Die Augen von Belarus

Seit August 2020 protestieren Menschen in Belarus gegen die Wahlfälschung und das Regime von Lukaschenko. Foto: Photographers_against

Kommentar der Dichterin Svetlana Kabanova

Sie haben gerade Ihren Lieblingsgipfel erreicht und schauen sich um… Das ist unglaublich! Die Wälder, Häuser, Wiesen, Tiere und Blumen sind erst verschwunden, aber dann wurden sie als funkelnde Kaleidoskopsteinchen herauskristallisiert und vermischt. Jetzt können Sie diese beeindruckenden Bilder sehen. Was ist das? Surrealismus? Eine alternative Wirklichkeit? Vielleicht können Sie es besser verstehen.

Was geschieht als nächstes? Das Kaleidoskop dreht sich, und plötzlich kommt der Moment, indem wir unter den extravaganten Bildern deutlich ein paar Augen erkennen können. Die einzigartigen Augen. Die Augen von Belarus. Das Narach Auge, das Braslav Auge, das Sviciaz‘ Auge, das Myadel Auge. Schöne Namen, nicht wahr? Haben Sie schon erraten, worum es geht? Natürlich reden wir über die Seen.

Sie können die feine Oberfläche dieser Seen berühren oder Ihre Zehen im Wasser baumeln lassen. Sind Sie bereits sanft getaucht und geschwommen? Sie spüren gleichzeitig Wärme oder Kühle und erreichen allmählich die Netzhaut. Was ist in den belarussischen Augen – Seen als Erinnerung gespeichert?

Der gewaltlose Widerstand des belarussischen Volkes. Das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen in Belarus am 9. August 2020 besagte, dass mehr als 80% der Bürgerinnen und Bürger für den amtierenden Präsidenten Alexander Lukaschenko, der als „letzter Diktator Europas“ bezeichnet wird, abgestimmt haben sollten.

Die Mehrheit glaubte diesen Zahlen nicht, da nur sehr wenige Menschen für Lukaschenko stimmten. Als Reaktion darauf sind mehrere Tausend Demonstranten, die mit den offiziellen Ergebnissen nicht einverstanden waren, auf die Straße gegangen.  Gegen Wahlmanipulation, Korruption und den Mangel an Demokratie haben sie protestiert.

Was spiegelte sich noch in den Augen der Belarussen wider? Es gab warme Sommertage, die Demonstranten trugen Shorts und T-Shirts, jemand nahm Trinkwasser mit, aber niemand nahm Waffen mit. Wie war die Reaktion der Regierung? Weitgehend friedliche Demonstranten wurden brutal zusammengeschlagen und festgenommen. Jemand wurde von einem Auto überfahren. Die Luft wurde von Explosionen der Granaten erschüttert, deren Fragmente Menschen verletzt haben. Können Sie sich vorstellen ein Kommando „Mit Gummigeschossen Schießen!“ oder „Tränengas versprühen!“ gegen friedliche Demonstranten? Können Sie sich vorstellen, dass es den Ärzten in der ersten Zeit verboten war den Opfern Erste Hilfe zu leisten?  Können Sie sich vorstellen, dass festgenommene Personen darunter auch Frauen tagelang keine Nahrung erhielten und heftig geschlagen wurden? Können Sie sich vorstellen, dass in einer Zelle, die für zehn Personen ausgelegt war, fünfzig Personen waren, und die Menschen deshalb die ganze Nacht stehen mussten? Können Sie sich vorstellen, dass verhaftete Menschen nicht notwendigen Medikamente erhalten haben?  Können Sie sich vorstellen, dass die Menschen mehrere Tage lang nicht herausfinden konnten, in welchem Gefängnis oder Leichenschauhaus sich ihre verhafteten Verwandte oder Freunde befanden? Können Sie sich vorstellen, dass über siebentausend Menschen verstümmelt und gefoltert wurden? Können Sie sich vorstellen, dass die Angestellten des Diktators Lukaschenko, die die Menschen verspotteten, nicht bestraft, sondern stattdessen einige von ihnen belohnt wurden?

Alle oben genannten Fälle haben leider stattgefunden. Ich wurde in Belarus geboren und habe lange Zeit dort gelebt. Alles, was ich gesagt habe, basiert auf den Aussagen der Familienmitglieder und Freunde, denen ich vertraue.

Was können wir noch erkennen? Die Behörden in Belarus verstehen nicht, dass trotz der Brutalität und Einschüchterung, die Menschen Mut entwickelt und ihren inneren Frieden erreicht haben. Das belarussische Volk wurde geboren. Es gibt kein Zurück! Die Menschen werden sich nicht mehr aufhalten lassen. Nichts werden sie vergessen. Die Zeit wird kommen, und die Kriminellen werden gefasst und bestraft werden.

Svetlana Kabanova, Dichterin

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