Bericht aus Kurdistan

Seit 2014 koordiniert die IGFM regelmäßige Hilfstransporte in die Region Kurdistan/Nordirak. Während eines Aufenthalts im September/Oktober 2025, verschaffte sich Khalil Al-Rasho, Leiter der humanitären Hilfe Naher Osten, ein Bild von der aktuellen Lage, informierte sich über die laufenden Projekte der IGFM vor Ort und führte Gespräche mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Fotos: IGFM
Humanitäre Hilfe der IGFM im Nordirak
Khalil Al-Rasho machte sich ein Bild der Lage vor Ort
Im September 2025 ging es für Khalil Al-Rasho, den Leiter der humanitären Hilfe Naher Osten, ein weiteres Mal in die autonome Region Kurdistan/Irak. Um sich einen Überblick über die aktuelle Situation, sowie die Projekte der IGFM vor Ort zu verschaffen, besuchte er mehrere der Camps und sprach mit ihren Bewohnern. Seit 2014 koordiniert die IGFM regelmäßige Hilfstransporte in die Region, leistet humanitäre Hilfe und besucht die betroffenen Menschen in den Camps.
Obwohl der Völkermord an den Jesiden bereits über elf Jahre her ist, befindet sich ein Großteil der damals vertriebenen Bevölkerung noch immer in Geflüchtetencamps. Die Rückkehr nach Shingal ist für die meisten nicht denkbar, da sie vor Ort weiterhin um ihr Wohlergehen fürchten müssen und sich ihr berufliches, wie auch privates Leben seit dem Genozid ausschließlich in den Lagern abspielte. Trotz einer ehemaligen Vereinbarung zwischen der Zentral- und der kurdischen Regierung, Zurückkehrende finanziell zu unterstützen, bietet ihre ehemalige Heimat weder Sicherheit noch die benötigte Infrastruktur, um sich ein Leben dort aufzubauen. Hinzukommend wurde dieses Programm nun gestoppt, was eine mögliche Rückkehr noch unwahrscheinlicher macht.
Fokus Khalil Al-Rashos aktueller Reise war unter anderem die Besichtigung des Ausbildungsprojektes vor Ort. Dieses wird durch die IGFM und die BFC, unsere lokale Trägerorganisation, angeboten um jungen Menschen eine Perspektive auf Arbeit und somit einen gesicherten Lebensunterhalt zu bieten. Noch 2023 lag die Arbeitslosenquote in den Camps bei etwa 50 %, eine Situation, unter der vor allem junge Menschen leiden. Um dem entgegenzuwirken und den Betroffenen eine langfristige Perspektive, auch außerhalb der Lager, zu ermöglichen, werden im Rahmen des Projektes vor Ort Fachkräfte ausgebildet, die innerhalb der Camps wie auch in der gesamten Region unerlässlich sind. Hierzu gehören beispielsweise die Berufe des Elektrikers, Schlossers und Tischlers, Tätigkeiten, die vor allem für den Wiederaufbau zerstörter Häuser von enormer Relevanz sind. Ausgebildet wurde in Camp Kabarto. Freudig stellte Khalil Al-Rasho fest, dass sich als Resultat der Ausbildung bereits mehrere Unternehmen vor Ort gegründet haben. Dies hilft den Fachleuten, ihre Familien sowie den Wiederaufbau bei ihrer Rückkehr zu unterstützen. So wertet der Leiter der humanitären Hilfe Naher Osten das Projekt als einen vollkommenen Erfolg.
Doch nicht nur jungen Erwachsenen soll bei ihrer Ausbildung geholfen werden, auch die Kinder in den Camps haben das Recht, eine angemessene Bildung zu erhalten. Während teilweise regionale Schulen in der Umgebung besucht werden können, bleibt der tatsächliche Weg dorthin meist jedoch zu weit. Aufgrund dessen bieten ehemalige Lehrer häufig improvisierte Zeitschulen innerhalb der Lager an, welche die IGFM durch benötigte Schulsachen unterstützt. So wurden auch beim diesmaligen Besuch Khalil Al-Rashos Materialien wie Hefte, Stifte und Radiergummis an vom Schulleiter ausgewählte Kinder in Camp Eysan verteilt.
