FÜR DIE MENSCHENRECHTE – Mitteilungen an Freunde und Förderer, Nr. 8 – September - 2026

Nigeria: Stärkung der Verbliebenen durch Solidarität mit den Überlebenden

Stärkung der Verbliebenen durch Solidarität mit den Überlebenden

„Es gibt momentan so viele Morde in Nigeria. Das war Pfarrer Samuel Oye toro aus der katholischen Diözese Lokoja im benachbarten Bundesstaat Kogi“, schreibt die Ordensfrau Dr. Mary Rose-Claret Ogbuehi, Gründerin des örtlichen Hilfswerks „Women Empowerment through Education“ (WETE) im nigerianischen Bundesstaat Enugu. „Er wurde am 29. Juli ermordet. Sein Leichnam wies Verletzungen durch eine Machete auf.“ Seit Anfang August kursiert ein Porträtbild von ihm in den Social-Media-Netzwerken. Mit dem Teilen seines Fotos und eines kurzen Hinweises auf sein Schicksal ist meist auch das Ge denken an die große Zahl von christlichen Opfern durch Terror in Nigeria verbunden; dies sind mittlerweile Zehntausende. Am 26. Juli 2026 überfiel eine radikalisierte Bande von Hirtennomaden der mehrheitlich muslimischen Bevölkerungsgruppe der Fulani das Dorf Naridon (Bezirk Kauru) im Bundesstaat Kaduna. Sie kamen kurz vor Mitternacht und metzelten 30 Christen nieder, darunter elf Kinder. Ein Teil Kadunas liegt im so genannten Mittleren Gürtel Nigerias, von wo aus uns häufig Meldungen über Massenmorde erreichen, nicht allein an Christen, meistens aber durch dschihadistische Banden. In der Nacht zum 12. Juli kamen mindestens zehn Menschen bei einem bewaffneten, nächtlichen Angriff – begleitet durch Brandstiftung – in der Gemeinde Nobi (Bezirk Otukpo) im Bundesstaat Benue um. Solche Gewalttaten geschahen einige Stunden zuvor auch im Bundesstaat Plateau, wo am 11. Juli neun Angehörige einer christlichen Familie ermordet wurden. Überlebende Zeugen berichteten, die Täter hätten Weideland sowie die Eingliederung des Gebiets in ein Kalifat beansprucht. Die Überfälle ereignen sich nicht nur entlang der Religions-, sondern auch ethnischer Grenzen und es geht nicht zuletzt um handfeste wirtschaftliche Vorteile, die diese Hirtenbanden dort suchen, indem sie die einheimische bäuerliche Bevölkerung von ihrem Land vertreiben. Zugleich geben sich viele Täter den Anschein, für eine „gerechte“, „höhere“, eben die Sache „des Islam“ zu kämpfen. Auf diese Weise können sie unter den Christen Fluchtreflexe befeuern. Inzwischen haben sich in der Tat viele Banden dem Dschihad verschrieben, angestachelt von islamistischen Wanderpredigern, die bereits gegen Ende des 20. Jahrhunderts dort auftauchten. Aus der Bevölkerung, aber auch von ausländischen Regierungen, wurde mehrfach der Vorwurf gegen den nigerianischen Staat erhoben, seine christliche Bevölkerung nicht wirksam zu schützen. Bei der Beisetzung der Opfer des Überfalls auf das Dorf Naridon am 26. Juli kritisierte der katholische Bischof von Kafanchan, Julius Yakubu Kundi, die Regierung scharf; sie habe die Menschen im Stich gelassen. Am Verhalten der Sicherheitskräfte zeigt sich die Wirkung des religiös verbrämten Terrors: Unter den Muslimen erzielen die Kämpfer auf diese Weise vielfach furchterfülltes Wegsehen. Im Bundesstaat Enugu ist IGFM Kuratoriumsmitglied Obiora Ike tätig,

