FÜR DIE MENSCHENRECHTE – Mitteilungen an Freunde und Förderer, Nr. 10 – November 2025
Syrien – Benachteiligten Minderheiten die Hand reichen

Die 17-jährige syrische Schülerin Aaliya F. schöpft wieder Hoffnung: Nach Flucht und bitterer Armut während des Bürgerkriegs fühlt sie sich nun im syrischen Aleppo doppelt „angekommen“: Mit Ihrer Unterstützung konnte die IGFM die Fortsetzung des Nachhilfe-Unterrichts garantieren. So hat sie nach jahrelanger Pause den Schulstoff aufgeholt, um nun wieder dem regulären Unterricht folgen zu können. Sie soll es einmal besser haben als ihre Eltern, die nur sehr wenig Schulbildung erhalten haben.
Bedingt durch eine schwere Erkrankung des Vaters sorgt ihre Mutter allein für den Unterhalt der Familie, die mit dem spärlichen Lohn nur sehr knapp über die Runden kommt. Die Eltern unterstützen aber Aaliya in ihrer Entscheidung, einen ordentlichen Schulabschluss anzustreben, auch mit Blick auf eine weiterführende Ausbildung. Auch Ihre Hilfe trägt dazu bei, sie anzuspornen, da dies für sie ein Zeichen der Solidarität ist, wie der Mitbegründer der „Blauen Maristen“ aus Aleppo, der Arzt Dr. Nabil Antaki am 1. Oktober 2025 in einer E-Mail berichtet. Weiter schreibt er: „Vielen Dank für Ihre kontinuierliche Unterstützung. Wir sind sehr dankbar für Ihre Freundschaft“. Die „Blauen Maristen“ sind eine Gruppe von Brüdern der katholischen Ordensgemeinschaft sowie Freiwilligen, die mit ihnen verbunden sind.
Die Angehörigen von Minderheiten wie der Christen haben solchen Beistand in dieser Zeit bitter nötig. Sie blicken auf ein Jahr der Schrecken zurück: Zunächst verübten im März Dschihadisten ein Massaker an Hunderten Alawiten. Schließlich kamen am 22. Juni bei einem Sprengstoffanschlag in der griechisch-orthodoxen Mar-Elias-Kirche in Damaskus-Tabbalah mehr als 20 Menschen ums Leben und 63 weitere wurden verwundet. In der mehrheitlich von Drusen bewohnten Provinz Suwaida kam es im Juli zu Auseinandersetzungen mit sunnitischen Beduinen, woraufhin Mitglieder der syrischen Streitkräfte Partei gegen die Drusen ergriffen und Massenmorde an dieser ethno-religiösen Minderheit verübten.
Am 5. Oktober 2025 fanden die ersten Wahlen nach Jahrzehnten einer grausamen Diktatur und eines blutigen Bürgerkriegs statt. Beobachter sprechen von „gesteuerten“ Parlamentswahlen, da Komitees über die Zusammensetzung der Volksvertretung bestimmen. Die Besetzung eines Drittels bestimmt zudem Präsident Ahmed al-Scharaa, von 2012 bis 2016 Führer der dschihadistischen Al-Nusra-Front. Die Verbrechen, die er zu verantworten hatte, bleiben bislang ungesühnt.
Nur zwei Tage nach der Wahl reiste der Präsident des Internationalen Rates der IGFM, Erzbischof Professor Thomas Schirrmacher, zusammen mit IGFM-Generalsekretär Matthias Böhning nach Syrien. Sie erfuhren dort unmittelbar von der Stimmung vieler Angehöriger religiöser Minderheiten: Die Gesprächspartner hegen wenig Hoffnung auf Teilhabe am verfassungsgebenden Prozess. In mehreren Gebieten Syriens, die von Drusen und Kurden kontrolliert werden, war die Abstimmung verschoben worden; ihre insgesamt 19 Sitze bleiben vorerst unbesetzt. Währenddessen können Präsidialdekrete nur mit einer Zweidrittelmehrheit aufgehoben werden. „Das ist eine Farce“ – mit diesen Worten machten die Gesprächspartner ihrem Ärger Luft. Christen beklagten sich über häufige Hassdelikte, die sie einschüchterten und bedrohten, ob durch herabsetzende Social-Media-Beiträge, Stimmungsmache in Pamphleten oder direkte Angriffe auf der Straße und in alltäglichen Begegnungen. Da sie zu Bürgern zweiter Klasse herabgestuft werden, verdrängt Zukunftsangst allmählich jeglichen Hoffnungsschimmer.
Wie begegnen die „Blauen Maristen“ dieser Stimmung? „Wir lassen diese Sorgen nicht unseren Weg bestimmen“, antwortet Dr. Antaki. „In Solidarität mit den Ärmsten leben, um Leid zu lindern, Menschlichkeit zu fördern und Hoffnung zu säen“ – so lautet ihr Motto. Beharrlich und unverdrossen geht daher ihr Einsatz für die Hilfsbedürftigen aller Altersgruppen weiter. Seit der Niederschlagung des „Arabischen Frühlings“ 2011 unterstützt die IGFM in Syrien die humanitäre Hilfe dieser Initiative, seit diesem Jahr auch zugunsten junger Menschen wie Aaliya F. bei der Fortsetzung ihrer Schulbildung, die für viele Familien unerschwinglich ist. Bereits mit einem Beitrag von 100 Euro können die „Blauen Maristen“ einem jungen Menschen im Rahmen ihres Bildungsprogramms eine Zukunftsperspektive ermöglichen. Die Nachfrage ist groß: Die IGFM möchte weiteren 60 Kindern und Jugendlichen auf diese Weise helfen.
Mit Ihrer Spende unterstützen Sie diesen Einsatz in einer schwierigen Zeit des Umbruchs.
Dieser Artikel wurde publiziert in der November 2025-Ausgabe der Zeitschrift ‚Für die Menschenrechte‘
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