Das Schicksal junger Menschen war jedoch nicht der einzige Fokus der Reise, auch die Situation von Frauen vor Ort spielte eine große Rolle. Für viele von ihnen, vor allem jene, die verwitwet oder alleinstehend sind, sichert die Nähtätigkeit ein Einkommen und hilft, bereits vorhandene Kleidung in Schuss zu halten. Für viele Frauen ist dies eine essenzielle Möglichkeit, um für ihre Kinder und weiteren Familienmitglieder zu sorgen. Bei seinem Besuch konnte Khalil Al-Rasho mit mehreren Witwen sprechen. In Gesprächen berichteten sie ihm über ihre aktuelle Situation, wie es ist, eine ganze Familie versorgen zu müssen, sowie über eine mögliche Rückkehr in ihre ehemaligen Heimaten. Das Nähen ist für viele von ihnen mehr als nur eine bloße Tätigkeit, sondern eine psychische Therapie, die ihnen hilft zu verarbeiten und der Hoffnungslosigkeit entgegenzuwirken. Wir sind Arbeitsgruppe Wittlich (insbesondere Frau Jondral-Schuler) sehr dankbar für die Unterstützung bei der Anschaffung der Nähmaschinen und den Transportkosten.
Ein schönes Ereignis auf der Reise stellte die Eröffnung des Kosmetikladens von Zahra dar. Die junge Frau ist eine von neun Waisenkindern und betrieb in der Vergangenheit einen Schuhladen, welcher schon damals von der IGFM unterstützt wurde. Nun änderte sie jedoch die Ausrichtung des Ladens und entschied sich fortan Kosmetika unterschiedlicher Art anzubieten. Auch hierbei wurde sie durch finanzielle Unterstützung beim Kauf von benötigten Geräten, sowie mit Möbeln von der IGFM unterstützt und konnte ihr Ziel nun in die Realität umsetzen.
Über den Aufbau und Erhalt von Existenzgrundlagen hinaus war ein weiteres wichtiges Anliegen der Reise die Situation von Menschen mit Behinderung in den Camps. Die unebenen Wege und fehlenden Infrastrukturen in den Lagern schränken Mobilität ein und machen die Bewältigung des Alltags für Betroffene zu einer enormen Herausforderung. Im Camp Shekhan traf Khalil Al-Rasho mehrere Menschen im Rollstuhl. Seit 2014 lieferte die IGFM um die 2000 Rollstühle, sowie weitere medizinische Hilfen für Betroffene. Khalil Al-Rasho berichtet, dass die Menschen vor Ort wie eigene Patienten geworden sind, welche auf einen Besuch der IGFM warten. Dies ist dem Rückzug mehrerer Hilfsorganisationen aus der Region geschuldet, was zur Folge hatte, dass die IGFM nun Hauptakteur in dem Bereich ist. Durch die schlechten Bodenverhältnisse nutzen sich die Mobilitätshilfen ab und neue Lieferungen werden stets benötigt.
Nicht nur körperliche Behinderungen, sondern auch Erkrankungen stellen die Betroffenen, aufgrund von fehlenden ärztlichen Behandlungen in den Lagern, vor enorme Hindernisse. So zum Beispiel auch Clara, eine sechsjährige Bewohnerin des Camps Mamrashan, welche an einem Tumor leidet. Al-Rasho besuchte gemeinsam mit ihr einen Facharzt, welcher Untersuchungen von ihrem Kopf machte und eine Diagnose aufstellte. Eine Operation wurde später im Krankenhaus durchgeführt. Clara ist eine von fünf Halbwaisen, die gemeinsam mit ihrer Mutter leben. Aufgrund fehlender Sozialhilfe hat dies enorme Auswirkungen auf die Lebensumstände der Betroffenen.
Trotz über eines Jahrzehnts Arbeit vor Ort und unzähliger Besuche bleiben viele der Schicksale für Khalil Al-Rasho unvergesslich. Doch nicht nur er erinnert sich genau an die Begegnungen mit Bewohnern des Camps, sondern viele erinnern sich auch an ihn. Dies verdeutlichte sich bei dem Besuch des jesidischen Heiligtums Lalisch, bei welchem er zufällig eine bekannte IS-Überlebende und ihre Tochter traf. Beide hatten ihn im Vorbeigehen gesehen und direkt erkannt. Freudig kamen sie auf ihn zu, sprachen ihn an und umarmten Khalil. Das erste Mal getroffen hatte er beide im Jahr 2021, in welchem er ihnen durch finanzielle Unterstützung und mit Ausflügen half. Nun leben sie in Australien, unterstützt durch ein Projekt für IS-Überlebende.
Gemeinsam sprachen sie über ihren psychischen Zustand und das Leben in dem neuen Land. Beide sind sehr zufrieden, sie selbst befindet sich aktuell noch in der Sprachschule und ihre Tochter konnte durch die Schule bereits gutes Englisch erlernen.
Es war eine Begegnung, die beide Seiten sehr freute und Khalil zutiefst berührte.





