/Chenar, ehemalige Sklavin des IS, berichtet

Chenar, ehemalige Sklavin des IS, berichtet

Chenar, ehemalige Sklavin des IS, berichtet

Chenars Heimatstadt Shingal liegt in Trümmern – so wie ihr Leben. Sie war Sklavin des „Islamischen Staates“. Heute lebt sie in Deutschland, möchte aber lieber nicht fotografiert werden.

Am 3. August 2014 begann der Islamische Staat (IS) mit einer Offensive im Nordirak auf die Stadt Shingal (auch Şingal geschrieben; arabisch: Sindschar). Tausende Jesidinnen gerieten in die Gefangenschaft der Islamisten. Ihre Brüder, Ehemänner und Väter wurden überwiegend kurz nach der Gefangennahme erschossen. Im Jahr 2016 gewannen kurdische Einheiten die Kontrolle über die Stadt Şingal (arabisch: Sindschar) zurück. In den Trümmern lauern vermutlich noch immer Minen. Sunnitische Einwohner leben nach wie vor oder wieder in der Region. In zahlreichen Fällen hatten sich sunnitische Nachbarn an den Plünderungen, Vertreibungen und Gewalttaten gegen Jesiden, Schiiten und Christen beteiligt. Für Chenar und die meisten anderen ehemaligen Sklavinnen ist eine Rückkehr unter diesen Umständen undenkbar. Chenar hat im Rahmen eines Sonderkontingentes in Deutschland Schutz gefunden. Doch noch immer sind Tausende Frauen und Mädchen in der Hand von Islamisten – es sind vor allem jesidische Sklavinnen, aber auch einige christliche und schiitische.

Lesen Sie Chenars Bericht:
„Ich war 24 Jahre alt und habe drei eigene Kinder, ein Kind wurde vom IS getötet, zwei Kinder sind jetzt bei mir. Einer meiner Brüder war Zeuge, als mein Mann in der Nähe von Mossul mit etwa 200 anderen erschossen wurde; er überlebte schwerverletzt zwischen den Leichen. Er arbeitet jetzt in einem Lager in Suleymania. Ein Bruder ist in einem Flüchtlingslager in Deutschland, drei Brüder – der jüngste war bei der Gefangennahme 10 Jahre alt – sind in den Händen des IS, die anderen sind im Lager Karbatu. Ich war ein Jahr und zwei Monate in den Händen des IS.

Als der IS am 3. August 2014 Shingal angriff, versuchte ich, mit meinen drei Kindern die Shingal-Berge zu erreichen, wir wurden aber gefangen genommen. Bei den IS-Leuten war auch ein [zum Islam konvertierter] Jeside aus Shingal dabei, der uns an den IS verraten hatte. (…)

In dieser Zeit ging es meinem kleinsten Kind, Tulei, sehr schlecht, und ich musste mit ihr zum Arzt. Aber dort saß ein IS-Mann, der mich beobachtete und mir bis nachhause folgte. (…) Am nächsten Tag hat er mich mit meinen drei Kindern nach Rakka gebracht. Dieser Mann hieß Abu Massad und kam aus Tunesien. Er hat mich in eine Wohnung mitgenommen und in einen Raum eingeschlossen und sagte, dass er nach Shingal kämpfen gehe. Er hatte Freunde, die mich überwachten. Vier Monate war ich so in diesem geschlossenen Raum, ohne einmal Licht zu sehen. Meine sechsjährige Tochter hatten sie alleine in einen Raum gesperrt. 21 Tage durfte sie mich nicht sehen und ich nicht zu ihr. Sie hatten ihr gesagt, dass ich sie verstoßen hätte und nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Als sie dann nach drei Wochen aus dem Zimmer gelassen wurde, hat sie mich gehasst, sie hat auf mich eingeschlagen und gebissen. Ich habe versucht, ihr zu erklären, aber sie hörte nicht auf zu schreien. Sie war zu klein, es zu verstehen. (…)

Als Abu Massad aus Shingal wiederkam, verlangte er, dass ich mit ihm schlafe. Doch ich wehrte mich. Er band daraufhin meinen 13jährigen Sohn an sein Auto fest und fuhr davon. Als er nach einiger Zeit wiederkam, war mein Sohn am ganzen Körper verletzt, sein Gesicht hatte tiefe Schürfwunden. Abu Massad drohte damit, ihn zu Tode zu schleifen. Ich musste ihm gehorchen und zu Willen sein. (…)

Abu Massad verlangte, dass ich jeden Tag 10 Suren des Korans auswendig lerne. Damit ich schneller lerne, hat er täglich meine Kinder verprügelt; mich hat er mit den Schuhen geschlagen und dann musste ich seine Füße küssen. In der Zeit, in der ich bei ihm war, lernte ich insgesamt 22 Suren auswendig. Und wenn ich jetzt alleine bin, erwische ich mich hin und wieder dabei, dass ich Suren vor mich her singe; und wenn ich es merke, schäme ich mich, weil ich glaube, meine Religion beleidigt zu haben.

