Sergej Tichanowski

Am 29. Mai 2020 wurde Tichanowski während einer Wahlkampfveranstaltung in Hrodno festgenommen und zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Juni 2025 wurde er aus der Haft entlassen. Photo: Uladz Hrydzin
Frei: Sergej Tichanowski – Blogger, Präsidentschaftskandidat, politischer Gefangener
Sergej Tichanowski wurde am 18. August 1978 in Gomel geboren. Er ist Unternehmer und Videoproduzent. Seine Firma „Compass“ produzierte u. a. Werbeclips für prominente Künstler in Russland und der Ukraine. Im März 2019 startete er seinen YouTube-Kanal „Strana Dlia Zhisni“ („Land fürs Leben“), auf dem er offen soziale Missstände, Korruption und die Politik Alexander Lukaschenkos kritisierte. Innerhalb kurzer Zeit erreichte der Kanal Hunderttausende Zuschauer. Der belarusische Blogger wurde am 29. Mai 2020 während einer Wahlkampfveranstaltung in Hrodno festgenommen. Am 22. Juni 2025 wurde er freigelassen und konnte nach Litauen ausreisen.
Nach seiner ersten Festnahme im Mai 2020 verweigerte die Wahlkommission seine Registrierung als Präsidentschaftskandidat. Daraufhin trat seine Ehefrau Swetlana Tichanowskaja bei der Wahl an – und wurde zur Hauptkonkurrentin Lukaschenkos. Nach der gefälschten Wahl und den darauffolgenden Massenprotesten musste sie das Land verlassen. Das Ehepaar hat zwei gemeinsame Kinder.
Festnahme und Verurteilung
Der Auslöser der Festnahme war eine offenbar inszenierte Provokation: Nachdem eine Frau ihn bedrängt hatte und Tichanowski sich ihr entzog, beschuldigte sie ihn vor Ort anwesenden Polizisten. Als diese ihn festnehmen wollten, wurde er von Unterstützern geschützt. In der Auseinandersetzung kam ein Polizist zu Fall – ein Vorfall, den die Behörden später als „organisierte Massenunruhen“ auslegten. Noch am selben Tag wurde Tichanowski brutal von OMON-Spezialeinheiten festgenommen.
Am 8. Juni 2020 erhob die belarusische Generalstaatsanwaltschaft Anklage gegen Tichanowski und sechs weitere Personen gemäß Artikel 342 Absatz 1 des Strafgesetzbuches („Organisation von Massenunruhen“). Später kam die Anklage nach Artikel 191 hinzu („Behinderung der Durchführung von Wahlen“).
Am 14. Dezember 2021 wurde Sergej Tichanowski vom Regionalgericht Gomel zu 18 Jahren Haft in einer Strafkolonie mit verschärftem Regime verurteilt. Beobachter werten das Urteil als politisch motiviert und repressiv. Der Prozess fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
Kein Kontakt zur Außenwelt
Tichanowski befandt sich seit 2020 in Haft. Zunächst in der Untersuchungshaftanstalt Zhodino, später in der Strafkolonie Nr. 3 in Gomel. Seit 2022 war er incommunicado: weder Anwälte noch Angehörige haben Zugang zu ihm. Monatelang gab es keine verlässlichen Informationen über seinen Gesundheitszustand. Briefe, Pakete und medizinische Versorgung wurden ihm verweigert. Berichten zufolge wurde ihm selbst warme Kleidung im Winter vorenthalten. Auch aus dem Gefängnis selbst gab es keinerlei Lebenszeichen.
Sergej Tichanowski ist einer der bekanntesten politischen Gefangenen in Belarus. Sein Fall steht exemplarisch für die systematische Repression gegen die Zivilgesellschaft und die Opposition unter Lukaschenko. Er saß eine lange Haftstrafe ab – nur weil er öffentlich Missstände ansprach und sich für ein demokratisches Belarus engagierte. Seit Juni 2025 ist er frei.
Stand: Juni 2025

Swetlana Tichanowskaja mit einem Foto ihres Mannes. Foto: www.tsikhanouskaya.org


