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Welche Christen werden verfolgt?

Welche Christen werden verfolgt?

Christen sind nicht gleich Christen.

In den Augen mancher islamischen Extremisten sind alle Christen gleichermaßen „Feinde des wahren Glaubens“. In der Praxis ist die Lage verschiedener christlicher Gruppen in ein und demselben Land in der Regel aber sehr verschieden – im selben Land kann es Verfolgung und (relative) Freiheit geben. Das Bild zeigt eine islamistische Hetzgrafik aus Ägypten. Ganz links ist der koptisch-orthodoxe Papst Tawadros II mit Kreuz zu sehen, daneben der römisch-katholische Papst Franziskus. Auf dem Schriftzug ist ein Teil von Sure 9, Vers 36 zitiert „Ihr sollt die Götzendiener ohne Ausnahme bekämpfen“. Das Bild stammt vom „Islamischen Staat Ägypten“, der dort nach wie vor aktiv ist.

Verfolgung und Freiheit: Zur selben Zeit im selben Land

Erstaunlicherweise kann die Situation innerhalb eines Landes zur selben Zeit außerordentlich vielgestaltig sein. Das liegt in manchen Fällen an größeren regionalen Unterschieden, wie zum Beispiel zwischen den Verhältnissen in größeren Städten und auf dem Land, an verschiedenen ethnischen Zusammensetzungen, verschiedenen Provinzregierungen oder anderen örtlichen Gegebenheiten. Das macht verallgemeinernde Angaben zur Situation von Christen schwierig.

In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, leben Christen in den nördlichen Bundesstaaten als sehr stark benachteiligte Minderheit unter Scharia-Recht. Sehr viele der dortigen Christen wurden zudem eingeschüchtert, bedroht und angegriffen. Islamische Extremisten töteten tausende Christen (und Muslime) seit der Einführung des islamischen Rechtes, der Scharia, in den nördlichen Bundesstaaten Nigerias. Doch die Mehrheit der Christen in Nigeria lebt nicht in diesem Umfeld, sondern traditionell in überwiegend christlich geprägten Bundesstaaten oder auch in Gebieten, in denen die Mehrheit der christlichen und muslimischen Einwohner zur selben Ethnie gehört und es bedeutend weniger Spannungen gibt. Alle nigerianischen Christen als verfolgt zu betrachten, (und zu zählen) wäre daher eine grobe Verzerrung des Gesamtbildes.

Flüchtlinge: Frei oder verfolgt?

Das Beispiel Nigeria verdeutlicht ein weiteres Problem: Hunderttausende nigerianische Christen sind in den vergangenen Jahren vor der heftigen Verfolgung durch die islamistische Miliz „Boko Haram“ (etwa: „westliche Bildung ist Sünde“) und andere Islamisten aus dem Norden Nigerias geflohen. Sehr viele von ihnen leben nun – unter oft sehr prekären Umständen – im Süden des Landes in den Regionen mit christlicher Bevölkerungsmehrheit, wo sie uneingeschränkte Religionsfreiheit genießen. Wahrscheinlich werden sie dort auf Dauer bleiben. Sollten Menschen nun als „frei“ betrachtet werden, weil sie seit Jahren effektiv in Freiheit leben – oder als „verfolgt“, weil Verfolgung sie aus ihrer Heimat vertrieben hat?

Ausländische „westliche“ Christen

Mitteleuropäer genießen in vielen Ländern Privilegien gegenüber einheimischen Christen. Das gilt sowohl in Diktaturen wie China als auch in Ländern, die vom Hinduismus oder Buddhismus geprägt sind – und es gilt sowohl für Touristen aus dem Westen als auch für Mitarbeiter international tätiger Unternehmen. In vielen muslimischen Ländern existieren Kirchen verschiedenster Konfessionen, in denen ausländische Christen relativ große Freiheit genießen – ausgenommen vom Recht auf Mission. Die einheimischen Christen können diese Kirchen jedoch vielfach nicht aufsuchen – zum einen wegen der Sprachbarriere, zum anderen, weil sie Repressalien fürchten. Diese „Vorzugsbehandlung” für Christen aus westlichen, also wohlhabenden und potentiell einflussreichen Ländern existiert selbst in Staaten, in denen andere Christen z. T. hochgradig diskriminiert oder sogar verfolgt werden. Abweichungen von dieser Regel sind selten, besonders deutlich sind sie in Saudi-Arabien, das trotz sogenannter Reformen nach wie vor das Recht auf Religionsfreiheit (und viele anderen Rechte) offen und rigoros missachtet.

Christliche Arbeitsmigranten

Ganz anders ist die Situation von christlichen Arbeitsmigranten, die oft aus den Philippinen, Äthiopien, Eritrea und aus christlichen Ethnien Afrikas stammen. Anders als westliche Touristen und Arbeitskräfte werden sie in einer Reihe islamisch geprägter Staaten grundlegender Rechte beraubt und zum Teil wie Arbeitssklaven ausgebeutet. Allerdings gilt das in denselben Ländern zum Teil auch für muslimische Arbeitsmigranten, z. B. aus Afghanistan, Pakistan und Indien. Am stärksten entrechtet werden – soweit bekannt – christliche Frauen, die in Staaten auf der Arabischen Halbinsel neben körperlicher Misshandlung auch in besonderer Gefahr stehen, sexuell missbraucht zu werden.

