Sonderbrief aus Aleppo

Zivilisten fliehen aus dem Viertel Sheikh Maqsud in Aleppo, nachdem sie von Truppen des syrischen Machthabers Al-Sharaa beschossen wurden. Aufgrund der plötzlichen Bevölkerungsbewegungen und der niedrigen Temperaturen wird eine humanitäre Krise befürchtet.
Syrien
Die Bevölkerung in Aleppo blickt in ein Inferno,
aber sie hält durch
Eine Kontaktperson vor Ort schickte uns diesen Sonderbrief aus Aleppo:
Diesen Brief schreibe ich aus der Hölle des Krieges, der seit vier Tagen in Aleppo wütet.
In unserer Stadt gibt es zwei Stadtviertel, die unter der Kontrolle der kurdischen Kräfte stehen: Achrafieh und Scheikh Maksoud. In diesen beiden Vierteln leben Hunderttausende von Menschen aller Ethnien und Religionen. Die Christen von Aleppo nennen das Viertel Scheikh Maksoud Jabal el Saydeh (der Hügel Unserer Lieben Frau). In diesem Viertel lebt eine sehr bedürftige christliche Gemeinschaft.
Diese beiden Viertel haben während des Krieges enorm gelitten. Seit Dezember 2024 hat sich die Situation zwischen den kurdischen Kräften und der Regierungsarmee verschlechtert, mit Phasen der Beruhigung, gefolgt von Spannungen.
Am 10. März 2025 wurde in Damaskus ein Abkommen zwischen der syrischen Regierung und den Verantwortlichen der kurdischen Autonomie unterzeichnet. Abgesehen von der Situation der beiden Viertel von Aleppo sah dieses Abkommen einen Prozess zur Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Parteien in der nordöstlichen Region Syriens vor, die ebenfalls von kurdischen Kräften kontrolliert wird. Das Abkommen enthielt einen Plan, der bis zum 31. Dezember 2025 umgesetzt werden sollte. Leider wurde dieses Abkommen nicht umgesetzt.
Seit mehreren Wochen kam es in Aleppo zu Kämpfen, die jedoch durch Waffenruhen immer wieder gestoppt wurden. Doch seit Montag, dem 5. Januar 2026, und bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich diesen Brief schreibe, haben sich die Kämpfe intensiviert und vor allem eine massive Vertreibung der Bevölkerung aus den beiden Vierteln verursacht. Schreckliche Szenen von Menschen, die umherirren, ohne zu wissen, wohin sie gehen sollen: Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer verlassen unaufhörlich die beiden Viertel. Der Beschuss mit Granaten hört weder bei Tag noch bei Nacht auf. Die Stadtviertel, die an die Kampfgebiete grenzen, sind schwer getroffen.
Die Schulen und Universitäten, mitten in der Prüfungszeit des Semesters, sind auf unbestimmte Zeit geschlossen. Das Leben ist lahmgelegt. Eine echte Ausgangssperre hüllt die Stadt in Stille und Angst… Eine dunkle Nacht legt sich über die Herzen der Bewohner. Es ist ein Grauen, als ob 14 Jahre Krieg, Sanktionen und Erdbeben nicht genug wären. Als wäre diese Stadt verflucht. Als wären die Straßen von Aleppo nach Blut dürstend… Als würde sich der Horror endlos vervielfachen. Warum müssen Aleppo und seine Bewohner ein solches Schicksal erleiden? Bis wann? Wann wird der Horizont des Friedens zur Realität? Wir haben keine Kraft mehr für Widerstand oder Resilienz. Wir haben Angst und wir fragen uns: Bis wann?
Ich teile mit euch einige Worte eines jungen Arztes, der mir aus dem Universitätskrankenhaus, wo er als Praktikant arbeitet, seine Gefühle mitteilt:
„Im Herzen des Universitätskrankenhauses von Aleppo… verängstigte Gesichter… Ein besorgtes Personal, das sich fragt, ob der Weg nach Hause befahrbar ist… Erschöpfte Patienten, ohne Medikamente und ohne Geld… Ein Exodus und eine Entwurzelung, die den Weg zur Ankunft säumen, eine eisige Kälte, die das zusammenpresst, was von den Schlägen eines müden Herzens übrig ist… Und wir sagen weiterhin: Es gibt Hoffnung…“
Ein Projektpartner vor Ort teilte uns am 9. Januar 2026 mit, dass sich die kurdischen Truppen aus Aleppo zurückgezogen haben und sich die kriegerische Situation etwas entspannt hat, doch die erneuten Zerstörungen nach einer kurzen Phase der Erholung hat viele Menschen traumatisiert, auch weil sie nicht wirklich an einen stabilen Frieden unter der neuen Regierung glauben.
Frankfurt am Main, 15. Januar 2026