María Corina Machado in Venezuela

Ein Kommentar von Paulina Facchin – Menschenrechtsaktivistin und Lateinamerika-Expertin der IGFM. Bild: José Altuve / Instagram

ein Kommentar von Paulina Facchin
María Corina Machado rückt wieder ins Zentrum des venezolanischen Übergangsprozesses
Ihre Rückkehr verschiebt das Kräfteverhältnis innerhalb der Opposition: Machado gewinnt territoriale Präsenz, Mobilisierungskraft und Deutungshoheit zurück
veröffentlicht am 27. Oktober 2026
María Corina Machado kehrte am Sonntag, den 25. Oktober 2026, nach Venezuela zurück – nach fast zehn Monaten im Ausland und mindestens sieben gescheiterten Rückkehrversuchen. Ihre Botschaft war knapp: „Ich bin hier. Bei euch.“ Nach der Wahlkrise von 2024 hatte sie fast ein Jahr im Untergrund gelebt, um einer Festnahme zu entgehen. Im Dezember 2025 verließ sie das Land heimlich auf dem Seeweg nach Curaçao und reiste von dort nach Oslo weiter, um den Friedensnobelpreis entgegenzunehmen. Die Ausreise diente ihrem Schutz und verwandelte zugleich ihre innenpolitische Führungsrolle in eine internationale diplomatische Plattform.
Warum ihre Rückkehr verhindert wurde
Ihre Rückkehr bedeutete, unmittelbar in einen Übergangsprozess einzugreifen, der bislang ohne sie vorangetrieben worden war. Ihr Team berichtete von Flugstreichungen, Hindernissen auf dem Luft- und Seeweg sowie von sieben gescheiterten Rückkehrplänen über die Vereinigten Staaten, Panama und die Karibik. Die venezolanische Übergangsregierung bestritt, ihre Einreise verhindert zu haben. Politisch ist die Auseinandersetzung sehr bedeutsam, denn Machado wollte im Land selbst wieder sichtbar werden, Präsidentschaftswahlen einfordern und um die Führung eines Prozesses ringen, der zwischen der Übergangsregierung, Washington und Oppositionsströmungen ausgehandelt wurde, die sich gegen das Maduro-Regime stellen.

María Corina Machado bei ihrer Rückkehr nach Caracas, Venezuela. Foto: José Altuve / Instagram
Ein langer Tag an der Seite der Menschen auf Venezuelas Straßen
Am vergangenen Sonntag tauchte Machado überraschend in der Kirche Santa Rosa in Barquisimeto auf. Von dort führte ihre Route bis nach Caracas. Sie durchquerte mindestens fünf venezolanische Bundesstaaten und beendete den Tag mit einem gewaltigen Autokorso in der Hauptstadt. Tausende Anhängerinnen und Anhänger sowie Gegner des Chavismus begleiteten sie. Aus der Rückkehr einer Oppositionsführerin wurde so eine öffentliche Demonstration politischer Mobilisierungsfähigkeit.
Die Bedeutung dieses Tages reicht über Machados persönliche Popularität hinaus. Die anhaltende Präsenz von Menschen auf den Straßen zeigte den kollektiven Willen, den öffentlichen Raum zurückzugewinnen – trotz der Angst vor Repressionen, die politische Proteste in Venezuela über Jahre eingeschränkt haben. Machado hielt keine Rede und gab keine Interviews. Doch allein durch ihre Präsenz vermittelte sie Führungsstärke und bestätigte ihre Fähigkeit, eine Gesellschaft zu mobilisieren, die einen politischen Kurswechsel verlangt.
Für viele Venezolanerinnen und Venezolaner stehen die Bilder des Autokorsos für Hoffnung in einem Jahr tiefgreifender politischer Veränderungen, zugleich aber auch für die Ungewissheit eines Übergangs, der bislang keine belastbaren Ergebnisse hervorgebracht hat. „An diesen Tag werden wir uns für immer erinnern“, schrieb Machado später in den sozialen Medien. Und sie fügte hinzu: „Gemeinsam werden wir die Freiheit erringen.“

María Corina Machado bei ihrer Rückkehr nach Caracas, Venezuela. Foto: José Altuve / Instagram
Drei internationale Positionen
Die Vereinigten Staaten stellen die Rückkehr als Ergebnis der von ihnen unterstützten Versöhnungsgespräche dar. Marco Rubio erklärte, diese Gespräche hätten die Voraussetzungen für eine sichere Einreise geschaffen, und forderte den Schutz politischer Freiheitsrechte. Donald Trump wiederum erklärte, die Einzelheiten nicht zu kennen, und beschränkte sich auf den Wunsch, Machado möge in Sicherheit sein. Der Widerspruch verweist auf das Spannungsverhältnis zwischen der amerikanischen Vermittlerrolle und den strategischen Interessen Washingtons an Stabilität in Venezuela.
Deutschland wertete die Rückkehr als Schritt hin zu politischer und wirtschaftlicher Öffnung und zu einem Übergang, der in freie Wahlen münden müsse. Berlin merkte außerdem an, eine Einreise über streng kontrollierte Grenzen wäre ohne den Willen der venezolanischen Regierung kaum möglich gewesen.
Die Europäische Union vertrat einen institutionellen Ansatz: einen inklusiven, von den Venezolanerinnen und Venezolanern selbst getragenen Dialog, freie und faire Wahlen, glaubwürdige Garantien sowie die uneingeschränkte Beteiligung aller politischen Kräfte.
Ein Übergang, dessen Führung neu umkämpft ist
Die Rückkehr verschafft Machado im Land erneut Mobilisierungskraft und erschwert es, den Übergangsprozess ausschließlich über Vereinbarungen zwischen politischen Eliten zu steuern. Zugleich muss sich ihr Führungsanspruch nun jenseits internationaler Anerkennung bewähren. Ihre Präsenz kann den Druck zugunsten eines verbindlichen Wahlkalenders erhöhen, zugleich aber die Spannungen zwischen Verhandlung, Stabilität und demokratischer Legitimität verschärfen. Die politische Verschiebung besteht nicht allein darin, dass Machado zurückgekehrt ist. Entscheidend ist vielmehr, dass jene Persönlichkeit, die gesellschaftlichen Druck, politische Opposition und internationale Unterstützung am wirksamsten miteinander verbinden kann, nun von Venezuela aus darum ringt, Inhalt und Tempo des Übergangs zu bestimmen.