„Wer Land und Umwelt verteidigt, riskiert sein Leben“

Ein Kommentar von Juan Daniel Tapia Lizardi – Lateinamerika-Experte der IGFM. Bild: mit KI erstellt 

Brasilien: Wer Missstände aufdeckt, lebt gefährlich

Veröffentlicht am 6. November 2026 

Ein Kommentar von Juan Daniel Tapia Lizardi

Brasilien hat eine historische Wahl hinter sich: Luiz Inácio Lula da Silva wurde mit 51,79 Prozent der Stimmen als Präsident wiedergewählt und wird ab 2027 seine vierte Amtszeit antreten. Sein politischer Gegner, Flávio Bolsonaro, reiste nach seiner Wahlniederlage aus Brasilien in die USA. Wochenlang diskutierte das Land über links und rechts, den Bolsonarismus, die Wirtschaft, die Regierungsfähigkeit und die Zukunft einer tief polarisierten Gesellschaft.

Doch hinter dem politischen Lärm bleibt eine andere Realität weitgehend unsichtbar: Brasilien gehört weiterhin zu den gefährlichsten Ländern der Welt für Menschen, die Landrechte verteidigen und sich für Umweltschutz einsetzen.

Bild rechts: Wikimedia Commons/ Palácio do Planalto 

Doppelt so viele ermordete Umweltschützer wie vergangenes Jahr

In bestimmten Regionen des Landes kann es lebensgefährlich werden, Umweltzerstörung anzuprangern oder mutmaßliche Korruptionsfälle öffentlich zu machen. In Brasilien wurden im Jahr 2025 26 Menschen getötet, die sich für Landrechte und Umweltschutz eingesetzt hatten – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Damit verzeichnete Brasilien weltweit die zweithöchste Zahl dokumentierter Morde dieser Art, nur Kolumbien lag darüber.

Die Gewalt ist jedoch kein neues Phänomen. Die von Justiça Global und Terra de Direitos erarbeitete Studie Na Linha de Frente registrierte zwischen 2023 und 2024 insgesamt 318 Gewaltereignisse, von denen 486 Menschen und Gruppen betroffen waren, die sich für Menschenrechte in Brasilien einsetzten. Dokumentiert wurden 55 Tötungen, 96 Mordversuche und 175 Fälle, in denen Menschen bedroht wurden. In 80 Prozent der Fälle setzen sich diese Menschen für den Schutz von Umwelt und Land ein.

Landkonflikte als Ursache für Gewalttaten

Wie die IGFM berichtet, steht hinter einem großen Teil dieser Gewalt ein konkreter Konflikt: die Kontrolle über Land.  Von den 26 im Jahr 2025 von „Global Witness” dokumentierten Tötungen standen alle bis auf einen Fall hauptsächlich im Zusammenhang mit Landkonflikten. Unter den Opfern waren elf Kleinbauern und sieben Angehörige indigener Gemeinschaften – die Hälfte aller Fälle in den Amazonas-Bundesstaaten Pará und Rondônia . Dort treffen unterschiedliche Interessen aufeinander: die Ausweitung von Landwirtschaft und Viehzucht, illegale Landaneignung, Bergbau, illegaler Holzeinschlag und weitere wirtschaftliche Aktivitäten auf Gebieten, die von indigenen Gemeinschaften und bäuerlichen Familien bewohnt oder von ihnen beansprucht werden. Auch die brasilianische Landpastorale Comissão Pastoral da Terra registrierte 2025 insgesamt 26 Tötungen im Zusammenhang mit Landkonflikten. 16 davon ereigneten sich in der sogenannten Amazônia Legal, der brasilianischen Amazonasregion. Pará und Rondônia standen erneut an der Spitze – mit jeweils sieben Todesopfern.

Dabei sind Tötungen nur die extremste Form einer Gewaltspirale, die oft viel früher beginnt: mit Drohungen, Einschüchterung, Landbesetzungen und Druck auf lokale Führungspersönlichkeiten und Gemeinschaften, ihre Forderungen aufzugeben.

