Hagia Sophia Entscheidung gefallen

Die Hagia Sophia wurde im 6. Jahrhundert unter dem römischen Kaiser Justinian erbaut, 1453 fiel sie in die Hände osmanischer Sultane und wurde zu einer Moschee umgewandelt, seit 1935 ist das Gebäude ein Museum.
IGFM: Verkündung durch Erdogan?
Istanbul / Frankfurt am Main, 10. Juli 2020 – Bis zum 15. Juli 2020, dem Jahrestag des Putsches gegen Erdogan 2016, soll die Entscheidung des höchsten Verwaltungsgericht der Türkei über den Status der weltberühmten Istanbuler Hagia Sophia bekannt gemacht werden. Die ursprünglich byzantinische Monumentalkirche aus dem sechsten Jahrhundert soll von einem Museum in eine Moschee umgewandelt werden. Gut unterrichteten Kreisen zufolge soll das oberste Verwaltungsgericht die Umwandlung in eine Moschee anerkannt und die Verkündung der Entscheidung in die Hände von Staatspräsident Erdogan gelegt haben, so die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM).
Nach heftigen Protesten der orthodoxen Kirchenleitungen in Russland und Griechenland gegen die Änderung des Status der Hagia Sophia, könnte die Umwandlung zu interreligiösen und politischen Spannungen führen, warnt die IGFM. Damit verbunden steige die Gefahr der weiteren Ausgrenzung der christlichen Minderheit in der Türkei. Die in Frankfurt ansässige Menschenrechtsorganisation verweist auf bereits vollzogene Umwandlungen von Welterbestätten, wie geschehen im Fall der Istanbuler Chora-Kirche und der ehemals byzantinischen Kirche Hagia Sophia in Trabzon im Osten der Türkei. Mit der Begründung, dass die Unterschrift Atatürks unter ein Dekret zur Umwandlung des Gebäudes gefälscht sei, hatte ein Verein 2016 Klage eingereicht und die Annullierung gefordert. Nachdem das Gebäude seit der islamischen Eroberung Konstantinopels im 15. Jahrhundert als Moschee genutzt wurde, erfolgte 1934 die Entscheidung durch Atatürk, die Hagia Sophia in ein Museum umzuwandeln.
Die IGFM verweist auf den Status der Hagia Sophia als UNESCO-Weltkulturerbe, als ein in die Spätantike zurückreichendes Denkmal der Weltchristenheit. Ob UN-Behörden wegen des zuerkannten Welterbestatus ihre Zustimmung geben müssen, ist umstritten. Die orthodoxen Kirchenleitungen Russlands und Griechenlands haben deutlich Einspruch erhoben, und der in Istanbul ansässige Ökumenische Patriarch Bartholomaios seine Betroffenheit geäußert. Wie bei der Umwandlung zur Moschee im 15. Jahrhundert besteht die Gefahr, dass die wiederhergestellten wertvollen christlichen Fresken und Bilder bei einer islamischen Gebetsnutzung verhängt oder gar zerstört und eine von Präsident Erdogan noch in Aussicht gestellte touristische Nutzung nur noch begrenzt möglich wäre.
Die IGFM macht darauf aufmerksam, dass der türkische Staatsrat 2019 in einem fragwürdigen Entscheid seine Zustimmung zur Umwandlung der ebenfalls zum Welterbe zählenden Chora-Kirche in Istanbul gegeben hatte. Bereits 2012 wurde die seit 1964 als Museum genutzte und auf das 13. Jahrhundert zurückgehende byzantinische Kirche Hagia Sophia in der im Nordosten der Türkei liegenden Großstadt Trabzon erneut Moschee. Eine lokale Architektenvereinigung und ein lokaler Richter hatten das in einer umstrittenen Gerichtsentscheidung durchgesetzt. Nach umfangreichen Umbauarbeiten soll sie im Juli dieses Jahres wiedereröffnet werden. Es steht zu hoffen, dass trotz der Moscheezulassung Touristen das Gebäude wieder mit seinen christlichen Fresken besichtigen können.
Zum christlichen Erbe der Türkei gehört, so die IGFM, auch die Pauluskirche in Tarsus, dem Geburtsort des Völkerapostels. Hier ist eine prinzipielle Gottesdienst- und Kirchennutzung bisher trotz Behördenzusagen nicht möglich. Die syrisch-orthodoxen Klöster im Tur Abdin sind weiter durch Immobilienauseinandersetzungen und durch das offizielle Unterrichtsverbot des Aramäischen, der Sprache Jesu, bedroht. Das berühmte griechisch-orthodoxe Theologenseminar auf Chalki kann seit 1971 trotz mehrmaliger öffentlicher Versprechen von Präsident Erdogan nicht zur theologischen Ausbildung genutzt werden. Noch am 24. April 2020, exakt 105 Jahre nach dem von der Türkei nicht anerkannten Völkermord an Armeniern und anderen Christen, hatte Erdogan in einer Grußadresse an den neuen armenisch-orthodoxen Patriarchen Sahak II geäußert: „Wir werden nie zulassen, dass irgendein Bürger aufgrund seines Glaubens an den Rand gedrängt oder anders behandelt wird!“