Einheimische, alteingesessene christliche Minderheiten

Konfliktvermeidung: Keinerlei missionarische Aktivitäten
Die einheimischen Christen und Kirchen werden innerhalb eines Landes zum Teil sehr unterschiedlich behandelt. Besonders deutlich wird das in den zentralasiatischen Republiken, die aus der ehemaligen Sowjetunion hervorgegangen sind. In Usbekistan und Kasachstan, Turkmenistan und Tadschikistan stehen die kleineren einheimischen Konvertiten-Gemeinden unter massivem Druck, sowohl durch die Staatssicherheit als auch durch islamische Eiferer. Die große Mehrheit der einheimischen Christen wird dagegen wegen ihres Glaubens praktisch nicht behelligt. Denn: Diese große Mehrheit der einheimischen Christen stellen ethnische Russen, aber auch Ukrainer, Armenier und andere europäische Minderheiten die dort als einheimische ethnische Minderheiten leben. Sie gehören überwiegend orthodoxen, missionarisch völlig inaktiven Gemeinden an. Pauschal von „Christenverfolgung” in diesen Ländern zu sprechen, wäre zu undifferenziert.

Geld zählt
Ein weiterer wichtiger Faktor ist Geld: Christen aus sehr reichen Familien haben es in Ländern wie Ägypten in Einzelfällen sogar geschafft, in Generals- und Ministerränge aufzusteigen. Gleichzeitig gibt es neben christlichen auch muslimische Müllsammler und einheimische, muslimische Nubier, die möglicherweise noch stärker diskriminiert werden als die christlichen Kopten – ganz zu schweigen von den muslimischen, aber schwarzafrikanischen Flüchtlingen aus dem Sudan oder aus Eritrea.

Nicht-traditionelle Bekenntnisse

Christliche Kirchen und Gemeinden, die nicht seit Jahrhunderten in einem Land verwurzelt sind, haben oft mit erheblich größeren Schwierigkeiten zu kämpfen als die alteingesessenen Kirchen. Ein wesentlicher Faktor dafür ist oft ihre missionarische Arbeit. Die Behörden mancher Länder legen Pfingstgemeinden, Evangelikalen und anderen sehr dynamischen Gruppen vielfach große bürokratische Hürden in den Weg oder verweigern unverhohlen die offizielle Genehmigung zur Gründung neuer Gemeinden. Viele solcher Gemeinden werden durch den Sicherheitsapparat des jeweiligen Landes überwacht. Das Ziel ist es dabei wohl vor allem, Evangelisation zu behindern und das Wachstum der Gemeinden zu verhindern.

Einige einheimische Kirchen sind in ihren Ländern gesellschaftlich annähernd bedeutungslos, werden aber trotzdem von der Regierung mit größtem Argwohn betrachtet. Ein Beispiel dafür sind die Zeugen Jehovas in Russland, die dort angeblich die nationale Sicherheit gefährden und verboten wurden. Über die tatsächlichen Gründe dafür kann man nur mutmaßen. Fest steht, dass die Zeugen Jehovas kein Interesse an einer Nähe zur Regierung hatten, wie es die russische orthodoxe Kirche tut. Die Zeugen Jehovas eigneten sich nicht dazu, für die nationalistische Linie der Regierung benutzt zu werden, sie pflegten intensive Kontakte ins Ausland und ließen sich anscheinend weder kontrollieren noch einschüchtern. Das Verbot der Zeugen Jehovas ist damit auch eine Drohung an die übrigen kleineren Kirchen im Land.

Ehemalige Muslime und Konvertitengemeinden

In islamisch geprägten Ländern ist die Situation von Konvertiten, also Christen mit einem muslimischen Familienhintergrund, mit Abstand am härtesten, sieht man von Christen in Bürgerkriegsgebieten ab. Die Zahl der Konvertiten ist unbekannt – sie kann auch nicht ermittelt werden, da viele Konvertiten ihren Glauben sogar vor ihren eigenen Familienangehörigen verheimlichen. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ist die Zahl christlicher Konvertiten aber vermutlich immer sehr klein. Da sie aber in der Regel am schwersten leiden, verdienen sie es, dass ihre Lage näher betrachtet wird.

Ihr Glaube wird nicht als private Angelegenheit betrachtet, sondern als Verrat am Islam und als Schande für die Familie. Konvertiten, deren Glaubenswechsel entdeckt wird, drohen schlimmste Sanktionen – von Schlägen bis hin zu Mord. In Ländern ohne funktionierende soziale Sicherungssysteme und in patriarchal geprägten Gesellschaften mit ihren Vorstellungen von „Ehre” und „Schande” ist ein (Über-)Leben ohne Familie insbesondere für Frauen kaum vorstellbar. Der Fairness halber muss gesagt werden, dass diese Vorstellungen von „Ehre” und „Schande” auch von vielen Christen geteilt werden. Auch Christen, die sich entschließen, Muslime zu werden, leiden unter Sanktionen durch ihre Familie – ebenfalls bis hin zum Mord.