Besonders deutlich wird der Widerspruch in Pará. 2025 war die Großstadt Belém Gastgeber der Weltklimakonferenz COP30. Brasilien präsentierte sich international als wichtige Kraft im Umwelt- und Klimaschutz. Gleichzeitig blieb Pará einer der zentralen Brennpunkte der Gewalt gegen genau jene Menschen, die diese Gebiete schützen.

Lula da Silva beim Feiern seines Wahlsieges im November 2022. Bild: Alternativas Económicas/ Thales Renato                                                                                                                                                                        

Angriff auf Journalisten nach Bericht über Veruntreuung

Wer in Brasilien öffentlich über Umweltzerstörung, Landkonflikte, Machtmissbrauch oder Menschenrechtsverletzungen berichtet, muss auch um sein Leben fürchten. So wurde Chico Melo, Journalist und Leiter eines unabhängigen Mediums in Cruzeiro do Sul im Bundesstaat Acre, im Juli 2026 von vier bewaffneten Männern angegriffen, die nachts in sein Haus eindrangen. Melo hatte zuvor die mutmaßliche Veruntreuung öffentlicher Gelder öffentlich gemacht. Der Forderung des “Committee to Protect Journalists”, einer unabhängigen, überparteilichen und gemeinnützigen Organisation, die sich weltweit für Pressefreiheit und den Schutz der Rechte von Journalistinnen und Journalisten einsetzt, an die brasilianischen Behörden, den Hintergrund des Angriffs umfassend aufzuklären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, schließt sich die IGFM an.

„Die einen verteidigen ihr Land. Die anderen recherchieren und machen Menschenrechtsverletzungen, Morde und Korruption öffentlich. All diese Menschen kommen dadurch denjenigen in die Quere, die weiter unbehelligt agieren möchten und denen wichtig ist, dass niemand von ihrem Handeln erfährt”, erklärt Valerio Krüger, Vorstandssprecher der IGFM.

Staatliche Schutzmaßnahmen gehen nicht weit genug

Zwar hat die Regierung Lula umweltpolitische Maßnahmen und Schutzmechanismen für Menschenrechtsverteidiger wieder gestärkt, und es wichtig anzuführen, dass die Ursachen für die strukturelle Gewalt weit vor der heutigen Regierung liegen. Doch die Zahlen der vergangenen Jahre zeigen ebenso klar: Staatliche Schutzmechanismen allein reichen nicht aus. Die entscheidende Herausforderung besteht darin, dafür zu sorgen, dass der Schutz tatsächlich dort ankommt, wo Bedrohungen entstehen und Konflikte bestenfalls gar nicht aufkommen. Denn hinter der Bedrohung eines Menschenrechtsverteidigers kann ein Konflikt um Tausende Hektar Land stehen. Hinter einem Angriff können illegale wirtschaftliche Aktivitäten, lokale Machtinteressen oder gewachsene Netzwerke der Einschüchterung liegen. Bleiben solche Strukturen bestehen und werden die Verantwortlichen nicht identifiziert und strafrechtlich verfolgt, wird Angst zu einem wirksamen Mittel der Kontrolle.

„Nach dem Ende des Wahlkampfs wird sich die politische Aufmerksamkeit wieder auf Brasília richten. Doch weit entfernt von der Hauptstadt werden indigene Führungspersönlichkeiten, Kleinbauern, Umweltschützer und Journalisten weiterhin mit einer viel grundlegenderen Frage konfrontiert sein: Kann ich weiterhin Missstände anprangern, ohne dabei mein Leben zu riskieren? Lulas vierte Amtszeit wird zeigen müssen, ob der brasilianische Staat diese Frage mit „Ja“ beantworten kann. Denn die Stärke einer Demokratie bemisst sich nicht allein daran, ob ihre Bürgerinnen und Bürger frei wählen können. Sie zeigt sich auch darin, ob Menschen recherchieren, Missstände öffentlich machen und Rechte verteidigen können, ohne Angst zu haben oder dafür mit dem eigenen Leben bezahlen zu müssen”, betont Valerio Krüger.