Nach vier Monaten hatte er genug von mir. Er verkaufte mich an Abu Jihad Al-Libi, einen Libyer. Er hat sofort versucht, mich zu vergewaltigen, aber ich gehorchte nicht. Er sagte, dass ich wählen könne: Ich tue, was er will oder er tötet ein Kind. Ohne, dass ich hätte wählen können, verprügelte er mich mit einem Holzknüppel und vergewaltigte mich.

Ich war verzweifelt und habe versucht, einen Dieseltank anzuzünden, damit er explodiert und wir alle sterben, aber Abu Jihad bemerkte das und löschte das Feuer. Er sperrte jedes Kind in einen Raum und vergewaltigte mich wieder und dann schlug er mich wieder mit einem Stock. Ich bat ihn, die Kinder freizulassen. Ihn interessierte nur, dass die kleine Tochter weinte und er deswegen nicht schlafen konnte. (…)

Er ließ mich die Kleine nicht stillen. Er sagte, dass er keinen guten Sex haben könne, wenn ich stille [Chenar weint bei der Schilderung]. Die älteren Kinder hatte er weiter in den Räumen eingeschlossen. Ich flehte ihn an, dass die kleine Tochter wenigstens bei mir schlafen könnte. Aber er nahm das Kind, schloss es in einen Schrank ein und ließ den Schrank bis zum nächsten Morgen zu. Die Kleine weinte und rief ‚Mama, Mama‘. Ich flehte ihn an, das Mädchen freizulassen. ‚Du musst meine Füße küssen und … [verlangte eine sexuelle Abartigkeit] dann lasse ich das Kind aus dem Schrank. Ich habe getan, was er verlangte. Er öffnete den Schrank und das Kind sprang auf meine Brust, saugte etwas Milch und biss sich in meiner Brust fest. ‚Mach dich sauber, und dann kommt es wieder in den Schrank‘, war seine Reaktion. Ich sah, wie die Kleine so durchnässt war, dass die Haut nicht nur wund war, sondern sich an einigen Stellen vom Fleisch gelöst hatte.

Er sagte, dass er weg und seinen Lohn verdienen müsse. Das würde eine Woche dauern. Solange wollte er das Mädchen in den Schrank einsperren. Ich flehte ihn an, dass ich alles mit ihm und für ihn tun würde. ‚Bist Du bereit, einen Jesiden zu töten?‘ Ich war verzweifelt und sagte, dass ich dazu bereit wäre, wenn er das Kind leben ließe. Er warf es in ein Zimmer und verriegelte es. Durch ein Loch in der Wand sollte ich das Kind sehen können, aber ich konnte die Kleine nicht erreichen. Ich rief den Nachbarn, einen Türken, um eine Lösung zu finden, das Mädchen sauberzumachen.

Doch ihm war es egal ‚Wir haben nichts mit Euch zu tun‘, war seine Antwort. Und die Kleine rief ständig weiter nach mir. Als sie schon den dritten Tag in dem Zimmer eingesperrt war, ohne etwas zu essen und zu trinken zu bekommen, habe ich mit meiner älteren Tochter versucht, den Riegel aufzuschieben, aber da war ein weiterer Riegel. Ich schaffte es, durch einen kleinen Spalt etwas Wasser hinzuhalten, aber die Kleine trank nicht und griff auch nicht nach dem Reis, den ich ihr zugeschoben hatte. Die Kleine hatte schon die Gesichtsfarbe gewechselt. Schließlich bäumte sie sich auf und griff doch nach dem Reis, der sich schon mit Kot und Dreck vermischt hatte.

Dann kam Abu Jihad zurück. Er öffnete den Raum und sah das eingeschmutzte Kind und seinen Zustand. Ich durfte das Kind waschen. Doch dann nahm er es mir wieder ab und steckte es in den Schrank. Ich musste mich waschen und duschen, und dann fiel er wieder über mich her. Und danach sagte er, dass er mich ins Kampfgebiet mitnehmen wolle. „Gib mir vier Tage, dann komme ich mit“, sagte ich. Ich sah keinen Sinn mehr, hatte Angst und beschloss, mich und die Kinder umzubringen. Ich gab jedem Kind einen Becher mit Heizöl und Tabletten. Doch den Kindern geschah nichts, nur mir wurde schlecht und schwindelig.

