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Syrien

Nach dem Machtwechsel sieht sich Syriens christliche Minderheit durch gezielten Druck, Eigentumskonflikte und mangelnden staatlichen Schutz in ihrer Existenz bedroht. Foto: Great Mosque of Damascus, Canva

Christenverfolgung in Syrien – und nun von Milizen der Regierung

Wenn sicherheitspolitische Entwicklungen bewusst in Kauf genommen werden, obwohl ihre Folgen absehbar sind, stellt dies ein ernstes Problem dar. Werden diese Folgen hingegen nicht erkannt oder unterschätzt, können die Konsequenzen für die Stabilität eines Staates noch gravierender sein.

Die Frage ist längst nicht mehr, ob sich viele indigene Christen in Syrien existenziell bedroht fühlen. Für zahlreiche Angehörige dieser Gemeinschaft ist dieses Gefühl bereits Realität geworden. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob die syrische Übergangsregierung erkennt, dass Entwicklungen, die heute Christen betreffen, langfristig auch die Legitimität staatlicher Institutionen, die gesellschaftliche Stabilität sowie das nationale und internationale Vertrauen in den syrischen Staat beeinträchtigen können. Es ist die Aufgabe westlicher Staaten den neuen Machthabern diese bewusst zu machen.

Die christliche Präsenz in Syrien befindet sich in einer ihrer schwierigsten Phasen.

Bereits vor Beginn der syrischen Revolution im Jahr 2011 war die Abwanderung vieler Christen unter der Diktatur und insbesondere in ihren Ursiedlungsgebieten  im Nordosten des Landes ein ernstes Problem. Heute geht es jedoch nicht mehr allein um Migration. Viele Betroffene sehen einen engen Zusammenhang zwischen sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen, die gemeinsam die Zukunft der christlichen Gemeinschaft und damit auch das Gesicht des neuen syrischen Staates prägen.


Weitere Beiträge der IGFM zu Syrien

Anfang Januar 2026 kam es in Aleppo zu heftigen Kämpfen und Dauerbeschuss zwischen kurdischen Kräften und der Regierungsarmee. Schulen wurden geschlossen, das öffentliche Leben stand still. Mehr erfahren: Blauen Maristen in Aleppo


Von Saidnaya über Aleppo und Damaskus bis hin zum Tal der Christen (Wadi al-Nasara) häufen sich Berichte über Sicherheitsprobleme, Eigentumskonflikte und gesellschaftlichen Druck. In Teilen der Bevölkerung wächst die Sorge, dass es sich nicht mehr um einzelne Vorfälle handelt, sondern um eine Entwicklung, die das historische christliche Erbe Syriens gefährdet.

Besonders große Besorgnis besteht derzeit in Saidnaya im Süden des Landes. Dort führte die Debatte um ein mutmaßliches Massengrab islamistischer Kämpfer, die die Stadt während des Krieges angegriffen hatten, zu Festnahmen und weiteren Maßnahmen, die von Teilen der Bevölkerung als politisch motiviert wahrgenommen werden. Es herrscht eine große Angst, vor dem was die nächsten Tagen geschehen kann. Zusätzlich sorgen Immobilienprojekte in der Region für Spannungen. Kritiker befürchten, dass solche Vorhaben die historische und kulturelle Identität des Ortes nachhaltig verändern könnten.

Bis heute fehlt nach Ansicht vieler Betroffener eine umfassende Aufarbeitung der Angriffe auf christliche Städte, Kirchen und Klöster während der Kriegsjahre. Ebenso mangelt es an transparenten Verfahren zur Rechenschaftslegung für mutmaßliche Menschenrechtsverletzungen und Übergriffe gegen christliche Gemeinden.

Für zahlreiche Christen bedeutet dieses Ausbleiben von Gerechtigkeit nicht nur ein juristisches Defizit. Es wird auch als politisches Signal verstanden, dass die gegen Christen begangenen Verbrechen keine ausreichende Priorität besitzen oder ihre Aufarbeitung auf unbestimmte Zeit verschoben wird. Gleichzeitig verstärkt dies Zweifel an der Fähigkeit und dem Willen der neuen Führung, alle Bürger gleichermaßen zu schützen.