Christliche Konvertiten werden in den meisten muslimischen Ländern nicht „nur” diskriminiert – sie werden verfolgt. Zuerst oft von den eigenen Angehörigen, obwohl auch Misshandlungen und Morde durch staatliche Sicherheitsorgane und durch nichtstaatliche Extremisten immer wieder berichtet werden. Männer haben in gewissem Rahmen eine Chance, vor ihren Angehörigen zu fliehen. Für Frauen ist das fast ausgeschlossen. Im kulturellen Kontext von „Ehre” und „Schande” wird von der übrigen Familie und – sofern die Konversion bekannt wurde – auch von der Nachbarschaft erwartet, dass der Vater bzw. der Ehemann das „abgefallene” Familienmitglied wieder zurück zum „wahren Glauben” bringt. Gelingt das nicht, so verlieren Vater, Ehemann oder die ganze Familie das Gesicht.

Dieser gesellschaftliche Zwang ist sehr viel stärker, als es sich die meisten Europäer vorstellen können. Für christliche Konvertitinnen, die ihrem neuen Glauben nicht überzeugend abschwören, auch durch Teilnahme an islamischen Riten wie den Pflichtgebeten und Ähnlichem, beginnt ein oft jahrelanges Martyrium. Sie werden geschlagen, körperlich und seelisch misshandelt, bis hin zur Folter durch den Ehemann oder die Brüder. Gewalt, vielfache Erniedrigungen und dauerhafte sexuelle Gewalt sind alltäglich.

Der Druck, dem Konvertiten ausgesetzt sind, ist immens, auch wenn er für uns in der Regel nur in Ausnahmefällen sichtbar wird. Verstümmelungen und selbst Verbrennen bei lebendigem Leib für den Übertritt zum Christentum sind aus Nordafrika, dem Nahen Osten und Zentralasien berichtet worden. Häufiger werden solche „Ehrdelikte” aber nicht wegen des Übertritts zum Christentum vollstreckt, sondern wegen anderer angeblicher oder tatsächlicher „Verfehlungen”, z. B. wegen angeblichem oder tatsächlichem Verlust der Jungfräulichkeit vor der Ehe oder der Flucht vor einer Zwangsehe. Ebenso erschreckend wie diese Grausamkeiten sind deren Verharmlosung und ihr beständiges Ignorieren.

Kein Schutz bei einheimischen Kirchen
Die einheimischen Kirchen nehmen Konvertiten nicht auf – würden sie dort entdeckt, hätte das mit großer Wahrscheinlichkeit die Schließung zur Folge. Auf den Entscheidungsträgern der Kirchen ruht die Verantwortung für die kirchlichen Einrichtungen. Sie haben nicht nur Angst vor der Schließung ihrer Liegenschaften, sondern auch vor Verhaftungen durch die Staatssicherheit und vor gewalttätigen Übergriffen, Provokationen und Spitzeln islamischer Extremisten. Solche Sorgen sind keineswegs unbegründet: Zahlreiche gewalttätige Übergriffe auf Kirchen und Häuser von Christen haben ihren Ausgangspunkt darin, dass Muslime Christen wurden, und die Opfer dieser Übergriffe angeblich daran beteiligt waren. Konvertiten finden daher bei den Kirchen keinen Schutz!

Angst ist nicht der einzige Faktor, der das Verhältnis von „neuen” und „alteingesessenen“ Christen belastet. Es ist vielfach auch Unverständnis. Annähernd alle orientalischen Christen, die den örtlichen regionalen Kirchen angehören sind missionarisch völlig inaktiv. Mission gilt den meisten als Bedrohung des ohnehin fragilen Mit- oder Nebeneinanders. Das Unverständnis für Konvertiten und ihren neu gewonnenen, lebhaften Glauben kann enorm sein. Ebenso Vorurteile wie „Einmal Muslim, immer Muslim”. Konvertiten finden sich so oft in verzweifelten Situationen: Den Glauben, in dem sie erzogen wurden, lehnen sie ab. Die christlichen Gemeinden, denen sie sich anschließen möchten, schließen sie aus.

Möglichkeit zum Glaubenswechsel ist Gradmesser für Religionsfreiheit
Von echter Religionsfreiheit kann man nur sprechen, wenn es auch Angehörigen der Mehrheitsreligion ohne Sanktionen möglich ist, offen einen anderen Glauben anzunehmen oder religionslos zu werden. In der großen Mehrheit der islamisch geprägten Staaten ist diese Freiheit noch nicht einmal ansatzweise vorhanden. Die Heuchelei, mit der Vertreter dieser Staaten aber auch Vertreter einiger islamischer Interessenverbände von Religionsfreiheit sprechen, ist in den Ohren der Opfer blanker Zynismus.

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