„Das Leben Deiner Kinder ist nichts wert, sie sind die Kinder eines Ungläubigen.“

An diesem Tag erhielt Abu Jihad Besuch von Abu Massad. Vorher riss er meinem Sohn die Kleidung vom Leib und zerrte ihn in die Toilette und drückte ihn hinein; mein kleines Mädchen schloss er wieder in den Schrank. Zu Abu Massad sagte ich klare Worte, was für ein Unmensch Abu Jihad sei. Daraufhin droht er, mir meine sechs Jahre alte Tochter Angie wegzunehmen und zu verkaufen. Er ging zur Toilette und urinierte auf den Kopf meines Sohnes. Dann kam er zurück und verlangte Beischlaf. Er holte Angie, meine ältere Tochter; sie sollte auf einem Stuhl sitzen mit erhobenen Händen. Doch Angie schlief ein, die Hände fielen herunter. Er schlug das Mädchen; es musste bis zum nächsten Morgen so sitzen.

‚Das Leben Deiner Kinder ist nichts wert, sie sind die Kinder eines Ungläubigen. Wenn ich Deine Tochter töten darf, mache ich Dich zu meiner Königin’. Er wollte mich mitnehmen in seine Heimat und seiner Familie vorstellen. Ich sollte neben seiner Mutter sitzen dürfen und Hausherrin werden. ‚Du bist Muslima, Du hast nichts mehr mit ihnen zu tun. Du bist nicht mehr ihre Mutter. Darum kann ich sie jederzeit töten. Sie sind kein Verlust. Wenn ich das Mädchen töte, gehe ich ins Paradies‘. Die Kleine steckte er wieder in den Schrank. Die beiden anderen Kinder sperrte er wieder getrennt in Zimmer ein. ‚Bitte, lass das kleine Mädchen frei, ich habe Deine Füße geküsst, ich bin wegen Dir Muslima geworden. Muslime dürfen keine Kinder töten. Alles, was Ihr im Koran geschrieben habt, danach lebt Ihr nicht‘, sagte ich. (…)

Er zwang mich, mit nach Shingal zu gehen und die Kinder allein zu lassen. Er besorgte eine Kalaschnikow für mich und schickte mich an die Front, gegen Jesiden zu kämpfen. Sieben Tage waren die Kinder allein, dann kehrten wir nach Telafar zurück. Die kleine Tulei hatte nur noch schwachen Pulsschlag. Die beiden anderen Kinder hatten irgendetwas zu essen gefunden; sie waren schwach, aber sie reagierten.

Ich nahm die kleine Tulei fest an meinen Körper und habe laut geweint und warf Erde nach ihm. Daraufhin entriss er mir das Kind und tauchte es mit dem Kopf zweimal in einen Bottich mit Wasser. Er schlug mit der Faust brutal auf das Kind ein, bis ein Augapfel platzte. Dann warf er das sterbende Kind mit Wucht auf den Boden. Er kümmerte sich nicht weiter darum und sagte, ich solle ihm einen Kaffee machen. ‚Wie kann ich Kaffee machen, während mein Kind stirbt?‘

‚Wenn es tot ist, beerdige ich es hier in diesem Haus und keiner fragt danach. Es ist Allahs Wille, nun ist es kein Kind eines Ungläubigen mehr.‘ Ich lief auf die Straße und schrie heraus, was Abu Jihad getan hat. Ein Ägypter war bereit, als mein Zeuge auszusagen, ich erstattete Anzeige und Abu Jihad wurde festgenommen. Aber er brachte drei Zeugen, die auf Allah schwörten, dass das Kind die Treppe heruntergefallen sei. Er kam frei. …“ (…)

Opfer des „Islamischen Staates“ (IS) brauchen Hilfe

Chenar leidet, wie viele Opfer des IS, immer noch jeden Tag. Sie ist von dem, was sie selbst erlitten hat, schwer traumatisiert. Es ist aber vor allem die Sorge um diejenigen, die noch immer in der Hand der Islamisten sind, die Chenar und ihre Leidensgefährtinnen an den Rand er Verzweiflung bringen.

2018-12-15T18:26:47+01:00Freitag, November 2, 2018|