Übersetzerinnen wegen Kritik verhaftet

Die 27-jährige Marwa Arafa und die 35-jährige Kholoud Said sind professionelle Übersetzerinnen und wurden am 20. und 21. April 2020 in ihren Wohnungen willkürlich verhaftet. Ihr aktueller Aufenthaltsort ist nicht bekannt. Foto: Twitter/privat
IGFM: Salafisten und Muslimbrüder nutzen die Coronakrise für islamistische Agitation
Kairo/Frankfurt am Main, 04. Mai 2020 – Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) schaut besorgt nach Ägypten: Dort rufen Salafisten und Muslimbrüder dazu auf, die gesundheitlichen Anweisungen der Behörden zu ignorieren, weil nur „Ungläubige“ an COVID-19 erkranken würden. In dem nordafrikanischen Land werden während der Coronavirus-Pandemie Menschenrechte sowohl von Religions- als auch von Regierungsvertretern stark eingeschränkt und Kritiker willkürlich verhaftet.
Besonderen Schutz bedürfen während des Ramadans die Kopten. Während des Ramadans kommt es immer wieder vermehrt zu Angriffen auf Cafés oder Einrichtungen, die von Christen betrieben werden. „Ägypten weist seit Jahren eine sehr schlechte Menschenrechtsbilanz auf, doch die aktuellen Vorfälle sind mehr als alarmierend“, erklärt die IGFM. So führe Kritik am Krisenmanagement der ägyptischen Regierung zu immer mehr willkürlichen Festnahmen, wie der aktuelle Fall der Übersetzerinnen Marwa Arafa und Kholoud Said zeige, deren sofortige Freilassung die IGFM mit Nachdruck fordere.
Willkürliche Festnahmen wegen Regierungskritik
Die 27-jährige Marwa Arafa und die 35-jährige Kholoud Said arbeiten als Übersetzerinnen und wurden am 20. und 21. April 2020 willkürlich verhaftet. Ihr aktueller Aufenthaltsort ist nicht bekannt. Kholoud Said, die in der Bibliothek von Alexandria tätig ist, wird der „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, der Verbreitung falscher Nachrichten und der Nutzung einer Webseite mit dem Zweck, ein Verbrechen zu begehen“ bezichtigt. In einigen Facebook-Posts hatte sie kürzlich Artikel verlinkt, in denen die ägyptische Regierung kritisiert wurde. Tamer Mowafy, Marwa Arafas Ehemann, hat eine Online-Kampagne mit dem Hashtag „Where is Marwa Arafa“ gestartet, um herauszufinden, wo sich seine Frau befindet. Laut der Aussage eines Bekannten von Arafa wurde sie am 20. April in Nasr City östlich von Kairo ohne Haftbefehl festgenommen. Außerdem konfiszierten Beamte ihr Handy sowie Bargeld. Ihre offizielle Anklage ist bisher nicht bekannt. Die IGFM beobachtet das Vorgehen der ägyptischen Regierung unter Präsident al-Sisi während der Coronakrise mit großer Sorge. Seit März sind zahlreiche Bürgerrechtler und Kritiker – wie zum Beispiel der Menschenrechtsanwalt Mohsen Bahnasy – willkürlich festgenommen worden, weil sie die Maßnahmen der Regierung zur Bekämpfung der Pandemie öffentlich in Frage gestellt haben.
Muslimbrüder nutzen Krise für eigene Agenda
„Wir haben erfahren, dass Salafisten die ägyptische Bevölkerung dazu animieren, die hygienischen Empfehlungen zu ignorieren und zum Beispiel Lebensmittel abzulecken, da an COVID-19 nur Ungläubige sterben würden“, berichtet die IGFM. Außerdem werde das Virus von einigen Muslimbrüdern als Strafe für das Verbot des Niqab in ägyptischen Behörden und Universitäten gesehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Sicherheitsmaßnahmen lehnen sie unter dem Verweis auf die Religion stringent ab. Die IGFM verweist in dem Zusammenhang auf die Tatsache, dass die Analphabetenrate in Ägypten hoch ist und viele Menschen Fake News nicht durch eigenständige Recherche überprüfen oder hinterfragen können. Gleichzeitig nutzen einige Salafisten die Krise, um aus der Unsicherheit der Menschen finanziellen Profit zu schlagen. So verkaufen sie zum Beispiel Amulette, die die Krankheit heilen sollen. Die Muslimbruderschaft hat eine Social Media-Kampagne gegen die Maßnahmen der Regierung zur Bekämpfung des Coronavirus gestartet. So forderte Bahgat Saber, ein in New York lebendes Mitglied, seine an COVID-19 erkrankten Landsleute Anfang März in einem auf Facebook hochgeladenen Video dazu auf, zu Polizeiwachen, Botschaften, Gerichtsgebäuden und Konsulaten zu gehen und Beamten die Hände zu schütteln. Dadurch solle sich das Volk an der Regierung von Präsident Abdel Fattah Al-Sisi rächen.
Weitere Informationen zu Menschenrechten in Ägypten
www.igfm.de/aegypten/