten Gefängnissen besuchen können, indem wir Kontakt mit ihren Anwälten halten und sie bei Eingaben unterstützen, und vor allem, indem wir immer wieder über sie berichten und politische Paten für sie finden, damit sie nicht in Vergessenheit geraten, und ihr Name vielleicht doch einmal auf einer Austauschliste genannt wird. Den Wortlaut des vollständigen Interviews (ca. 20.000 Zeichen mit Bildern und Grafik) schicken wir Ihnen gerne auf Anfrage per E-Mail. 

Um das Schicksal der politischen Gefangenen in Russland – insbesondere der jungen Gefangenen – nachhaltig mitverfolgen zu können, beschäftigt die IGFM zwei Mitarbeiter. Um diese Stellen dauerhaft halten zu können und die Angehörigen zu unterstützen, erbitten wir Ihre Spende.

Dieser Artikel wurde publiziert in der  Mai 2026-Ausgabe der Zeitschrift ‚Für die Menschenrechte‘

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