Auch in anderen Teilen Syriens werden Entwicklungen beobachtet, die bei vielen Christen Besorgnis hervorrufen. Das neue Parlament ist bislang nicht vollständig konstituiert. Ein Drittel der Sitze soll vom Übergangspräsidenten besetzt werden, während die Auswahl der Kandidaten Kritik hervorruft. Christen, ethnische Minderheiten und Frauen sehen sich vielerorts nur unzureichend repräsentiert. Assyrische und armenische Vertreter wurden Berichten zufolge von Wahllisten ausgeschlossen. Kritiker befürchten daher, dass eher eine regierungsnahe Mehrheit als ein pluralistisches Parlament angestrebt wird.


Die Arbeit der IGFM vor Ort 

Khalil Al-Rasho, Leiter der Humanitären Hilfe, traf sich am 20. Februar 2025 mit Studierenden und den Vertriebenen aus Afrin, Shahba und Ras Al Ain in Qamishli und al-Hasaka im Norden Syriens. Außerdem tauschte er sich mit dem Erzbischof Maurice Amessih, dem Bürgermeister von Hasaka Farouk Tozo, sowie dem Vorsitzenden des Verwaltungsrats der Jesidischen Gemeinde Herrn Ismail Delfo aus. Mehr erfahren: Besuch im Norden Syriens


In Aleppo berichten Betroffene von Hausbesetzungen, Eigentumskonflikten und Einschüchterungen. In Damaskus beklagen zahlreiche Christen ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit sowie Einschränkungen bei religiösen Feierlichkeiten und öffentlichen Veranstaltungen.

In einigen Regionen wurden Palmsonntags- und Osterfeiern abgesagt oder deutlich eingeschränkt. Für viele Gemeindemitglieder ist dies Ausdruck eines schwindenden Sicherheitsgefühls und eines Rückzugs christlicher Präsenz aus dem öffentlichen Raum.

Dadurch entsteht zunehmend der Eindruck eines demografischen Wandels in historisch christlich geprägten Regionen. Viele Beobachter sehen darin nicht nur eine Aneinanderreihung einzelner Vorfälle, sondern einen umfassenderen Prozess, in dem Sicherheitsfragen, Eigentumskonflikte, politische Entwicklungen und demografische Veränderungen miteinander verknüpft sind.

Mehr als anderthalb Jahre nach dem Sturz des Assad-Regimes stellt sich für viele Christen daher nicht mehr allein die Frage nach ihrer unmittelbaren Sicherheit. Vielmehr geht es um die grundsätzliche Ausrichtung des syrischen Staates.

Viele Syrer verbanden mit dem politischen Wandel die Hoffnung auf einen Neuanfang, der auf Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung und politischem Pluralismus basiert. Kritische Stimmen äußern jedoch die Sorge, dass autoritäre Strukturen in neuer Form fortbestehen könnten.

Ideologische Prägungen und extremistische Denkweisen verschwinden selten allein durch einen Regierungswechsel. Daher befürchten zahlreiche Beobachter, dass Mechanismen der Ausgrenzung und Machtkonzentration fortwirken könnten, auch wenn sie unter neuen politischen Vorzeichen auftreten.

Es ist nicht zu übersehen, dass die Übergangsregierung ihre bestehende Machtstrukturen auf das gesamte Land ausdehnen will. Das politische Erbe der HTS wird dabei als Hindernis für die Entwicklung eines pluralistischen und demokratischen Systems betrachtet. Nach Ansicht dieser Kritiker fehlt bislang eine neue politische Doktrin, die einen klaren Bruch mit früheren ideologischen Konzepten erkennen lässt. Unter dem Schlagwort der Institutionalisierung konzentriere die neuen Machthaber politische Entscheidungsgewalt zunehmend in ihren eigenen Händen. Manche Beobachter sehen darin Parallelen zum gestürzten Baath-Regime. Zudem wurden die bisherigen Parteien per Dekret aufgelöst, was zusätzliche Zweifel an der politischen Öffnung des Landes hervorruft.

