Welchen Preis muss das Volk zahlen?

Mohsen Kornelsen, Pastor iranischer Herkunft, appelliert angesichts der katastrophalen Lage im Iran an Bundeskanzler Friedrich Merz.

Kommentar

23. April 2026

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrter Herr Bundesminister,

ich schreibe Ihnen als Pastor iranischer Herkunft, der in Deutschland Zuflucht gefunden hat und heute
in einer deutschen Kirche dienen darf. Zugleich begleite ich viele persischsprachige Menschen
innerhalb und außerhalb der Kirche, insbesondere Geflüchtete, die nicht nur Schutz suchen, sondern
auch Würde, Hoffnung und eine Zukunft in Sicherheit.

In meinem seelsorgerlichen Dienst begegne ich täglich Menschen, die tiefe innere Wunden tragen.
Viele von ihnen haben Verfolgung, Angst, Gefängnis, Gewalt, den Verlust ihrer Heimat und die
Zerstörung ihrer Lebensperspektive erfahren. Dennoch halten viele an der Hoffnung fest, dass eines
Tages Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde auch für das iranische Volk Wirklichkeit werden.
Mit großer Sorge blicken viele Iranerinnen und Iraner auf die Möglichkeit politischer Vereinbarungen
zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten. Die Sorge richtet sich dabei nicht allein auf
diplomatische Entwicklungen an sich, sondern vor allem auf die Frage, welchen Preis das leidende
Volk am Ende dafür zahlen muss.

Viele Menschen im Iran fürchten, dass mögliche Abkommen oder Verhandlungen nicht der Freiheit
und Würde der Bevölkerung dienen, sondern in erster Linie ein System stabilisieren könnten, das sie
seit Jahrzehnten unterdrückt. Für die leidenden Menschen wäre dies nicht einfach eine politische
Enttäuschung. Es wäre ein tiefer Schlag gegen ihre letzte Hoffnung auf Veränderung.

Gerade darin liegt eine ernste Gefahr, die aus meiner Sicht auch Europa und insbesondere Deutschland
beachten sollten: Wenn die Menschen im Iran den Eindruck gewinnen, dass die internationale Politik
zwar mit dem Staat verhandelt, aber das Volk vergisst, dann werden viele ihre Hoffnung auf ein Leben
in Freiheit im eigenen Land verlieren. Und wenn Hoffnung stirbt, wächst die Bereitschaft zur Flucht.
Viele würden ihre Heimat nicht verlassen, weil sie sie nicht lieben, sondern gerade weil sie keine
Zukunft mehr in Würde und Freiheit für sich und ihre Kinder sehen. Ein politischer Weg, der die
Sehnsucht des iranischen Volkes nach Freiheit nicht ernst nimmt, könnte daher neue große
Fluchtbewegungen auslösen. Die Folgen wären nicht nur für den Iran selbst tragisch, sondern auch für
Europa in humanitärer, gesellschaftlicher und politischer Hinsicht von großer Bedeutung.#

Als Pastor und Seelsorger bitte ich Sie deshalb, diese menschliche und moralische Dimension bei allen
politischen Bewertungen ernst zu nehmen. Es geht nicht nur um Sicherheit, Stabilität und Diplomatie.
Es geht um Menschen. Es geht um Mütter und Väter, um junge Menschen, um Familien, die sich
nichts sehnlicher wünschen als ein Leben ohne Angst, ohne Unterdrückung und ohne ständige
Demütigung.

Aus christlicher Sicht glauben wir an Frieden, Versöhnung und Barmherzigkeit. Aber wir glauben
auch, dass wahrer Friede nicht auf Kosten der Gerechtigkeit entstehen darf. Wo Freiheit und
Menschenwürde missachtet werden, kann äußerliche Ruhe nicht zu einem heilenden Frieden werden

Ich bitte Sie daher eindringlich, bei allen politischen Überlegungen zum Iran die Stimme und das
Schicksal des leidenden Volkes nicht zu übersehen. Wenn die Hoffnung der Menschen auf Freiheit
enttäuscht wird, drohen nicht nur Verzweiflung und inneres Zerbrechen, sondern auch eine neue Welle
der Flucht.

Deutschland und Europa sollten alles daransetzen, dass politische Prozesse nicht nur
Machtverhältnisse ordnen, sondern auch der Würde, Freiheit und Zukunft der Menschen dienen. Nur
dann kann verhindert werden, dass noch mehr Menschen gezwungen werden, ihre Heimat zu
verlassen.

Mein Anliegen ist kein Ruf nach Hass, nicht nach Rache und nicht nach weiterer Gewalt. Es ist ein
Appell zur Verantwortung, zur Wahrhaftigkeit und zur Menschlichkeit. Die Menschen im Iran dürfen
nicht übergangen werden. Ihre Freiheit darf nicht zum Nebenthema politischer Vereinbarungen
werden.

Möge Gott uns die Weisheit schenken, Frieden zu suchen, ohne das Leid der Menschen zu übersehen,
und so zu handeln, dass Hoffnung nicht zerstört, sondern bewahrt wird.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Mit freundlichen Grüßen
Pastor Mohsen Kornelsen
Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG)
Landesverband Bayern

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