ebenso wie die eingangs erwähnte Schwester Claret, die wir durch ihn kennengelernt haben. Dort zeigte sich kürzlich, wie wichtig ein beherztes Vorgehen gegen die Angreifer ist. In der Ortschaft Inoyi-Affa (Bezirk Udi) ereignete sich am 2. August 2026 ein Überfall von mindestens einem halben Dutzend Bewaffneter auf die katholische Pfarrkirche Sankt Joseph. Die Täter nahmen drei der dort zum Sonntagsgottesdienst Versammelten als Geiseln mit. Die Polizei schritt rasch ein und bei der Verbrecherjagd gelang es einer Geisel, zu entkommen. Die beiden anderen Christen konnten rund eine Woche später befreit und die Entführer überwältigt werden. 

Die Christen, die in Nigeria rund 40 Prozent der Bevölkerung von insgesamt 230 bis 240 Millionen Einwohnern ausmachen, können vor den Dschihadisten nicht in Deckung gehen. Ihre Einrichtungen sind leicht ausfindig zu machen und wurden bereits zu Zehntausenden zu Zielscheiben. Wenn sie ihre Identität bewahren wollen, haben sie nur zwei Optionen: Flucht oder mutig auszuharren. Die IGFM steht seit mehr als 20 Jahren den Geflüchteten sowie den verbliebenen Überlebenden bei, insbesondere durch Unterstützung von WETE.  

„Wir helfen Mädchen und Frauen, die dschihadistische Überfälle überlebt haben und in der Folge vor dem Nichts stehen, durch psychologischen Beistand, Ausbildung und Starthilfen. Die Schülerinnen lernen an der Nazareth-Berufsschule in Enugu (Südnigeria) Handwerkliches und die Führung eines Kleinbetriebs“, schrieb Schwester Claret. Die IGFM hat ihr die weitere Übernahme von Kosten für diese Angebote zugesichert. Diese betragen rund 350 Euro jährlich pro Ausbildungsplatz. Bitte helfen Sie uns. 

Dieser Artikel wurde publiziert in der September - 2026-Ausgabe der Zeitschrift ‚Für die Menschenrechte‘

Jetzt spenden

Christinnen in Nigeria (32)

Zum Spendenformular

Weitere Beiträge der September - 2026-Ausgabe

  • Zeitschrift: Für die Menschenrechte8 - 2026

    In Syrien nimmt der islamistische Einfluss zu, während die wirtschaftliche und politische Lage sehr schwierig bleibt. Das neue Parlament wird stark von Islamisten dominiert, Christen sind nur schwach vertreten und viele denken über Auswanderung nach. Gleichzeitig kehren einige Christen zurück. Hilfsorganisationen wie die „Blauen Maristen“ unterstützen weiterhin Kinder, Senioren und arme Familien.

    Published On: Dienstag, September 1, 2026
  • Zeitschrift: Für die Menschenrechte8 - 2026

    Die Lage im Libanon bleibt trotz einer brüchigen Waffenruhe instabil, während viele christliche Familien unter Krieg, Arbeitslosigkeit und steigenden Lebenshaltungskosten leiden. Die Hilfsorganisation „Flamme de Charité“ unterstützt weiterhin mehr als 200 christliche Familien und setzt sich insbesondere dafür ein, Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen.

    Published On: Dienstag, September 1, 2026
  • Zeitschrift: Für die Menschenrechte8 - 2026

    Valery Perov, geboren am 12. August 1984, wurde am 24. Oktober 2024 wegen angeblicher „Zusammenarbeit auf vertraulicher Basis mit einer ausländischen Organisation zur Unterstützung von Aktivitäten, die wissentlich gegen die Sicherheit der Russischen Föderation gerichtet sind“ zu elf Jahren Haft, einer Geldstrafe von 500.000 Rubel (umgerechnet rund 5.200 Euro) und einem weiteren Jahr mit Freiheitsbeschränkung verurteilt.

    Published On: Dienstag, September 1, 2026