Nach dem Sturz des Assad-Regimes verbanden viele Menschen mit dem politischen Wandel die Hoffnung auf einen Rechtsstaat, der Sicherheit und Gleichberechtigung für alle gewährleistet. Verschiedene Entwicklungen seit Ende 2024 haben diese Erwartungen jedoch teilweise erschüttert.

Die große Sorge betrifft dabei nicht nur die christliche Gemeinschaft. Im Kern steht die Frage, ob ein neues Syrien entstehen kann, das allen Bürgerinnen und Bürgern gleiche Rechte garantiert – unabhängig von ihrer religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit.


Weitere Beiträge der IGFM zu Syrien

Seit der Machtübernahme durch Dschihad-Rebellen im Jahr 2025 herrscht in Syrien brutaler Terror gegen religiöse Minderheiten (wie Christen, Alawiten und Drusen). Mehr erfahren: Religiöse Minderheiten in Syrien 


Viele christliche Regionen waren während des Bürgerkrieges Ziel von Angriffen islamistisch-extremistischer Gruppen. Städte und Dörfer wie Maaloula sowie Gebiete um Saidnaya und Homs und Khabur wurden von Entführungen, Angriffen auf religiöse Stätten und Gewalt gegen Zivilisten erschüttert.

Diese Erfahrungen haben das kollektive Gedächtnis der christlichen Gemeinschaft nachhaltig geprägt. Für viele Christen lässt sich die heutige Unsicherheit daher nicht von den Erlebnissen der vergangenen Jahre trennen.

Hinzu kommen Berichte über Angriffe auf Kirchen und christliches Eigentum, die Beschädigung religiöser Einrichtungen sowie Fälle, in denen außergerichtliche Vermittlungen oder Stammesvereinbarungen an die Stelle regulärer Strafverfolgung traten.

Auch Todesfälle christlicher Jugendlicher im Dorf Anaz im Tal der Christen sorgten für öffentliche Empörung. Gleichzeitig berichten Betroffene von Benachteiligungen im Berufsleben sowie von wirtschaftlichem und administrativem Druck.

Die zentrale Herausforderung liegt nicht in einzelnen Vorfällen, sondern in ihrer kumulativen Wirkung. Viele Christen verlieren zunehmend das Vertrauen in die Fähigkeit und den Willen staatlicher Institutionen, Gleichheit vor dem Gesetz und wirksamen Schutz für alle Bürger zu gewährleisten.

Wo Vertrauen in staatliche Institutionen schwindet, setzt sich eine fortschreitende Entvölkerung historischer christlicher Regionen an und verstärkt die Unsicherheit über die Zukunft der indigenen christlichen Gemeinschaft.

Die indigenen Christen Syriens sind nicht lediglich eine religiöse Minderheit. Sie sind ein integraler Bestandteil der Geschichte des Landes und Träger eines jahrhundertealten kulturellen Erbes.

Der Erhalt dieser Gemeinschaft ist daher nicht nur eine Frage des Minderheitenschutzes, sondern auch ein Gradmesser für die Fähigkeit Syriens, einen inklusiven und rechtsstaatlichen Staat aufzubauen.

Die entscheidende Frage bleibt daher:

Welchen Beitrag können Deutschland und die Europäische Union leisten, um Syrien beim Aufbau eines funktionierenden Rechtsstaates zu unterstützen, in dem alle Bürger unabhängig von ihrer religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit Sicherheit, Gleichberechtigung und Rechtschutz genießen?

Ebenso stellt sich die Frage, welche konkreten Maßnahmen Deutschland und die EU bereits ergreifen oder künftig ergreifen sollten, um die Christen Syriens zu schützen und sie vor einer weiteren Abwanderung aus ihrer angestammten Heimat zu bewahren.

Autor: Raif Toma

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